Unruhige Zeiten: Tagesthemen-Chefredakteur Helge Fuhst zu Gast bei den Mindener Mediengesprächen Benjamin Piel Minden. Rund 2,5 Millionen Menschen sehen sich jeden Abend die Tagesthemen in der ARD an. In der Coronazeit sind die Einschaltquoten gestiegen. Allerdings gibt es auch Kritik daran, dass die öffentlich-rechtlichen Sender zu wenig kritisch über politische Entscheidungen berichten würden. Darüber möchten wir in der Reihe „Mindener Mediengespräche“ am Dienstag, 16. August, 19 Uhr, im Kleinen Theater am Weingarten mit Helge Fuhst sprechen. Er ist Chefredakteur und Moderator der Sendung. Vorab hat er mit dem MT darüber gesprochen, welche Zukunft Nachrichtenformate im TV haben. Seit Jahrzehnten hat die Welt keine Zeit mehr erlebt, die so unruhig ist. Was macht das mit Ihrer Tagesthemen-Redaktion? Helge Fuhst: Journalisten sind auch nur Menschen. Genauso wie die täglichen Krisen unsere Zuschauer belasten, gehen sie nicht einfach an uns in der Nachrichtenredaktion vorbei. Bei vielen Themen hilft zwar unser Job, dass wir quasi durch eine Arbeitsbrille schauen und uns professionell mit den Themen beschäftigen, sie dadurch vielleicht besser verarbeiten können. Auch bei einem Themen wie dem Krieg in Europa, der so dermaßen nah am eigenen Leben ist? Bei Corona und dem Krieg in Europa funktioniert das nicht mehr so einfach, das stimmt. Schlicht, weil diese beiden Krisen direkte Auswirkungen auf uns alle haben. Wir bieten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gespräche und Beratung an, die auch einige in Anspruch nehmen. Was tun Sie, um der Flut an Nachrichten Herr zu werden und den Zuschauern die Welt sortiert zupräsentieren? Ist das schwerer geworden? Die Tagesthemen versuchen täglich die Welt geordnet und verständlich zu präsentieren. Das gehört zur DNA der Sendung. Aber es stimmt: Unsere Welt wird komplexer und komplizierter. Es fühlt sich oft wie eine Dauerkrise an und wir sind leider viel zu häufig die Überbringer schlechter Nachrichten. Wenn wir neue Corona-Maßnahmen ankündigen, denken viele, das sei unsere Meinung. Dabei bilden wir oft nur die politischen Entscheidungen ab. Wir würden auch lieber mehr positive Nachrichten verkünden. Was ist das größte Ziel – auch im Vergleich zur Tagesschau? Die Tagesthemen haben mehr Sendelänge und können mehr in die Tiefe gehen. Sie wurden sogar verlängert: auf 35 Minuten. Die zusätzliche Zeit nutzen wir für unsere neue Rubrik „Mittendrin“, in der wir fast täglich Reportagen aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands zeigen. Wir geben Menschen eine Stimme, die es sonst nicht in bundesweite Nachrichtensendungen schaffen. Wir zeigen Deutschland auch außerhalb der großen Metropolen und des Berliner Politikbetriebs. Die Sendung verändert sich. Wie passt das zur These, dass TV-Nachrichtenmagazine und gleich das Fernsehen als Ganzes einigen als todgeweiht gelten? Fernsehen lebt! Ich glaube fest daran, dass es Fernsehsender noch lange geben wird. Die Tagesschau hat Rekordquoten und die Tagesthemen die meisten Zuschauer seit mehr als zehn Jahren. Das darf uns Macher in den Medien allerdings nicht davon abhalten, jetzt ins Digitale zu investieren – finanziell und personell. Wer in ein paar Jahren auf anderen Plattformen als dem linearen Weg erfolgreich sein will, muss sich heute dafür aufstellen. Die ARD ist auf einem guten Weg. Die Tagesthemen sind laut Umfragen in den Augen der Menschen vertrauenswürdiger als alle anderen Medien. Wie schaffen Sie es, dieses Vertrauen zu erreichen und zu halten? Es gibt in Deutschland gefühlt nicht nur 80 Millionen Fußballtrainer und Virologen, sondern genauso viele Deutsche, die täglich Tagesschau und Tagesthemen ganz genau beobachten und – zurecht – kein falsches Wort oder eine schief sitzende Krawatte durchgehen lassen. Das Vertrauen ist lange gewachsen, aufgrund von Jahrzehnten Verlässlichkeit und weil wir sachlich und unaufgeregt die aktuellen Themen rüberbringen. Und dennoch müssen wir uns jeden Tag neu beweisen. Auf der anderen Seite gibt es den Vorwurf, die Öffentlich-Rechtlichen würden zu „staatstreu“ berichten. Teilweise Zustimmung? Wer unsere Redaktion und Abläufe kennt, weiß, dass wir unabhängig und kritisch berichten – alles andere als staatstreu. Bei mir hat noch nie ein Politiker angerufen, um sich zu beschweren. Weder vor noch nach einem Interview. Egal wie kritisch es geführt war. Apropos Interviews: Wie spricht ein Journalist vor laufender Kamera am besten mit einem Politiker? Fallen Sie da mit der Tür ins Haus oder tasten Sie sich vorsichtig voran? Langsames Vorantasten funktioniert in den Tagesthemen nicht. Denn die sechs bis acht Minuten für ein Politikerinterview sind schnell um, das wissen die Polit-Profis auch. Einige versuchen mit langen Antworten viel Zeit rumzukriegen. Also: Gleich zur Sache, mit der ersten Frage bereits den Gegenüber herausfordern. Aber dabei als Moderator keine Show abziehen, sondern auf erkenntnisreiche Antworten hinarbeiten. Ziel ist, dass die Zuschauer am Ende klüger sind. Zu Gast am 16. August

Unruhige Zeiten: Tagesthemen-Chefredakteur Helge Fuhst zu Gast bei den Mindener Mediengesprächen

Helge Fuhst war Programmdirektor beim Nachrichtensender Pheonix, 2019 wurde er Zweiter Chefredakteur von ARD-Aktuell. Foto: M. Popow/Imago © imago/Metodi Popow

Minden. Rund 2,5 Millionen Menschen sehen sich jeden Abend die Tagesthemen in der ARD an. In der Coronazeit sind die Einschaltquoten gestiegen. Allerdings gibt es auch Kritik daran, dass die öffentlich-rechtlichen Sender zu wenig kritisch über politische Entscheidungen berichten würden. Darüber möchten wir in der Reihe „Mindener Mediengespräche“ am Dienstag, 16. August, 19 Uhr, im Kleinen Theater am Weingarten mit Helge Fuhst sprechen. Er ist Chefredakteur und Moderator der Sendung. Vorab hat er mit dem MT darüber gesprochen, welche Zukunft Nachrichtenformate im TV haben.

Seit Jahrzehnten hat die Welt keine Zeit mehr erlebt, die so unruhig ist. Was macht das mit Ihrer Tagesthemen-Redaktion?

Helge Fuhst: Journalisten sind auch nur Menschen. Genauso wie die täglichen Krisen unsere Zuschauer belasten, gehen sie nicht einfach an uns in der Nachrichtenredaktion vorbei. Bei vielen Themen hilft zwar unser Job, dass wir quasi durch eine Arbeitsbrille schauen und uns professionell mit den Themen beschäftigen, sie dadurch vielleicht besser verarbeiten können.


Auch bei einem Themen wie dem Krieg in Europa, der so dermaßen nah am eigenen Leben ist?

Bei Corona und dem Krieg in Europa funktioniert das nicht mehr so einfach, das stimmt. Schlicht, weil diese beiden Krisen direkte Auswirkungen auf uns alle haben. Wir bieten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gespräche und Beratung an, die auch einige in Anspruch nehmen.

Was tun Sie, um der Flut an Nachrichten Herr zu werden und den Zuschauern die Welt sortiert zupräsentieren? Ist das schwerer geworden?

Die Tagesthemen versuchen täglich die Welt geordnet und verständlich zu präsentieren. Das gehört zur DNA der Sendung. Aber es stimmt: Unsere Welt wird komplexer und komplizierter. Es fühlt sich oft wie eine Dauerkrise an und wir sind leider viel zu häufig die Überbringer schlechter Nachrichten. Wenn wir neue Corona-Maßnahmen ankündigen, denken viele, das sei unsere Meinung. Dabei bilden wir oft nur die politischen Entscheidungen ab. Wir würden auch lieber mehr positive Nachrichten verkünden.

Was ist das größte Ziel – auch im Vergleich zur Tagesschau?

Die Tagesthemen haben mehr Sendelänge und können mehr in die Tiefe gehen. Sie wurden sogar verlängert: auf 35 Minuten. Die zusätzliche Zeit nutzen wir für unsere neue Rubrik „Mittendrin“, in der wir fast täglich Reportagen aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands zeigen. Wir geben Menschen eine Stimme, die es sonst nicht in bundesweite Nachrichtensendungen schaffen. Wir zeigen Deutschland auch außerhalb der großen Metropolen und des Berliner Politikbetriebs.

Die Sendung verändert sich. Wie passt das zur These, dass TV-Nachrichtenmagazine und gleich das Fernsehen als Ganzes einigen als todgeweiht gelten?

Fernsehen lebt! Ich glaube fest daran, dass es Fernsehsender noch lange geben wird. Die Tagesschau hat Rekordquoten und die Tagesthemen die meisten Zuschauer seit mehr als zehn Jahren. Das darf uns Macher in den Medien allerdings nicht davon abhalten, jetzt ins Digitale zu investieren – finanziell und personell. Wer in ein paar Jahren auf anderen Plattformen als dem linearen Weg erfolgreich sein will, muss sich heute dafür aufstellen. Die ARD ist auf einem guten Weg.

Die Tagesthemen sind laut Umfragen in den Augen der Menschen vertrauenswürdiger als alle anderen Medien. Wie schaffen Sie es, dieses Vertrauen zu erreichen und zu halten?

Es gibt in Deutschland gefühlt nicht nur 80 Millionen Fußballtrainer und Virologen, sondern genauso viele Deutsche, die täglich Tagesschau und Tagesthemen ganz genau beobachten und – zurecht – kein falsches Wort oder eine schief sitzende Krawatte durchgehen lassen. Das Vertrauen ist lange gewachsen, aufgrund von Jahrzehnten Verlässlichkeit und weil wir sachlich und unaufgeregt die aktuellen Themen rüberbringen. Und dennoch müssen wir uns jeden Tag neu beweisen.

Auf der anderen Seite gibt es den Vorwurf, die Öffentlich-Rechtlichen würden zu „staatstreu“ berichten. Teilweise Zustimmung?

Wer unsere Redaktion und Abläufe kennt, weiß, dass wir unabhängig und kritisch berichten – alles andere als staatstreu. Bei mir hat noch nie ein Politiker angerufen, um sich zu beschweren. Weder vor noch nach einem Interview. Egal wie kritisch es geführt war.

Apropos Interviews: Wie spricht ein Journalist vor laufender Kamera am besten mit einem Politiker? Fallen Sie da mit der Tür ins Haus oder tasten Sie sich vorsichtig voran?

Langsames Vorantasten funktioniert in den Tagesthemen nicht. Denn die sechs bis acht Minuten für ein Politikerinterview sind schnell um, das wissen die Polit-Profis auch. Einige versuchen mit langen Antworten viel Zeit rumzukriegen. Also: Gleich zur Sache, mit der ersten Frage bereits den Gegenüber herausfordern. Aber dabei als Moderator keine Show abziehen, sondern auf erkenntnisreiche Antworten hinarbeiten. Ziel ist, dass die Zuschauer am Ende klüger sind.

Zu Gast am 16. August

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