Ulrich Sander beleuchtet die deutsche Wirtschaft im Dritten Reich Minden (lkp). Mit seinen Recherchen zu Verstrickungen der Wirtschaft in die Arisierung jüdischer Firmen und die Ausbeutung von Zwangsarbeitern hat sich Ulrich Sander nicht nur Freunde gemacht. "In mein Büro in Lüdenscheid wurde eingebrochen", sagt der Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) beim Vortrag in Minden. Ein Zugpferd ist das Thema aktuell offenkundig nicht. Zur Lesung des Buches, das Sander im April veröffentlicht hat, ist gerade mal ein Dutzend Zuhörer gekommen - darunter sogar einige von außerhalb, aus Espelkamp.Seine Vorstellung, analog zu den Stolpersteinen vor den ehemaligen Wohnhäusern von Opfern der Nazis vor Tatorten der Wirtschaft in der NS-Zeit Tafeln anzubringen - "Warntafeln gegen Täter" -, stieß nicht unbedingt auf offene Arme.Oder Umbenennungen gar? Die Initiative der VVN etwa, die Kolonie Kirdorf, eine Bergarbeiter-Siedlung in Dortmund, nach dem Industriellen und Hitler-Gönner Emil Kirdorf (1847-1938) benannt, umzubenennen, endete nach erbittertem Streit mit einem - noch nicht umgesetzten - Kompromiss, eine Erläuterungstafel anzubringen.Unterschiedlich ist auch die Bewertung von Treffen von Industriellen und Verbandsfunktionären auf der einen Seite und Nazis auf der anderen. Solche Kontakte, die die Machtübergabe an Hitler und damit das Ende von Weimarer Republik und Demokratie vorbereiteten, gab es 1932/33 an Rhein und Ruhr in Fülle. Der Antrag, eine Erinnerungstafel an der Villa Springorum in Dortmund anzubringen, wo sich am 4. Januar 1933 der vormalige Reichskanzler und spätere Hitler-Stellvertreter Franz von Papen mit führenden Ruhrindustriellen getroffen hatte, um die Machtübertragung an Hitler herbeizuführen, scheiterte im Stadtrat trotz einer Mahnwache vor der Villa.Mehr in die Gegenwart orientiert ist Sanders Bemühen, Entschädigungen für die letzten Überlebenden von einst schätzungsweise 15 Millionen Zwangsarbeitern zu erwirken. Viele der Unternehmen, die ab Kriegsausbruch 1939 Zwangsarbeiter einsetzten und zum Teil deren Tod mitverschuldeten, existieren heute unter neuen Firmierungen. Dass auch nach so langer Zeit noch Ansprüche bestehen könnten, sieht Sander auch dadurch begründet, dass Firmen in den 1950er-Jahren auf eine Regelung in einem wiedervereinigten Deutschland verwiesen.Den Osteuropäern fehlten die DruckmittelDass diese - von vielen gar nicht mehr zu Lebzeiten von Zwangsarbeitern erwartet - 1990 tatsächlich geschah, führte dennoch nicht zu einer unkomplizierten Lösung.Der stärkste Druck, so Sander, sei von einer Initiative amerikanischer Unternehmen gegen deutsche Konkurrenten hinsichtlich einer Sammelklage ehemaliger jüdischer Zwangsarbeiter gekommen. Dem seien deutsche Firmen durch freiwillige Entschädigungen zuvorgekommen.Espelkamper Straße nach Kriegsverbrecher benanntEin vergleichbares Druckmittel fehlte den Millionen osteuropäischen Zwangsarbeitern jedoch. Sie erhalten, wenn überhaupt - an ihren Leiden gemessen - sehr geringe Summen.Unterdessen krankt Sanders Recherche - oftmals in bewusster Frontstellung zur professionellen Unternehmensgeschichtsforschung - selbst am Alterungsprozess. "Aus unserer siebenköpfigen Geschichtskommission sind vier verstorben", bedauert er.Einen kleinen Impuls kann er dennoch auch aus der Diskussion in Minden mitnehmen. Auf den IG-Farben-Manager Max Ilgner (1899-1966) machen ihn die Zuhörer aus Espelkamp aufmerksam. Wegen seiner Tätigkeit in Norwegen wurde er in Nürnberg als Kriegsverbrecher zu drei Jahren Haft verurteilt. Danach übernahm er in der Flüchtlingsstadt bis 1955 die Planung und Oberaufsicht beim Aufbau. Eine Straße trägt seinen Namen bis heute - zum Leidwesen mancher Espelkamper.

Ulrich Sander beleuchtet die deutsche Wirtschaft im Dritten Reich

Minden (lkp). Mit seinen Recherchen zu Verstrickungen der Wirtschaft in die Arisierung jüdischer Firmen und die Ausbeutung von Zwangsarbeitern hat sich Ulrich Sander nicht nur Freunde gemacht. "In mein Büro in Lüdenscheid wurde eingebrochen", sagt der Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) beim Vortrag in Minden.

Ein Zugpferd ist das Thema aktuell offenkundig nicht. Zur Lesung des Buches, das Sander im April veröffentlicht hat, ist gerade mal ein Dutzend Zuhörer gekommen - darunter sogar einige von außerhalb, aus Espelkamp.

Seine Vorstellung, analog zu den Stolpersteinen vor den ehemaligen Wohnhäusern von Opfern der Nazis vor Tatorten der Wirtschaft in der NS-Zeit Tafeln anzubringen - "Warntafeln gegen Täter" -, stieß nicht unbedingt auf offene Arme.

Oder Umbenennungen gar? Die Initiative der VVN etwa, die Kolonie Kirdorf, eine Bergarbeiter-Siedlung in Dortmund, nach dem Industriellen und Hitler-Gönner Emil Kirdorf (1847-1938) benannt, umzubenennen, endete nach erbittertem Streit mit einem - noch nicht umgesetzten - Kompromiss, eine Erläuterungstafel anzubringen.

Unterschiedlich ist auch die Bewertung von Treffen von Industriellen und Verbandsfunktionären auf der einen Seite und Nazis auf der anderen. Solche Kontakte, die die Machtübergabe an Hitler und damit das Ende von Weimarer Republik und Demokratie vorbereiteten, gab es 1932/33 an Rhein und Ruhr in Fülle. Der Antrag, eine Erinnerungstafel an der Villa Springorum in Dortmund anzubringen, wo sich am 4. Januar 1933 der vormalige Reichskanzler und spätere Hitler-Stellvertreter Franz von Papen mit führenden Ruhrindustriellen getroffen hatte, um die Machtübertragung an Hitler herbeizuführen, scheiterte im Stadtrat trotz einer Mahnwache vor der Villa.

Mehr in die Gegenwart orientiert ist Sanders Bemühen, Entschädigungen für die letzten Überlebenden von einst schätzungsweise 15 Millionen Zwangsarbeitern zu erwirken. Viele der Unternehmen, die ab Kriegsausbruch 1939 Zwangsarbeiter einsetzten und zum Teil deren Tod mitverschuldeten, existieren heute unter neuen Firmierungen. Dass auch nach so langer Zeit noch Ansprüche bestehen könnten, sieht Sander auch dadurch begründet, dass Firmen in den 1950er-Jahren auf eine Regelung in einem wiedervereinigten Deutschland verwiesen.

Den Osteuropäern fehlten die Druckmittel

Dass diese - von vielen gar nicht mehr zu Lebzeiten von Zwangsarbeitern erwartet - 1990 tatsächlich geschah, führte dennoch nicht zu einer unkomplizierten Lösung.

Der stärkste Druck, so Sander, sei von einer Initiative amerikanischer Unternehmen gegen deutsche Konkurrenten hinsichtlich einer Sammelklage ehemaliger jüdischer Zwangsarbeiter gekommen. Dem seien deutsche Firmen durch freiwillige Entschädigungen zuvorgekommen.

Espelkamper Straße nach Kriegsverbrecher benannt

Ein vergleichbares Druckmittel fehlte den Millionen osteuropäischen Zwangsarbeitern jedoch. Sie erhalten, wenn überhaupt - an ihren Leiden gemessen - sehr geringe Summen.

Unterdessen krankt Sanders Recherche - oftmals in bewusster Frontstellung zur professionellen Unternehmensgeschichtsforschung - selbst am Alterungsprozess. "Aus unserer siebenköpfigen Geschichtskommission sind vier verstorben", bedauert er.

Einen kleinen Impuls kann er dennoch auch aus der Diskussion in Minden mitnehmen. Auf den IG-Farben-Manager Max Ilgner (1899-1966) machen ihn die Zuhörer aus Espelkamp aufmerksam. Wegen seiner Tätigkeit in Norwegen wurde er in Nürnberg als Kriegsverbrecher zu drei Jahren Haft verurteilt. Danach übernahm er in der Flüchtlingsstadt bis 1955 die Planung und Oberaufsicht beim Aufbau. Eine Straße trägt seinen Namen bis heute - zum Leidwesen mancher Espelkamper.

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