Trotz Kritik an spontaner Impfaktion: Leiterin des Impfzentrums wirbt für mehr Pragmatismus in der Pandemie Nina Könemann Minden. Im Alltag von Anke Richter-Scheer liegen Licht und Schatten gerade nah beieinander. Licht dann, wenn sie jemandem eine Impfung ermöglichen kann, der vielleicht gar nicht damit gerechnet hat. Oder wenn es im Impfzentrum brummt wie dieser Tage: Wenn genug Impfstoff da ist, und im Minutentakt Menschen kommen und gehen – die meisten mit einem Lächeln im Gesicht. Die Schattenseite: Wenn die Leiterin des Impfzentrums jemanden wegschicken oder ihnen per Mail Absagen erteilen muss. „Emotional finde ich das schwer, denn hilflose Menschen tun mir immer leid", sagt sie. Wer bei einer Absage in die Augen des Gegenübers blicke, sehedie Enttäuschung sofort. Das schmerze. Aber Anke Richter-Scheer ist kein Mensch, der Entscheidungen scheut, oder sich von ihnen aus der Bahn werfen lässt. Das zeigt allein die Summe ihrer Ämter und Aufgaben: Die Medizinerin hat eine Hausarzt-Praxis in Bad Oeynhausen, ist Vorsitzende des Hausärzteverbands Westfalen-Lippe, außerdem stellvertretende Vorsitzende im Bundesverband. Seit Januar leitet sie das Hiller Impfzentrum und kümmert sich dort um den medizinischen Ablauf und das Personal. Und im Zweifel, wenn mal nicht genügend Impfdosen da sind, entscheidet Richter-Scheer, wer eine Spritze bekommt und wer nicht. Ab 7 Uhr morgens ist sie täglich im Impfzentrum, nachmittags manchmal noch in der eigenen Praxis zum Impfen, abends dann wieder bis zur Schließung in Unterlübbe. Ihr Telefon klingelt im Minutentakt. Stillstand kennt sie nicht. Im Mail-Postfach ihrer Hausarzt-Praxis tauchen stetig Anfragen von Menschen auf, die dringend eine Impfung möchten: Krebspatienten, Lungen-Vorerkrankte, Angehörige von Pflegebedürftigen. Sie alle haben ihre Gründe. „Und wenn wir könnten, würden wir sie doch alle impfen", sagt Anke Richter-Scheer. Vorgeworfen wird ihr oft genau das Gegenteil: Sie verschaffe Einzelnen Vorteile, handele impulsgesteuert,am Impfzentrum herrsche dadurch mitunter Chaos. Die Kritik an der Leiterin ist in der Pandemie groß. Wer mit ihr durchs Impfzentrum geht, sieht eine Frau, die vor allem vorankommen möchte. In dieser Woche musste Richter-Scheer besonders einstecken. Nach dem bundesweiten Impfstopp bei unter 60-Jährigen für Astrazeneca, gab sie Freitag und Samstag spontan übrig gebliebene Wochenkontingente des Impfstoffs frei, um in Unterlübbe rund 2.000 Menschen über 60 ohne Termin zu impfen. Der Schritt stieß auf viel Begeisterung, entfachte aber auch viel Ärger. Ob eine Impfung nun eine Frage der Freundesei? Ob kranke Menschen Mitte 70 nicht viel eher Anspruch haben müsstenals gesunde 60-Jährige, die mobiler sind? „Muss ich jetzt täglich dort herumlungern, um eine Impfung zu bekommen?", fragte jemand beim MT nach. Anke Richter-Scheer antwortet auf solche Fragen nüchtern, denn für sie als Medizinerin sei jede Impfung wertvoll. Mitten in der dritten Welle halte sie 2.000 unbürokratisch verteilte Dosen für einen Gewinn, auch wenn sie den Unmut der Einzelnen gut verstehen könne. „Ich will den Stoff unter die Leute kriegen – auch wenn das komisch klingt", sagt sie und wittert schon den nächsten Ärger aufgrund der saloppen Formulierung. Richter-Scheer wirbt seit Beginn der Pandemie für mehr Pragmatismus, am Wochenende hat sie ihn bekommen. Das ist nicht immer so: Der Kreis, der die Erlasse des Ministeriums umsetzen muss, bremse sie in der Realität häufig, sagt sie. „Das ist auch richtig, denn ich als Medizinerin sehe nicht den politischen Hintergrund." Am Freitag seien sich Medizin und Verwaltung aber einig gewesen. Auch Jan Boße, Geschäftsführer des Krisenstabs des Kreises, stellt klar, dass die spontane Impfaktion eine Gemeinschaftsentscheidung war. „Hier waren zufällig Menschen, die sich impfen lassen wollten", sagt er. Das geplante Kontingent von Astrazeneca für die Woche sei groß gewesen. Kreis, Orga-Team des Impfzentrums und medizinische Leitung hätten dann kurzfristig entschieden, die Dosen zu verimpfen. Das Ganze habe sich in der Bevölkerung binnen einer Stunde herumgesprochen wie ein Lauffeuer. „Wir hatten vorher ermittelt, was wir in etwa übrig haben und zur Verfügung stellen können", sagt Richter-Scheer. Vom großen Andrang war sie dann aber doch überrascht. Einen Abbruch der Aktion haben man nach kurzen Beratungen verworfen. „Wir hatten ja Impfdosen da. Hier lief alles ruhig und wir haben schnell umgeplant." Der Stress für die Mitarbeiter im Impfzentrum sei an beiden Tagen groß gewesen, „aber die positive Stimmung war einzigartig." Sie verstehe dennoch jeden, der sich benachteiligt fühle, sagt Richter-Scheer. „Betrachtet man die reinen Zahlen, ist aber derzeit nur für jeden Zehnten über 60 eine Impfung mit Astrazeneca möglich. Das ist immer ungerecht." Das unterstreicht auch Jan Boße von der Kreisverwaltung:„Wir haben niemandem eine Dosis weggenommen." Der Impfstoff für bereits vorher geplante Termine mit Astrazeneca sei zurückgehalten worden. Ebenso sei keine einzige Dosis des Kontingents angerührt worden, das ab Samstag in der kurzfristigen Terminvergabe des Landes für über 60-Jährige enthalten gewesen sei. „Wir haben schlicht verimpft, was wir übrig hatten." Anke Richter-Scheer nennt es: Eine spontane Reaktion auf Nachfrage. Mit der Entscheidung, getroffen am Freitagmorgen, dürfte sie aber nicht nur den ein oder anderen in der Bevölkerung, sondern auch einige ihrer Kollegen verstimmt haben. Denn die Dosen in Hille zu verimpfen hieß auch: Zurückrudern gegenüber den Hausarzt-Kollegen, die sie als Vorsitzende des Verbands Westfalen-Lippe vertritt. „Ich hatte am Freitagmorgen eine Mail an die Praxen fertig gemacht, dass wir viel Astrazeneca haben und sie davon Kontingente abrufen könnten", sagt die Medizinerin. Drei Stunden später habe sie das Angebot zurückgenommen. „Das war für mich natürlich peinlich, denn der ein oder andere Kollege hatte sich da bereits zurückgemeldet." Sie habe ihr Vorgehen erklärt. „Und am Ende sind die Kollegen ja froh, wenn es im Arm landet." Ob sie noch einmal spontan Impfdosen freigeben würde, weiß Anke Richter-Scheer in der Rückschau heute. Auch hier erhofft sich Richter-Scheer Pragmatismus im Alltag. „Durch den Engpass im April müssen wir jetzt noch gemeinsam durch. Im Mai wird es besser", sagt sie. Dann würde sich auch die Zahl derer verringern, die enttäuscht würden. Bis dahin gelte: „Eine Priorisierung ist wichtig. Aber wer geimpft ist, ist geimpft."

Trotz Kritik an spontaner Impfaktion: Leiterin des Impfzentrums wirbt für mehr Pragmatismus in der Pandemie

Anke Richter-Scheer ist medizinische Leiterin im Impfzentrum. © Alex Lehn

Minden. Im Alltag von Anke Richter-Scheer liegen Licht und Schatten gerade nah beieinander. Licht dann, wenn sie jemandem eine Impfung ermöglichen kann, der vielleicht gar nicht damit gerechnet hat. Oder wenn es im Impfzentrum brummt wie dieser Tage: Wenn genug Impfstoff da ist, und im Minutentakt Menschen kommen und gehen – die meisten mit einem Lächeln im Gesicht.

Die Schattenseite: Wenn die Leiterin des Impfzentrums jemanden wegschicken oder ihnen per Mail Absagen erteilen muss. „Emotional finde ich das schwer, denn hilflose Menschen tun mir immer leid", sagt sie. Wer bei einer Absage in die Augen des Gegenübers blicke, sehedie Enttäuschung sofort. Das schmerze.

Aber Anke Richter-Scheer ist kein Mensch, der Entscheidungen scheut, oder sich von ihnen aus der Bahn werfen lässt. Das zeigt allein die Summe ihrer Ämter und Aufgaben: Die Medizinerin hat eine Hausarzt-Praxis in Bad Oeynhausen, ist Vorsitzende des Hausärzteverbands Westfalen-Lippe, außerdem stellvertretende Vorsitzende im Bundesverband. Seit Januar leitet sie das Hiller Impfzentrum und kümmert sich dort um den medizinischen Ablauf und das Personal. Und im Zweifel, wenn mal nicht genügend Impfdosen da sind, entscheidet Richter-Scheer, wer eine Spritze bekommt und wer nicht. Ab 7 Uhr morgens ist sie täglich im Impfzentrum, nachmittags manchmal noch in der eigenen Praxis zum Impfen, abends dann wieder bis zur Schließung in Unterlübbe. Ihr Telefon klingelt im Minutentakt. Stillstand kennt sie nicht.


Im Mail-Postfach ihrer Hausarzt-Praxis tauchen stetig Anfragen von Menschen auf, die dringend eine Impfung möchten: Krebspatienten, Lungen-Vorerkrankte, Angehörige von Pflegebedürftigen. Sie alle haben ihre Gründe. „Und wenn wir könnten, würden wir sie doch alle impfen", sagt Anke Richter-Scheer. Vorgeworfen wird ihr oft genau das Gegenteil: Sie verschaffe Einzelnen Vorteile, handele impulsgesteuert,am Impfzentrum herrsche dadurch mitunter Chaos. Die Kritik an der Leiterin ist in der Pandemie groß. Wer mit ihr durchs Impfzentrum geht, sieht eine Frau, die vor allem vorankommen möchte.

Ausfüllen, aufklären, spritzen: In der Sporthalle in Unterlübbe sind die Abläufe eng getaktet. Am Freitag wurden dort 1.750 Menschen geimpft. - © Alex Lehn
Ausfüllen, aufklären, spritzen: In der Sporthalle in Unterlübbe sind die Abläufe eng getaktet. Am Freitag wurden dort 1.750 Menschen geimpft. - © Alex Lehn

In dieser Woche musste Richter-Scheer besonders einstecken. Nach dem bundesweiten Impfstopp bei unter 60-Jährigen für Astrazeneca, gab sie Freitag und Samstag spontan übrig gebliebene Wochenkontingente des Impfstoffs frei, um in Unterlübbe rund 2.000 Menschen über 60 ohne Termin zu impfen. Der Schritt stieß auf viel Begeisterung, entfachte aber auch viel Ärger. Ob eine Impfung nun eine Frage der Freundesei? Ob kranke Menschen Mitte 70 nicht viel eher Anspruch haben müsstenals gesunde 60-Jährige, die mobiler sind? „Muss ich jetzt täglich dort herumlungern, um eine Impfung zu bekommen?", fragte jemand beim MT nach.

Hans-Joachim Herz (81) hat ein vier Wochen altes Enkelkind. Nach seiner zweiten Impfung am Dienstag in Unterlübbe kann er es bald auch sehen, sagt er. MT-Fotos: Alex Lehn - © Alex Lehn
Hans-Joachim Herz (81) hat ein vier Wochen altes Enkelkind. Nach seiner zweiten Impfung am Dienstag in Unterlübbe kann er es bald auch sehen, sagt er. MT-Fotos: Alex Lehn - © Alex Lehn

Anke Richter-Scheer antwortet auf solche Fragen nüchtern, denn für sie als Medizinerin sei jede Impfung wertvoll. Mitten in der dritten Welle halte sie 2.000 unbürokratisch verteilte Dosen für einen Gewinn, auch wenn sie den Unmut der Einzelnen gut verstehen könne. „Ich will den Stoff unter die Leute kriegen – auch wenn das komisch klingt", sagt sie und wittert schon den nächsten Ärger aufgrund der saloppen Formulierung. Richter-Scheer wirbt seit Beginn der Pandemie für mehr Pragmatismus, am Wochenende hat sie ihn bekommen.

Das ist nicht immer so: Der Kreis, der die Erlasse des Ministeriums umsetzen muss, bremse sie in der Realität häufig, sagt sie. „Das ist auch richtig, denn ich als Medizinerin sehe nicht den politischen Hintergrund." Am Freitag seien sich Medizin und Verwaltung aber einig gewesen.

Auch Jan Boße, Geschäftsführer des Krisenstabs des Kreises, stellt klar, dass die spontane Impfaktion eine Gemeinschaftsentscheidung war. „Hier waren zufällig Menschen, die sich impfen lassen wollten", sagt er. Das geplante Kontingent von Astrazeneca für die Woche sei groß gewesen. Kreis, Orga-Team des Impfzentrums und medizinische Leitung hätten dann kurzfristig entschieden, die Dosen zu verimpfen. Das Ganze habe sich in der Bevölkerung binnen einer Stunde herumgesprochen wie ein Lauffeuer.

„Wir hatten vorher ermittelt, was wir in etwa übrig haben und zur Verfügung stellen können", sagt Richter-Scheer. Vom großen Andrang war sie dann aber doch überrascht. Einen Abbruch der Aktion haben man nach kurzen Beratungen verworfen. „Wir hatten ja Impfdosen da. Hier lief alles ruhig und wir haben schnell umgeplant." Der Stress für die Mitarbeiter im Impfzentrum sei an beiden Tagen groß gewesen, „aber die positive Stimmung war einzigartig." Sie verstehe dennoch jeden, der sich benachteiligt fühle, sagt Richter-Scheer. „Betrachtet man die reinen Zahlen, ist aber derzeit nur für jeden Zehnten über 60 eine Impfung mit Astrazeneca möglich. Das ist immer ungerecht."

Das unterstreicht auch Jan Boße von der Kreisverwaltung:

„Wir haben niemandem eine Dosis weggenommen." Der Impfstoff für bereits vorher geplante Termine mit Astrazeneca sei zurückgehalten worden. Ebenso sei keine einzige Dosis des Kontingents angerührt worden, das ab Samstag in der kurzfristigen Terminvergabe des Landes für über 60-Jährige enthalten gewesen sei. „Wir haben schlicht verimpft, was wir übrig hatten." Anke Richter-Scheer nennt es: Eine spontane Reaktion auf Nachfrage.

Mit der Entscheidung, getroffen am Freitagmorgen, dürfte sie aber nicht nur den ein oder anderen in der Bevölkerung, sondern auch einige ihrer Kollegen verstimmt haben. Denn die Dosen in Hille zu verimpfen hieß auch: Zurückrudern gegenüber den Hausarzt-Kollegen, die sie als Vorsitzende des Verbands Westfalen-Lippe vertritt.

„Ich hatte am Freitagmorgen eine Mail an die Praxen fertig gemacht, dass wir viel Astrazeneca haben und sie davon Kontingente abrufen könnten", sagt die Medizinerin. Drei Stunden später habe sie das Angebot zurückgenommen. „Das war für mich natürlich peinlich, denn der ein oder andere Kollege hatte sich da bereits zurückgemeldet." Sie habe ihr Vorgehen erklärt. „Und am Ende sind die Kollegen ja froh, wenn es im Arm landet."

Ob sie noch einmal spontan Impfdosen freigeben würde, weiß Anke Richter-Scheer in der Rückschau heute. Auch hier erhofft sich Richter-Scheer Pragmatismus im Alltag. „Durch den Engpass im April müssen wir jetzt noch gemeinsam durch. Im Mai wird es besser", sagt sie. Dann würde sich auch die Zahl derer verringern, die enttäuscht würden. Bis dahin gelte: „Eine Priorisierung ist wichtig. Aber wer geimpft ist, ist geimpft."

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden