Tödliche Kugel: Vor zehn Jahren starb Mechthild Schröer in San Francisco Jürgen Langenkämper Minden. Vor zehn Jahren, am 8. August 2010 (Ortszeit) – in Minden war bereits der 9. August angebrochen – starb die Mindener Lehrerin Mechthild Schröer im Sommerurlaub in San Francisco, tödlich getroffen von einem Querschläger bei einer Schießerei zwischen Jugendlichen. Ihr tragischer Tod bewegte viele Menschen in Minden und auch in den USA. Die Westküstenmetropole fürchtete um ihr friedfertiges Image bei deutschen Touristen. Die Michael-Ende-Schule, deren Leitung Mechthild Schröer ein halbes Jahr zuvor übernommen hatte, war erschüttert. Die Hinterbliebenen, Ehemann, zwei Söhne und die betagte Mutter der erst 50-Jährigen, mussten ihren eigenen Weg finden, den Verlust zu bewältigen. „Wir treffen uns Samstag an Mechthilds Grab", sagt Ehemann Stefan Schröer. Auf Anfrage des MT ist er zu einer Rückschau bereit, um an seine Frau und die Tat zu erinnern. „Schon auf dem Rückflug habe ich mir gesagt: Du redest darüber. Ich habe aber auch gesagt, wenn es nicht mehr ging." Dabei dachte der Vater vor allem an seine beiden Söhne Tobias (damals 21) und Jonas (17), die im Sommer 2010 zu Haus geblieben waren und auf solch aufsehenerregende Weise ihre Mutter verloren hatten. Zur Aufarbeitung des Verlusts gehörte auch, dass Stefan Schröer mit beiden Söhnen in die USA flog – Einladungen von amerikanischer Seite folgend – und ihnen in San Francisco die Plätze zeigte, die er mit Mechthild Schröer besucht hatte und wo sie tödlich verwundet worden war. Das Gespräch über das Vorgefallene half offenbar, dass sich Traumata nicht zu stark verfestigten und beide Söhne erfolgreich ihren eigenen Weg einschlagen konnten über ein Studium beziehungsweise eine handwerkliche Ausbildung. Zugleich machte dies in einer besonderen Situation Stefan Schröer den schmerzlichen Verlust noch einmal deutlich bewusst. „Wie schön wäre es gewesen, wenn Mechthild sehen könnte, wie sich unsere Kinder entwickeln", sagte er sich. Schwer sei der Verlust der Tochter auch für die Mutter gewesen. Sie nahm ihren Kummer und die Trauer vor zwei Jahren mit ins Grab. Unbefriedigend war letztlich die juristische Aufarbeitung, die die Familie aus der Ferne verfolgte, gelegentlich informiert durch Schreiben der US-Staatsanwaltschaft. Nachdem zunächst sehr schnell „die üblichen Verdächtigen" – afroamerikanische Jugendliche – verhaftet worden waren, mussten diese bald wieder freigelassen werden. Obwohl ein Mensch ums Leben gekommen war, kam es letztlich lediglich zu einem „Deal" der Staatsanwaltschaft mit den Anwälten, bei dem eine Verurteilung wegen Waffenbesitzes anstelle eine Mordanklage mit Aufklärung der Tat und ihrer Umstände herauskam. Eine Todesstrafe, die in Kalifornien nicht mehr verhängt, geschweige denn vollstreckt wird, wäre ohnehin ganz und gar nicht im Sinne der Familie Schröer gewesen. „Ich hege keine Rachegefühle", sagt Stefan Schröer, der die Fixierung vieler Amerikaner auf Schusswaffen mit Befremden betrachtet und ablehnt. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen „Black Lives Matter"-Diskussion sieht er aber auch die Verhaftung der damals präsentierten Tatverdächtigen noch mal in einem anderen Licht. Anfangs gab es viele Kontakte nach San Francisco, darunter zum deutschen Konsulat. Doch im Laufe der Zeit nahm der Austausch ab. Am längsten hielt er zu der Sozialarbeiterin, die Stefan Schröer in der schweren Nacht des Todes seiner Frau im Krankenhaus seelisch betreut hatte. „Ich habe sie bei meinem letzten Besuch vor drei Jahren noch einmal gesehen", sagt der Mindener. Damals war er mit seiner zweiten Frau Inge in die USA gereist und brachte ihr vor Ort nahe, was er vor zehn Jahren an jenem schicksalhaften Abend in San Francisco erlebt hatte und was seither Teil seines Lebens ist. Denn nach dem Tod seiner ersten Frau ist Stefan Schröer nicht allein geblieben. 2013 heiratete er eine alte Freundin aus Studientagen, die nach der Heirat aus dem Rheinland zu ihm nach Minden zog. Das Treffen auf dem Friedhof an diesem Wochenende sollte eigentlich die Familie und viele Freunde zusammenführen. „Wegen Corona müssen wir uns auf einen kleinen Kreis beschränken", bedauert Stefan Schröer. Berichte zum Tod von Mechthild Schröer im MT-Archiv und auf MT.de Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 168 oder Juergen.Langenkaemper@MT.de

Tödliche Kugel: Vor zehn Jahren starb Mechthild Schröer in San Francisco

Erinnerung an Mechthild Schröer: Vor zehn Jahren starb die Schulleiterin durch eine verirrte Kugel in San Francisco. Foto: MT-Archiv/pr © NN

Minden. Vor zehn Jahren, am 8. August 2010 (Ortszeit) – in Minden war bereits der 9. August angebrochen – starb die Mindener Lehrerin Mechthild Schröer im Sommerurlaub in San Francisco, tödlich getroffen von einem Querschläger bei einer Schießerei zwischen Jugendlichen. Ihr tragischer Tod bewegte viele Menschen in Minden und auch in den USA. Die Westküstenmetropole fürchtete um ihr friedfertiges Image bei deutschen Touristen. Die Michael-Ende-Schule, deren Leitung Mechthild Schröer ein halbes Jahr zuvor übernommen hatte, war erschüttert. Die Hinterbliebenen, Ehemann, zwei Söhne und die betagte Mutter der erst 50-Jährigen, mussten ihren eigenen Weg finden, den Verlust zu bewältigen.

„Wir treffen uns Samstag an Mechthilds Grab", sagt Ehemann Stefan Schröer. Auf Anfrage des MT ist er zu einer Rückschau bereit, um an seine Frau und die Tat zu erinnern. „Schon auf dem Rückflug habe ich mir gesagt: Du redest darüber. Ich habe aber auch gesagt, wenn es nicht mehr ging." Dabei dachte der Vater vor allem an seine beiden Söhne Tobias (damals 21) und Jonas (17), die im Sommer 2010 zu Haus geblieben waren und auf solch aufsehenerregende Weise ihre Mutter verloren hatten.

Zur Aufarbeitung des Verlusts gehörte auch, dass Stefan Schröer mit beiden Söhnen in die USA flog – Einladungen von amerikanischer Seite folgend – und ihnen in San Francisco die Plätze zeigte, die er mit Mechthild Schröer besucht hatte und wo sie tödlich verwundet worden war. Das Gespräch über das Vorgefallene half offenbar, dass sich Traumata nicht zu stark verfestigten und beide Söhne erfolgreich ihren eigenen Weg einschlagen konnten über ein Studium beziehungsweise eine handwerkliche Ausbildung. Zugleich machte dies in einer besonderen Situation Stefan Schröer den schmerzlichen Verlust noch einmal deutlich bewusst. „Wie schön wäre es gewesen, wenn Mechthild sehen könnte, wie sich unsere Kinder entwickeln", sagte er sich.

Schwer sei der Verlust der Tochter auch für die Mutter gewesen. Sie nahm ihren Kummer und die Trauer vor zwei Jahren mit ins Grab.

Unbefriedigend war letztlich die juristische Aufarbeitung, die die Familie aus der Ferne verfolgte, gelegentlich informiert durch Schreiben der US-Staatsanwaltschaft. Nachdem zunächst sehr schnell „die üblichen Verdächtigen" – afroamerikanische Jugendliche – verhaftet worden waren, mussten diese bald wieder freigelassen werden. Obwohl ein Mensch ums Leben gekommen war, kam es letztlich lediglich zu einem „Deal" der Staatsanwaltschaft mit den Anwälten, bei dem eine Verurteilung wegen Waffenbesitzes anstelle eine Mordanklage mit Aufklärung der Tat und ihrer Umstände herauskam. Eine Todesstrafe, die in Kalifornien nicht mehr verhängt, geschweige denn vollstreckt wird, wäre ohnehin ganz und gar nicht im Sinne der Familie Schröer gewesen. „Ich hege keine Rachegefühle", sagt Stefan Schröer, der die Fixierung vieler Amerikaner auf Schusswaffen mit Befremden betrachtet und ablehnt. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen „Black Lives Matter"-Diskussion sieht er aber auch die Verhaftung der damals präsentierten Tatverdächtigen noch mal in einem anderen Licht.

Anfangs gab es viele Kontakte nach San Francisco, darunter zum deutschen Konsulat. Doch im Laufe der Zeit nahm der Austausch ab. Am längsten hielt er zu der Sozialarbeiterin, die Stefan Schröer in der schweren Nacht des Todes seiner Frau im Krankenhaus seelisch betreut hatte. „Ich habe sie bei meinem letzten Besuch vor drei Jahren noch einmal gesehen", sagt der Mindener. Damals war er mit seiner zweiten Frau Inge in die USA gereist und brachte ihr vor Ort nahe, was er vor zehn Jahren an jenem schicksalhaften Abend in San Francisco erlebt hatte und was seither Teil seines Lebens ist.

Denn nach dem Tod seiner ersten Frau ist Stefan Schröer nicht allein geblieben. 2013 heiratete er eine alte Freundin aus Studientagen, die nach der Heirat aus dem Rheinland zu ihm nach Minden zog.

Das Treffen auf dem Friedhof an diesem Wochenende sollte eigentlich die Familie und viele Freunde zusammenführen. „Wegen Corona müssen wir uns auf einen kleinen Kreis beschränken", bedauert Stefan Schröer.

Berichte zum Tod von Mechthild Schröer im MT-Archiv und auf MT.de

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 168 oder Juergen.Langenkaemper@MT.de

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