Theaterstück „Die Therapie“ ist spannend umgesetzt, das Ende aber nicht wirklich geglückt Kerstin Rickert Minden. Ein Sessel, zwei Stühle, ein kleiner runder Tisch mit einem Laptop und gestapelte Bücher als Möbelstücke: Das Bühnenbild ist schlicht gehalten. Bei der Inszenierung von „Die Therapie“ nach der Romanvorlage des Bestsellerautors Sebastian Fitzek setzen die Hamburger Kammerspiele auf die Kraft der Worte und des Ausdrucks. Als spannendes Drei-Personen-Stück war der Psychothriller im Stadttheater zu erleben. Es ist der Alptraum aller Eltern, wenn das eigene Kind plötzlich verschwindet. Dr. Viktor Larenz, ein renommierter Psychiater aus Berlin, hat genau das erlebt. Vier Jahre ist es mittlerweile her, dass seine damals zwölfjährige Tochter Josy einfach weg war.Seitdem ist sie nicht wieder aufgetaucht. Der Vater hat sich auf eine kleine, einsame Nordseeinsel zurückgezogen. Dort versucht er Antworten auf die Interviewfragen einer Boulevardzeitschrift zu finden. Als unvermittelt eine Frau bei ihm auftaucht und ihn bittet, sie zu therapieren, lehnt er zunächst ab. Doch dann weckt die geheimnisvolle Unbekannte, die sich als Kinderbuchautorin Anna Spiegel vorstellt, sein Interesse: Ihre Wahnvorstellungen drehen sich um ein Mädchen namens Charlotte, deren Geschichte sich auf mysteriöse Weise mit der seiner Tochter deckt. Viktor Larenz schöpft neue Hoffnung, Josys Verschwinden auf die Spur zu kommen.Das mit Ulrich Bähnk als Larenz, Isabell Fischer als Anna Spiegel und in zwei weiteren Rollen sowie dem doppelt besetzen Hans Schernthaner vielschichtige Stück offenbart tiefe Einblicke in die menschliche Psyche. In dessen spannungsreichem Verlauf tritt langsam zutage, was nur in der Einbildung des Protagonisten existiert.Ulrich Bähnk spielt überzeugend den zunächst verzweifelten, dann zweifelnden Vater, der auf der Suche nach Antworten geradezu euphorisch einem Hirngespinst hinterherjagt. In Gestalt von Anna Spiegel nehmen seine eigenen Wahnvorstellungen derart realistische Züge an, dass die Grenzen zwischen dem, was wahr ist und was Einbildung, immer mehr verschwimmen. Isabell Fischer in der Rolle der geheimnisvollen Frau verkörpert eindrucksvoll die Zerrissenheit des an Schizophrenie erkrankten, ehemaligen Psychiaters. Eben noch nüchtern, berechnend und glasklar in Sprache und Ausdruck, im nächsten Moment von Verzweiflung und Angst gebeutelt, macht sie seine Psychosen für das Publikum erlebbar. Immer mehr gerät Viktor Larenz in einen Strudel zwischen Wahn und Wirklichkeit. Licht und zur Handlung passende Geräusche wie Meeresrauschen oder ein Sturm untermalen die düsteren Momente in seinem Kopf.Dem Ensemble gelingt es, die Zuschauer lange im Unklaren zu lassen: Existiert die Frau physisch oder nur in Larenz Einbildung? Warum weiß der Inselbewohner Halberstädt nichts von ihrem Auftauchen, obwohl der ihn doch eben noch vor ihr gewarnt hatte? Und welche Rolle spielt Larenz Frau Isabell? Autor Sebastian Fitzek liefert in seinem Debütroman von 2006 eine etwas konstruiert wirkende Auflösung: Larenz ist das Opfer einer von Habgier getriebenen Ehefrau, die ihren psychisch kranken Mann entmündigen und glauben ließ, seine eigene Tochter umgebracht zu haben. Dabei hatte sie sich mit dieser aus dem Staub gemacht. Er selbst war seitdem in einer psychiatrischen Klinik und Anna Spiegel eine Halluzination und der Versuch, sich selbst zu therapieren.Bei der Umsetzung überschlagen sich an dieser Stelle die Ereignisse. Leider entsteht dadurch am Ende eines bis dahin spannenden Stückes der Eindruck von Erklärungsnot.

Theaterstück „Die Therapie“ ist spannend umgesetzt, das Ende aber nicht wirklich geglückt

Existiert Anna Spiegel (Isabell Fischer) wirklich oder nur in der Vorstellung von Dr. Viktor Larenz (Ulrich Bähnk)?
Foto: Kerstin Rickert

Minden. Ein Sessel, zwei Stühle, ein kleiner runder Tisch mit einem Laptop und gestapelte Bücher als Möbelstücke: Das Bühnenbild ist schlicht gehalten. Bei der Inszenierung von „Die Therapie“ nach der Romanvorlage des Bestsellerautors Sebastian Fitzek setzen die Hamburger Kammerspiele auf die Kraft der Worte und des Ausdrucks. Als spannendes Drei-Personen-Stück war der Psychothriller im Stadttheater zu erleben.

Es ist der Alptraum aller Eltern, wenn das eigene Kind plötzlich verschwindet. Dr. Viktor Larenz, ein renommierter Psychiater aus Berlin, hat genau das erlebt. Vier Jahre ist es mittlerweile her, dass seine damals zwölfjährige Tochter Josy einfach weg war.

Seitdem ist sie nicht wieder aufgetaucht. Der Vater hat sich auf eine kleine, einsame Nordseeinsel zurückgezogen. Dort versucht er Antworten auf die Interviewfragen einer Boulevardzeitschrift zu finden. Als unvermittelt eine Frau bei ihm auftaucht und ihn bittet, sie zu therapieren, lehnt er zunächst ab. Doch dann weckt die geheimnisvolle Unbekannte, die sich als Kinderbuchautorin Anna Spiegel vorstellt, sein Interesse: Ihre Wahnvorstellungen drehen sich um ein Mädchen namens Charlotte, deren Geschichte sich auf mysteriöse Weise mit der seiner Tochter deckt. Viktor Larenz schöpft neue Hoffnung, Josys Verschwinden auf die Spur zu kommen.

Das mit Ulrich Bähnk als Larenz, Isabell Fischer als Anna Spiegel und in zwei weiteren Rollen sowie dem doppelt besetzen Hans Schernthaner vielschichtige Stück offenbart tiefe Einblicke in die menschliche Psyche. In dessen spannungsreichem Verlauf tritt langsam zutage, was nur in der Einbildung des Protagonisten existiert.

Ulrich Bähnk spielt überzeugend den zunächst verzweifelten, dann zweifelnden Vater, der auf der Suche nach Antworten geradezu euphorisch einem Hirngespinst hinterherjagt. In Gestalt von Anna Spiegel nehmen seine eigenen Wahnvorstellungen derart realistische Züge an, dass die Grenzen zwischen dem, was wahr ist und was Einbildung, immer mehr verschwimmen. Isabell Fischer in der Rolle der geheimnisvollen Frau verkörpert eindrucksvoll die Zerrissenheit des an Schizophrenie erkrankten, ehemaligen Psychiaters. Eben noch nüchtern, berechnend und glasklar in Sprache und Ausdruck, im nächsten Moment von Verzweiflung und Angst gebeutelt, macht sie seine Psychosen für das Publikum erlebbar. Immer mehr gerät Viktor Larenz in einen Strudel zwischen Wahn und Wirklichkeit. Licht und zur Handlung passende Geräusche wie Meeresrauschen oder ein Sturm untermalen die düsteren Momente in seinem Kopf.

Dem Ensemble gelingt es, die Zuschauer lange im Unklaren zu lassen: Existiert die Frau physisch oder nur in Larenz Einbildung? Warum weiß der Inselbewohner Halberstädt nichts von ihrem Auftauchen, obwohl der ihn doch eben noch vor ihr gewarnt hatte? Und welche Rolle spielt Larenz Frau Isabell?

Autor Sebastian Fitzek liefert in seinem Debütroman von 2006 eine etwas konstruiert wirkende Auflösung: Larenz ist das Opfer einer von Habgier getriebenen Ehefrau, die ihren psychisch kranken Mann entmündigen und glauben ließ, seine eigene Tochter umgebracht zu haben. Dabei hatte sie sich mit dieser aus dem Staub gemacht. Er selbst war seitdem in einer psychiatrischen Klinik und Anna Spiegel eine Halluzination und der Versuch, sich selbst zu therapieren.

Bei der Umsetzung überschlagen sich an dieser Stelle die Ereignisse. Leider entsteht dadurch am Ende eines bis dahin spannenden Stückes der Eindruck von Erklärungsnot.


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