Tempo 30 in der Innenstadt? Darüber diskutiert die Mindener Politik Anfang Februar Monika Jäger Minden. Freiburg tut es, Paris auch, und ganz Spanien sowieso: Flächendeckend Tempo 30 in Ortschaften könnte ein Weg sein, nicht nur das Klima zu schonen, sondern auch für weniger Verletzte zu sorgen. Wenn alle Autos innerhalb von Städten langsamer fahren, fühlen sich Fußgänger und Radfahrer sicherer und es wird leiser, so die Argumente der Befürworter. Zu denen gehören auch viele Kommunen. Die können bisher allerdings nicht selbst entscheiden, ob sie eine Stadt für Langsam(er)fahrer werden wollen. Hier mehr Handlungsspielraum und Modellprojekte fordert jetzt eine Initiative von Städten in der gesamten Bundesrepublik mit Unterstützung des Städtetages. In Minden wird sich die Politik Anfang Februar im Klimaschutzausschuss (KUV) damit befassen, ob sich die Stadt anschließt. Lars Bursian, Beigeordneter für Städtebau und Feuerschutz, sagt, dass Tempo 30 bisher nur unter strengen Voraussetzungen angeordnet werden kann. „Die Stadtverwaltung begrüßt die Initiative der Städte und würde sich wünschen, dass auch die Mitglieder des KUV dieses so sehen. Das aber wird die Diskussion am 2. Februar zeigen." Dass es dennoch schon an vielen Stellen in Minden Tempo-30-Zonen gibt, liegt an Sonderregelungen: In Wohngebieten, an Schulen, und da, wo es schon mal schwere Unfälle gegeben hat – oft machen Unfallschwerpunkte die Regelung erst möglich, das heißt: Erst, wenn nachweislich etwas passiert ist, können Tempo-30-Schilder aufgestellt werden. Auch auf Hauptverkehrsstraßen, zum Beispiel solchen mit nur einer Fahrspur in eine Richtung, könnte dann demnächst Tempo 30 gelten. Das solle aber nicht zu erhöhten Belastungen untergeordneter Straßen führen, so Bursian. Hier erreichten die Stadt auch gerade bei schon bestehenden Tempo-30-Zonen immer wieder viele Beschwerden, dass diese als Schleichwege genutzt würden. „Von daher wird es nicht zu einer pauschalen Herabsetzung der Geschwindigkeiten in Minden kommen, sondern es wird eine Abwägung verschiedener Aspekte geben." 30er-Zonen dienen vorrangig der Verkehrssicherheit und sollen Unfällen vorbeugen, ergänzt Susann Lewerenz, Pressesprecherin der Stadt. Diese Zonen sind insbesondere in Wohngebieten und überall dort, wo sich viele Fußgänger und Radfahrer bewegen, häufig auch in der Nähe von Kindergärten oder Schulen. Anders als die generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km/h für das Fahren innerorts sind Tempo-30-Zonen deutlich markiert: Zu Beginn steht das Schild „30-Zone", am Ende die Aufhebung. Oft sind zusätzliche Hinweise auf der Straße. Die sind jedoch nur Hilfsmittel – die Verkehrsschilder sind verbindlich. Es gilt üblicherweise zudem „Rechts vor Links", auch wenn keine Querstriche auf der Straße darauf hinweisen. Ein kurzer Rückblick auf die Fahrschulzeit: Da lernt jeder das mit dem Bremsweg. Tempo 80: 64 Meter, Tempo 50: 25 Meter, Tempo 30: drei Meter. Selbst, wenn die Person am Steuer innerhalb von einer Sekunde reagiert (da fährt das Auto dann noch ungebremst weiter), und dann mit voller Wucht in die Eisen steigt, sind bei Tempo 50 noch 12,5 Meter nötig, bis das Fahrzeug steht. Und das sind nur die Zahlen – wer Auto fährt weiß, dass Regen, Blätter, alte Reifen und Kopfschmerzen diese Strecke verlängern können. Allerdings wird flächendeckendes Umsteigen auf Tempo 30 allein nicht ausreichen, wenn die Lebensqualität in den Städten erhöht werden soll. Denn funktionieren kann das nur im Gesamtsystem der Straßen. Auf breiten Straßen fahren die Autos schneller, und auf einem Ring von Haupt- und Nebenstraßen mit vielen Ampeln wird der Instinkt immer da sein, schnell zum nächsten Grün zu kommen. Abschreckende Strafen fürs Rasen gibt es nicht: Wer 69 km/h fährt, wo 50 erlaubt wären, bekommt keine Punkte in Flensburg und muss nicht den Führerschein abgeben. 19 km/h zu schnell, macht – mit Toleranz – 70 Euro. Vorausgesetzt, man wird erwischt. Pro und Contra zum Thema 30 ist das neue 50 Ein Pro von Jan Henning Rogge Tempo 30 in der Innenstadt – ein Traum für Radfahrer und Fußgänger würde wahr. Denn es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ein Auto mit 50 – also laut Tacho 60, die 10 km/h kosten ja fast nichts – ohne Sicherheitsabstand vorbeirauscht, oder mit dann 40. Über Sicherheitsaspekte wie Bremswege, Schwere von Unfallfolgen oder Umweltaspekte brauchen wir da gar nicht erst reden – denn die sind unumstößlich belegt. Spannender wäre es dann doch, den tatsächlichen Zeitverlust zu messen, der bei einer Fahrt durch eine Stadt wie Minden mit 30 statt 50 km/h entstehen würde: Da geht es um Minuten. Minuten von Menschen in klimatisierten SUVs, die über die Gesundheit und das Wohlbefinden der schwächeren Verkehrsteilnehmer entscheiden können. Die Frage, die über allen anderen kommunalen verkehrspolitischen Fragen stehen sollte, ist die: Für wen sollen unsere Städte da sein – für ihre Bewohner oder für die Autos? Wer diese Frage im Sinne der Bewohner beantwortet, braucht nicht mehr lange überlegen, ob 30 das neue 50 sein soll – der führt es ein. Am Ziel vorbei Ein Contra von Carsten Korfesmeyer Herrscht grundsätzlich Tempo 30 in der Innenstadt, droht der gewünschte Effekt zu verpuffen. Denn eine solche Regelung hätte nicht mehr diese hohe Signalkraft der bislang ausgewiesenen Zonen. Die Verkehrsteilnehmer würden die Risiken dieser Streckenabschnitte nicht mehr so intensiv wahrnehmen – mit der Folge, dass sie wohl schneller als erlaubt unterwegs sind. Blitzen? Das darf dann nicht die einzige Antwort bleiben. Es geht um mehr Verkehrssicherheit und da ist etwas mehr an Kreativität gefragt. Bauliche Veränderungen könnten die Geschwindigkeiten senken. Dann braucht es oft nicht einmal mehr spezielle Tempo-30-Zonen.  Der Ruf nach einer Drosselung der Geschwindigkeiten ist immer schnell da, wenn es um die Verkehrssicherheit geht. Und Raserei ist sicherlich eine häufige Unfallursache, aber nicht die einzige. Das sollten die Planer nicht aus den Augen verlieren.

Tempo 30 in der Innenstadt? Darüber diskutiert die Mindener Politik Anfang Februar

Gilt in der Mindener Innenstadt bald überall Tempo 30? Darüber diskutiert die Mindener Politik zumindest ab Anfang Februar.  © Foto: Alex Lehn

Minden. Freiburg tut es, Paris auch, und ganz Spanien sowieso: Flächendeckend Tempo 30 in Ortschaften könnte ein Weg sein, nicht nur das Klima zu schonen, sondern auch für weniger Verletzte zu sorgen. Wenn alle Autos innerhalb von Städten langsamer fahren, fühlen sich Fußgänger und Radfahrer sicherer und es wird leiser, so die Argumente der Befürworter.

Zu denen gehören auch viele Kommunen. Die können bisher allerdings nicht selbst entscheiden, ob sie eine Stadt für Langsam(er)fahrer werden wollen. Hier mehr Handlungsspielraum und Modellprojekte fordert jetzt eine Initiative von Städten in der gesamten Bundesrepublik mit Unterstützung des Städtetages. In Minden wird sich die Politik Anfang Februar im Klimaschutzausschuss (KUV) damit befassen, ob sich die Stadt anschließt.

- © Karte: Stadt Minden
© Karte: Stadt Minden

Lars Bursian, Beigeordneter für Städtebau und Feuerschutz, sagt, dass Tempo 30 bisher nur unter strengen Voraussetzungen angeordnet werden kann. „Die Stadtverwaltung begrüßt die Initiative der Städte und würde sich wünschen, dass auch die Mitglieder des KUV dieses so sehen. Das aber wird die Diskussion am 2. Februar zeigen."

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Patrick Schwemmling

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Dass es dennoch schon an vielen Stellen in Minden Tempo-30-Zonen gibt, liegt an Sonderregelungen: In Wohngebieten, an Schulen, und da, wo es schon mal schwere Unfälle gegeben hat – oft machen Unfallschwerpunkte die Regelung erst möglich, das heißt: Erst, wenn nachweislich etwas passiert ist, können Tempo-30-Schilder aufgestellt werden.

Auch auf Hauptverkehrsstraßen, zum Beispiel solchen mit nur einer Fahrspur in eine Richtung, könnte dann demnächst Tempo 30 gelten. Das solle aber nicht zu erhöhten Belastungen untergeordneter Straßen führen, so Bursian. Hier erreichten die Stadt auch gerade bei schon bestehenden Tempo-30-Zonen immer wieder viele Beschwerden, dass diese als Schleichwege genutzt würden. „Von daher wird es nicht zu einer pauschalen Herabsetzung der Geschwindigkeiten in Minden kommen, sondern es wird eine Abwägung verschiedener Aspekte geben."

30er-Zonen dienen vorrangig der Verkehrssicherheit und sollen Unfällen vorbeugen, ergänzt Susann Lewerenz, Pressesprecherin der Stadt. Diese Zonen sind insbesondere in Wohngebieten und überall dort, wo sich viele Fußgänger und Radfahrer bewegen, häufig auch in der Nähe von Kindergärten oder Schulen.

Anders als die generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km/h für das Fahren innerorts sind Tempo-30-Zonen deutlich markiert: Zu Beginn steht das Schild „30-Zone", am Ende die Aufhebung. Oft sind zusätzliche Hinweise auf der Straße. Die sind jedoch nur Hilfsmittel – die Verkehrsschilder sind verbindlich. Es gilt üblicherweise zudem „Rechts vor Links", auch wenn keine Querstriche auf der Straße darauf hinweisen.

Ein kurzer Rückblick auf die Fahrschulzeit: Da lernt jeder das mit dem Bremsweg. Tempo 80: 64 Meter, Tempo 50: 25 Meter, Tempo 30: drei Meter. Selbst, wenn die Person am Steuer innerhalb von einer Sekunde reagiert (da fährt das Auto dann noch ungebremst weiter), und dann mit voller Wucht in die Eisen steigt, sind bei Tempo 50 noch 12,5 Meter nötig, bis das Fahrzeug steht. Und das sind nur die Zahlen – wer Auto fährt weiß, dass Regen, Blätter, alte Reifen und Kopfschmerzen diese Strecke verlängern können.

Allerdings wird flächendeckendes Umsteigen auf Tempo 30 allein nicht ausreichen, wenn die Lebensqualität in den Städten erhöht werden soll. Denn funktionieren kann das nur im Gesamtsystem der Straßen. Auf breiten Straßen fahren die Autos schneller, und auf einem Ring von Haupt- und Nebenstraßen mit vielen Ampeln wird der Instinkt immer da sein, schnell zum nächsten Grün zu kommen.

Abschreckende Strafen fürs Rasen gibt es nicht: Wer 69 km/h fährt, wo 50 erlaubt wären, bekommt keine Punkte in Flensburg und muss nicht den Führerschein abgeben. 19 km/h zu schnell, macht – mit Toleranz – 70 Euro. Vorausgesetzt, man wird erwischt.

Pro und Contra zum Thema

30 ist das neue 50

Ein Pro von Jan Henning Rogge

Tempo 30 in der Innenstadt – ein Traum für Radfahrer und Fußgänger würde wahr. Denn es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ein Auto mit 50 – also laut Tacho 60, die 10 km/h kosten ja fast nichts – ohne Sicherheitsabstand vorbeirauscht, oder mit dann 40. Über Sicherheitsaspekte wie Bremswege, Schwere von Unfallfolgen oder Umweltaspekte brauchen wir da gar nicht erst reden – denn die sind unumstößlich belegt.

Spannender wäre es dann doch, den tatsächlichen Zeitverlust zu messen, der bei einer Fahrt durch eine Stadt wie Minden mit 30 statt 50 km/h entstehen würde: Da geht es um Minuten. Minuten von Menschen in klimatisierten SUVs, die über die Gesundheit und das Wohlbefinden der schwächeren Verkehrsteilnehmer entscheiden können.

Die Frage, die über allen anderen kommunalen verkehrspolitischen Fragen stehen sollte, ist die: Für wen sollen unsere Städte da sein – für ihre Bewohner oder für die Autos? Wer diese Frage im Sinne der Bewohner beantwortet, braucht nicht mehr lange überlegen, ob 30 das neue 50 sein soll – der führt es ein.

Am Ziel vorbei

Ein Contra von Carsten Korfesmeyer

Herrscht grundsätzlich Tempo 30 in der Innenstadt, droht der gewünschte Effekt zu verpuffen. Denn eine solche Regelung hätte nicht mehr diese hohe Signalkraft der bislang ausgewiesenen Zonen. Die Verkehrsteilnehmer würden die Risiken dieser Streckenabschnitte nicht mehr so intensiv wahrnehmen – mit der Folge, dass sie wohl schneller als erlaubt unterwegs sind.

Blitzen? Das darf dann nicht die einzige Antwort bleiben. Es geht um mehr Verkehrssicherheit und da ist etwas mehr an Kreativität gefragt. Bauliche Veränderungen könnten die Geschwindigkeiten senken. Dann braucht es oft nicht einmal mehr spezielle Tempo-30-Zonen. 

Der Ruf nach einer Drosselung der Geschwindigkeiten ist immer schnell da, wenn es um die Verkehrssicherheit geht. Und Raserei ist sicherlich eine häufige Unfallursache, aber nicht die einzige. Das sollten die Planer nicht aus den Augen verlieren.

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