Nach überraschendem Todesfall: Tabakwaren Oevermann schließt nach 65 Jahren Claudia Hyna Minden. Ein Hauch von Pfeifentabak liegt noch in der Luft. Doch das Erbe Andreas Oevermanns (56) geht weit über den speziellen Duft in dem kleinen Laden an der Stiftsallee hinaus. Nach seinem plötzlichen Tod vor einem Monat zieht Ehefrau Anke die Konsequenz und schließt das Traditionsgeschäft am 30. September für immer. „Paule hätte das so gewollt.“ Die 53-Jährige ist sich sicher, dass sie im Sinne ihres Mannes – den sie Paule nannte – handelt. Sie selbst ist kein Mensch, der gerne im Mittelpunkt steht. Zu dieser Bescheidenheit passt, dass sie lange überlegt hat, ob ein Artikel in der Zeitung erscheinen soll. Von sich aus wäre sie nie auf die Idee gekommen. Aber schließlich stimmt sie einer Veröffentlichung zu, denn es ist ein weiterer Schritt, von den Kunden Abschied zu nehmen. Alleine könne sie das Tabakwaren- und Lottogeschäft nicht weiterführen und ihren Kunden gerecht werden. Es gebe Menschen, sagt sie, die hätten noch nie irgendwo anders Lotto gespielt. Doch auch die Mindenerin verbindet mit dem Laden an der Stiftsallee – und seinen ungewöhnlich langen Öffnungszeiten von sechs bis 18 Uhr – viele Erinnerungen. Der letzte Tag wird daher nicht nur für die Kunden ein schwarzer Tag. Einer berichtet, er komme seit 1971 zu Oevermann. „Das ist hier meine zweite Raucherheimat.“ Ein typisches Verkaufsgespräch sieht so aus: „Hast du was da?“ „Ja. Wieviel brauchst du?“ „Eine“. Nach so vielen Jahren kennt man sich, duzt sich, weiß, was der Kunde sucht. Wo er denn künftig seine Zigarettenstangen kaufen soll, fragt dieser Kunde nach. Sie habe Vorsorge getroffen und ein anderes Geschäft in Kenntnis gesetzt, hat Anke Oevermann auch daran gedacht. Gegründet wurde das Geschäft schon vor mehr als 65 Jahren als Zigarren Rodenberg. 1955 übernahmen ihre Schwiegereltern Gudrun und Martin Oevermann. Erster Standort war ein Verkaufspavillon an der Kutenhauser Straße. Dieser lag auf der bisherigen Trasse von der Einmündung in die Stiftsallee bis kurz vor der Kanalbrücke und fiel im Zuge der Neuregelung weg. Anfang der sechziger Jahre zog Zigarren Rodenberg an die Stiftstraße. Ab 1971 hieß der Betrieb Tabak Oevermann und lag heute wie damals an der Stiftsallee. 1993 übernahm Sohn Andreas, gelernter Industriekaufmann, das Geschäft. Zwei Jahre später stieg seine Frau Anke, gelernte Bekleidungstechnikerin, mit ein. Neun Jahre zuvor hatte eine Freundin die beiden verkuppelt, erinnert sich die 53-Jährige. „Andreas hat mir später erzählt, er habe vom ersten Augenblick an gewusst: Die heirate ich mal.“ Er behielt recht. Drei Jahre später traten sie vor den Altar in der Todtenhauser Kirche. Gestritten hätten sie nie. „Er war der Hauptgewinn meines Lebens“, so schrieb sie in der Traueranzeige – als Untergrund diente ein Tippzettel – im MT. Mit dieser und mit der großen Danksagung wäre Andreas wohl nicht einverstanden gewesen, das hätte er übertrieben gefunden, meint sie. Ihr war es aber ein Bedürfnis. Eine Trauerfeier gab es nicht, das wiederum war in seinem Sinne, sagt sie. Zunächst als reines Tabakwarengeschäft gestartet, wandelte sich das Sortiment im Laufe der Zeit. Bei Oevermann gab es anfangs Schulbedarf, bis 2008 konnten Reisen gebucht werden. In den vergangenen Jahren lag der Schwerpunkt auf Tabakwaren, Lotto und Zeitschriften. Das Jahr nach der Schließung der Sparkasse 2017 war ein „hartes Jahr“, da die Laufkundschaft fehlte. Diese schwierige Zeit hätte ihren Mann stark mitgenommen, sagt Anke Oevermann. Besser wurde es, als eine Versicherung in die angrenzenden Räume zog. Nach der Schließung wird sie den Laden zunächst leerräumen. Ganz allein. Im Moment funktioniere sie noch ganz gut. Danach will sich Anke Oevermann die Zeit zum Trauern nehmen, die sie bisher nicht hatte.

Nach überraschendem Todesfall: Tabakwaren Oevermann schließt nach 65 Jahren

Minden. Ein Hauch von Pfeifentabak liegt noch in der Luft. Doch das Erbe Andreas Oevermanns (56) geht weit über den speziellen Duft in dem kleinen Laden an der Stiftsallee hinaus. Nach seinem plötzlichen Tod vor einem Monat zieht Ehefrau Anke die Konsequenz und schließt das Traditionsgeschäft am 30. September für immer.

Anke Oevermann – hier mit Mops-Mix Timmy – macht nächste Woche das Licht im Laden für immer aus. - © MT-Foto: Claudia Hyna
Anke Oevermann – hier mit Mops-Mix Timmy – macht nächste Woche das Licht im Laden für immer aus. - © MT-Foto: Claudia Hyna

„Paule hätte das so gewollt.“ Die 53-Jährige ist sich sicher, dass sie im Sinne ihres Mannes – den sie Paule nannte – handelt. Sie selbst ist kein Mensch, der gerne im Mittelpunkt steht. Zu dieser Bescheidenheit passt, dass sie lange überlegt hat, ob ein Artikel in der Zeitung erscheinen soll. Von sich aus wäre sie nie auf die Idee gekommen. Aber schließlich stimmt sie einer Veröffentlichung zu, denn es ist ein weiterer Schritt, von den Kunden Abschied zu nehmen.

Erster Standort an der Kutenhauser Straße.
Erster Standort an der Kutenhauser Straße.

Alleine könne sie das Tabakwaren- und Lottogeschäft nicht weiterführen und ihren Kunden gerecht werden. Es gebe Menschen, sagt sie, die hätten noch nie irgendwo anders Lotto gespielt. Doch auch die Mindenerin verbindet mit dem Laden an der Stiftsallee – und seinen ungewöhnlich langen Öffnungszeiten von sechs bis 18 Uhr – viele Erinnerungen. Der letzte Tag wird daher nicht nur für die Kunden ein schwarzer Tag. Einer berichtet, er komme seit 1971 zu Oevermann. „Das ist hier meine zweite Raucherheimat.“ Ein typisches Verkaufsgespräch sieht so aus: „Hast du was da?“ „Ja. Wieviel brauchst du?“ „Eine“. Nach so vielen Jahren kennt man sich, duzt sich, weiß, was der Kunde sucht. Wo er denn künftig seine Zigarettenstangen kaufen soll, fragt dieser Kunde nach. Sie habe Vorsorge getroffen und ein anderes Geschäft in Kenntnis gesetzt, hat Anke Oevermann auch daran gedacht.

Gegründet wurde das Geschäft schon vor mehr als 65 Jahren als Zigarren Rodenberg. 1955 übernahmen ihre Schwiegereltern Gudrun und Martin Oevermann. Erster Standort war ein Verkaufspavillon an der Kutenhauser Straße. Dieser lag auf der bisherigen Trasse von der Einmündung in die Stiftsallee bis kurz vor der Kanalbrücke und fiel im Zuge der Neuregelung weg. Anfang der sechziger Jahre zog Zigarren Rodenberg an die Stiftstraße. Ab 1971 hieß der Betrieb Tabak Oevermann und lag heute wie damals an der Stiftsallee.

1993 übernahm Sohn Andreas, gelernter Industriekaufmann, das Geschäft. Zwei Jahre später stieg seine Frau Anke, gelernte Bekleidungstechnikerin, mit ein. Neun Jahre zuvor hatte eine Freundin die beiden verkuppelt, erinnert sich die 53-Jährige. „Andreas hat mir später erzählt, er habe vom ersten Augenblick an gewusst: Die heirate ich mal.“ Er behielt recht. Drei Jahre später traten sie vor den Altar in der Todtenhauser Kirche.

Gestritten hätten sie nie. „Er war der Hauptgewinn meines Lebens“, so schrieb sie in der Traueranzeige – als Untergrund diente ein Tippzettel – im MT. Mit dieser und mit der großen Danksagung wäre Andreas wohl nicht einverstanden gewesen, das hätte er übertrieben gefunden, meint sie. Ihr war es aber ein Bedürfnis. Eine Trauerfeier gab es nicht, das wiederum war in seinem Sinne, sagt sie.

Zunächst als reines Tabakwarengeschäft gestartet, wandelte sich das Sortiment im Laufe der Zeit. Bei Oevermann gab es anfangs Schulbedarf, bis 2008 konnten Reisen gebucht werden. In den vergangenen Jahren lag der Schwerpunkt auf Tabakwaren, Lotto und Zeitschriften. Das Jahr nach der Schließung der Sparkasse 2017 war ein „hartes Jahr“, da die Laufkundschaft fehlte. Diese schwierige Zeit hätte ihren Mann stark mitgenommen, sagt Anke Oevermann. Besser wurde es, als eine Versicherung in die angrenzenden Räume zog.

Nach der Schließung wird sie den Laden zunächst leerräumen. Ganz allein. Im Moment funktioniere sie noch ganz gut. Danach will sich Anke Oevermann die Zeit zum Trauern nehmen, die sie bisher nicht hatte.

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