Streit um die Extrawurst in der Premiere der "Westfälischen Mausefalle" Kerstin Rickert Minden. Auf das Publikum der Theatergemeinschaft Westfälische Mausefalle ist Verlass: Ausverkauft war die Premiere des Stückes „Extrawurst“, das in der aktuellen Saison auf ihrem Spielplan steht. 26 Mal hatte das fünfköpfige Ensemble zuvor geprobt – ohne zu wissen, ob es denn auch auftreten kann oder die Corona-Lage ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Das war bereits im vergangenen Jahr der Fall. Abgesehen von ein paar Einschränkungen, lief diesmal alles glatt über die Bühne, und das Premierenpublikum belohnte die Laienschauspieler mit jubelndem Applaus. Die Aula der Alten Schule in Meißen als Spielort statt des angestammten Kleinen Theaters am Weingarten. Konsequente Kontrollen der 2G-Regel, Maskenpflicht für die Besucher auch während der Vorstellung und 75 begrenzte Plätze in einem Raum, der weit mehr als das Doppelte fasst. Die Pandemie verlangt Schauspielern und Zuschauern einiges ab. Das Publikum aber lässt die Mausefalle zur Premiere ihres 34. Stückes nicht im Stich – und wird mit einer ebenso hochamüsanten wie bitterbösen Gesellschaftssatire belohnt.Der Tennisclub Lengenheide hat zur Mitgliederversammlung geladen. Dessen Vorsitzender Dr. Heribert Bräsemann (Alexander Heidenreich) wurde gerade in seinem Amt bestätigt und winkt einen Tagesordnungspunkt nach dem anderen durch, um möglichst schnell zum gemütlichen Teil der Zusammenkunft überzugehen. Beim Punkt „Verschiedenes“ stößt das Vereinsoberhaupt jedoch auf Widerstand. Eigentlich geht es dabei nur um die Neuanschaffung eines Grills für Vereinsfeste, in Heriberts Augen eine im Vergleich zu dem geplanten Bau eines Vereinsheims, das mit 250.000 Euro zu Buche schlägt, kaum nennenswerte Investition.Doch nicht am Preis von 860 Euro für das Top-Modell XQ3010 entzündet sich ein Konflikt im Vereinsvorstand, sondern an der Frage nach einem zweiten Grill für Erol (Kiyasettin Eldeniz), Top-Spieler des Vereins und Türke. Die Wurst für den gläubigen Muslim dürfe schließlich nicht zusammen mit Schweinsbratwürsten auf demselben Rost gegrillt werden, gibt Erols Doppel-Partnerin Melanie (Sarah Killian) zu bedenken. Und gibt damit den Anstoß für eine Grundsatzdebatte, in der es um weitaus mehr geht als um einen Extragrill für die Extrawurst des einzigen türkischen Vereinsmitglieds. Im Tennisclub tun sich tiefe zwischenmenschliche Gräben auf, Vorurteile werden zur Zündschnur im Kampf unterschiedlicher Kulturen und Lebenseinstellungen. Im Klein-Klein des Vereins spiegelt sich das Konfliktpotenzial einer Gesellschaft, in der Respekt, Toleranz und Offenheit gegenüber Mitmenschen an Boden verlieren. Pointiert nimmt das Stück „Extrawurst“ von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob Glaubensfragen in den Blick, die gesellschaftlichen Sprengstoff bergen. Das beginnt beim Streit zwischen Christen, Muslimen und Atheisten um die einzig wahre Weltanschauung, wird zur Debatte über Toleranz und Respekt gegenüber Migranten, Homosexuellen und Vegetariern und fördert schließlich politische Ansichten zutage, die ein weiteres Miteinander unmöglich machen.Überzeugend verkörpert Alexander Heidenreich den Vorsitzenden Heribert als machtbesessenen Autokraten, der irgendwann wutentbrannt von seinem Amt zurücktritt, es dann aber doch wieder an sich reißt. Ernst Stahlhut als dessen Stellvertreter übernimmt zwischenzeitlich das Ruder und mimt den gläubigen Christen mit rechtspopulistischen Tendenzen. Sarah Killian als emanzipierte und für jedwede Gleichberechtigung kämpfende Frau und Baruch Hoffart-Le Guellec als ihr Ehemann Torsten geben ein herrlich ungleiches Paar ab. Torsten ist Vegetarier und bekennender Atheist, der Religion als Blödsinn und egal welchen Gott als Einbildung betrachtet. Grundsätzlich hält er sich lieber an Fakten, wenn nicht gerade Eifersucht auf den Türken Erol seinen Blick für die Wahrheit trübt. Der wiederum wird großartig gespielt von Kiyasettin Eldeniz, der in seiner Rolle sämtliche Klischees und Vorurteile gegenüber Türken mit bittersüßem Humor bedient. Dass er selbst türkische Wurzeln hat, erweist sich als großer Pluspunkt: Das Publikum darf über seine Witze lachen und tut dies aus vollem Herzen. Die Westfälische Mausefalle spielt das Stück „Extrawurst“ in der Alten Schule Meißen an den kommenden Wochenenden bis Ende Januar. Karten sind noch für alle weiteren Aufführungen erhältlich bei der Calpam-Tankstelle Stephan Kropa, Kutenhauser Dorfstraße 8, Telefon (05 71) 4 44 84. Weitere Informationen im Internet unter westfaelischemausefalle.de

Streit um die Extrawurst in der Premiere der "Westfälischen Mausefalle"

Die Versammlung des Tennisvereins wird zur Geduldsprobe für alle Beteiligten. Foto: Kerstin Rickert

Minden. Auf das Publikum der Theatergemeinschaft Westfälische Mausefalle ist Verlass: Ausverkauft war die Premiere des Stückes „Extrawurst“, das in der aktuellen Saison auf ihrem Spielplan steht. 26 Mal hatte das fünfköpfige Ensemble zuvor geprobt – ohne zu wissen, ob es denn auch auftreten kann oder die Corona-Lage ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Das war bereits im vergangenen Jahr der Fall. Abgesehen von ein paar Einschränkungen, lief diesmal alles glatt über die Bühne, und das Premierenpublikum belohnte die Laienschauspieler mit jubelndem Applaus.

Die Aula der Alten Schule in Meißen als Spielort statt des angestammten Kleinen Theaters am Weingarten. Konsequente Kontrollen der 2G-Regel, Maskenpflicht für die Besucher auch während der Vorstellung und 75 begrenzte Plätze in einem Raum, der weit mehr als das Doppelte fasst. Die Pandemie verlangt Schauspielern und Zuschauern einiges ab. Das Publikum aber lässt die Mausefalle zur Premiere ihres 34. Stückes nicht im Stich – und wird mit einer ebenso hochamüsanten wie bitterbösen Gesellschaftssatire belohnt.

Der Tennisclub Lengenheide hat zur Mitgliederversammlung geladen. Dessen Vorsitzender Dr. Heribert Bräsemann (Alexander Heidenreich) wurde gerade in seinem Amt bestätigt und winkt einen Tagesordnungspunkt nach dem anderen durch, um möglichst schnell zum gemütlichen Teil der Zusammenkunft überzugehen. Beim Punkt „Verschiedenes“ stößt das Vereinsoberhaupt jedoch auf Widerstand. Eigentlich geht es dabei nur um die Neuanschaffung eines Grills für Vereinsfeste, in Heriberts Augen eine im Vergleich zu dem geplanten Bau eines Vereinsheims, das mit 250.000 Euro zu Buche schlägt, kaum nennenswerte Investition.

Doch nicht am Preis von 860 Euro für das Top-Modell XQ3010 entzündet sich ein Konflikt im Vereinsvorstand, sondern an der Frage nach einem zweiten Grill für Erol (Kiyasettin Eldeniz), Top-Spieler des Vereins und Türke. Die Wurst für den gläubigen Muslim dürfe schließlich nicht zusammen mit Schweinsbratwürsten auf demselben Rost gegrillt werden, gibt Erols Doppel-Partnerin Melanie (Sarah Killian) zu bedenken. Und gibt damit den Anstoß für eine Grundsatzdebatte, in der es um weitaus mehr geht als um einen Extragrill für die Extrawurst des einzigen türkischen Vereinsmitglieds. Im Tennisclub tun sich tiefe zwischenmenschliche Gräben auf, Vorurteile werden zur Zündschnur im Kampf unterschiedlicher Kulturen und Lebenseinstellungen. Im Klein-Klein des Vereins spiegelt sich das Konfliktpotenzial einer Gesellschaft, in der Respekt, Toleranz und Offenheit gegenüber Mitmenschen an Boden verlieren. Pointiert nimmt das Stück „Extrawurst“ von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob Glaubensfragen in den Blick, die gesellschaftlichen Sprengstoff bergen. Das beginnt beim Streit zwischen Christen, Muslimen und Atheisten um die einzig wahre Weltanschauung, wird zur Debatte über Toleranz und Respekt gegenüber Migranten, Homosexuellen und Vegetariern und fördert schließlich politische Ansichten zutage, die ein weiteres Miteinander unmöglich machen.

Überzeugend verkörpert Alexander Heidenreich den Vorsitzenden Heribert als machtbesessenen Autokraten, der irgendwann wutentbrannt von seinem Amt zurücktritt, es dann aber doch wieder an sich reißt. Ernst Stahlhut als dessen Stellvertreter übernimmt zwischenzeitlich das Ruder und mimt den gläubigen Christen mit rechtspopulistischen Tendenzen. Sarah Killian als emanzipierte und für jedwede Gleichberechtigung kämpfende Frau und Baruch Hoffart-Le Guellec als ihr Ehemann Torsten geben ein herrlich ungleiches Paar ab. Torsten ist Vegetarier und bekennender Atheist, der Religion als Blödsinn und egal welchen Gott als Einbildung betrachtet. Grundsätzlich hält er sich lieber an Fakten, wenn nicht gerade Eifersucht auf den Türken Erol seinen Blick für die Wahrheit trübt. Der wiederum wird großartig gespielt von Kiyasettin Eldeniz, der in seiner Rolle sämtliche Klischees und Vorurteile gegenüber Türken mit bittersüßem Humor bedient. Dass er selbst türkische Wurzeln hat, erweist sich als großer Pluspunkt: Das Publikum darf über seine Witze lachen und tut dies aus vollem Herzen.

Die Westfälische Mausefalle spielt das Stück „Extrawurst“ in der Alten Schule Meißen an den kommenden Wochenenden bis Ende Januar. Karten sind noch für alle weiteren Aufführungen erhältlich bei der Calpam-Tankstelle Stephan Kropa, Kutenhauser Dorfstraße 8, Telefon (05 71) 4 44 84. Weitere Informationen im Internet unter westfaelischemausefalle.de

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Patrick Schwemmling

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