Sternchen, Doppelpunkt oder gar nicht: Wie verwenden heimische Unternehmen gendergerechte Sprache? Doris Christoph Minden. Kein Gender-Sternchen, Doppelpunkt oder Unterstrich in amtlichen Schreiben – dazu hat Bundesfrauenministerin Christine Lambrecht (SPD) vor kurzem die Bundesbehörden aufgefordert. „Solche Schreibweisen gelten derzeit als rechtschreibwidrig“, heißt es als Begründung. Sie bezieht sich auf den Deutschen Rechtschreibrat, der sich im März gegen die Aufnahme der Sonderzeichen in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung ausgesprochen hatte. Aber wie gehen heimische Unternehmen und Verwaltungen mit geschlechtergerechter Sprache um? Was verwenden sie? Und ändert sich durch Lambrechts Aufforderung nun etwas? Das MT hat sich umgehört. Alle Geschlechter sichtbar machen Zur Erklärung: Die von Lambrecht genannten Zeichen sollen die Sprache laut Befürwortern geschlechtergerecht, und damit Frauen und Männer in Texten sichtbar machen. Je nach Zeichen beziehen sie auch Menschen ein, auf die keines der beiden Geschlechter zutrifft – das Sternchen wird beispielsweise dafür verwendet. Für diese dritte Geschlechtsoption steht der Begriff „divers“ – seit 2018 gibt es ihn neben männlich oder weiblich auch als Eintrag im Personenstandsregister. Geht es in Texten um diverse Menschen, empfiehlt Lambrecht „geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen“ zu verwenden. Auf das generische Maskulinum solle verzichtet werden. Dabei wird die männliche Wortform gebraucht, bei der Frauen „mitgemeint“ sind. Lambrecht empfiehlt stattdessen die Beidnennung, also beispielsweise Soldatinnen und Soldaten statt nur Soldat. Öffentliche Einrichtungen Kommunen müssen sich am Landesgleichstellungsgesetz (LGG) orientieren, das eine sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern vorsieht. Richtlinien oder Empfehlungen des Landes zur sprachlichen Behandlung des dritten Geschlechts gebe es nicht, ebenso keine einheitliche Praxis, teilt das NRW-Gleichstellungsministerium auf Nachfrage mit. Die Stadt Minden hat 2017 einen Leitfaden für gendergerechte Sprache entwickelt und laut Auskunft allen Mitarbeitenden über eine dienstliche Mitteilung zur Verfügung gestellt. „Als öffentliche Verwaltung wollten und wollen wir mit gutem Beispiel voran gehen und formulieren personenbezogene Angaben so, dass alle Geschlechter (also auch divers) adäquat repräsentiert sind“, teilt Pressesprecherin Susann Lewerenz mit. Die geschlechtergerechte Sprache werde seitdem in der gesamten internen und externen Kommunikation verwendet. Die umfasst die Stern-Variante (Bürger*innen), Pluralformen wie Studierende, Beschäftigte, Wahlberechtigte oder auch Paarformeln (Bürgerinnen und Bürger). Weil sich die Frauenministerin an Bundes-, nicht aber an Landesbehörden und Kommunen gewandt habe, werde die Stadt Minden weiter verfahren wie bislang. Der Kreis Minden-Lübbecke hat den Umgang mit geschlechtergerechter Sprache in seinem aktuellen Gleichstellungsplan geregelt. Darin heißt es: „Unsere Vorstellungen und Werte sollen sich auch in unseren sprachlichen Äußerungen wiederfinden. Um alle Geschlechter anzusprechen, verwendet der Kreis Minden-Lübbecke zukünftig geschlechtsneutrale Formulierungen.“ Wenn das nicht möglich sei, sei das Gender-Sternchen zu verwenden. Sind die geschlechtsneutralen Formulierungen oder das Sonderzeichen den Bürgern aufgefallen? Rückmeldungen habe es keine gegeben, teilt Pressesprecherin Sabine Ohnesorge mit. Patientinnen und Patienten Auch die Mühlenkreiskliniken (MKK) – ebenfalls eine öffentliche Einrichtung – haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt. „Wir bemühen uns um gendergerechte Sprache im internen Gebrauch und in der externen Kommunikation“, teilt Sprecher Christian Busse mit. Seit diesem Frühjahr gebe es Richtlinien, aber schon vorher hätten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genderneutral geschrieben. „Wenn wir 70 Prozent unserer Mitarbeitenden nicht ansprechen würden, hätten wir ein Problem“, sagt Busse mit Blick auf den hohen Frauenanteil beim Personal. Die MKK-Richtlinien empfehlen demnach entweder eine geschlechtsneutrale Formulierung zu suchen (Mitarbeitende), beide Geschlechter zu nennen (Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) oder das Gendersternchen zu nutzen (Mitarbeiter*innen). Sie schrieben das aber nicht vor, so Busse. Sicherlich gebe es noch das eine oder andere Schild oder Formular mit falscher Bezeichnung. Aber es werde vermehrt auf die geschlechtersensible Formulierung geachtet. Intern und extern „Wir haben uns intensiv damit beschäftigt – Gleichstellung und Gleichberechtigung sind uns in der Unternehmensgruppe total wichtig. Wir setzen auf Vielfalt bei unseren Mitarbeitenden“, berichtet Tanja Wucherpfennig, Pressesprecherin von Melitta. Das sei auch im Nachhaltigkeitsstatement verankert. Die Grundlage für eine gendersensible Sprache sei also bereits angelegt 2020 sei mit Mitarbeitern darüber diskutiert worden. Das Ergebnis : In der internen sowie externen Kommunikation werde auf beide Formen wie Kolleginnen und Kollegen sowie geschlechtsneutrale Formulierungen geachtet. „Aus Gründen der grammatischen Tradition und der gewohnten Lesart haben wir uns vorerst dafür entschieden, in einigen Fällen das generische Maskulinum beizubehalten.“ Selbstverständlich seien jeweils alle Geschlechter gemeint. Mit dem Thema setze man sich permanent weiter auseinander. Wago setzt gendergerechte Sprache vor allem in der internen Kommunikation ein, wie Sprecherin Tina Nolting berichtet. „Wir sensibilisieren für das Thema und geben den Kolleginnen und Kollegen Empfehlungen. Eine Verpflichtung zum Gendern besteht intern wie extern nicht.“ In einem Hinweis auf der Website wird die Gleichbehandlung als ein sehr wichtiges Thema betont: „Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern in unseren digitalen Kommunikationskanälen die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter.“ Die verkürzte Sprachform habe nur redaktionelle Gründe und beinhalte keine Wertung. Sicht der Medien/des MT Die Redaktion orientiert sich vor allem am Prinzip der bestmöglichen Lesbarkeit ihrer Artikel: Auf Zeichen wie das Gender-Sternchen oder den -Doppelpunkt wird deswegen verzichtet, Paarformen werden mitunter verwendet, manchmal aber auch aus Platzgründen gestrichen. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen gehen dazu über, auch neutralere Formen wie „Lesende“ zu verwenden. Oft findet sich in Texten nur das generische Maskulinum. Ob das die beste Wahl ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen in der Redaktion. „Sprache ist im Fluss und wer beruflich mit ihr umgeht, soll und muss das bedenken“, sagt dazu MT-Chefredakteur Benjamin Piel. Die Redaktion sei deshalb in einen gemeinsamen Prozess gestartet, sich mit geschlechtergerechter Sprache auseinanderzusetzen. „Für die Redaktion ist es eine Herausforderung, ihren Weg zwischen den widerstreitenden gesellschaftlichen Ansprüchen sowie dem Wunsch nach einer einfachen und verständlichen Sprache zu finden.“ Gerade deshalb nehme sie das Thema ernst und möchte mit einer Onlineumfrage demnächst auch Leserinnen und Leser in die Diskussion mit einbeziehen. „Denn wir wollen als Redaktion nicht über die Köpfe des Publikums hinweg entscheiden“, so Piel. Nur eine Empfehlung Und wie geht es nach Lambrechts Vorschlag in den Bundesbehörden weiter? Auf MT-Nachfrage teilt eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums mit: „Diese allein fachlichen Empfehlungen sind keine Vorgaben, sondern lediglich eine Arbeits- und Orientierungshilfe für eine geschlechtergerechte und respektvolle Verwendung der Sprache durch die Bundesverwaltung.“ Heißt: Es handelt sich nur um einen Vorschlag.

Sternchen, Doppelpunkt oder gar nicht: Wie verwenden heimische Unternehmen gendergerechte Sprache?

Auch der Duden befasst sich mit der Verwendung geschlechtergerechter Sprache. Manche Befürworter setzen sich für die Verwendung des Gender-Sternchens ein – andere lehnen dies ab. Symbolfoto: Christian Ohde/ imago © imago images / Christian Ohde

Minden. Kein Gender-Sternchen, Doppelpunkt oder Unterstrich in amtlichen Schreiben – dazu hat Bundesfrauenministerin Christine Lambrecht (SPD) vor kurzem die Bundesbehörden aufgefordert. „Solche Schreibweisen gelten derzeit als rechtschreibwidrig“, heißt es als Begründung. Sie bezieht sich auf den Deutschen Rechtschreibrat, der sich im März gegen die Aufnahme der Sonderzeichen in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung ausgesprochen hatte. Aber wie gehen heimische Unternehmen und Verwaltungen mit geschlechtergerechter Sprache um? Was verwenden sie? Und ändert sich durch Lambrechts Aufforderung nun etwas? Das MT hat sich umgehört.

Alle Geschlechter sichtbar machen

Zur Erklärung: Die von Lambrecht genannten Zeichen sollen die Sprache laut Befürwortern geschlechtergerecht, und damit Frauen und Männer in Texten sichtbar machen. Je nach Zeichen beziehen sie auch Menschen ein, auf die keines der beiden Geschlechter zutrifft – das Sternchen wird beispielsweise dafür verwendet. Für diese dritte Geschlechtsoption steht der Begriff „divers“ – seit 2018 gibt es ihn neben männlich oder weiblich auch als Eintrag im Personenstandsregister.

Malina Reckordt

Gendern bei MT - überflüssig oder überfällig?

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Geht es in Texten um diverse Menschen, empfiehlt Lambrecht „geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen“ zu verwenden. Auf das generische Maskulinum solle verzichtet werden. Dabei wird die männliche Wortform gebraucht, bei der Frauen „mitgemeint“ sind. Lambrecht empfiehlt stattdessen die Beidnennung, also beispielsweise Soldatinnen und Soldaten statt nur Soldat.

Öffentliche Einrichtungen

Kommunen müssen sich am Landesgleichstellungsgesetz (LGG) orientieren, das eine sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern vorsieht. Richtlinien oder Empfehlungen des Landes zur sprachlichen Behandlung des dritten Geschlechts gebe es nicht, ebenso keine einheitliche Praxis, teilt das NRW-Gleichstellungsministerium auf Nachfrage mit.

Die Stadt Minden hat 2017 einen Leitfaden für gendergerechte Sprache entwickelt und laut Auskunft allen Mitarbeitenden über eine dienstliche Mitteilung zur Verfügung gestellt. „Als öffentliche Verwaltung wollten und wollen wir mit gutem Beispiel voran gehen und formulieren personenbezogene Angaben so, dass alle Geschlechter (also auch divers) adäquat repräsentiert sind“, teilt Pressesprecherin Susann Lewerenz mit. Die geschlechtergerechte Sprache werde seitdem in der gesamten internen und externen Kommunikation verwendet. Die umfasst die Stern-Variante (Bürger*innen), Pluralformen wie Studierende, Beschäftigte, Wahlberechtigte oder auch Paarformeln (Bürgerinnen und Bürger). Weil sich die Frauenministerin an Bundes-, nicht aber an Landesbehörden und Kommunen gewandt habe, werde die Stadt Minden weiter verfahren wie bislang.

Der Kreis Minden-Lübbecke hat den Umgang mit geschlechtergerechter Sprache in seinem aktuellen Gleichstellungsplan geregelt. Darin heißt es: „Unsere Vorstellungen und Werte sollen sich auch in unseren sprachlichen Äußerungen wiederfinden. Um alle Geschlechter anzusprechen, verwendet der Kreis Minden-Lübbecke zukünftig geschlechtsneutrale Formulierungen.“ Wenn das nicht möglich sei, sei das Gender-Sternchen zu verwenden.

Sind die geschlechtsneutralen Formulierungen oder das Sonderzeichen den Bürgern aufgefallen? Rückmeldungen habe es keine gegeben, teilt Pressesprecherin Sabine Ohnesorge mit.

Patientinnen und Patienten

Auch die Mühlenkreiskliniken (MKK) – ebenfalls eine öffentliche Einrichtung – haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt. „Wir bemühen uns um gendergerechte Sprache im internen Gebrauch und in der externen Kommunikation“, teilt Sprecher Christian Busse mit. Seit diesem Frühjahr gebe es Richtlinien, aber schon vorher hätten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genderneutral geschrieben. „Wenn wir 70 Prozent unserer Mitarbeitenden nicht ansprechen würden, hätten wir ein Problem“, sagt Busse mit Blick auf den hohen Frauenanteil beim Personal.

Die MKK-Richtlinien empfehlen demnach entweder eine geschlechtsneutrale Formulierung zu suchen (Mitarbeitende), beide Geschlechter zu nennen (Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) oder das Gendersternchen zu nutzen (Mitarbeiter*innen). Sie schrieben das aber nicht vor, so Busse. Sicherlich gebe es noch das eine oder andere Schild oder Formular mit falscher Bezeichnung. Aber es werde vermehrt auf die geschlechtersensible Formulierung geachtet.

Intern und extern

„Wir haben uns intensiv damit beschäftigt – Gleichstellung und Gleichberechtigung sind uns in der Unternehmensgruppe total wichtig. Wir setzen auf Vielfalt bei unseren Mitarbeitenden“, berichtet Tanja Wucherpfennig, Pressesprecherin von Melitta. Das sei auch im Nachhaltigkeitsstatement verankert. Die Grundlage für eine gendersensible Sprache sei also bereits angelegt

2020 sei mit Mitarbeitern darüber diskutiert worden. Das Ergebnis : In der internen sowie externen Kommunikation werde auf beide Formen wie Kolleginnen und Kollegen sowie geschlechtsneutrale Formulierungen geachtet. „Aus Gründen der grammatischen Tradition und der gewohnten Lesart haben wir uns vorerst dafür entschieden, in einigen Fällen das generische Maskulinum beizubehalten.“ Selbstverständlich seien jeweils alle Geschlechter gemeint. Mit dem Thema setze man sich permanent weiter auseinander.

Wago setzt gendergerechte Sprache vor allem in der internen Kommunikation ein, wie Sprecherin Tina Nolting berichtet. „Wir sensibilisieren für das Thema und geben den Kolleginnen und Kollegen Empfehlungen. Eine Verpflichtung zum Gendern besteht intern wie extern nicht.“

In einem Hinweis auf der Website wird die Gleichbehandlung als ein sehr wichtiges Thema betont: „Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern in unseren digitalen Kommunikationskanälen die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter.“ Die verkürzte Sprachform habe nur redaktionelle Gründe und beinhalte keine Wertung.

Sicht der Medien/des MT

Die Redaktion orientiert sich vor allem am Prinzip der bestmöglichen Lesbarkeit ihrer Artikel: Auf Zeichen wie das Gender-Sternchen oder den -Doppelpunkt wird deswegen verzichtet, Paarformen werden mitunter verwendet, manchmal aber auch aus Platzgründen gestrichen. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen gehen dazu über, auch neutralere Formen wie „Lesende“ zu verwenden. Oft findet sich in Texten nur das generische Maskulinum. Ob das die beste Wahl ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen in der Redaktion. „Sprache ist im Fluss und wer beruflich mit ihr umgeht, soll und muss das bedenken“, sagt dazu MT-Chefredakteur Benjamin Piel. Die Redaktion sei deshalb in einen gemeinsamen Prozess gestartet, sich mit geschlechtergerechter Sprache auseinanderzusetzen. „Für die Redaktion ist es eine Herausforderung, ihren Weg zwischen den widerstreitenden gesellschaftlichen Ansprüchen sowie dem Wunsch nach einer einfachen und verständlichen Sprache zu finden.“ Gerade deshalb nehme sie das Thema ernst und möchte mit einer Onlineumfrage demnächst auch Leserinnen und Leser in die Diskussion mit einbeziehen. „Denn wir wollen als Redaktion nicht über die Köpfe des Publikums hinweg entscheiden“, so Piel.

Nur eine Empfehlung

Und wie geht es nach Lambrechts Vorschlag in den Bundesbehörden weiter? Auf MT-Nachfrage teilt eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums mit: „Diese allein fachlichen Empfehlungen sind keine Vorgaben, sondern lediglich eine Arbeits- und Orientierungshilfe für eine geschlechtergerechte und respektvolle Verwendung der Sprache durch die Bundesverwaltung.“ Heißt: Es handelt sich nur um einen Vorschlag.

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