Standpunkt zum Thema "Brief an die Klinik-Mitarbeiter": Zwischen den Zeilen Von Benjamin Piel Ein Brief sagt zwischen den Zeilen manchmal mehr als in seinen Haupt- und Nebensätzen. Mit dem Brief, den Dr. Olaf Bornemeier, der Vorstandsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken, an seine Mitarbeiter geschickt hat, ist es nicht anders. Das Signal ist gut, sich nach den Querelen der vergangenen Monate – endlich – direkt an die Mitarbeiter zu wenden. Dieses Zeichen ist als ernst gemeinter Schritt zu werten. Es wäre unfair, Bornemeier dieses Bemühen abzusprechen und sein Schreiben von vornherein abzuqualifizieren. Wer aber zwischen den Zeilen liest, muss einmal mehr feststellen, dass Kommunikation nicht die Stärke der MKK-Leitung ist. Und so gerät auch dieser Brief zu einem Ausdruck der Hilflosigkeit. Wer schreibt, beginnt mit dem Wichtigsten. Womit startet Bornemeier? „Wir werden schlicht weniger qualifizierte Menschen finden, die für uns arbeiten wollen.“ Was er da als Kernproblem beschreibt, ist zwar ein solches – aber in erster Linie für ihn selbst. Er hat seine eigene Brille auf. Dabei wäre es so wichtig gewesen, einmal die Sicht der Mitarbeiter einzunehmen. Was hatten die ihm gesagt? „Bei uns herrscht ein Klima der Angst.“ Was gibt es in einem Klima der Angst nicht? Vertrauen. Was schreibt Bornemeier? Er wolle mit dem Brief bekräftigen, dass ihm „ein gutes Betriebsklima“ ein sehr wichtiges Anliegen sei. Sollte das stimmen, hat er allerdings versagt, denn das Betriebsklima ist offensichtlich mies. Nun versagt jeder einmal, das gehört dazu. Wirklich haarig wird es, wenn ein Unternehmenslenker eine schwierige Situation nicht benennt. „Ich weiß, dass bei uns vieles nicht gut gelaufen ist. Es tut mir leid, dass das Betriebsklima gerade nicht gut ist.“ Das wäre ein Einstieg in einen Brief gewesen, der die Mitarbeiter hätte aufhorchen lassen. Die Probleme zu konstatieren statt die öffentliche Diskussion zu verurteilen – das hätten die Mitarbeiter bestimmt honoriert. Stattdessen benennt der Rest des Briefes Möglichkeiten, Probleme anonym zu melden. Auch das ist gut gemeint. Aber es zementiert das Misstrauen. Wo ein ganzer Abschnitt anonyme Meldesysteme beschreibt, steht indirekt, dass offene, angstfreie Kommunikation nicht möglich ist. Es wirkt, als wolle Bornemeier sagen: „Ihr könnt mir vertrauen!“ Aber wer um Vertrauen werben muss, wird immer scheitern. Denn Vertrauen lässt sich nicht einfordern – es lässt sich nur entwickeln. „Wir haben hier ein Vertrauensproblem. Wie gehen wir das gemeinsam an?“ Das sind zwei Sätze, die Bornemeier nicht geschrieben hat. Und dabei wären sie so wichtig gewesen.

Standpunkt zum Thema "Brief an die Klinik-Mitarbeiter": Zwischen den Zeilen

Von Benjamin Piel

Ein Brief sagt zwischen den Zeilen manchmal mehr als in seinen Haupt- und Nebensätzen. Mit dem Brief, den Dr. Olaf Bornemeier, der Vorstandsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken, an seine Mitarbeiter geschickt hat, ist es nicht anders. Das Signal ist gut, sich nach den Querelen der vergangenen Monate – endlich – direkt an die Mitarbeiter zu wenden. Dieses Zeichen ist als ernst gemeinter Schritt zu werten. Es wäre unfair, Bornemeier dieses Bemühen abzusprechen und sein Schreiben von vornherein abzuqualifizieren.

Wer aber zwischen den Zeilen liest, muss einmal mehr feststellen, dass Kommunikation nicht die Stärke der MKK-Leitung ist. Und so gerät auch dieser Brief zu einem Ausdruck der Hilflosigkeit.

Wer schreibt, beginnt mit dem Wichtigsten. Womit startet Bornemeier? „Wir werden schlicht weniger qualifizierte Menschen finden, die für uns arbeiten wollen.“ Was er da als Kernproblem beschreibt, ist zwar ein solches – aber in erster Linie für ihn selbst. Er hat seine eigene Brille auf. Dabei wäre es so wichtig gewesen, einmal die Sicht der Mitarbeiter einzunehmen.

Was hatten die ihm gesagt? „Bei uns herrscht ein Klima der Angst.“ Was gibt es in einem Klima der Angst nicht? Vertrauen. Was schreibt Bornemeier? Er wolle mit dem Brief bekräftigen, dass ihm „ein gutes Betriebsklima“ ein sehr wichtiges Anliegen sei. Sollte das stimmen, hat er allerdings versagt, denn das Betriebsklima ist offensichtlich mies.

Nun versagt jeder einmal, das gehört dazu. Wirklich haarig wird es, wenn ein Unternehmenslenker eine schwierige Situation nicht benennt. „Ich weiß, dass bei uns vieles nicht gut gelaufen ist. Es tut mir leid, dass das Betriebsklima gerade nicht gut ist.“ Das wäre ein Einstieg in einen Brief gewesen, der die Mitarbeiter hätte aufhorchen lassen. Die Probleme zu konstatieren statt die öffentliche Diskussion zu verurteilen – das hätten die Mitarbeiter bestimmt honoriert.

Stattdessen benennt der Rest des Briefes Möglichkeiten, Probleme anonym zu melden. Auch das ist gut gemeint. Aber es zementiert das Misstrauen. Wo ein ganzer Abschnitt anonyme Meldesysteme beschreibt, steht indirekt, dass offene, angstfreie Kommunikation nicht möglich ist.

Es wirkt, als wolle Bornemeier sagen: „Ihr könnt mir vertrauen!“ Aber wer um Vertrauen werben muss, wird immer scheitern. Denn Vertrauen lässt sich nicht einfordern – es lässt sich nur entwickeln. „Wir haben hier ein Vertrauensproblem. Wie gehen wir das gemeinsam an?“ Das sind zwei Sätze, die Bornemeier nicht geschrieben hat.

Und dabei wären sie so wichtig gewesen.

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