"Sprühende Phantasie" mit Joachim Guhde: Comicfan als Fotograf Ursula Koch Minden. „Sprühende Phantasie“ hat Joachim Guhde auf jeden Fall. Und die lässt er in ganz verschiedene Richtungen fließen. In Minden ist der gebürtige Bad Oeynhauser als Herausgeber des Comic-Fanzines gleichen Namens bekannt und hat mit diesem Titel auch zehn Jahre lang einen Comicladen in der Königstraße betrieben. Aktuell zeigt er sich in „Das Herz der Stadt“ von einer anderen Seite: Als Fotograf. Das Besondere an seinen Fotos ist, dass sich in keinem Fall auf den ersten Blick erkennen lässt, was er abbildet. „Ich möchte, dass meine Fotografien aussehen wie abstrakte Malerei“, sagt der 56-Jährige. Dafür nutzt er keine teure Spiegelreflexkamera, sondern sein Smartphone. „Das geht schnell und einfach.“ Außerdem habe er keine Lust, viel Geld auszugeben oder erst lange Blende und ähnliches einstellen zu müssen. Ihm genüge ein gutes Auge und ein Gespür für Farbkonstellationen. „Das sind Momentaufnahmen. Nichts ist gestellt oder arrangiert.“ Erste Versuche hat Guhde vor drei Jahren in einer Ausstellung im Herforder Museum Marta unternommen. Die Bilder waren für seinen Instagram-Account gedacht. In der Ausstellung (bis 23. November) präsentiert er sie gedruckt auf Leinwand im quadratischen Format und als Papierabzüge, die er in die fest montierten Bilderrahmen eingepasst hat. Die Fotografie ist aber nur eine kreative Seite Guhdes. Seit seiner Kindheit ist er Comicfan. Seine Mutter hat dem Vierjährigen aus „Fix und Foxi“ vorgelesen. Als er dann zur Grundschule ging, habe er sehr schnell angefangen, die Hefte selber zu lesen. „Innerhalb von ein paar Wochen war ich der Klassenbeste im Lesen“. Er machte Abitur am Kant-Gymnasium, absolvierte erst eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Ab 1984 veröffentlichte er erste Zeichnungen in Comicmagazinen. Er signierte mit Jo und schrieb die Jahreszahl dazu. So entstand sein Pseudonym Jo84. Ein Jahr später gründete er zusammen mit seinem Freund Jürgen Kopperschläger alias „Leviathan in love“ das Magazin „Sprühende Phantasie“. „Er hatte schon mal ein Fanzine herausgebracht. Das war der Kick, den ich gebraucht habe“, erinnert sich Guhde. Sein Freund habe den Namen geprägt und sehr viel zur Gestaltung der ersten Hefte beigetragen.„Das Magazin ist ein Non-Profit Projekt“, sagt Guhde. Aus dem Verkauf könne er die Druckkosten decken. Die Zeichner bekommen kein Geld. Trotzdem habe er nur wenige Absagen erhalten, dabei seien das häufig professionelle Grafiker oder Illustratoren. Auf die Qualität der Zeichnung kommt es ihm in erster Linie an. In jedem Heft ist ein Interview mit einem Zeichner enthalten. „In der Nummer 5 im Jahr 1987 war das Walter Moers. Den kannte damals noch niemand. Weil ich das Interview in Briefform geführt habe, ist es so ziemlich das einzige Interview, das Moers überhaupt gegeben hat“, erinnert er sich. Die Ausgabe war dann selbstverständlich schnell ausverkauft. Anfang der 90er-Jahre machte Guhde noch eine Ausbildung zum Erzieher. Seine Kunstlehrerin am Berufskolleg, Isolde Merker, brachte ihn zum Malen. Er arbeitete aber nur kurze Zeit in dem Beruf, weil er sich als Mann in dem Frauenberuf missverstanden fühlte. Er gründete 1996 er seinen Comicverlag und eröffnete ein Jahr später den Comicladen an der Königstraße 33, den er seit der Aufgabe der Geschäftsräume 2009 nebenberuflich weiter führt. „Ich hätte davon leben können, aber mit Familie wurde das immer schwieriger“, erzählt Guhde. Bis 2006 erschienen zwei Hefte der „Sprühenden Phantasie“ pro Jahr. Die meisten davon sind inzwischen vergriffen. Dann war Schluss. Damals hatte er mit neuseeländischen Punk-Musiker und Zeichner Christ Knox ein Interview geführt. „Er war für mich die größte Person. Ich hatte danach das Gefühl, dass ich das nicht mehr überbieten kann“, begründet er das Ende. Die Wiederaufnahme hatte einen traurigen Anlass. 2018 war Jürgen Kopperschläger gestorben. Ihm hat Guhde 2019 das erste neue Heft gewidmet. Darin seien seine Zeichnungen enthalten und die von Zeichnern die ihn kannten und Comics über Leviathan in love gestaltet haben. Statt eines Interviews enthielt das Heft eine Biografie. Das neue Heft enthält ein Best-of von Guhdes eigenen Comics. Das enthält selbstverständlich ebenfalls kein Interview. „Das wäre in der Schriftform und wegen der Ehrlichkeit schwierig geworden.“ Stattdessen hat er zwei neue Seiten gezeichnet. Das sei die wirkliche Herausforderung, denn „ich bin nicht der große Zeichner“, sondern eher Texter, Übersetzer, Publizist und Colorist. Künftig soll wieder jedes halbe Jahr ein neues Heft erscheinen. Guhde wartet aktuell auf die Lieferung aus der Druckerei. In den nächsten Heften will er seine sowohl gegenständliche wie abstrakte Malerei stärker einbringen. „Ich will neue Ideen umsetzen“, sagt der Comic-Spezialist.

"Sprühende Phantasie" mit Joachim Guhde: Comicfan als Fotograf

Joachim Guhde präsentiert sich aktuell als Fotograf. Bekannt ist er auch als Herausgeber des Comic-Fanzines „Sprühende Phantasie“.
MT-Foto: Ursula Koch

Minden. „Sprühende Phantasie“ hat Joachim Guhde auf jeden Fall. Und die lässt er in ganz verschiedene Richtungen fließen. In Minden ist der gebürtige Bad Oeynhauser als Herausgeber des Comic-Fanzines gleichen Namens bekannt und hat mit diesem Titel auch zehn Jahre lang einen Comicladen in der Königstraße betrieben. Aktuell zeigt er sich in „Das Herz der Stadt“ von einer anderen Seite: Als Fotograf.

Das Besondere an seinen Fotos ist, dass sich in keinem Fall auf den ersten Blick erkennen lässt, was er abbildet. „Ich möchte, dass meine Fotografien aussehen wie abstrakte Malerei“, sagt der 56-Jährige. Dafür nutzt er keine teure Spiegelreflexkamera, sondern sein Smartphone. „Das geht schnell und einfach.“ Außerdem habe er keine Lust, viel Geld auszugeben oder erst lange Blende und ähnliches einstellen zu müssen. Ihm genüge ein gutes Auge und ein Gespür für Farbkonstellationen. „Das sind Momentaufnahmen. Nichts ist gestellt oder arrangiert.“

Erste Versuche hat Guhde vor drei Jahren in einer Ausstellung im Herforder Museum Marta unternommen. Die Bilder waren für seinen Instagram-Account gedacht. In der Ausstellung (bis 23. November) präsentiert er sie gedruckt auf Leinwand im quadratischen Format und als Papierabzüge, die er in die fest montierten Bilderrahmen eingepasst hat.

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Patrick Schwemmling

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Die Fotografie ist aber nur eine kreative Seite Guhdes. Seit seiner Kindheit ist er Comicfan. Seine Mutter hat dem Vierjährigen aus „Fix und Foxi“ vorgelesen. Als er dann zur Grundschule ging, habe er sehr schnell angefangen, die Hefte selber zu lesen. „Innerhalb von ein paar Wochen war ich der Klassenbeste im Lesen“. Er machte Abitur am Kant-Gymnasium, absolvierte erst eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Ab 1984 veröffentlichte er erste Zeichnungen in Comicmagazinen. Er signierte mit Jo und schrieb die Jahreszahl dazu. So entstand sein Pseudonym Jo84. Ein Jahr später gründete er zusammen mit seinem Freund Jürgen Kopperschläger alias „Leviathan in love“ das Magazin „Sprühende Phantasie“. „Er hatte schon mal ein Fanzine herausgebracht. Das war der Kick, den ich gebraucht habe“, erinnert sich Guhde. Sein Freund habe den Namen geprägt und sehr viel zur Gestaltung der ersten Hefte beigetragen.

„Das Magazin ist ein Non-Profit Projekt“, sagt Guhde. Aus dem Verkauf könne er die Druckkosten decken. Die Zeichner bekommen kein Geld. Trotzdem habe er nur wenige Absagen erhalten, dabei seien das häufig professionelle Grafiker oder Illustratoren. Auf die Qualität der Zeichnung kommt es ihm in erster Linie an. In jedem Heft ist ein Interview mit einem Zeichner enthalten. „In der Nummer 5 im Jahr 1987 war das Walter Moers. Den kannte damals noch niemand. Weil ich das Interview in Briefform geführt habe, ist es so ziemlich das einzige Interview, das Moers überhaupt gegeben hat“, erinnert er sich. Die Ausgabe war dann selbstverständlich schnell ausverkauft.

Anfang der 90er-Jahre machte Guhde noch eine Ausbildung zum Erzieher. Seine Kunstlehrerin am Berufskolleg, Isolde Merker, brachte ihn zum Malen. Er arbeitete aber nur kurze Zeit in dem Beruf, weil er sich als Mann in dem Frauenberuf missverstanden fühlte. Er gründete 1996 er seinen Comicverlag und eröffnete ein Jahr später den Comicladen an der Königstraße 33, den er seit der Aufgabe der Geschäftsräume 2009 nebenberuflich weiter führt. „Ich hätte davon leben können, aber mit Familie wurde das immer schwieriger“, erzählt Guhde.

Bis 2006 erschienen zwei Hefte der „Sprühenden Phantasie“ pro Jahr. Die meisten davon sind inzwischen vergriffen. Dann war Schluss. Damals hatte er mit neuseeländischen Punk-Musiker und Zeichner Christ Knox ein Interview geführt. „Er war für mich die größte Person. Ich hatte danach das Gefühl, dass ich das nicht mehr überbieten kann“, begründet er das Ende.

Die Wiederaufnahme hatte einen traurigen Anlass. 2018 war Jürgen Kopperschläger gestorben. Ihm hat Guhde 2019 das erste neue Heft gewidmet. Darin seien seine Zeichnungen enthalten und die von Zeichnern die ihn kannten und Comics über Leviathan in love gestaltet haben. Statt eines Interviews enthielt das Heft eine Biografie.

Das neue Heft enthält ein Best-of von Guhdes eigenen Comics. Das enthält selbstverständlich ebenfalls kein Interview. „Das wäre in der Schriftform und wegen der Ehrlichkeit schwierig geworden.“ Stattdessen hat er zwei neue Seiten gezeichnet. Das sei die wirkliche Herausforderung, denn „ich bin nicht der große Zeichner“, sondern eher Texter, Übersetzer, Publizist und Colorist. Künftig soll wieder jedes halbe Jahr ein neues Heft erscheinen. Guhde wartet aktuell auf die Lieferung aus der Druckerei. In den nächsten Heften will er seine sowohl gegenständliche wie abstrakte Malerei stärker einbringen. „Ich will neue Ideen umsetzen“, sagt der Comic-Spezialist.

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