Sieben Stunden ohne Wasser und Toilette in Isolierzimmer: Patient erhebt schwere Vorwürfe gegen Mindener Klinikum Stefan Koch Minden/Löhne. Ab wann sind die Grenzen des Zumutbaren für Patienten überschritten? Und was passiert, wenn sie Unzumutbares nicht auf sich beruhen lassen wollen? Diese Frage stellte sich für einen Patienten aus Löhne, der Anfang September in der Notaufnahme des Johannes-Wesling-Klinikums eingeliefert wurde. Das Qualitätsmanagement der Gesundheitseinrichtung brauchte mehr als einen Monat für eine Antwort auf sein Beschwerdeschreiben – und bestreitet darin nicht, dass der Betroffene sieben Stunden in einem Isolierraum ohne Toilette verbringen musste.Weil er nach eigenen Angaben dort nur in einen Mülleimer die Notdurft verrichten konnte und keine Getränke bekam, wendete er sich auch an das MT. „Ich möchte, dass es keinem anderem so ergeht wie mir“, sagt der 80-Jährige zu dem Motiv, seinen Fall an die Öffentlichkeit zu bringen. Der Vorfall ereignete sich am 8. September. Wegen einer Durchfallerkrankung veranlasste der Hausarzt nach dem Hausbesuch die Einweisung des Patienten in das Klinikum. „Das musste mit dem Krankentransportdienst erfolgen, weil ich in kurzen Abständen Stuhlgang hatte und liegend transportiert werden musste“, so der Betroffene, der wegen des akuten Krankheitsbildes eine Windel tragen musste. Als er an diesem Tag gegen 15 Uhr in der Notaufnahme anlangte, habe er fortlaufend auf das Problem seines unkontrollierbaren Stuhlgangs hingewiesen, erklärt er gegenüber dem MT. Weitere Zeugen hat er nicht, da keine Angehörigen mitgekommen waren.Nachdem der Bettlägrige seinen Angaben zufolge Stunden später mit einer Ärztin sprechen konnte und sie sich für dessen Unterbringungen in einem isolierten Raum entschieden habe, sei er mit seiner übervollen Windel dorthin geschoben worden. „Da gab es nur ein Bett, mein Gepäck, einen Hocker, zwei Mülleimer und einen Monitor.“ Erst nach längerer Wartezeit sei die Ärztin gekommen, um ihn zu befragen – das Problem der vollen Windeln habe sie erneut ignoriert. „Als ich etwa weitere zwei bis drei Stunden auf Hilfe warten musste, betätigte ich die Notfall-Klingel.“ Nach einer Wartezeit sei dann eine Helferin erschienen, die lediglich darauf hingewiesen habe, dass er den Raum auf keinen Fall verlassen dürfe. „Für mich gab es keine andere Möglichkeit, als meine Notdurft in eine graue, rechteckige Mülltonne zu verrichten, die mit einem handelsüblichen 120 Liter-Müllbeutel ausgestattet war.“ Wegen der Heftigkeit seines Durchfalls sei das sehr oft erforderlich gewesen. „Etwa gegen 21.30 Uhr versuchte ich mich mit bescheidenen Mitteln und den anderen mitgebrachten Windeln selbst zu reinigen“, fährt der Patient fort. Immer noch habe sich niemand um seinen hygienischen Zustand gekümmert und seit seiner Einlieferung habe es auch keine Getränke für ihn gegeben, obwohl sich mehrere volle Flaschen vor seinem Raum befunden hätten. „Gegen 23 Uhr erfuhr ich dann, dass ich nach Bad Oeynhausen verlegt werden muss, weil es in Minden kein geeignetes Isolierzimmer für mich gab.“ Gegen Mitternacht endete dann das Martyrium des Liegendpatienten. Zwei Sanitäterinnen holten ihn ab und brachten ihn in das Krankenhaus Bad Oeynhausen. „Hier sorgte dann ein engagierter Krankenpfleger mit beeindruckend geübten Handgriffen für eine schnelle Säuberung meines Körpers“, erinnert sich der 80-Jährige. Dann sei er erneut in ein Isolierzimmer gekommen. „Dort hatte es dann auch eine Toilette gegeben.“Vor dem Vorfall war der Senior bereits zwei mal in diesem Jahr zur Behandlung ins Mindener Klinikum gekommen, wo er sich einer Strahlentherapie unterziehen musste. Wegen einer länger zurückliegenden Zungenoperation leidet er gelegentlich unter Ausspracheschwierigkeiten – ansonsten hat er keine Pflegestufe und kann sich verständlich machen. „Auch meine Patientenakte ist im Johannes-Wesling-Klinikum erfasst und somit dem Personal zugänglich“, teilt der Löhner mit. Um so unverständlicher ist es ihm, wie es zu der für ihn bedrückenden Situation kommen konnte.Wenige Tage nach dem Vorfall hatte sich der 80-Jährige beim Klinikum beschwert. Für Patientenanliegen ist dort das „Institut für Qualitäts- und Risikomanagement – Lob- und Beschwerdemanagement“ zuständig. Es teilte ihm fünf Wochen später mit, dass nunmehr alle Pflegekräfte der Notaufnahme und die Hauswirtschaftsleitung des Klinikums befragt worden seien – sein Fall könne aber in der dargestellten Form nicht bestätigt werden. Da der Verdacht einer Magen-Darm-Entzündung bestanden habe, seien ihm wegen der Gefahr des Erbrechens keine Flüssigkeiten angeboten worden. Gleichwohl habe er eine Infusionslösung als Flüssigkeitsersatz erhalten.Und auch das MT erhielt vier Wochen nach seiner Anfrage zu dem Fall eine Antwort von der Pressestelle der Mühlenkreiskliniken. Unter anderem heißt es, dass der Patient aus Gründen des Infektionsschutzes allein im Raum geblieben sei, aber darüber informiert worden sei, dass er jederzeit über einen Notfallknopf Hilfe für einen Toilettengang hätte herbeirufen können. Es gebe aber keine Anhaltspunkte, dass er das getan habe. Auch an eine Notdurft in einen Papierkorb könne sich niemand erinnern und ein entsprechender Mülleimer sei nicht gefunden worden. „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren sich einig, dass eine Notdurft im Papierkorb in jedem Fall entdeckt und besprochen worden wäre.“ Trotz der Unterschiede in der Darstellung des Löhners zu den Recherchen im eigenen Haus erklärt das Klinikum, dass es dessen Beschwerde ernst nehme. Ziel sei, dass sich Patienten zeitnah und optimal versorgt und positiv wahrgenommen fühlten. „Dies ist uns in diesem Fall leider nicht zur Gänze gelungen.“

Sieben Stunden ohne Wasser und Toilette in Isolierzimmer: Patient erhebt schwere Vorwürfe gegen Mindener Klinikum

In seltenen Fällen kann es nach der Einweisung in die Notaufnahme zu Pannen kommen. Manche sind derart gravierende, dass sich Betroffene ans MT wenden. MT-Foto: Alexander Lehn © Lehn, Alexander

Minden/Löhne. Ab wann sind die Grenzen des Zumutbaren für Patienten überschritten? Und was passiert, wenn sie Unzumutbares nicht auf sich beruhen lassen wollen? Diese Frage stellte sich für einen Patienten aus Löhne, der Anfang September in der Notaufnahme des Johannes-Wesling-Klinikums eingeliefert wurde. Das Qualitätsmanagement der Gesundheitseinrichtung brauchte mehr als einen Monat für eine Antwort auf sein Beschwerdeschreiben – und bestreitet darin nicht, dass der Betroffene sieben Stunden in einem Isolierraum ohne Toilette verbringen musste.

Weil er nach eigenen Angaben dort nur in einen Mülleimer die Notdurft verrichten konnte und keine Getränke bekam, wendete er sich auch an das MT. „Ich möchte, dass es keinem anderem so ergeht wie mir“, sagt der 80-Jährige zu dem Motiv, seinen Fall an die Öffentlichkeit zu bringen.

Der Vorfall ereignete sich am 8. September. Wegen einer Durchfallerkrankung veranlasste der Hausarzt nach dem Hausbesuch die Einweisung des Patienten in das Klinikum. „Das musste mit dem Krankentransportdienst erfolgen, weil ich in kurzen Abständen Stuhlgang hatte und liegend transportiert werden musste“, so der Betroffene, der wegen des akuten Krankheitsbildes eine Windel tragen musste. Als er an diesem Tag gegen 15 Uhr in der Notaufnahme anlangte, habe er fortlaufend auf das Problem seines unkontrollierbaren Stuhlgangs hingewiesen, erklärt er gegenüber dem MT. Weitere Zeugen hat er nicht, da keine Angehörigen mitgekommen waren.

Nachdem der Bettlägrige seinen Angaben zufolge Stunden später mit einer Ärztin sprechen konnte und sie sich für dessen Unterbringungen in einem isolierten Raum entschieden habe, sei er mit seiner übervollen Windel dorthin geschoben worden. „Da gab es nur ein Bett, mein Gepäck, einen Hocker, zwei Mülleimer und einen Monitor.“ Erst nach längerer Wartezeit sei die Ärztin gekommen, um ihn zu befragen – das Problem der vollen Windeln habe sie erneut ignoriert.

„Als ich etwa weitere zwei bis drei Stunden auf Hilfe warten musste, betätigte ich die Notfall-Klingel.“ Nach einer Wartezeit sei dann eine Helferin erschienen, die lediglich darauf hingewiesen habe, dass er den Raum auf keinen Fall verlassen dürfe. „Für mich gab es keine andere Möglichkeit, als meine Notdurft in eine graue, rechteckige Mülltonne zu verrichten, die mit einem handelsüblichen 120 Liter-Müllbeutel ausgestattet war.“ Wegen der Heftigkeit seines Durchfalls sei das sehr oft erforderlich gewesen.

Malina Reckordt

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„Etwa gegen 21.30 Uhr versuchte ich mich mit bescheidenen Mitteln und den anderen mitgebrachten Windeln selbst zu reinigen“, fährt der Patient fort. Immer noch habe sich niemand um seinen hygienischen Zustand gekümmert und seit seiner Einlieferung habe es auch keine Getränke für ihn gegeben, obwohl sich mehrere volle Flaschen vor seinem Raum befunden hätten. „Gegen 23 Uhr erfuhr ich dann, dass ich nach Bad Oeynhausen verlegt werden muss, weil es in Minden kein geeignetes Isolierzimmer für mich gab.“

Gegen Mitternacht endete dann das Martyrium des Liegendpatienten. Zwei Sanitäterinnen holten ihn ab und brachten ihn in das Krankenhaus Bad Oeynhausen. „Hier sorgte dann ein engagierter Krankenpfleger mit beeindruckend geübten Handgriffen für eine schnelle Säuberung meines Körpers“, erinnert sich der 80-Jährige. Dann sei er erneut in ein Isolierzimmer gekommen. „Dort hatte es dann auch eine Toilette gegeben.“

Vor dem Vorfall war der Senior bereits zwei mal in diesem Jahr zur Behandlung ins Mindener Klinikum gekommen, wo er sich einer Strahlentherapie unterziehen musste. Wegen einer länger zurückliegenden Zungenoperation leidet er gelegentlich unter Ausspracheschwierigkeiten – ansonsten hat er keine Pflegestufe und kann sich verständlich machen. „Auch meine Patientenakte ist im Johannes-Wesling-Klinikum erfasst und somit dem Personal zugänglich“, teilt der Löhner mit. Um so unverständlicher ist es ihm, wie es zu der für ihn bedrückenden Situation kommen konnte.Wenige Tage nach dem Vorfall hatte sich der 80-Jährige beim Klinikum beschwert. Für Patientenanliegen ist dort das „Institut für Qualitäts- und Risikomanagement – Lob- und Beschwerdemanagement“ zuständig. Es teilte ihm fünf Wochen später mit, dass nunmehr alle Pflegekräfte der Notaufnahme und die Hauswirtschaftsleitung des Klinikums befragt worden seien – sein Fall könne aber in der dargestellten Form nicht bestätigt werden. Da der Verdacht einer Magen-Darm-Entzündung bestanden habe, seien ihm wegen der Gefahr des Erbrechens keine Flüssigkeiten angeboten worden. Gleichwohl habe er eine Infusionslösung als Flüssigkeitsersatz erhalten.

Und auch das MT erhielt vier Wochen nach seiner Anfrage zu dem Fall eine Antwort von der Pressestelle der Mühlenkreiskliniken. Unter anderem heißt es, dass der Patient aus Gründen des Infektionsschutzes allein im Raum geblieben sei, aber darüber informiert worden sei, dass er jederzeit über einen Notfallknopf Hilfe für einen Toilettengang hätte herbeirufen können. Es gebe aber keine Anhaltspunkte, dass er das getan habe. Auch an eine Notdurft in einen Papierkorb könne sich niemand erinnern und ein entsprechender Mülleimer sei nicht gefunden worden. „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren sich einig, dass eine Notdurft im Papierkorb in jedem Fall entdeckt und besprochen worden wäre.“

Trotz der Unterschiede in der Darstellung des Löhners zu den Recherchen im eigenen Haus erklärt das Klinikum, dass es dessen Beschwerde ernst nehme. Ziel sei, dass sich Patienten zeitnah und optimal versorgt und positiv wahrgenommen fühlten. „Dies ist uns in diesem Fall leider nicht zur Gänze gelungen.“

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