Sie war die Grande Dame der Mindener Politik: Ilse Finkeldey mit 98 Jahren gestorben Anja Peper Minden. Ilse Finkeldey war nur 1,52 Meter groß, ein zierliches Persönchen. Doch sie war die Grande Dame der Mindener Politik. Ihre Energie füllte ganze Räume aus. Sie hat viel geschafft, was für andere Frauen ihrer Generation undenkbar war. Doch in den vergangenen Wochen ist ihre Kraft geschwunden. Im Alter von 98 Jahren ist Ilse Finkeldey nun gestorben. „Die Hoffnung, dass sie noch einmal zu Kräften kommt, hat sich leider nicht erfüllt", schreibt ihre Tochter Renate Finkeldey. Ihre Mutter sei in der Nacht zu Samstag sehr ruhig und schmerzfrei eingeschlafen. Seit Anfang Juni war sie im Haus Emmaus der Diakonie untergebracht. Vorher lebte sie in einem Altbau mit vier Meter hohen Decken nahe der Innenstadt, es war das denkmalgeschützte Haus ihrer Großeltern. Mit ihr verliert Minden eine der wichtigsten Zeitzeuginnen. Oft wurde Ilse Finkeldey in Schulen eingeladen, um ihre Erinnerungen an den Krieg zu sprechen. Über diese Schicksalsstunden der deutschen Geschichte konnte sie unglaublich packend erzählen. Zuhörer bekamen den Eindruck, als würde sie beschreiben, was sie im gleichen Moment vor ihrem inneren Auge erlebte. „Nie werde ich vergessen, als ..." So begannen viele ihrer Sätze. Unermüdlich warnte sie die Schüler vor den Gefahren des Rechtspopulismus. Noch mit über 90 Jahren berichtete sie, was eine Diktatur bedeutet und „was alleine im kleinen Minden los war". Die Erfahrungen aus der dunklen Zeit ließ sie zu einer überzeugten Demokratin werden. Die Liste ihrer Verdienste für die Allgemeinheit ist lang: langjährige Vorsitzende der Frauenunion, 25 Jahre Ratsmitglied, Gründerin der Seniorenunion Minden. Außerdem war sie 22 Jahre lang ehrenamtliche Richterin am Verwaltungsgericht Minden. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit der Adenauermedaille, dem Ehrenring der Stadt Minden und mit dem Bundesverdienstkreuz. Zumindest gefühlt kannte sie die ganze Stadt. „Zuhause sitzen, das könnte ich nicht", sagte sie zu ihrem 90. Geburtstag. Und sie war – trotz der dunklen Kapitel in ihrem Leben– ein glücklicher Mensch. Auf fast allen privaten Fotos sieht man sie lachen. „Sie konnte sich wirklich leidenschaftlich freuen. Das ist doch eine schöne Lebensbilanz." Für ihre Familie ist das ein Trost. Im Mai 2017 gab sie dem MT ein längeres Interview. Anlass war damals die NRW-Landtagswahl, Ilse Finkeldey war mit 94 Jahren die älteste Wahlhelferin der Stadt. Kerzengerade saß sie beim Gespräch im Lehnstuhl im Wohnzimmer. Diese Frau hat sich nie hängen lassen. Lange bevor der Begriff „Powerfrau" üblich wurde, hatte sie schon die Ärmel hochgekrempelt und gezeigt, was alles geht und machbar ist. In den Nachkriegsjahren musste sie fast rund um die Uhr nähen und flicken, um zu überleben. 1945 wurde das Unternehmen der Familie, eine Maschinenstrickerei, bei einem Luftangriff zerstört. Ilse und ihre Mutter wurden Heimarbeiterinnen, um das Überleben in den Nachkriegsjahren zu sichern. Der Krieg hat auch viel damit zu tun, warum sich Ilse Finkeldey politisch engagierte. Der Schlüsselmoment war 1947, als ihr Mann aus der US-Gefangenschaft zurückkehrte. Er sagte zu ihr: „Irgendwie muss das anders weitergehen hier in Deutschland." Kurz danach hörte das Ehepaar in Herford einen Vortrag von Konrad Adenauer, der von 1949 bis 1963 der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland war. Ilse und Herbert Finkeldey waren begeistert – und diese Begeisterung hielt an. Beide suchten und fanden ihre Aufgaben in der Politik: Er war CDU-Kreisvorsitzender und stellvertretender Landrat, gründete die Gesellschaft für Wehrkunde. Sie mischte 25 Jahre im Mindener Rat mit und gründete 1994 die Senioren-Union. „Zu ihren großen Fähigkeiten gehörte, Kontakte nicht nur zu knüpfen, sondern auch zu pflegen", schreibt ihre Tochter Renate Finkeldey. Zum Beispiel pflegte sie die Kontakte nach Tangermünde. Am 3. Oktober 1990 wurde die Partnerschaft mit Minden geschlossen, der ganze Stadtrat reiste dorthin. Die Wiedervereinigung! Beim Festakt in Tangermünde fragte der damalige Bürgermeister Heinz Röthemeier sie: „Warum heulste denn?" Sie sagte: „Weil ich das noch erleben darf." Viele kannten diese aktive und energiegeladene Frau. Sogar nach dem Schenkelhalsbruch 2018, als viele schon die Kränze bestellen wollten, war sie nach knapp fünf Wochen buchstäblich wieder auf den Beinen. „Sie war dankbar für ihre Möglichkeiten", schreibt die Tochter. Die paar gesundheitlichen Einschränkungen – Schilddrüse, Blutdruck – habe ihr Hausarzt gut regulieren können. Mit dem Rollstuhl hat sie sich nur zögerlich angefreundet. Irgendwann schätzte sie dann doch die Bequemlichkeit. „Sie hat den Leuten zugewinkt, wie die Queen in der Kutsche." Mindestens einmal am Tag habe sie gesagt: „Das ist ja nicht selbstverständlich. Ich bin dem lieben Gott dankbar, dass ich noch so rumlaufen kann."

Sie war die Grande Dame der Mindener Politik: Ilse Finkeldey mit 98 Jahren gestorben

Die Grande Dame der Mindener Kommunalpolitik, Ilse Finkeldey, ist im Alter von 98 Jahren gestorben. Dieses Bild entstand im Jahr 2017 in ihrer Wohnung an der Marienstraße. MT-Archivfoto: Alex Lehn © Lehn,Alexander

Minden. Ilse Finkeldey war nur 1,52 Meter groß, ein zierliches Persönchen. Doch sie war die Grande Dame der Mindener Politik. Ihre Energie füllte ganze Räume aus. Sie hat viel geschafft, was für andere Frauen ihrer Generation undenkbar war. Doch in den vergangenen Wochen ist ihre Kraft geschwunden. Im Alter von 98 Jahren ist Ilse Finkeldey nun gestorben. „Die Hoffnung, dass sie noch einmal zu Kräften kommt, hat sich leider nicht erfüllt", schreibt ihre Tochter Renate Finkeldey. Ihre Mutter sei in der Nacht zu Samstag sehr ruhig und schmerzfrei eingeschlafen. Seit Anfang Juni war sie im Haus Emmaus der Diakonie untergebracht. Vorher lebte sie in einem Altbau mit vier Meter hohen Decken nahe der Innenstadt, es war das denkmalgeschützte Haus ihrer Großeltern.

Mit ihr verliert Minden eine der wichtigsten Zeitzeuginnen. Oft wurde Ilse Finkeldey in Schulen eingeladen, um ihre Erinnerungen an den Krieg zu sprechen. Über diese Schicksalsstunden der deutschen Geschichte konnte sie unglaublich packend erzählen. Zuhörer bekamen den Eindruck, als würde sie beschreiben, was sie im gleichen Moment vor ihrem inneren Auge erlebte. „Nie werde ich vergessen, als ..." So begannen viele ihrer Sätze. Unermüdlich warnte sie die Schüler vor den Gefahren des Rechtspopulismus. Noch mit über 90 Jahren berichtete sie, was eine Diktatur bedeutet und „was alleine im kleinen Minden los war". Die Erfahrungen aus der dunklen Zeit ließ sie zu einer überzeugten Demokratin werden. Die Liste ihrer Verdienste für die Allgemeinheit ist lang: langjährige Vorsitzende der Frauenunion, 25 Jahre Ratsmitglied, Gründerin der Seniorenunion Minden. Außerdem war sie 22 Jahre lang ehrenamtliche Richterin am Verwaltungsgericht Minden. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit der Adenauermedaille, dem Ehrenring der Stadt Minden und mit dem Bundesverdienstkreuz. Zumindest gefühlt kannte sie die ganze Stadt. „Zuhause sitzen, das könnte ich nicht", sagte sie zu ihrem 90. Geburtstag. Und sie war – trotz der dunklen Kapitel in ihrem Leben– ein glücklicher Mensch. Auf fast allen privaten Fotos sieht man sie lachen. „Sie konnte sich wirklich leidenschaftlich freuen. Das ist doch eine schöne Lebensbilanz." Für ihre Familie ist das ein Trost.

Im Mai 2017 gab sie dem MT ein längeres Interview. Anlass war damals die NRW-Landtagswahl, Ilse Finkeldey war mit 94 Jahren die älteste Wahlhelferin der Stadt. Kerzengerade saß sie beim Gespräch im Lehnstuhl im Wohnzimmer. Diese Frau hat sich nie hängen lassen. Lange bevor der Begriff „Powerfrau" üblich wurde, hatte sie schon die Ärmel hochgekrempelt und gezeigt, was alles geht und machbar ist. In den Nachkriegsjahren musste sie fast rund um die Uhr nähen und flicken, um zu überleben. 1945 wurde das Unternehmen der Familie, eine Maschinenstrickerei, bei einem Luftangriff zerstört. Ilse und ihre Mutter wurden Heimarbeiterinnen, um das Überleben in den Nachkriegsjahren zu sichern.


Ständig auf Achse: „Zuhause sitzen, das könnte ich nicht.“ Ilse Finkeldey war ein Energiebündel. MT-Archivfoto Manfred Otto - © Manfred Otto Lehmstichweg 8 32312 Luebbecke
Ständig auf Achse: „Zuhause sitzen, das könnte ich nicht.“ Ilse Finkeldey war ein Energiebündel. MT-Archivfoto Manfred Otto - © Manfred Otto Lehmstichweg 8 32312 Luebbecke

Der Krieg hat auch viel damit zu tun, warum sich Ilse Finkeldey politisch engagierte. Der Schlüsselmoment war 1947, als ihr Mann aus der US-Gefangenschaft zurückkehrte. Er sagte zu ihr: „Irgendwie muss das anders weitergehen hier in Deutschland." Kurz danach hörte das Ehepaar in Herford einen Vortrag von Konrad Adenauer, der von 1949 bis 1963 der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland war. Ilse und Herbert Finkeldey waren begeistert – und diese Begeisterung hielt an. Beide suchten und fanden ihre Aufgaben in der Politik: Er war CDU-Kreisvorsitzender und stellvertretender Landrat, gründete die Gesellschaft für Wehrkunde. Sie mischte 25 Jahre im Mindener Rat mit und gründete 1994 die Senioren-Union.

„Zu ihren großen Fähigkeiten gehörte, Kontakte nicht nur zu knüpfen, sondern auch zu pflegen", schreibt ihre Tochter Renate Finkeldey. Zum Beispiel pflegte sie die Kontakte nach Tangermünde. Am 3. Oktober 1990 wurde die Partnerschaft mit Minden geschlossen, der ganze Stadtrat reiste dorthin. Die Wiedervereinigung! Beim Festakt in Tangermünde fragte der damalige Bürgermeister Heinz Röthemeier sie: „Warum heulste denn?" Sie sagte: „Weil ich das noch erleben darf."

Viele kannten diese aktive und energiegeladene Frau. Sogar nach dem Schenkelhalsbruch 2018, als viele schon die Kränze bestellen wollten, war sie nach knapp fünf Wochen buchstäblich wieder auf den Beinen. „Sie war dankbar für ihre Möglichkeiten", schreibt die Tochter. Die paar gesundheitlichen Einschränkungen – Schilddrüse, Blutdruck – habe ihr Hausarzt gut regulieren können. Mit dem Rollstuhl hat sie sich nur zögerlich angefreundet. Irgendwann schätzte sie dann doch die Bequemlichkeit. „Sie hat den Leuten zugewinkt, wie die Queen in der Kutsche." Mindestens einmal am Tag habe sie gesagt: „Das ist ja nicht selbstverständlich. Ich bin dem lieben Gott dankbar, dass ich noch so rumlaufen kann."

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