Selbsterkenntnis im Verzicht: Sechs Redaktionsmitglieder waren "sieben Wochen ohne" Stefanie Dullweber,Malina Reckordt,Stefan Koch,Jürgen Langenkämper,Vasco Stemmer,Patrick Schwemling Minden. Seit Aschermittwoch haben sechs Redaktionsmitglieder sich im Verzicht geübt. Fasten im 21. Jahrhundert, geht das in der Überflussgesellschaft überhaupt? Gerade in einer Welt, in der scheinbar jeder alles jederzeit haben kann, was legal ist, hat Verzicht viele Gesichter – und manchmal auch seine Tücken. Hier sind die Abschluss-Rapporte zum Karfreitag: Es tut ja doch gar nicht weh! Ich wusste, es wird schwierig auf das Handy fast komplett zu verzichten. Es ist für so viel Nützliches gut, aber eben auch für so viel sinnlosen Zeitvertreib. Ich hatte mir ein Limit von maximal 30 Minuten Bildschirmzeit pro Tag gesetzt und in den ersten Tagen akribisch darauf geachtet. Dann sind aber immer wieder Situationen aufgetreten, in denen ich das Handy tatsächlich brauchte. Und als dann auch der Medienpädagoge Lukas Opheiden dazu geraten hat, nicht alles an der Bildschirmzeit festzumachen, waren die 30 Minuten Geschichte. Stattdessen habe ich eine besonders zeitraubende App komplett deaktiviert. Das war bei mir mit Abstand Instagram. Innerhalb von Sekunden habe ich mein Konto deaktiviert und damit die Möglichkeit endgültig aus dem Weg geräumt, rückfällig zu werden. Endgültig zumindest für den Rest der Fastenzeit, das waren bei mir fünf Wochen. Wann und ob ich Instagram wieder aktiviere, steht noch in den Sternen. Vermisse tue ich es auf jeden Fall nicht, und Situationen, in denen ich gerne etwas mit anderen Menschen geteilt hätte, gab es auch nicht. Auf das Geblubber von Selbstdarstellern, Möchtegern-Influencern und Rabattcode-Verteilern zu verzichten, tut tatsächlich auch mal gut. Die Digitale Entgiftung scheint bei mir dennoch keinen großen Effekt zu haben, bestimmte Dinge werde ich aber versuchen zu etablieren. Erstens, dass man nicht rund um die Uhr erreichbar sein muss. Bei Spaziergängen oder Treffen mit Freunden kann das Handy getrost zu Hause bleiben. Zweitens, dass ich das Smartphone öfter vom Schreibtisch verbanne. Seitdem bin ich nämlich deutlich konzentrierter. Sollte es nicht klappen, gibt es nächstes Jahr eben ein Digital Detox 2.0. Allen Menschen, die auch zu viel bei Instagram rumhängen, kann ich nur raten, verzichtet mal ein paar Tage drauf. Keine Sorge, es tut nicht weh! (mre) Gemüse ist ab jetzt mein Fleisch Fast sieben Wochen kein Fleisch, keine Milch, kein Käse – kurzum: keinerlei tierische Produkte. Ich habe mich in der Fastenzeit ausschließlich vegan ernährt, was im Vorfeld nach einer unglaublichen Herausforderung klang. War es das auch? Eigentlich nicht. Na klar, gerade in den letzten Tagen, als das gute Wetter dazu einlud, ein Steak auf den Grill zu werfen, musste ich richtig stark bleiben. Die vielen Wochen zuvor vergingen jedoch nicht nur im Flug, sie veränderten den Blick auf meine Ernährung nachhaltig. Muss die Wurst wirklich in den Eintopf? Nein! Dürfen es Sojaschnitzel statt Hackfleisch sein? Ja! Ohne dieses Fasten-Experiment hätte ich mir solche Fragen wohl nie gestellt, mich nie so sehr mit veganer Ernährung beschäftigt. Für mich steht schon länger fest: In vielerlei Hinsicht will und werde ich mich weiterhin vor allem pflanzlich ernähren, den Fleischkonsum reduzieren – aber nicht zu 100 Prozent. In manchen Situationen ist es mir zu anstrengend, manche Produkte vermisse ich zu sehr. Beispiele gefällig? Die Pizza meines Lieblings-Italieners ist nicht vegan, und sie wird es auch nicht werden. Und selbst wenn er irgendwann veganen Käse drauflegen würde, es wäre nicht dasselbe. Wir haben in der Zeit mehrfach vegane Pizzen selbst gemacht und Käse-Ersatzprodukte ausprobiert. Egal ob gerieben oder als Scheibe – das war alles nichts. Nichtsdestotrotz bin ich mir sicher, dass ich auch in der nächsten Zeit weiter ganz genau auf das „Vegan"-Label achten werde, und die Lieblingsprodukte der letzten Wochen weiterhin einen Platz im Einkaufskorb finden werden. Eins kann ich nämlich sagen: Ab jetzt ist Gemüse mein Fleisch. (ps) Pfunde verloren, Freiheit gewonnen Kaffeefasten hatte ich angekündigt und die Bewunderung von Kollegen geerntet, aber auch Zweifel, ob ich das durchhalte. Um es kurz zu machen: Habe ich! Und es war kinderleicht. Kein Gedanke ans Aufgeben. Der Pandemie und dem Homeoffice sei dank! Der Ausbruch aus tief verwurzelten Gewohnheiten wurde dadurch leichter. Und das hat mich schon nach wenigen Tagen ermutigt, heimlich ein für mich viel wichtigeres Experiment zu starten: Abnehmen! Ich hatte das schon mal während der Fastenzeit erreicht, 2007, „Sieben Woche ohne ...", einem Aufruf folgend, mal sieben Wochen auf Hartz-IV-Niveau zu leben. Knapp 110 Euro für Lebensmittel. Das war phasenweise hart. Sieben Kilo hatte ich damals verloren und war am Ende heilfroh, dass die Zeit vorbei war. Die Pfunde waren nachher in der Hälfte der Zeit wieder da – ging ganz leicht. Ich hätte es gern noch mal dauerhaft versucht, aber ich habe mich nie wieder an diesen Weg herangetraut. Hartz IV ist keine Diät, Hartz IV ist eine Qual. Und damit will ich mich über nichts und niemanden lustig machen. So entschied ich mich für Intervallfasten, aber nicht von 18 bis 10 Uhr ohne Essen, sondern von 18 bis 12 Uhr, also zwei Stunden länger als üblich. Und ich muss sagen: Das hat sehr gut geklappt. Ich hatte keine Probleme mit einem leeren Magen am Morgen. Vor allem am Abend ging das sehr gut. An einigen Tagen war die letzte Mahlzeit vor 15 Uhr – also 21 Stunden ohne feste Nahrung. Auf Alkohol verzichte ich seit Monaten nahezu gänzlich, auf zuckerhaltige Softdrinks ohnehin. Das Ziel war, in der Zeit den Body-Mass-Index um zwei Punkte zu reduzieren – bei meiner Größe 6,67 Kilogramm. Das soll einen guten Effekt für die Gesundheit erbringen, sagen Mediziner. Obwohl zwischenzeitlich meine Hochrechnung auch zehn Kilo möglich erscheinen ließ, werden es jetzt wohl nur elf Pfund. Ziel verfehlt, ließe sich sagen, aber ich fühle mich sehr viel wohler und fitter als vorher. Ich habe viel seelische Freiheit und körperliche Bewegungsfreude zurückgewonnen. Ich will das Maßhalten und den Verzicht samt mehr Bewegung fortsetzen und eine nachhaltige Verhaltensänderung bewirken. Dabei hat das Homeoffice – und das Verständnis und die Unterstützung durch meine Frau – sehr geholfen, wenngleich der Lockdown derzeit ausgiebige Abendspaziergänge einengt. (lkp) Lange Auszeit vom„Lagerfeuer der Familie" Mein Verzicht aufs Fernsehen war der Verlust auf den Platz am „Lagerfeuer der Familie". Auf diese bemerkenswerte Formulierung stieß ich im Interview mit Uwe Sander, der als Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Bielefeld ein Experte für Medienpädagogik ist. Das Interview führte ich im Rahmen dieser Fastenserie (MT vom 31. März). Während sich meine Familie vor den üblichen Fernsehkrimis und Doku-Sendungen versammelte, beschäftigte ich mich abends einsam mit Computerspielen, nutzte allein Radio-Apps, Podcasts und Youtube oder hörte Musik vor mich hin. Mein medialer Horizont ist dadurch allerdings gewachsen, und ich bekam es mit wesentlich interessanteren Inhalten zu tun, als der Dauerstrom des Sendeprogramms in gleicher Zeit mir hätte bieten können. Ich denke deshalb, dass langfristig immer weniger Menschen zu einer vom Programm festgelegten Zeit fernsehen wollen, weil es daneben wesentlich spannendere Angebote gibt, die rund um die Uhr verfügbar sind. Ob da die Mediatheken der Sender, auf die ich in der Fastenzeit auch nicht zugegriffen habe, den verlorenen Boden zurückerobern können, bezweifele ich. Trotzdem wird das Fernsehen – auch wenn ich gelegentlich davor einschlafe – Teil meines Alltags bleiben. Das liegt nicht nur daran, dass mir das Lagerfeuer und der damit verbundene bequeme Platz auf dem Sofa am Feierabend fehlen. Das Fernsehen vermittelt mir auch das Gefühl der Teilhabe am aktuellen Geschehen draußen vor der Tür – und das kommt bei der selbstbestimmten Nutzung digitaler Inhalte einfach nicht auf. Das Atomunglück von Fukushima, die Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean, die Terroranschläge am 11. September 2001 oder wesentlich banalere Ereignisse einfach nur übers Smartphone wahrnehmen? Undenkbar. (sk) Doppelter Verzicht und ein reaktiviertes Laster Geschafft! Der Kühlschrank ist heute gefüllt, mit all den leckeren Sachen, auf die ich aber in den letzten Wochen verzichtet habe. Vegane Fertigschnitzel, Milchreis und Pudding. Das süße Leben hat mich wieder. In der Fastenzeit hatte ich dem Einwegplastik abgeschworen. Weil ich offenbar eine masochistische Ader habe, ist daraus dann aber ein Doppelverzicht geworden. Ich habe auch zugesetztem Zucker entsagt. Ob ich diese Kombination empfehlen kann? Eher nicht. Denn der Plastikverzicht ist schon schwierig genug, und die Kombination kann frustrierend wirken. Dabei habe ich gar nicht komplett auf Plastik verzichtet, sondern nur versucht, keinen neuen Verpackungsmüll zu produzieren. Ausnahmen gab es gefühlt nur selten, trotzdem sind in den letzten Wochen einige Verpackungen in meiner Box der Schande gelandet. Meist stammten sie von Dingen, die akut benötigt wurden. Zum Beispiel eine Druckerpatrone für Dokumente und einen Spezialreiniger für den Teppich. Als eines Tages der unverpackte Reis alle, der Unverpackt-Laden geschlossen und ich genervt war, kam auch in der Küche eins zum anderen – und eine weitere Plastiktüte in die Box. Außerdem trudelten online bestellte Schallplatten ein, die in Folie eingeschweißt waren. Wie häufig Secondhand-Kleidung von privaten Verkäufern in Plastik eingewickelt wird, fand ich ziemlich erstaunlich. Komplett auf Plastik zu verzichten, halte ich für unrealistisch. Es ausprobiert zu haben, bereue ich keineswegs, und dass ich es recht ordentlich durchgezogen habe, macht mich ein bisschen stolz. Hätte meine Frau nicht mitgemacht, wäre meine Motivation sicher schon früh dahin gewesen. Zusammen klappt es eindeutig besser. Eine Schattenseite gibt es aber: Es fehlte in stressigen Situationen die Nervennahrung. Und da ich in der Zeit einigen Stresssituationen ausgesetzt war, hab ich des Öfteren zur Zigarette gegriffen. Darum folgt jetzt für mich ein neues Experiment: Rauchentwöhnung durch Hypnosetherapie. (vas) Mit Konsum-Verzicht in Woche fünf gescheitert Meine Kollegen sind echte Streber – oder sie haben mehr Durchhaltevermögen als ich. Das Fasten-Experiment ist in Woche fünf gescheitert. Wenn es keinen Lockdown gegeben hätte, wäre ich vermutlich schon früher rückfällig geworden. Ich gebe zu: Ich habe es nicht geschafft, sieben Wochen auf Konsum zu verzichten. Zunächst hat es mich geärgert, wenn der Paketbote klingelte und Bestellungen für meinen Mann lieferte. Meine Laune war im Keller. Um mich aufzuheitern, überreichte mir der Göttergatte eines Tages die Turnschuhe, mit denen ich ihm in den Ohren gelegen hatte. Ok, schlechte Laune verbreiten, um sich dann etwas schenken zu lassen, ist sicherlich nicht der Sinn von Konsum-Fasten. Egal. Und dann kam der Tag, als meine Mutter mich losschickte, um ihr Mozartkugeln zu kaufen. Und da standen sie, diese wunderschönen Gartenlampen, die sich perfekt unter unserem Baum machen würden. Die alten waren schäbig. Und so landeten zwei Exemplare in meinem Einkaufswagen. Schlechtes Gewissen – Fehlanzeige. Schließlich gibt es bei diesem Experiment nichts zu gewinnen. Jetzt muss mir wahrscheinlich den Spott der Kollegen anhören. Aber auch dafür habe ich eine Lösung: Ich entschwinde für ein paar Tage ins Homeoffice und betreibe Kollegen-Fasten. (sbo)

Selbsterkenntnis im Verzicht: Sechs Redaktionsmitglieder waren "sieben Wochen ohne"

© Engin Akyurt auf Pixabay

Minden. Seit Aschermittwoch haben sechs Redaktionsmitglieder sich im Verzicht geübt. Fasten im 21. Jahrhundert, geht das in der Überflussgesellschaft überhaupt? Gerade in einer Welt, in der scheinbar jeder alles jederzeit haben kann, was legal ist, hat Verzicht viele Gesichter – und manchmal auch seine Tücken. Hier sind die Abschluss-Rapporte zum Karfreitag:

Es tut ja doch gar nicht weh!

- © Grafik: Alex Lehn
© Grafik: Alex Lehn

Ich wusste, es wird schwierig auf das Handy fast komplett zu verzichten. Es ist für so viel Nützliches gut, aber eben auch für so viel sinnlosen Zeitvertreib. Ich hatte mir ein Limit von maximal 30 Minuten Bildschirmzeit pro Tag gesetzt und in den ersten Tagen akribisch darauf geachtet. Dann sind aber immer wieder Situationen aufgetreten, in denen ich das Handy tatsächlich brauchte. Und als dann auch der Medienpädagoge Lukas Opheiden dazu geraten hat, nicht alles an der Bildschirmzeit festzumachen, waren die 30 Minuten Geschichte.

- © Reinhard Thrainer auf Pixabay

- © Reinhard Thrainer auf Pixabay

Stattdessen habe ich eine besonders zeitraubende App komplett deaktiviert. Das war bei mir mit Abstand Instagram. Innerhalb von Sekunden habe ich mein Konto deaktiviert und damit die Möglichkeit endgültig aus dem Weg geräumt, rückfällig zu werden. Endgültig zumindest für den Rest der Fastenzeit, das waren bei mir fünf Wochen. Wann und ob ich Instagram wieder aktiviere, steht noch in den Sternen. Vermisse tue ich es auf jeden Fall nicht, und Situationen, in denen ich gerne etwas mit anderen Menschen geteilt hätte, gab es auch nicht. Auf das Geblubber von Selbstdarstellern, Möchtegern-Influencern und Rabattcode-Verteilern zu verzichten, tut tatsächlich auch mal gut.

Die Digitale Entgiftung scheint bei mir dennoch keinen großen Effekt zu haben, bestimmte Dinge werde ich aber versuchen zu etablieren. Erstens, dass man nicht rund um die Uhr erreichbar sein muss. Bei Spaziergängen oder Treffen mit Freunden kann das Handy getrost zu Hause bleiben. Zweitens, dass ich das Smartphone öfter vom Schreibtisch verbanne. Seitdem bin ich nämlich deutlich konzentrierter. Sollte es nicht klappen, gibt es nächstes Jahr eben ein Digital Detox 2.0. Allen Menschen, die auch zu viel bei Instagram rumhängen, kann ich nur raten, verzichtet mal ein paar Tage drauf. Keine Sorge, es tut nicht weh! (mre)

Gemüse ist ab jetzt mein Fleisch

Fast sieben Wochen kein Fleisch, keine Milch, kein Käse – kurzum: keinerlei tierische Produkte. Ich habe mich in der Fastenzeit ausschließlich vegan ernährt, was im Vorfeld nach einer unglaublichen Herausforderung klang. War es das auch? Eigentlich nicht.

Na klar, gerade in den letzten Tagen, als das gute Wetter dazu einlud, ein Steak auf den Grill zu werfen, musste ich richtig stark bleiben. Die vielen Wochen zuvor vergingen jedoch nicht nur im Flug, sie veränderten den Blick auf meine Ernährung nachhaltig. Muss die Wurst wirklich in den Eintopf? Nein! Dürfen es Sojaschnitzel statt Hackfleisch sein? Ja!

Ohne dieses Fasten-Experiment hätte ich mir solche Fragen wohl nie gestellt, mich nie so sehr mit veganer Ernährung beschäftigt. Für mich steht schon länger fest: In vielerlei Hinsicht will und werde ich mich weiterhin vor allem pflanzlich ernähren, den Fleischkonsum reduzieren – aber nicht zu 100 Prozent. In manchen Situationen ist es mir zu anstrengend, manche Produkte vermisse ich zu sehr.

Beispiele gefällig? Die Pizza meines Lieblings-Italieners ist nicht vegan, und sie wird es auch nicht werden. Und selbst wenn er irgendwann veganen Käse drauflegen würde, es wäre nicht dasselbe. Wir haben in der Zeit mehrfach vegane Pizzen selbst gemacht und Käse-Ersatzprodukte ausprobiert. Egal ob gerieben oder als Scheibe – das war alles nichts.

Nichtsdestotrotz bin ich mir sicher, dass ich auch in der nächsten Zeit weiter ganz genau auf das „Vegan"-Label achten werde, und die Lieblingsprodukte der letzten Wochen weiterhin einen Platz im Einkaufskorb finden werden. Eins kann ich nämlich sagen: Ab jetzt ist Gemüse mein Fleisch. (ps)

Pfunde verloren, Freiheit gewonnen

Kaffeefasten hatte ich angekündigt und die Bewunderung von Kollegen geerntet, aber auch Zweifel, ob ich das durchhalte. Um es kurz zu machen: Habe ich! Und es war kinderleicht. Kein Gedanke ans Aufgeben. Der Pandemie und dem Homeoffice sei dank! Der Ausbruch aus tief verwurzelten Gewohnheiten wurde dadurch leichter.

Und das hat mich schon nach wenigen Tagen ermutigt, heimlich ein für mich viel wichtigeres Experiment zu starten: Abnehmen! Ich hatte das schon mal während der Fastenzeit erreicht, 2007, „Sieben Woche ohne ...", einem Aufruf folgend, mal sieben Wochen auf Hartz-IV-Niveau zu leben. Knapp 110 Euro für Lebensmittel. Das war phasenweise hart. Sieben Kilo hatte ich damals verloren und war am Ende heilfroh, dass die Zeit vorbei war. Die Pfunde waren nachher in der Hälfte der Zeit wieder da – ging ganz leicht.

Ich hätte es gern noch mal dauerhaft versucht, aber ich habe mich nie wieder an diesen Weg herangetraut. Hartz IV ist keine Diät, Hartz IV ist eine Qual. Und damit will ich mich über nichts und niemanden lustig machen.

So entschied ich mich für Intervallfasten, aber nicht von 18 bis 10 Uhr ohne Essen, sondern von 18 bis 12 Uhr, also zwei Stunden länger als üblich. Und ich muss sagen: Das hat sehr gut geklappt. Ich hatte keine Probleme mit einem leeren Magen am Morgen. Vor allem am Abend ging das sehr gut. An einigen Tagen war die letzte Mahlzeit vor 15 Uhr – also 21 Stunden ohne feste Nahrung. Auf Alkohol verzichte ich seit Monaten nahezu gänzlich, auf zuckerhaltige Softdrinks ohnehin.

Das Ziel war, in der Zeit den Body-Mass-Index um zwei Punkte zu reduzieren – bei meiner Größe 6,67 Kilogramm. Das soll einen guten Effekt für die Gesundheit erbringen, sagen Mediziner. Obwohl zwischenzeitlich meine Hochrechnung auch zehn Kilo möglich erscheinen ließ, werden es jetzt wohl nur elf Pfund. Ziel verfehlt, ließe sich sagen, aber ich fühle mich sehr viel wohler und fitter als vorher. Ich habe viel seelische Freiheit und körperliche Bewegungsfreude zurückgewonnen. Ich will das Maßhalten und den Verzicht samt mehr Bewegung fortsetzen und eine nachhaltige Verhaltensänderung bewirken. Dabei hat das Homeoffice – und das Verständnis und die Unterstützung durch meine Frau – sehr geholfen, wenngleich der Lockdown derzeit ausgiebige Abendspaziergänge einengt. (lkp)

Lange Auszeit vom„Lagerfeuer der Familie"

Mein Verzicht aufs Fernsehen war der Verlust auf den Platz am „Lagerfeuer der Familie". Auf diese bemerkenswerte Formulierung stieß ich im Interview mit Uwe Sander, der als Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Bielefeld ein Experte für Medienpädagogik ist. Das Interview führte ich im Rahmen dieser Fastenserie (MT vom 31. März).

Während sich meine Familie vor den üblichen Fernsehkrimis und Doku-Sendungen versammelte, beschäftigte ich mich abends einsam mit Computerspielen, nutzte allein Radio-Apps, Podcasts und Youtube oder hörte Musik vor mich hin. Mein medialer Horizont ist dadurch allerdings gewachsen, und ich bekam es mit wesentlich interessanteren Inhalten zu tun, als der Dauerstrom des Sendeprogramms in gleicher Zeit mir hätte bieten können. Ich denke deshalb, dass langfristig immer weniger Menschen zu einer vom Programm festgelegten Zeit fernsehen wollen, weil es daneben wesentlich spannendere Angebote gibt, die rund um die Uhr verfügbar sind. Ob da die Mediatheken der Sender, auf die ich in der Fastenzeit auch nicht zugegriffen habe, den verlorenen Boden zurückerobern können, bezweifele ich.

Trotzdem wird das Fernsehen – auch wenn ich gelegentlich davor einschlafe – Teil meines Alltags bleiben. Das liegt nicht nur daran, dass mir das Lagerfeuer und der damit verbundene bequeme Platz auf dem Sofa am Feierabend fehlen. Das Fernsehen vermittelt mir auch das Gefühl der Teilhabe am aktuellen Geschehen draußen vor der Tür – und das kommt bei der selbstbestimmten Nutzung digitaler Inhalte einfach nicht auf. Das Atomunglück von Fukushima, die Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean, die Terroranschläge am 11. September 2001 oder wesentlich banalere Ereignisse einfach nur übers Smartphone wahrnehmen? Undenkbar. (sk)

Doppelter Verzicht und ein reaktiviertes Laster

Geschafft! Der Kühlschrank ist heute gefüllt, mit all den leckeren Sachen, auf die ich aber in den letzten Wochen verzichtet habe. Vegane Fertigschnitzel, Milchreis und Pudding. Das süße Leben hat mich wieder.

In der Fastenzeit hatte ich dem Einwegplastik abgeschworen. Weil ich offenbar eine masochistische Ader habe, ist daraus dann aber ein Doppelverzicht geworden. Ich habe auch zugesetztem Zucker entsagt. Ob ich diese Kombination empfehlen kann? Eher nicht. Denn der Plastikverzicht ist schon schwierig genug, und die Kombination kann frustrierend wirken. Dabei habe ich gar nicht komplett auf Plastik verzichtet, sondern nur versucht, keinen neuen Verpackungsmüll zu produzieren.

Ausnahmen gab es gefühlt nur selten, trotzdem sind in den letzten Wochen einige Verpackungen in meiner Box der Schande gelandet. Meist stammten sie von Dingen, die akut benötigt wurden. Zum Beispiel eine Druckerpatrone für Dokumente und einen Spezialreiniger für den Teppich. Als eines Tages der unverpackte Reis alle, der Unverpackt-Laden geschlossen und ich genervt war, kam auch in der Küche eins zum anderen – und eine weitere Plastiktüte in die Box. Außerdem trudelten online bestellte Schallplatten ein, die in Folie eingeschweißt waren. Wie häufig Secondhand-Kleidung von privaten Verkäufern in Plastik eingewickelt wird, fand ich ziemlich erstaunlich.

Komplett auf Plastik zu verzichten, halte ich für unrealistisch. Es ausprobiert zu haben, bereue ich keineswegs, und dass ich es recht ordentlich durchgezogen habe, macht mich ein bisschen stolz. Hätte meine Frau nicht mitgemacht, wäre meine Motivation sicher schon früh dahin gewesen. Zusammen klappt es eindeutig besser.

Eine Schattenseite gibt es aber: Es fehlte in stressigen Situationen die Nervennahrung. Und da ich in der Zeit einigen Stresssituationen ausgesetzt war, hab ich des Öfteren zur Zigarette gegriffen. Darum folgt jetzt für mich ein neues Experiment: Rauchentwöhnung durch Hypnosetherapie. (vas)

Mit Konsum-Verzicht in Woche fünf gescheitert

Meine Kollegen sind echte Streber – oder sie haben mehr Durchhaltevermögen als ich. Das Fasten-Experiment ist in Woche fünf gescheitert.

Wenn es keinen Lockdown gegeben hätte, wäre ich vermutlich schon früher rückfällig geworden. Ich gebe zu: Ich habe es nicht geschafft, sieben Wochen auf Konsum zu verzichten.

Zunächst hat es mich geärgert, wenn der Paketbote klingelte und Bestellungen für meinen Mann lieferte. Meine Laune war im Keller. Um mich aufzuheitern, überreichte mir der Göttergatte eines Tages die Turnschuhe, mit denen ich ihm in den Ohren gelegen hatte. Ok, schlechte Laune verbreiten, um sich dann etwas schenken zu lassen, ist sicherlich nicht der Sinn von Konsum-Fasten. Egal.

Und dann kam der Tag, als meine Mutter mich losschickte, um ihr Mozartkugeln zu kaufen. Und da standen sie, diese wunderschönen Gartenlampen, die sich perfekt unter unserem Baum machen würden. Die alten waren schäbig. Und so landeten zwei Exemplare in meinem Einkaufswagen. Schlechtes Gewissen – Fehlanzeige. Schließlich gibt es bei diesem Experiment nichts zu gewinnen. Jetzt muss mir wahrscheinlich den Spott der Kollegen anhören. Aber auch dafür habe ich eine Lösung: Ich entschwinde für ein paar Tage ins Homeoffice und betreibe Kollegen-Fasten. (sbo)

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