Seine Kunst polarisiert: Wilfried Hagebölling wird 80 Jahre alt Ursula Koch Minden. Trotzig reckt das Keilstück seine rostige Haut in den Himmel über dem Martinikirchhof. Seit die Stahl-Skulptur im Herbst gereinigt wurde, haben die Mindener offenbar eine neue Form der Auseinandersetzung entdeckt. Fußspuren auf der hoch hinauf ragenden Schräge deuten darauf hin, dass zumindest eine Person das Kunstwerk als sportliche Herausforderung verstanden hat. Seit die Skulptur 1987 in der Oberen Altstadt aufgestellt wurde, war sie häufig Stein des Anstoßes, bis hin zum Wahlkampfthema. Mit dem Ansinnen, die Kunst vom Martinikirchhof zu verbannen, ist die CDU allerdings 2001 vor dem Oberlandesgericht in Hamm krachend gescheitert. Die Reinigung hat die Stadt zum richtigen Zeitpunkt in Auftrag gegeben, denn der Bildhauer Wilfried Hagebölling, der in Paderborn lebt und arbeitet, feiert heute seinen 80. Geburtstag. Anders als zum 70. – damals hatte die Galerie am Abdinghof in seiner Heimatstadt einen Überblick seines Schaffens seit den 70er Jahren präsentiert – gibt es allerdings keine große Ausstellung. Das hat Corona verhindert. Stattdessen öffnet Hagebölling wieder bis Oktober seinen Skulpturenpark in Sennelager jeden ersten Sonntag im Monat (15 bis 18 Uhr) für Besucher. Dort umgeben nicht Pflaster und buntes Blech seine begehbaren Arbeiten, sondern bildet der Rost die Komplementärfarbe zu sattem Gras und hohen Bäumen. Seit 2001 fordern die Stahlkolosse die Besucher dazu heraus, die Landschaft beim Durchschreiten der Kunst aus immer neuen Perspektiven zu betrachten. Der private Garten bildet quasi die Pufferzone zwischen der Bundesstraße im Ortsteil Sennelager und dem angrenzenden Naturschutzgebiet. 2015 ist dieser Ort in das Europäische Gartennetzwerk aufgenommen worden. Zu dem gehören in Ostwestfalen-Lippe 14 grüne Oasen, vom Gräflichen Park Bad Driburg bis zum Botanischen Garten Bielefeld. In Deutschland steht er in einer Reihe mit dem Kasseler Bergpark Wilhelmshöhe oder der Liebermann-Villa in Berlin. Seine Kunst hat nicht nur in Minden für Diskussionen gesorgt, sondern auch in seinem Heimatstadt, als er einen Stahlkäfig, einer Isolierzelle wie sie von US-Truppen in dem berüchtigten Gefängnis Abu Ghureib in Bagdad nachempfunden, auf einem Schulhof aufstellte. Das Werk löste 2009 auch bei der Ausstellung „Colossal“, die Marta-Gründungsdirektor Jan Hoet zum Jubiläum der Varus-Schlacht rund um Osnabrück kuratiert hatte, eine hitzige Debatte über den Standort in der Osnabrücker Innenstadt aus. Das zweite Werk dagegen, vier riesige Stahlplatten auf einem Acker in der Nähe von Belm, zeigen die andere Seite Hageböllings. Die beweglichen, auf nicht zentrischen Achsen montierten Platten, laden zur spielerischen Landschaftsbetrachtung ein, wie es auch sein Werk „Ein neuer Ort“, das 2010 in einem Kulturzentrum in Springe aufgestellt wurde. Diese bewegliche Arbeiten gehe auf Entwürfe zurück, die bereits in den 1970er Jahren entstanden. Hagebölling, am 9. Juni 1941 in Berlin geboren, hatte bei Robert Jacobsen an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert (1963-1967). Zehn Jahre später erhielt er einen Lehrauftrag an der Universität-Gesamthochschule Paderborn im Fachbereich Architektur/Landschaftspflege, den er zehn Jahre lang ausübte. 1981 widmete ihm das Lippische Landesmuseum eine Einzelausstellung, 1986 die Städtische Kunsthalle Mannheim. Für die Kunsthalle Bielefeld realisierte er 1988 eine große temporäre Arbeit, mit der er die Dominanz des rechten Winkels brechen wollte. Ähnlich ging er fünf Jahre später auch im Museum am Ostwall in Dortmund vor. Neben den Skulpturen bilden Zeichnungen eine eigene Werkgruppe. Auch für sie sind der menschliche Körper die Bezugsgröße, wie die Schrittlänge oder der Radius, der durch die Armlänge bestimmt ist. Hageböllings Werke sind in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten – von der Kunsthalle Bremen bis zur Kunstsammlung der Bundesrepublik Deutschland. 2012 wurde ihm der Verdienstorden des Landes NRW verliehen.

Seine Kunst polarisiert: Wilfried Hagebölling wird 80 Jahre alt

Erfreut betrachtet Wilfried Hagebölling im September das Ergebnis der Reinigung des „Keilstücks“ auf dem Martinikirchhof. MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. Trotzig reckt das Keilstück seine rostige Haut in den Himmel über dem Martinikirchhof. Seit die Stahl-Skulptur im Herbst gereinigt wurde, haben die Mindener offenbar eine neue Form der Auseinandersetzung entdeckt. Fußspuren auf der hoch hinauf ragenden Schräge deuten darauf hin, dass zumindest eine Person das Kunstwerk als sportliche Herausforderung verstanden hat. Seit die Skulptur 1987 in der Oberen Altstadt aufgestellt wurde, war sie häufig Stein des Anstoßes, bis hin zum Wahlkampfthema. Mit dem Ansinnen, die Kunst vom Martinikirchhof zu verbannen, ist die CDU allerdings 2001 vor dem Oberlandesgericht in Hamm krachend gescheitert.

Die Reinigung hat die Stadt zum richtigen Zeitpunkt in Auftrag gegeben, denn der Bildhauer Wilfried Hagebölling, der in Paderborn lebt und arbeitet, feiert heute seinen 80. Geburtstag. Anders als zum 70. – damals hatte die Galerie am Abdinghof in seiner Heimatstadt einen Überblick seines Schaffens seit den 70er Jahren präsentiert – gibt es allerdings keine große Ausstellung. Das hat Corona verhindert.

Stattdessen öffnet Hagebölling wieder bis Oktober seinen Skulpturenpark in Sennelager jeden ersten Sonntag im Monat (15 bis 18 Uhr) für Besucher. Dort umgeben nicht Pflaster und buntes Blech seine begehbaren Arbeiten, sondern bildet der Rost die Komplementärfarbe zu sattem Gras und hohen Bäumen. Seit 2001 fordern die Stahlkolosse die Besucher dazu heraus, die Landschaft beim Durchschreiten der Kunst aus immer neuen Perspektiven zu betrachten. Der private Garten bildet quasi die Pufferzone zwischen der Bundesstraße im Ortsteil Sennelager und dem angrenzenden Naturschutzgebiet.


2015 ist dieser Ort in das Europäische Gartennetzwerk aufgenommen worden. Zu dem gehören in Ostwestfalen-Lippe 14 grüne Oasen, vom Gräflichen Park Bad Driburg bis zum Botanischen Garten Bielefeld. In Deutschland steht er in einer Reihe mit dem Kasseler Bergpark Wilhelmshöhe oder der Liebermann-Villa in Berlin.

Seine Kunst hat nicht nur in Minden für Diskussionen gesorgt, sondern auch in seinem Heimatstadt, als er einen Stahlkäfig, einer Isolierzelle wie sie von US-Truppen in dem berüchtigten Gefängnis Abu Ghureib in Bagdad nachempfunden, auf einem Schulhof aufstellte. Das Werk löste 2009 auch bei der Ausstellung „Colossal“, die Marta-Gründungsdirektor Jan Hoet zum Jubiläum der Varus-Schlacht rund um Osnabrück kuratiert hatte, eine hitzige Debatte über den Standort in der Osnabrücker Innenstadt aus.

Das zweite Werk dagegen, vier riesige Stahlplatten auf einem Acker in der Nähe von Belm, zeigen die andere Seite Hageböllings. Die beweglichen, auf nicht zentrischen Achsen montierten Platten, laden zur spielerischen Landschaftsbetrachtung ein, wie es auch sein Werk „Ein neuer Ort“, das 2010 in einem Kulturzentrum in Springe aufgestellt wurde. Diese bewegliche Arbeiten gehe auf Entwürfe zurück, die bereits in den 1970er Jahren entstanden.

Hagebölling, am 9. Juni 1941 in Berlin geboren, hatte bei Robert Jacobsen an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert (1963-1967). Zehn Jahre später erhielt er einen Lehrauftrag an der Universität-Gesamthochschule Paderborn im Fachbereich Architektur/Landschaftspflege, den er zehn Jahre lang ausübte. 1981 widmete ihm das Lippische Landesmuseum eine Einzelausstellung, 1986 die Städtische Kunsthalle Mannheim. Für die Kunsthalle Bielefeld realisierte er 1988 eine große temporäre Arbeit, mit der er die Dominanz des rechten Winkels brechen wollte. Ähnlich ging er fünf Jahre später auch im Museum am Ostwall in Dortmund vor.

Neben den Skulpturen bilden Zeichnungen eine eigene Werkgruppe. Auch für sie sind der menschliche Körper die Bezugsgröße, wie die Schrittlänge oder der Radius, der durch die Armlänge bestimmt ist. Hageböllings Werke sind in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten – von der Kunsthalle Bremen bis zur Kunstsammlung der Bundesrepublik Deutschland. 2012 wurde ihm der Verdienstorden des Landes NRW verliehen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden