Schwer realisierbare Projekte in der Oberen Altstadt Anja Peper Minden (mt). Gepflegte Fachwerk-Idylle neben beschmierten Fassaden und vermüllten Vorgärten: Das Nebeneinander von Arm und Reich ist nirgendwo in Minden deutlicher als in der Oberen Altstadt. Wegen seines besonderen Charmes hat das Viertel viele Fans. Allerdings: Die Gruppe derer, die finanzstark genug sind, dort wirklich etwas zu bewegen, ist deutlich kleiner. Um die Obere Altstadt zu einem attraktiven Wohnumfeld auch für Familien zu machen, müssen viele Hebel in Bewegung gesetzt werden. Das MT hat mit einigen Eigentümern von Altstadt-Immobilien gesprochen und nach Zukunftsvisionen gefragt. Einige könnten sich zum Beispiel ein gemeinsames Brainstorming vorstellen: Potenzielle Investoren an einen Tisch. Wohnungsnot, Verwahrlosung, Drogen, kaum Parkplätze, komplexe Denkmalschutz-Fragen: Es gibt eine ganze Reihe von Problemen zu lösen. Soziale und ökonomische Belange greifen ineinander, vieles hängt mit vielem zusammen. Und es gibt auch hier ein paar typische Konflikte der Stadtplanung – also miteinander konkurrierende Ziele. Ein klassischer Konflikt in der Oberen Altstadt: Anständigen Wohnraum schaffen, ohne einkommensschwache Haushalte aus dem Quartier zu verdrängen. Nur hinter vorgehaltener Hand fragen sich einige der potenziellen Investoren, wie sich dieses Ziel überhaupt realisieren lässt. Viele möchten über das Thema Obere Altstadt gar nicht mehr sprechen. Einer der Befragten sagt auf MT-Anfrage, es seien in der Vergangenheit schlicht zu viele Fehler passiert. Zwischen den Zeilen lässt sich Frustration erkennen, die oft mit bürokratischen Hürden zu tun hat. Wolfgang Stüting kennt hier oben jeden Stein. Seit 1961 lebt der Rentner in der Oberen Altstadt und hat über Jahrzehnte ein Geschäft für Raumausstattung am Königswall betrieben. Er kennt die Geschichten und die Eigentümer vieler Immobilien. Der 72-Jährige und seine Frau Ilse hoffen zum Beispiel, dass die Häuserzeile am Rampenloch erhalten bleibt. Die ehemalige Bordellstraße mit dem denkmalgeschützten Altstadtpflaster aus dem Jahr 1877 ist nur ein paar Meter von ihrer Wohnung entfernt. Die Stadt Minden hat die Häuser erworben, weil das Areal für die Entwicklung der Oberen Altstadt insgesamt wichtig sind (Berichte im MT). Nur das letzte Haus vor der Mauer (Rampenloch 3) steht unter Denkmalschutz. Stüting hofft dennoch, dass das Ensemble komplett stehen bleibt: „Das ist Minden.“ Bis sind eine endgültige Lösung findet, könne man die Häuser zum Beispiel in unterschiedlichen Farben anmalen – etwa wie die Hummerbuden auf Helgoland, die heute als Kneipen, Galerien, Cafés und Souvenirläden dienen. So eine bunte Häuserzeile, meint Stüting, wäre ein echter Hingucker vom Königswall aus. So könne Interesse für das Rampenloch geweckt werden. Langjährige Erfahrungen mit der Oberen Altstadt hat auch York Prinz zu Schaumburg-Lippe. Er hat vier Jahre nach einem Brand im Jahr 2012 das Haus Hahler Straße 9 wieder aufgebaut – ein millionenschwerer Kraftakt. Gern würde er weiter in der Innenstadt investieren und alten Perlen neuen Glanz verleihen. Sein Lieblingsobjekt ist das Gefängnis an der Kampstraße. Es liegt nur einen Steinwurf entfernt und lässt sich von der Dachterrasse gut überblicken. Düstere Gänge, historische Gefängnistüren mit Essensklappe und Türspion: Auch diese Immobilie ist eine ganz besondere. Allerdings müssten auch dort immense Summen investiert werden. Die kleinen vergitterten Gefängnisfenster von 1855 entsprechen selbstverständlich nicht der Norm für moderne Wohnungen. Außerdem müsste ein großer Batzen Geld für eine moderne Heizung investiert werden. Zusätzlich fordert auch hier der Denkmalschutz seinen Tribut. Unterm Strich beurteilt York Prinz zu Schaumburg-Lippe dieses und viele andere Vorhaben als „hoch kompliziert und finanziell risikoreich“. Es sei wichtig zu wissen, was in der Nachbarschaft passiert, um abschätzen zu können, ob sich Investitionen irgendwann rentieren: „Das muss transparenter werden.“ Auch Dirk Jettmann verfolgt die Entwicklung seit vielen Jahren. Er ist zwar selber in der Oberen Altstadt aufgewachsen und fand es als Junge toll, draußen spielen zu können, bis es dunkel wurde. Aber heute hält er die Umgebung nicht mehr für geeignet für Familien mit Kindern. Also ist der Familienvater inzwischen weggezogen. Die komplexen Eigentumsverhältnisse sieht er als eines der größten Probleme an. „Ich wünsche allen Beteiligten, dass sie eine Lösung finden. Ich habe keine.“ Die Autorin ist erreichbar unter (0571) 882 231 oder Anja.Peper@MT.de

Schwer realisierbare Projekte in der Oberen Altstadt

So könnte eine mögliche Straßenraumgestaltung aussehen.
Quelle: Wolters Partner, Architekten und Stadtplaner GmbH

Minden (mt). Gepflegte Fachwerk-Idylle neben beschmierten Fassaden und vermüllten Vorgärten: Das Nebeneinander von Arm und Reich ist nirgendwo in Minden deutlicher als in der Oberen Altstadt. Wegen seines besonderen Charmes hat das Viertel viele Fans. Allerdings: Die Gruppe derer, die finanzstark genug sind, dort wirklich etwas zu bewegen, ist deutlich kleiner. Um die Obere Altstadt zu einem attraktiven Wohnumfeld auch für Familien zu machen, müssen viele Hebel in Bewegung gesetzt werden. Das MT hat mit einigen Eigentümern von Altstadt-Immobilien gesprochen und nach Zukunftsvisionen gefragt. Einige könnten sich zum Beispiel ein gemeinsames Brainstorming vorstellen: Potenzielle Investoren an einen Tisch.

Wohnungsnot, Verwahrlosung, Drogen, kaum Parkplätze, komplexe Denkmalschutz-Fragen: Es gibt eine ganze Reihe von Problemen zu lösen. Soziale und ökonomische Belange greifen ineinander, vieles hängt mit vielem zusammen. Und es gibt auch hier ein paar typische Konflikte der Stadtplanung – also miteinander konkurrierende Ziele.

Einige Straßenzüge der Oberen Altstadt zählen zu den schönsten Ecken Mindens. Aber in diesem Viertel kommen auch viele Probleme zusammen, darunter komplizierte Eigentumsverhältnisse, Verwahrlosung sowie die Belange von Brand- und Denkmalschutz. Foto: MT-Archiv/Alex Lehn - © Lehn
Einige Straßenzüge der Oberen Altstadt zählen zu den schönsten Ecken Mindens. Aber in diesem Viertel kommen auch viele Probleme zusammen, darunter komplizierte Eigentumsverhältnisse, Verwahrlosung sowie die Belange von Brand- und Denkmalschutz. Foto: MT-Archiv/Alex Lehn - © Lehn

Ein klassischer Konflikt in der Oberen Altstadt: Anständigen Wohnraum schaffen, ohne einkommensschwache Haushalte aus dem Quartier zu verdrängen. Nur hinter vorgehaltener Hand fragen sich einige der potenziellen Investoren, wie sich dieses Ziel überhaupt realisieren lässt. Viele möchten über das Thema Obere Altstadt gar nicht mehr sprechen. Einer der Befragten sagt auf MT-Anfrage, es seien in der Vergangenheit schlicht zu viele Fehler passiert. Zwischen den Zeilen lässt sich Frustration erkennen, die oft mit bürokratischen Hürden zu tun hat.

Wolfgang Stüting kennt hier oben jeden Stein. Seit 1961 lebt der Rentner in der Oberen Altstadt und hat über Jahrzehnte ein Geschäft für Raumausstattung am Königswall betrieben. Er kennt die Geschichten und die Eigentümer vieler Immobilien. Der 72-Jährige und seine Frau Ilse hoffen zum Beispiel, dass die Häuserzeile am Rampenloch erhalten bleibt. Die ehemalige Bordellstraße mit dem denkmalgeschützten Altstadtpflaster aus dem Jahr 1877 ist nur ein paar Meter von ihrer Wohnung entfernt. Die Stadt Minden hat die Häuser erworben, weil das Areal für die Entwicklung der Oberen Altstadt insgesamt wichtig sind (Berichte im MT). Nur das letzte Haus vor der Mauer (Rampenloch 3) steht unter Denkmalschutz. Stüting hofft dennoch, dass das Ensemble komplett stehen bleibt: „Das ist Minden.“ Bis sind eine endgültige Lösung findet, könne man die Häuser zum Beispiel in unterschiedlichen Farben anmalen – etwa wie die Hummerbuden auf Helgoland, die heute als Kneipen, Galerien, Cafés und Souvenirläden dienen. So eine bunte Häuserzeile, meint Stüting, wäre ein echter Hingucker vom Königswall aus. So könne Interesse für das Rampenloch geweckt werden.

Langjährige Erfahrungen mit der Oberen Altstadt hat auch York Prinz zu Schaumburg-Lippe. Er hat vier Jahre nach einem Brand im Jahr 2012 das Haus Hahler Straße 9 wieder aufgebaut – ein millionenschwerer Kraftakt. Gern würde er weiter in der Innenstadt investieren und alten Perlen neuen Glanz verleihen. Sein Lieblingsobjekt ist das Gefängnis an der Kampstraße. Es liegt nur einen Steinwurf entfernt und lässt sich von der Dachterrasse gut überblicken. Düstere Gänge, historische Gefängnistüren mit Essensklappe und Türspion: Auch diese Immobilie ist eine ganz besondere. Allerdings müssten auch dort immense Summen investiert werden. Die kleinen vergitterten Gefängnisfenster von 1855 entsprechen selbstverständlich nicht der Norm für moderne Wohnungen. Außerdem müsste ein großer Batzen Geld für eine moderne Heizung investiert werden. Zusätzlich fordert auch hier der Denkmalschutz seinen Tribut. Unterm Strich beurteilt York Prinz zu Schaumburg-Lippe dieses und viele andere Vorhaben als „hoch kompliziert und finanziell risikoreich“. Es sei wichtig zu wissen, was in der Nachbarschaft passiert, um abschätzen zu können, ob sich Investitionen irgendwann rentieren: „Das muss transparenter werden.“

Auch Dirk Jettmann verfolgt die Entwicklung seit vielen Jahren. Er ist zwar selber in der Oberen Altstadt aufgewachsen und fand es als Junge toll, draußen spielen zu können, bis es dunkel wurde. Aber heute hält er die Umgebung nicht mehr für geeignet für Familien mit Kindern. Also ist der Familienvater inzwischen weggezogen. Die komplexen Eigentumsverhältnisse sieht er als eines der größten Probleme an. „Ich wünsche allen Beteiligten, dass sie eine Lösung finden. Ich habe keine.“

Die Autorin ist erreichbar unter (0571) 882 231 oder Anja.Peper@MT.de

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