Schockmoment: Wie es sich anfühlt zum ersten Mal Ersthelfer zu sein Thomas Lieske Minden. Fast im Schritttempo lenke ich den Golf meiner Frau über die leichte Anhöhe der Bundesstraße. Es ist dunkel, kurz vor 7 Uhr am Morgen. Die Straßen nach einer schneereichen Nacht: spiegelglatt. Ich habe gerade meine Frau zur Arbeit gebracht und bin auf dem rund 40 Kilometer langen Heimweg. Hinter der Anhöhe passiert es dann: Das Licht von zwei Scheinwerfern durchkreuzt die Dunkelheit. Als würde jemand mit zwei Taschenlampen wild umherschlagen. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass dort gerade vor meinen Augen ein Autofahrer verunglückt ist. Schnee wirbelt auf, als der Wagen von der Fahrbahn rutscht, gegen einen Baum prallt und schließlich gut drei Meter tiefer auf einem Acker landet. Weit und breit kein Auto zu sehen. Das soll es also sein: mein erstes Mal Erste Hilfe. Ausgerechnet im Straßenverkehr. Im Dunkeln. Allein auf einer Straße, weitab zwischen zwei Orten am Rande eines Waldes. Ich schalte im Kopf sofort um. Warnblinker an, Auto anhalten. Tür auf und rüber zum Unfallauto. Wie leichtsinnig das auf einer großen Bundesstraße ist, realisiere ich erst, als ich Stunden später meiner Frau alles am Telefon erzähle. Ich habe weder nach links, noch nach rechts geschaut. Einfach rüber, um zu helfen. Das war mein einziger Gedanke. Verflogen die Ratschläge aus dem Theorieunterricht der Fahrschule: Erst Unfallort sichern, dann helfen. Denn was hilft es, wenn der nächste Wagen in die Unfallstelle kracht? Der junge Fahrer steht neben seinem zerstörten Fahrzeug, als ich mit meinen leichten Schuhen durch den ziemlich hohen Schnee den kleinen Abhang hinunterklettere. Ich lege sofort meinen Arm auf seine Schulter, er steht völlig neben sich. Vorsichtig nehme ich Kontakt zu ihm auf. Frage, ob er sich verletzt hat. „Nein“, murmelt er. Im Auto ist das Radio noch voll aufgedreht. Es stinkt nach Benzin. Vorsichtshalber ziehe ich den Schlüssel aus dem Zündschloss. Dann stütze ich den Mann, versuche, mit ihm Richtung Straße zu klettern. Ganz vorsichtig schiebe ich ihn hoch, er hat kaum die Kraft, selbst auf den Beinen zu stehen. Ich frage ihn nach seinem Namen, um ihn ansprechen zu können. „Ich muss auf der Arbeit Bescheid sagen“, sagt er mehrfach. Das ist jetzt nicht wichtig. Es ist bitterkalt, die Temperaturen sind weit unter Null. Er zittert. Sicherlich vor Aufregung und auch vor Kälte. Für mich sind es klassische Anzeichen eines Schocks. Mein Auto habe ich laufen lassen, der Innenraum ist warm. Vorsichtig setze ich den jungen Mann auf den Beifahrersitz, drehe die Sitzheizung auf. Er ist nur mit einem dünnen Pullover bekleidet. Er friert. Die Augen sind weit aufgerissen. Noch einmal frage ich ihn, ob ihm irgendetwas wehtut. Kein Wunder, er steht unter Schock. Bis auf leichte Blessuren im Gesicht kann ich nichts erkennen. Ich lege ihm eine Jacke über den Körper, die auf meinem Rücksitz liegt. Nach gefühlt einer Ewigkeit – es waren höchstens zwei Minuten – greife ich zu meinem Smartphone und wähle den Notruf der Polizei. Nach zwei Freizeichen meldet sich ein wirklich netter Beamter. „Notruf der Polizei, wo genau ist der Notfallort?“ Langsam und mich selbst sammelnd beantworte ich ihm alle Fragen. Wo, was ist passiert, wie viele Beteiligte gibt es, wie viele sind verletzt? Das Kennzeichen des Unfallautos, die Marke. Er schickt Hilfe. Auch einen Rettungswagen. Ich berichte ihm vom Schockzustand des Mannes – damit ist nicht zu spaßen. Erst als ich auflege, hält plötzlich ein zweites Auto. Die Scheibe geht runter. „Kann ich helfen?“, fragt eine Frau. Ich erkenne sie, eine Bekannte, die auch auf dem Weg zur Arbeit ist. Ich bitte sie, die Unfallstelle mit meinem und ihrem Warndreieck in beide Richtungen abzusichern. Dann setze ich mich zu dem jungen Mann ins Auto. Er zittert immer noch und weint. Mit ein paar vorsichtigen Fragen versuche ich, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, ihn zu beruhigen. Ich frage ihn, ob er sich an alles erinnern kann, was passiert ist. Er sammelt sich und erzählt ganz ruhig von dem Unfall. Wie er durch eine Unachtsamkeit an den rechten Fahrbahnrand kam, das Auto im recht hohen Schnee plötzlich nach links ausbrach. Wie er sich mindestens zweimal drehte – in dem Moment kam ich über die Anhöhe gefahren – und es dann einen lauten Knall und einen dumpfen Schlag gab. Dann fehlen ihm offenbar einige Sekunden. Denn das erste, woran er sich dann wieder erinnert, ist meine Hand auf seiner Schulter. Wie in Trance, sagt er, sei er dann mit mir zum Auto gegangen. Langsam hört der Mann auf zu zittern. Er will seine Eltern anrufen. Die wissen noch gar nichts. Ich lasse ihn einen Augenblick allein im Auto, damit er telefonieren kann. Die Bekannte hat einen Blick auf ihn. Währenddessen höre ich endlich ein Martinshorn. Blaues Licht erscheint auf der Anhöhe – der Rettungswagen kommt. Was mir unendlich lang vorkam, hat vom Notruf bis zum Eintreffen gerade einmal sieben Minuten gedauert. Ich weise das Rettungspersonal ein, schildere ihnen den Unfallhergang, damit sie in etwa die Kräfte einschätzen können, die auf den Körper des Mannes eingewirkt haben. Erzähle ihnen von der kurzen Erinnerungslücke, vom vermutlichen Schock. Während mir der eine zuhört, beugt sich der andere an der Beifahrerseite meines Autos zum Unfallopfer herunter. Hochprofessionell und mit einer unglaublichen Ruhe sind sie von Sekunde eins an im Geschehen am Unfallort. Ich staune. Sie nehmen ihn auf einer Trage mit in den Rettungswagen. Dort ist er vor Blicken vieler neugieriger Autofahrer geschützt. Dann trifft auch die Polizei ein. Zum ersten Mal kann ich einen Augenblick durchatmen. Die Anspannung fällt ab. Jetzt fange auch ich an zu zittern. Erst als einer der Polizisten nach dem Unfallhergang fragt, beginne ich langsam, das zu realisieren. Zu realisieren, dass das offenbar ziemlich glimpflich ausgegangen ist. Dass jetzt Hilfe da ist. Dass dies mein erstes Mal war. Mein erstes Mal: Erste Hilfe. Und es war gut.

Schockmoment: Wie es sich anfühlt zum ersten Mal Ersthelfer zu sein

Das erste Mal Ersthelfer an einer Unfallstelle: Da kann man einiges falsch machen. Das meiste geschieht intuitiv.
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Minden. Fast im Schritttempo lenke ich den Golf meiner Frau über die leichte Anhöhe der Bundesstraße. Es ist dunkel, kurz vor 7 Uhr am Morgen. Die Straßen nach einer schneereichen Nacht: spiegelglatt. Ich habe gerade meine Frau zur Arbeit gebracht und bin auf dem rund 40 Kilometer langen Heimweg. Hinter der Anhöhe passiert es dann: Das Licht von zwei Scheinwerfern durchkreuzt die Dunkelheit. Als würde jemand mit zwei Taschenlampen wild umherschlagen. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass dort gerade vor meinen Augen ein Autofahrer verunglückt ist.

Schnee wirbelt auf, als der Wagen von der Fahrbahn rutscht, gegen einen Baum prallt und schließlich gut drei Meter tiefer auf einem Acker landet. Weit und breit kein Auto zu sehen. Das soll es also sein: mein erstes Mal Erste Hilfe. Ausgerechnet im Straßenverkehr. Im Dunkeln. Allein auf einer Straße, weitab zwischen zwei Orten am Rande eines Waldes.

Ich schalte im Kopf sofort um. Warnblinker an, Auto anhalten. Tür auf und rüber zum Unfallauto. Wie leichtsinnig das auf einer großen Bundesstraße ist, realisiere ich erst, als ich Stunden später meiner Frau alles am Telefon erzähle. Ich habe weder nach links, noch nach rechts geschaut. Einfach rüber, um zu helfen. Das war mein einziger Gedanke. Verflogen die Ratschläge aus dem Theorieunterricht der Fahrschule: Erst Unfallort sichern, dann helfen. Denn was hilft es, wenn der nächste Wagen in die Unfallstelle kracht?

Der junge Fahrer steht neben seinem zerstörten Fahrzeug, als ich mit meinen leichten Schuhen durch den ziemlich hohen Schnee den kleinen Abhang hinunterklettere. Ich lege sofort meinen Arm auf seine Schulter, er steht völlig neben sich. Vorsichtig nehme ich Kontakt zu ihm auf. Frage, ob er sich verletzt hat. „Nein“, murmelt er. Im Auto ist das Radio noch voll aufgedreht. Es stinkt nach Benzin. Vorsichtshalber ziehe ich den Schlüssel aus dem Zündschloss. Dann stütze ich den Mann, versuche, mit ihm Richtung Straße zu klettern. Ganz vorsichtig schiebe ich ihn hoch, er hat kaum die Kraft, selbst auf den Beinen zu stehen.

Ich frage ihn nach seinem Namen, um ihn ansprechen zu können. „Ich muss auf der Arbeit Bescheid sagen“, sagt er mehrfach. Das ist jetzt nicht wichtig. Es ist bitterkalt, die Temperaturen sind weit unter Null. Er zittert. Sicherlich vor Aufregung und auch vor Kälte. Für mich sind es klassische Anzeichen eines Schocks. Mein Auto habe ich laufen lassen, der Innenraum ist warm. Vorsichtig setze ich den jungen Mann auf den Beifahrersitz, drehe die Sitzheizung auf. Er ist nur mit einem dünnen Pullover bekleidet. Er friert.

Die Augen sind weit aufgerissen. Noch einmal frage ich ihn, ob ihm irgendetwas wehtut. Kein Wunder, er steht unter Schock. Bis auf leichte Blessuren im Gesicht kann ich nichts erkennen. Ich lege ihm eine Jacke über den Körper, die auf meinem Rücksitz liegt. Nach gefühlt einer Ewigkeit – es waren höchstens zwei Minuten – greife ich zu meinem Smartphone und wähle den Notruf der Polizei. Nach zwei Freizeichen meldet sich ein wirklich netter Beamter. „Notruf der Polizei, wo genau ist der Notfallort?“ Langsam und mich selbst sammelnd beantworte ich ihm alle Fragen. Wo, was ist passiert, wie viele Beteiligte gibt es, wie viele sind verletzt? Das Kennzeichen des Unfallautos, die Marke. Er schickt Hilfe. Auch einen Rettungswagen. Ich berichte ihm vom Schockzustand des Mannes – damit ist nicht zu spaßen.

Erst als ich auflege, hält plötzlich ein zweites Auto. Die Scheibe geht runter. „Kann ich helfen?“, fragt eine Frau. Ich erkenne sie, eine Bekannte, die auch auf dem Weg zur Arbeit ist. Ich bitte sie, die Unfallstelle mit meinem und ihrem Warndreieck in beide Richtungen abzusichern. Dann setze ich mich zu dem jungen Mann ins Auto. Er zittert immer noch und weint. Mit ein paar vorsichtigen Fragen versuche ich, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, ihn zu beruhigen. Ich frage ihn, ob er sich an alles erinnern kann, was passiert ist. Er sammelt sich und erzählt ganz ruhig von dem Unfall. Wie er durch eine Unachtsamkeit an den rechten Fahrbahnrand kam, das Auto im recht hohen Schnee plötzlich nach links ausbrach. Wie er sich mindestens zweimal drehte – in dem Moment kam ich über die Anhöhe gefahren – und es dann einen lauten Knall und einen dumpfen Schlag gab. Dann fehlen ihm offenbar einige Sekunden. Denn das erste, woran er sich dann wieder erinnert, ist meine Hand auf seiner Schulter. Wie in Trance, sagt er, sei er dann mit mir zum Auto gegangen.

Langsam hört der Mann auf zu zittern. Er will seine Eltern anrufen. Die wissen noch gar nichts. Ich lasse ihn einen Augenblick allein im Auto, damit er telefonieren kann. Die Bekannte hat einen Blick auf ihn. Währenddessen höre ich endlich ein Martinshorn. Blaues Licht erscheint auf der Anhöhe – der Rettungswagen kommt. Was mir unendlich lang vorkam, hat vom Notruf bis zum Eintreffen gerade einmal sieben Minuten gedauert. Ich weise das Rettungspersonal ein, schildere ihnen den Unfallhergang, damit sie in etwa die Kräfte einschätzen können, die auf den Körper des Mannes eingewirkt haben. Erzähle ihnen von der kurzen Erinnerungslücke, vom vermutlichen Schock. Während mir der eine zuhört, beugt sich der andere an der Beifahrerseite meines Autos zum Unfallopfer herunter. Hochprofessionell und mit einer unglaublichen Ruhe sind sie von Sekunde eins an im Geschehen am Unfallort. Ich staune.

Sie nehmen ihn auf einer Trage mit in den Rettungswagen. Dort ist er vor Blicken vieler neugieriger Autofahrer geschützt. Dann trifft auch die Polizei ein. Zum ersten Mal kann ich einen Augenblick durchatmen. Die Anspannung fällt ab. Jetzt fange auch ich an zu zittern. Erst als einer der Polizisten nach dem Unfallhergang fragt, beginne ich langsam, das zu realisieren. Zu realisieren, dass das offenbar ziemlich glimpflich ausgegangen ist. Dass jetzt Hilfe da ist. Dass dies mein erstes Mal war. Mein erstes Mal: Erste Hilfe. Und es war gut.

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