Schnelle Genehmigung für Stromtrassen 40. Mühlenkreisgespräch: EU-Kommissar Günther Oettinger will als Fan erneuerbarer Energie zügigen Ausbau des Netzes Von Carsten Korfesmeyer Minden (cko). EU-Kommissar Günther Oettinger gibt sich energiegeladen. Beim Ausbau des Stromnetzes setzt er auf rasche Genehmigungen. "Das muss innerhalb von drei Jahren möglich sein", sagt er am Freitagabend. Der langjährige Ministerpräsident von Baden Württemberg spricht beim 40. Mühlenkreisgespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Stadthalle. Vor rund 150 Gästen stellt der 58-Jährige glasklar heraus, dass er beim Thema Energiewende gewaltig aufs Tempo drückt. "Ohne den Ausbau des Stromnetzes gelingt sie nicht", sagt er. Strom werde immer wichtiger, und: "In Sachen Energie brauche Europa dringend gemeinsame Strategien."Für die Ausweitung des Stromnetzes müssten die bestehenden Trassen verändert werden. Umspannwerke reduzieren die jeweilige Energie bis dato vom Kraftwerk zum Verbraucher. Durch den Einsatz regenerativer Erzeuger muss der bisher einseitige Weg jedoch auch zurückführen. Dafür muss investiert werden. "Das ist die größte Herausforderung", sagt er.Oettinger lässt keine Zweifel daran, dass die Energiepolitik seiner Ansicht nach so nicht weitergehen kann. Man stecke noch in uralten Denkmustern, die längst nicht mehr passen. Während die Netze im Flugverkehr, auf den Straßen oder für die Schiffe gut aufgestellt seien, halte man beim Strom an Gebietsgrenzen fest. Für den Kommissar ist das umso unverständlicher, da sich Strom über weite Strecken transportieren lasse. "Sicherer Strom ist wichtig für die Versorgungssicherheit", sagt er. Das gelte für alle Bereiche des Alltags - unter anderem für einen erfolgreichen Industriestandort. Wer dem CDU-Politiker genau zuhört, wird buchstäblich elektrisiert. Denn die enorme Bedeutung des Stroms ist vielen seiner Zuhörer zuvor sicher noch nicht so deutlich gewesen. Falle er (auch nur kurz) aus, bedeute das allein für die Industrie millionenschwere Verluste. Oettinger nennt weitere Beispiele für den hohen Stellenwert der veredelten Energie. Er spricht von Licht, Wärme oder Entertainment. "Da hängen auch Arbeitsplätze dran."Ein Schwabe aus BrüsselDer Schwabe aus Brüssel macht an vielen Stellen seines Vortrags deutlich, dass er ein Fan der erneuerbaren Energien ist. Doch Oettinger fordert, auch in diesem Bereich eine gemeinsame europäische Strategie zu fahren. Noch würden die jeweiligen Technologien an Standorten nicht optimal genutzt. Kein Mindener Bauer würde nach seinen Worten Orangenbäume pflanzen, weil in der Region zu wenig Sonne scheine - und die Früchte nicht reifen. "Nur bei der Photovoltaik glaubt man komischerweise das Gegenteil", sagt der Kommissar, der im Norden einen Schwerpunkt für Windkraft sieht.Im Umgang mit Strom müsse auch die Gesellschaft umdenken. So könne man Energie gezielt zu Tageszeiten nutzen, wenn die Preise günstiger sind. "Beispielsweise für die Waschmaschine", sagt Oettinger, der vom "Happy-Hour-Prinzip" spricht, das sich nach Angebot und Nachfrage regele. Auch macht er sich für Investitionen in verbrauchsarme Technologien stark. "Die Menschen haben einen sehr engen Bezug zu ihrem Kühlschrank. Sie behalten ihn, solange er läuft - auch, wenn er ein Stromfresser ist."Oettinger beackert das Thema Energie auf nahezu allen Feldern. In der von Steffen Kampeter, CDU-Bundestagsabgeordneter und parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, moderierten Veranstaltung, packt er auch das Thema Kernkraft an. Deutschland nehme eine Vorbildfunktion ein, doch müsse "das alles etwas komplexer" betrachtet werden. 14 EU-Mitgliedsstaaten setzen aktuell noch auf Kernkraft, 13 nicht. Hierzulande steigt man in neun Jahren aus.Strom kennt keine Grenzkontrollen"Ich fürchte nur, dann steigt Polen ein", sagt der Kommissar, der damit ein wenig auf die Euphoriebremse tritt. Und Strom müsse keine Grenzkontrollen passieren, sagt Oettinger weiter. So könne man als Verbraucher niemals sicher sagen, auf welche Weise (Kernkraft oder regenerativ) er erzeugt worden ist. Knapp 40 Minuten spricht Oettinger. Zeit, in der er seinen Zuhörern ein umfassendes Bild der europäischen Energiepolitik zeichnen konnte. Er hat Visionen ("Es wäre wohl eine Revolution, wenn man den Strom dauerhaft speichern könnte"), spricht sich für Gas als Ergänzung zur Erzeugung aus - und sieht in der Energiewende ein neues Zeitalter. "Ich wünsche mir, dass nicht nur das Abschalten gelingt, sondern auch der Einstieg klappt."

Schnelle Genehmigung für Stromtrassen

Minden (cko). EU-Kommissar Günther Oettinger gibt sich energiegeladen. Beim Ausbau des Stromnetzes setzt er auf rasche Genehmigungen. "Das muss innerhalb von drei Jahren möglich sein", sagt er am Freitagabend.

EU-Kommissar Günter Oettinger verwies auf die europäische Dimension der Energieversorgung mit Strom. - © Foto: Carsten Korfesmeyer
EU-Kommissar Günter Oettinger verwies auf die europäische Dimension der Energieversorgung mit Strom. - © Foto: Carsten Korfesmeyer

Der langjährige Ministerpräsident von Baden Württemberg spricht beim 40. Mühlenkreisgespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Stadthalle. Vor rund 150 Gästen stellt der 58-Jährige glasklar heraus, dass er beim Thema Energiewende gewaltig aufs Tempo drückt. "Ohne den Ausbau des Stromnetzes gelingt sie nicht", sagt er. Strom werde immer wichtiger, und: "In Sachen Energie brauche Europa dringend gemeinsame Strategien."

Für die Ausweitung des Stromnetzes müssten die bestehenden Trassen verändert werden. Umspannwerke reduzieren die jeweilige Energie bis dato vom Kraftwerk zum Verbraucher. Durch den Einsatz regenerativer Erzeuger muss der bisher einseitige Weg jedoch auch zurückführen. Dafür muss investiert werden. "Das ist die größte Herausforderung", sagt er.

Oettinger lässt keine Zweifel daran, dass die Energiepolitik seiner Ansicht nach so nicht weitergehen kann. Man stecke noch in uralten Denkmustern, die längst nicht mehr passen. Während die Netze im Flugverkehr, auf den Straßen oder für die Schiffe gut aufgestellt seien, halte man beim Strom an Gebietsgrenzen fest. Für den Kommissar ist das umso unverständlicher, da sich Strom über weite Strecken transportieren lasse. "Sicherer Strom ist wichtig für die Versorgungssicherheit", sagt er. Das gelte für alle Bereiche des Alltags - unter anderem für einen erfolgreichen Industriestandort. Wer dem CDU-Politiker genau zuhört, wird buchstäblich elektrisiert. Denn die enorme Bedeutung des Stroms ist vielen seiner Zuhörer zuvor sicher noch nicht so deutlich gewesen. Falle er (auch nur kurz) aus, bedeute das allein für die Industrie millionenschwere Verluste. Oettinger nennt weitere Beispiele für den hohen Stellenwert der veredelten Energie. Er spricht von Licht, Wärme oder Entertainment. "Da hängen auch Arbeitsplätze dran."

Ein Schwabe aus Brüssel

Der Schwabe aus Brüssel macht an vielen Stellen seines Vortrags deutlich, dass er ein Fan der erneuerbaren Energien ist. Doch Oettinger fordert, auch in diesem Bereich eine gemeinsame europäische Strategie zu fahren. Noch würden die jeweiligen Technologien an Standorten nicht optimal genutzt. Kein Mindener Bauer würde nach seinen Worten Orangenbäume pflanzen, weil in der Region zu wenig Sonne scheine - und die Früchte nicht reifen. "Nur bei der Photovoltaik glaubt man komischerweise das Gegenteil", sagt der Kommissar, der im Norden einen Schwerpunkt für Windkraft sieht.

Im Umgang mit Strom müsse auch die Gesellschaft umdenken. So könne man Energie gezielt zu Tageszeiten nutzen, wenn die Preise günstiger sind. "Beispielsweise für die Waschmaschine", sagt Oettinger, der vom "Happy-Hour-Prinzip" spricht, das sich nach Angebot und Nachfrage regele. Auch macht er sich für Investitionen in verbrauchsarme Technologien stark. "Die Menschen haben einen sehr engen Bezug zu ihrem Kühlschrank. Sie behalten ihn, solange er läuft - auch, wenn er ein Stromfresser ist."

Oettinger beackert das Thema Energie auf nahezu allen Feldern. In der von Steffen Kampeter, CDU-Bundestagsabgeordneter und parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, moderierten Veranstaltung, packt er auch das Thema Kernkraft an. Deutschland nehme eine Vorbildfunktion ein, doch müsse "das alles etwas komplexer" betrachtet werden. 14 EU-Mitgliedsstaaten setzen aktuell noch auf Kernkraft, 13 nicht. Hierzulande steigt man in neun Jahren aus.

Strom kennt keine Grenzkontrollen

"Ich fürchte nur, dann steigt Polen ein", sagt der Kommissar, der damit ein wenig auf die Euphoriebremse tritt. Und Strom müsse keine Grenzkontrollen passieren, sagt Oettinger weiter. So könne man als Verbraucher niemals sicher sagen, auf welche Weise (Kernkraft oder regenerativ) er erzeugt worden ist. Knapp 40 Minuten spricht Oettinger. Zeit, in der er seinen Zuhörern ein umfassendes Bild der europäischen Energiepolitik zeichnen konnte. Er hat Visionen ("Es wäre wohl eine Revolution, wenn man den Strom dauerhaft speichern könnte"), spricht sich für Gas als Ergänzung zur Erzeugung aus - und sieht in der Energiewende ein neues Zeitalter. "Ich wünsche mir, dass nicht nur das Abschalten gelingt, sondern auch der Einstieg klappt."

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