Schirachs "Gott"-Premiere in Minden: Herr Gärtner will nicht mehr leben Ursula Koch Minden. Zu Beginn gehört die Bühne ganz allein Herrn Gärtner. Er trägt einen Karton herein, öffnet ihn. Er holt Briefe heraus, drückt einen Kuss darauf. Dann entfaltet er vorsichtig ein Sommerkleid, und tanzt damit. Mit dieser Szene leitet Regisseur Miraz Bezar seine Inszenierung von Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Gott“ für das Tourneetheater Eurostudio Landgraf ein. Die Premiere fand am Donnerstag in Minden genau sieben Tage nach der zeitgleichen Uraufführung des Schauspiels im Düsseldorfer Schauspielhaus und im Berliner Ensemble statt. Nach Gärtners Auftritt geht das Licht im Theatersaal wieder an. Jetzt tritt die namenlose Vorsitzende des Ethikrats vor die Zuschauer und erläutert, worüber die Kommission aus Experten verhandeln soll. Eingeflochten in die Ansprache ist auch die Erläuterung, dass es nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar in Deutschland erlaubt ist, dass ein Arzt einem Menschen auf Verlangen ein tödliches Medikament verschreiben kann. Damit sei aber nicht die ethische Frage geklärt, ob ein Arzt beim Suizid helfen soll. Das Saallicht bleibt an, weil das Publikum zu einem Teil der Debatte, denn es soll am Ende mitentscheiden. Zuerst soll Richard Gärtner, würdevoll und abgeklärt dargestellt von Ernst Wilhelm Lenik, seinen Wunsch auf Selbsttötung erläutern. „Das Leben bedeutet mir nichts mehr“, antwortet er, obwohl er eingangs erklärt, dass er eigentliche keine Auskunft geben will. Er erzählt von seiner Frau Elisabeth, die vor drei Jahren an einem Hirntumor gestorben ist. Seit ihrem Tod sei er nur noch die Hälfte. Ihr letzter Auftrag an ihn habe gelautet: „Mach es richtig.“ Für ihn bedeutet das „Ich will so sterben, wie ich gelebt habe“ – selbstbestimmt. Von diesem Moment an reden die Experten, befragt von Gärtners Rechtsanwalt Biegler (Christian Meyer) und dem Mitglied des Ethikrats Keller (Martin Molitor). Zuerst kommt seine Ärztin zu Wort, die bestätigt, dass der 78-Jährige kerngesund ist, seit zwei Jahren aber immer wieder den Wunsch äußert, zu sterben und davon nicht abzubringen sei. In der Rolle trägt Karin Boyd das knapp und sachlich vor. Sie begründet, warum sie ihm die Verschreibung des Medikaments verweigert, schildert dann aber sehr engagiert, wie schrecklich die Folgen missglückter Suizidversuche sein können, von schweren Hirnschäden bis zu Querschnittslähmungen. Die Ärztin ist die einzige Expertin, bei der ein Gewissenskonflikt aufschimmert. Susanne Theil wägt in ihrer Rolle als Rechtssachverständige Professorin Litten nüchtern die Gesetzeslage ab. Wolfgang Seidenberg beruft sich in seiner Rolle als Vertreter der Ärztekammer Sperling auf den hippokratischen Eid, der Ärzte dazu verpflichte Leben zu erhalten. Palliativmedizin ist in seinen Augen die bessere Antwort als Suizidbeihilfe. „Ich glaube an das Leben“, spricht Klaus Mikoleit als theologischer Sachverständiger Thiel. Dynamik erhält die Argumentation immer dann, wenn Biegler bei den Experten nachbohrt, den Mediziner etwa auf den ethischen Unterschied zwischen einem Behandlungsabbruch und der Hilfe zur Selbsttötung befragt. Den Theologen bringt er mit der Frage, an welcher Stelle in der Bibel die Selbsttötung verboten wird, in Bedrängnis bringt. So statisch wie das Bühnenbild, das aus einem Schwerlastregal voller Kartons und einem Halbkreis aus Stühlen besteht, bleibt letztlich die Debatte. Nur einmal mischt sich Gärtner ein, als er dem Mediziner vorhält: „Ihr Ehtos steht nicht über dem Ethos der Gesellschaft.“ Schade, dass von Schirach Richard Gärtner nicht häufiger zu Wort kommen lässt, seine Gefühls- und Gedankenwelt so wenig Raum lässt, denn die Anfangsszene ist bereits eine Hinzufügung des Regisseurs Miraz Bezar, der damit aber den persönlichen Bezug zu dem ethischen Dilemma herstellt. An Spannung kann dieses Theaterstück mit Schirachs Vorgänger „Terror“ nicht mithalten. 2016 wurde das Publikum Zeuge einer Gerichtsverhandlung, während in diesem Fall das Urteil durch das Verfassungsgericht bereits gesprochen ist. Bezar bleibt wegen der Corona-Schutzmaßnahmen keine andere Wahl, als das Publikum im Saal per Handzeichen abstimmen zu lassen. Das ist besonders bedauerlich, denn bei „Terror“ hatte das Theaterstück tiefe Pausengespräche angeregt. Donnerstag wurde beim Verlassen des Theaters aber deutlich, dass dieser Abend in den Gesprächen nachwirkt. Mehr können sich Regisseur und Schauspieler kaum wünschen. Weitere Aufführungen im Stadttheater Minden folgen heute, Montag (21.9.) und Dienstag (22.9.) um 20 Uhr sowie Sonntag (20.9.) um 18 Uhr. Karten sind erhältlich bei Express-Ticketservice und über www.stadttheater-minden.de Der Autor und die Parallel-Inszenierungen Ferdinand von Schirach,1964 in München geboren, studierte Jura in Bonn und ist als Strafverteidiger tätig. 2009 veröffentlichte er erste Kurzgeschichten. Mit „Verbrechen“ hielt er sich 61 Wochen lang auf der Bestsellerliste des Spiegel. Die Einblicke in den anwaltlichen Alltag setzte er mit den Bänden „Schuld“ (2010) und „Strafe“ (2018) fort. 2015 veröffentlichte er sein Theaterstück „Terror“, das in der Saison 2016/17 das meistgespielten Schauspiel war. Es ist angelegt wie ein Gerichtsprozess, in dem zum Schluss das Publikum als Jury fungiert. In „Kaffee und Zigaretten“ (2019) schreibt von Schirach über seine Depressionen und einen Suizidversuch im Alter von 15 Jahren. Am Berliner Ensemble geht es in der Regie von Oliver Reese um Frau Gärtner. „Im Berliner Ensemble führt die Grundfrage der Philosophie jedenfalls eher zu erhöhter Gliedmaßen- als zu gesteigerter Hirnaktivität. So viele Stand- und Spielbeinwechsel nebst textbegleitender Armruderbewegungen waren auf der Bühne selten zu besichtigen“, schreibt der Tagesspiegel. In Düsseldorf führt Robert Gerloff Regie. Er lässt Richard Gärtner nur als Videoprojektion auf der Bühne erscheinen.In Berlin stimmte das Publikum per Handzeichen ab, mit großer Mehrheit für die Position von Frau Gärtner. In Düsseldorf hielten die Zuschauer rote und grüne Karten hoch.

Schirachs "Gott"-Premiere in Minden: Herr Gärtner will nicht mehr leben

Richard Gärtner, gespielt von Ernst Wilhelm Lenik, schwelt in Erinnerungen an seine Frau. Es ist die berührendste Szene in dem Schauspiel „Gott“. Fotos: t.behind-photographics © T.Behind-Photographics

Minden. Zu Beginn gehört die Bühne ganz allein Herrn Gärtner. Er trägt einen Karton herein, öffnet ihn. Er holt Briefe heraus, drückt einen Kuss darauf. Dann entfaltet er vorsichtig ein Sommerkleid, und tanzt damit.

Mit dieser Szene leitet Regisseur Miraz Bezar seine Inszenierung von Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Gott“ für das Tourneetheater Eurostudio Landgraf ein. Die Premiere fand am Donnerstag in Minden genau sieben Tage nach der zeitgleichen Uraufführung des Schauspiels im Düsseldorfer Schauspielhaus und im Berliner Ensemble statt.

Biegler (Christian Meyer) bingt den Bischof (Klaus Mikoleit) mit seinen Fragen in Bedrängnis. - © T.Behind-Photographics
Biegler (Christian Meyer) bingt den Bischof (Klaus Mikoleit) mit seinen Fragen in Bedrängnis. - © T.Behind-Photographics

Nach Gärtners Auftritt geht das Licht im Theatersaal wieder an. Jetzt tritt die namenlose Vorsitzende des Ethikrats vor die Zuschauer und erläutert, worüber die Kommission aus Experten verhandeln soll. Eingeflochten in die Ansprache ist auch die Erläuterung, dass es nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar in Deutschland erlaubt ist, dass ein Arzt einem Menschen auf Verlangen ein tödliches Medikament verschreiben kann. Damit sei aber nicht die ethische Frage geklärt, ob ein Arzt beim Suizid helfen soll. Das Saallicht bleibt an, weil das Publikum zu einem Teil der Debatte, denn es soll am Ende mitentscheiden.

Als Rechtssachverständige Litten verlässt sich Susanne Theil auf die Gesetzestexte. - © T.Behind-Photographics
Als Rechtssachverständige Litten verlässt sich Susanne Theil auf die Gesetzestexte. - © T.Behind-Photographics

Zuerst soll Richard Gärtner, würdevoll und abgeklärt dargestellt von Ernst Wilhelm Lenik, seinen Wunsch auf Selbsttötung erläutern. „Das Leben bedeutet mir nichts mehr“, antwortet er, obwohl er eingangs erklärt, dass er eigentliche keine Auskunft geben will. Er erzählt von seiner Frau Elisabeth, die vor drei Jahren an einem Hirntumor gestorben ist. Seit ihrem Tod sei er nur noch die Hälfte. Ihr letzter Auftrag an ihn habe gelautet: „Mach es richtig.“ Für ihn bedeutet das „Ich will so sterben, wie ich gelebt habe“ – selbstbestimmt.

Patricia Schäfer lenkt als Vorsitzende des Ethikrates die Debatte. - © T.Behind-Photographics
Patricia Schäfer lenkt als Vorsitzende des Ethikrates die Debatte. - © T.Behind-Photographics

Von diesem Moment an reden die Experten, befragt von Gärtners Rechtsanwalt Biegler (Christian Meyer) und dem Mitglied des Ethikrats Keller (Martin Molitor). Zuerst kommt seine Ärztin zu Wort, die bestätigt, dass der 78-Jährige kerngesund ist, seit zwei Jahren aber immer wieder den Wunsch äußert, zu sterben und davon nicht abzubringen sei. In der Rolle trägt Karin Boyd das knapp und sachlich vor. Sie begründet, warum sie ihm die Verschreibung des Medikaments verweigert, schildert dann aber sehr engagiert, wie schrecklich die Folgen missglückter Suizidversuche sein können, von schweren Hirnschäden bis zu Querschnittslähmungen. Die Ärztin ist die einzige Expertin, bei der ein Gewissenskonflikt aufschimmert.

Susanne Theil wägt in ihrer Rolle als Rechtssachverständige Professorin Litten nüchtern die Gesetzeslage ab. Wolfgang Seidenberg beruft sich in seiner Rolle als Vertreter der Ärztekammer Sperling auf den hippokratischen Eid, der Ärzte dazu verpflichte Leben zu erhalten. Palliativmedizin ist in seinen Augen die bessere Antwort als Suizidbeihilfe. „Ich glaube an das Leben“, spricht Klaus Mikoleit als theologischer Sachverständiger Thiel. Dynamik erhält die Argumentation immer dann, wenn Biegler bei den Experten nachbohrt, den Mediziner etwa auf den ethischen Unterschied zwischen einem Behandlungsabbruch und der Hilfe zur Selbsttötung befragt. Den Theologen bringt er mit der Frage, an welcher Stelle in der Bibel die Selbsttötung verboten wird, in Bedrängnis bringt.

So statisch wie das Bühnenbild, das aus einem Schwerlastregal voller Kartons und einem Halbkreis aus Stühlen besteht, bleibt letztlich die Debatte. Nur einmal mischt sich Gärtner ein, als er dem Mediziner vorhält: „Ihr Ehtos steht nicht über dem Ethos der Gesellschaft.“ Schade, dass von Schirach Richard Gärtner nicht häufiger zu Wort kommen lässt, seine Gefühls- und Gedankenwelt so wenig Raum lässt, denn die Anfangsszene ist bereits eine Hinzufügung des Regisseurs Miraz Bezar, der damit aber den persönlichen Bezug zu dem ethischen Dilemma herstellt.

An Spannung kann dieses Theaterstück mit Schirachs Vorgänger „Terror“ nicht mithalten. 2016 wurde das Publikum Zeuge einer Gerichtsverhandlung, während in diesem Fall das Urteil durch das Verfassungsgericht bereits gesprochen ist.

Bezar bleibt wegen der Corona-Schutzmaßnahmen keine andere Wahl, als das Publikum im Saal per Handzeichen abstimmen zu lassen. Das ist besonders bedauerlich, denn bei „Terror“ hatte das Theaterstück tiefe Pausengespräche angeregt. Donnerstag wurde beim Verlassen des Theaters aber deutlich, dass dieser Abend in den Gesprächen nachwirkt. Mehr können sich Regisseur und Schauspieler kaum wünschen.

Weitere Aufführungen im Stadttheater Minden folgen heute, Montag (21.9.) und Dienstag (22.9.) um 20 Uhr sowie Sonntag (20.9.) um 18 Uhr. Karten sind erhältlich bei Express-Ticketservice und über www.stadttheater-minden.de

Der Autor und die Parallel-Inszenierungen

Ferdinand von Schirach,1964 in München geboren, studierte Jura in Bonn und ist als Strafverteidiger tätig. 2009 veröffentlichte er erste Kurzgeschichten. Mit „Verbrechen“ hielt er sich 61 Wochen lang auf der Bestsellerliste des Spiegel. Die Einblicke in den anwaltlichen Alltag setzte er mit den Bänden „Schuld“ (2010) und „Strafe“ (2018) fort. 2015 veröffentlichte er sein Theaterstück „Terror“, das in der Saison 2016/17 das meistgespielten Schauspiel war. Es ist angelegt wie ein Gerichtsprozess, in dem zum Schluss das Publikum als Jury fungiert. In „Kaffee und Zigaretten“ (2019) schreibt von Schirach über seine Depressionen und einen Suizidversuch im Alter von 15 Jahren.

Am Berliner Ensemble geht es in der Regie von Oliver Reese um Frau Gärtner. „Im Berliner Ensemble führt die Grundfrage der Philosophie jedenfalls eher zu erhöhter Gliedmaßen- als zu gesteigerter Hirnaktivität. So viele Stand- und Spielbeinwechsel nebst textbegleitender Armruderbewegungen waren auf der Bühne selten zu besichtigen“, schreibt der Tagesspiegel.

In Düsseldorf führt Robert Gerloff Regie. Er lässt Richard Gärtner nur als Videoprojektion auf der Bühne erscheinen.In Berlin stimmte das Publikum per Handzeichen ab, mit großer Mehrheit für die Position von Frau Gärtner. In Düsseldorf hielten die Zuschauer rote und grüne Karten hoch.

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