SBW begleitet Jugendliche in die Selbstständigkeit Ursula Koch Minden. Putzen, Einkaufen, Behördengänge, Schulbesuch – um all diese Dinge kümmern sich die Sozialarbeiter von der Dienststelle „sozialpädagogisch betreutes Wohnen“ (SBW) der Elsa-Brandström-Jugendhilfe. Ziel ist es, Jugendliche in die Selbstständigkeit zu begleiten, sei es nach einer Heimunterbringung oder aus einem Elternhaus heraus, das aus vielfältigen Gründen diese Unterstützung nicht geben kann. Schuldnerberatung ist dabei auch immer wieder ein Thema. „Einige Jugendliche können gut kochen, viele andere halten das Aufbacken einer Tiefkühpizza schon für kochen“, berichtet Teamleiter Matthias Meise. Manche müssten motiviert werden, morgens aufzustehen. Andere bräuchten eine kleine Bremse, um sich nicht ständig selbst zu überfordern. Sein Team habe es mit sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen zu tun. Einige der Jugendlichen seien psychisch beeinträchtigt. Darum steht für Meise und sein Team als Grundsatz über ihrer Arbeit: „Persönlichkeitsentwicklung ist uns wichtiger, als die Integration in den Arbeitsmarkt“. Das Schönste sei für ihn und seine Kollegen, einen Jugendlichen nach Jahren wieder zu treffen und zu sehen: „Er oder sie hat es geschafft und den Weg in sein Leben gefunden“. Das ist unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht einfacher geworden. „Inzwischen haben wir alle Jugendlichen mit W-LAN und Tablets versorgt“, berichtet Meise. Vor Corona habe ihnen im SBW-Büro in der Oberen Altstadt ein Internetzugang zur Verfügung gestanden. Das sei notwendig, damit die Jugendlichen zum Beispiel Unterricht per Livestream verfolgen können. „Per Handy ist das schwierig, weil die Internetverbindung dafür zum Teil zu schlecht sind“, sagt Meise. „Für einige Jugendliche hat die Schließung der Schulen viel Druck genommen“, hat Julia Bredemeyer beobachtet. Sie arbeitet seit zweieinhalb Jahren bei der SBW. Zugleich sei es für sie schwierig gewesen, sich nicht mehr zu treffen, dafür hätten sie den Neustart dann als besonders schön empfunden, weil sie ihre Mitschüler wieder trafen. Im ersten Lockdown habe sich beim SBW „eine Art Stau“ gebildet, berichtet Meise. Das lag daran, weil es schwierig war, überhaupt Wohnungen zu finden. Bei den Ämtern sei es schwierig gewesen, Termine zu bekommen, um die nötigen Anträge zu stellen. Das Angebot der SBW gibt es mittlerweile seit 30 Jahren – seit 1990 aus dem Jugendwohlfahrtgesetz das Jugendhilfegesetzt wurde. „Das hat erst die Grundlage für unsere Arbeit geschaffen“, sagt Rita Frank, die seit 20 Jahren zum Team gehört. Der Grundgedanke sei damals gewesen, für Jugendliche, die in Heimen aufgewachsen sind, den harten Cut nach der Schulpflicht in die Selbstständigkeit abzufedern. Das Büro in der Stadt ist als Anlaufstelle gedacht. Es vereinfache die ambulante Arbeit durch die Nähe zu den Ämtern. Aber auch über das Büro hinaus sind die aktuell sieben Mitarbeiter, die 20 Jugendliche betreuen, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche über Bereitschaftsdienste für die Jugendlichen da. Einige der Jugendlichen besuchen sie täglich, bei anderen reiche ein Kontakt von wenigen Stunden in der Woche“, erläutert Rita Frank, die seit 20 Jahren für die SBW arbeitet. In der Regel leben zwei Jugendliche in einer Wohngemeinschaft zusammen. Größere Einheiten seien nicht sinnvoll, weil die Jugendlichen häufig mit Gruppenregeln nicht gut klarkommen. „Im Augenblick versuchen wir aber die Jugendlichen einzeln unterzubringen“, sagt Meise. Dafür mietet die SBW Wohnungen auf dem freien Markt an: „Wir wollen keine Ghettobildung.“ „Wir arbeiten an Lösungen“, sagt Meise. Damit habe sich die Blickrichtung auf die Arbeit im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte grundlegend verändert. Wenn möglich, werden die Eltern in die Arbeit einbezogen. „Es geht darum, alle vorhandenen Potenziale zu nutzen und die Defizite auszugleichen“, sagt Meise. Im Durchschnitt werden die Jugendlichen eineinhalb bis zwei Jahre lang von der SBW betreut, erläutert Rita Frank. Aber das sei sehr unterschiedlich, einige blieben für wenige Monate, andere für mehrere Jahre. In der Regel sind die Jugendlichen 16 Jahre alt, wenn sie zur SBW kommen und werden betreut, bis sie 21 Jahre alt sind. In Ausnahmefällen könne das aber bis zum 27. Lebensjahr ausgedehnt werden. Die SBW hat in 30 Jahren aber nicht nur eine hohe Fluktuation der Jugendlichen sondern auch an Mitarbeitern erlebt, weil sich deren Anzahl nach der Zahl der zu Betreuenden richte. „Wir nehmen niemanden über 60“, scherzt Meise. Sein Team erhalte immer mal wieder Anfragen von Familien mit Senioren. Aber: „Der Zugang zur SBW führt ausschließlich über das Jugendamt“, betont Meise. Bis zur jetzigen Pandemie sei die Flüchtlingskrise 2015 die größte Herausforderung für die SBW gewesen. Das lag daran, dass damals alles sehr schnell gehen musste. Es kamen viele Jugendliche auf einmal an. Wie können wir uns verständigen, war schon die erste Frage. „Die Kolleginnen haben damals angefangen, mit den Jugendlichen Schulunterricht zu machen. Das hat die Bindung sehr gestärkt“, sagt Meise. Dazu hat aber vor allem auch die Idee, die Gruppe mit einem Theaterpädagogen arbeiten zu lassen, beigetragen. Canip Gündogdu hatte mit den Geflüchteten das Theaterstück „Blick nach vorn“ entwickelt, das zum Kongress „Das neue Wir“ uraufgeführt wurde und anschließend mehrere Auszeichnungen erhielt. Das hat die Jugendlichen beflügelt, ihnen den Einstieg in ein neues Leben erleichtert. Inzwischen absolvieren sie alle ein Ausbildung.

SBW begleitet Jugendliche in die Selbstständigkeit

Als Helfer im Alltag begleiten Linda Jung, Matthias Meise, Rita Frank mit Murphy, Andrea Lewis, Julia Bredemeyer, Jenny Bergmann, Jan Weber (von links) von der Dienststelle Sozialpädagogisch betreutes Wohnen Jugendliche in die Selbstständigkeit. MT-Foto: Ursula Koch © och

Minden. Putzen, Einkaufen, Behördengänge, Schulbesuch – um all diese Dinge kümmern sich die Sozialarbeiter von der Dienststelle „sozialpädagogisch betreutes Wohnen“ (SBW) der Elsa-Brandström-Jugendhilfe. Ziel ist es, Jugendliche in die Selbstständigkeit zu begleiten, sei es nach einer Heimunterbringung oder aus einem Elternhaus heraus, das aus vielfältigen Gründen diese Unterstützung nicht geben kann. Schuldnerberatung ist dabei auch immer wieder ein Thema.

„Einige Jugendliche können gut kochen, viele andere halten das Aufbacken einer Tiefkühpizza schon für kochen“, berichtet Teamleiter Matthias Meise. Manche müssten motiviert werden, morgens aufzustehen. Andere bräuchten eine kleine Bremse, um sich nicht ständig selbst zu überfordern. Sein Team habe es mit sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen zu tun. Einige der Jugendlichen seien psychisch beeinträchtigt.

Darum steht für Meise und sein Team als Grundsatz über ihrer Arbeit: „Persönlichkeitsentwicklung ist uns wichtiger, als die Integration in den Arbeitsmarkt“. Das Schönste sei für ihn und seine Kollegen, einen Jugendlichen nach Jahren wieder zu treffen und zu sehen: „Er oder sie hat es geschafft und den Weg in sein Leben gefunden“.

Das ist unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht einfacher geworden. „Inzwischen haben wir alle Jugendlichen mit W-LAN und Tablets versorgt“, berichtet Meise. Vor Corona habe ihnen im SBW-Büro in der Oberen Altstadt ein Internetzugang zur Verfügung gestanden. Das sei notwendig, damit die Jugendlichen zum Beispiel Unterricht per Livestream verfolgen können. „Per Handy ist das schwierig, weil die Internetverbindung dafür zum Teil zu schlecht sind“, sagt Meise.

„Für einige Jugendliche hat die Schließung der Schulen viel Druck genommen“, hat Julia Bredemeyer beobachtet. Sie arbeitet seit zweieinhalb Jahren bei der SBW. Zugleich sei es für sie schwierig gewesen, sich nicht mehr zu treffen, dafür hätten sie den Neustart dann als besonders schön empfunden, weil sie ihre Mitschüler wieder trafen.

Im ersten Lockdown habe sich beim SBW „eine Art Stau“ gebildet, berichtet Meise. Das lag daran, weil es schwierig war, überhaupt Wohnungen zu finden. Bei den Ämtern sei es schwierig gewesen, Termine zu bekommen, um die nötigen Anträge zu stellen.

Das Angebot der SBW gibt es mittlerweile seit 30 Jahren – seit 1990 aus dem Jugendwohlfahrtgesetz das Jugendhilfegesetzt wurde. „Das hat erst die Grundlage für unsere Arbeit geschaffen“, sagt Rita Frank, die seit 20 Jahren zum Team gehört. Der Grundgedanke sei damals gewesen, für Jugendliche, die in Heimen aufgewachsen sind, den harten Cut nach der Schulpflicht in die Selbstständigkeit abzufedern.

Das Büro in der Stadt ist als Anlaufstelle gedacht. Es vereinfache die ambulante Arbeit durch die Nähe zu den Ämtern. Aber auch über das Büro hinaus sind die aktuell sieben Mitarbeiter, die 20 Jugendliche betreuen, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche über Bereitschaftsdienste für die Jugendlichen da. Einige der Jugendlichen besuchen sie täglich, bei anderen reiche ein Kontakt von wenigen Stunden in der Woche“, erläutert Rita Frank, die seit 20 Jahren für die SBW arbeitet. In der Regel leben zwei Jugendliche in einer Wohngemeinschaft zusammen. Größere Einheiten seien nicht sinnvoll, weil die Jugendlichen häufig mit Gruppenregeln nicht gut klarkommen. „Im Augenblick versuchen wir aber die Jugendlichen einzeln unterzubringen“, sagt Meise. Dafür mietet die SBW Wohnungen auf dem freien Markt an: „Wir wollen keine Ghettobildung.“

„Wir arbeiten an Lösungen“, sagt Meise. Damit habe sich die Blickrichtung auf die Arbeit im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte grundlegend verändert. Wenn möglich, werden die Eltern in die Arbeit einbezogen. „Es geht darum, alle vorhandenen Potenziale zu nutzen und die Defizite auszugleichen“, sagt Meise.

Im Durchschnitt werden die Jugendlichen eineinhalb bis zwei Jahre lang von der SBW betreut, erläutert Rita Frank. Aber das sei sehr unterschiedlich, einige blieben für wenige Monate, andere für mehrere Jahre. In der Regel sind die Jugendlichen 16 Jahre alt, wenn sie zur SBW kommen und werden betreut, bis sie 21 Jahre alt sind. In Ausnahmefällen könne das aber bis zum 27. Lebensjahr ausgedehnt werden. Die SBW hat in 30 Jahren aber nicht nur eine hohe Fluktuation der Jugendlichen sondern auch an Mitarbeitern erlebt, weil sich deren Anzahl nach der Zahl der zu Betreuenden richte.

„Wir nehmen niemanden über 60“, scherzt Meise. Sein Team erhalte immer mal wieder Anfragen von Familien mit Senioren. Aber: „Der Zugang zur SBW führt ausschließlich über das Jugendamt“, betont Meise.

Bis zur jetzigen Pandemie sei die Flüchtlingskrise 2015 die größte Herausforderung für die SBW gewesen. Das lag daran, dass damals alles sehr schnell gehen musste. Es kamen viele Jugendliche auf einmal an. Wie können wir uns verständigen, war schon die erste Frage. „Die Kolleginnen haben damals angefangen, mit den Jugendlichen Schulunterricht zu machen. Das hat die Bindung sehr gestärkt“, sagt Meise. Dazu hat aber vor allem auch die Idee, die Gruppe mit einem Theaterpädagogen arbeiten zu lassen, beigetragen. Canip Gündogdu hatte mit den Geflüchteten das Theaterstück „Blick nach vorn“ entwickelt, das zum Kongress „Das neue Wir“ uraufgeführt wurde und anschließend mehrere Auszeichnungen erhielt. Das hat die Jugendlichen beflügelt, ihnen den Einstieg in ein neues Leben erleichtert. Inzwischen absolvieren sie alle ein Ausbildung.

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