Rundfahrt: So sieht es in Minden nach der Ausgangssperre aus Jan Henning Rogge Minden. Fast alle Mindener haben einen Hund, die anderen fahren Essen aus – das könnte der Schluss sein, den ein Bewohner eines fremden Planeten nach einem Besuch der Mindener Innenstadt am späten Mittwochabend ziehen würde. Es ist der vorerst vorletzte Abend mit Ausgangssperre, die seit dem 21. Dezember zwischen 21 Uhr abends und 4 Uhr morgens im Kreis Minden-Lübbecke galt – und an die sich offenbar eine große Mehrheit der Menschen gehalten hat. Es ist etwa viertel nach neun, als ich mit dem Fahrrad am ZOB ankomme. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, mit den wenigen Leuten, die heute unterwegs sind, ins Gespräch zu kommen. Zumindest hier wird daraus nichts: Am hell erleuchtetem Busbahnhof ist keine Menschenseele zu sehen, am Klausenwall nebenan fährt ein Pizzataxi vorbei, das war es. Am Taxistand vor der Deutschen Bank steht ein Taxi, das gelbe Licht auf dem Dach leuchtet nicht, ich kann niemanden im Auto entdecken. Auf dem Marktplatz ist dagegen richtig viel los: Ein Paar kommt mit seinem Hund vorbei – mit mir sprechen wollen die beiden aber nicht. Ein Grund könnte sein, dass niemand genau weiß, ob das was er da tut nun legal ist oder nicht: Während es grundsätzlich erlaubt ist, den Hund auszuführen, damit das Tier sein Geschäft erledigen kann, steht in der Verordnung des Kreises nicht, ob der Gassi-Gang nur von einem oder auch von zwei Menschen begleitet werden darf. Das Paar mit Hund ist aber nicht alleine auf dem Markt – an der Martinitreppe steht ein jüngerer Mann. Als ich näher komme, dreht er sich um und geht. Er scheint nicht besonders erpicht darauf zu sein, wahrgenommen zu werden. In der Bäckerstraße ist gar nichts los, auch nicht an der Tränke und an der Schlagde. Das Weserufer ist wie ausgestorben, nur in der Ferne, kurz vor der Glacisbrücke, ist wieder jemand mit einem Hund unterwegs. Er biegt ins Glacis ein und ist nicht mehr zu sehen. Am Wesertor sind vereinzelt Autos unterwegs – etwa ein Fahrzeug pro Minute zähle ich, kein Vergleich zu einem normalen Abend um diese Uhrzeit. Auch hier dabei: Ein Pizza-Lieferdienst. Über den menschenleeren Großen und den Kleinen Domhof fahre ich zurück in die Fußgängerzone, über den Scharn und die Hufschmiede in die Obere Altstadt. Auch hier ist es menschenleer. Doch am Martinikirchhof pulsiert das Leben – zumindest im Vergleich mit dem Rest der Innenstadt. Ein Mann kommt mir entgegen, er will nach hause, mehr möchte er nicht sagen. Zwei Hundebesitzer kreuzen meinen Weg, dann liegt der Platz wieder verlassen im Licht der Straßenlaternen. Drei Menschen innerhalb einer Minute – das war der belebteste Moment bis jetzt. In der Ritterstraße verzieht sich ein Mann in einen Hauseingang, als er mich bemerkt. Sonst ist hier auch nichts los. Durch die Verbindungsstraße Trockenhof sehe ich plötzlich einen Golf, der mit recht hoher Geschwindigkeit die Obermarktstraße herunter fährt, dann ist wieder Ruhe. Am Königswall begegnen mir nacheinander gleich drei Autos von Lieferdiensten, offenbar sind auch kurz vor 22 Uhr noch viele Menschen hungrig. Das vierte Auto gehört zu einem Pflegedienst, dann war es das. Ich versuche mein Glück in den Nebenstraßen, fahre über die Pöttcherstraße in Richtung Botanischer Garten, dann weiter bis zur Ringstraße –- und treffe niemanden. Für meine Kollegin, die meint, der Supermarkt-Parkplatz hier sei wirklich immer voll, mache ich ein Beweisfoto: Heute Abend um 22 Uhr ist er leer. Dann wende ich mich der Ringstraße zu. Erstaunlicherweise ist hier weniger los als auf dem Klausenwall. Immerhin: Zur Abwechslung fährt hier ein Lastwagen vorbei. Radfahrer oder Fußgänger? Fehlanzeige. Auch ein kleiner Abstecher ins Simeonsglacis verschafft mir keinen Gesprächspartner, vermutlich ist inzwischen auch den Hundebesitzern die Lust am Gassigehen vergangen. Kein Wunder, denn ein beständiger Schneeregen hat eingesetzt. Über die verlassene Ulmenstraße fahre ich zur Portastraße, um noch einen Blick auf die Verkehrsbirne zu werfen. Hier ist etwas mehr Verkehr, aus Richtung Weserauentunnel kommen immer wieder zwei, drei Fahrzeuge nacheinander und verteilen sich dann auf die abzweigenden Straßen – kein Vergleich zu einem normalen Wochentag um kurz nach zehn. Nach etwa einer Stunde mache ich mich auf den Heimweg. Und stelle fest: Die Ausgangssperre hat zumindest in Minden offenbar funktioniert. Eine Erkenntnis, die auch die Polizei teilt, die übrigens von meinem Ausflug wusste. „Bei unseren Kontrollen haben wir festgestellt, dass sich die Menschen ganz überwiegend an die Ausgangssperren gehalten haben“, sagt Pressesprecher Ralf Steinmeyer. „Ausnahmen gibt es natürlich immer, aber insgesamt hat uns das die Arbeit sehr erleichtert – und dafür sagen wir Danke.“ Dass die Ausgangssperre ab Freitag aufgehoben wurde, begrüßt er. „So bleiben wieder mehr Freiräume für unsere ureigenen Aufgaben.“ Und ich freue mich auch: Immerhin hat jetzt doch noch jemand mit mir gesprochen, wenn auch nur am Telefon.

Rundfahrt: So sieht es in Minden nach der Ausgangssperre aus

Am hell erleuchteten Busbahnhof ist keine Menschenseele zu sehen. MT-Fotos: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. Fast alle Mindener haben einen Hund, die anderen fahren Essen aus – das könnte der Schluss sein, den ein Bewohner eines fremden Planeten nach einem Besuch der Mindener Innenstadt am späten Mittwochabend ziehen würde. Es ist der vorerst vorletzte Abend mit Ausgangssperre, die seit dem 21. Dezember zwischen 21 Uhr abends und 4 Uhr morgens im Kreis Minden-Lübbecke galt – und an die sich offenbar eine große Mehrheit der Menschen gehalten hat.

Es ist etwa viertel nach neun, als ich mit dem Fahrrad am ZOB ankomme. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, mit den wenigen Leuten, die heute unterwegs sind, ins Gespräch zu kommen. Zumindest hier wird daraus nichts: Am hell erleuchtetem Busbahnhof ist keine Menschenseele zu sehen, am Klausenwall nebenan fährt ein Pizzataxi vorbei, das war es. Am Taxistand vor der Deutschen Bank steht ein Taxi, das gelbe Licht auf dem Dach leuchtet nicht, ich kann niemanden im Auto entdecken.

Die Bäckerstraße während der Ausgangssperre: Die Fußgängerzone ist wie ausgestorben. - © Alex Lehn
Die Bäckerstraße während der Ausgangssperre: Die Fußgängerzone ist wie ausgestorben. - © Alex Lehn

Auf dem Marktplatz ist dagegen richtig viel los: Ein Paar kommt mit seinem Hund vorbei – mit mir sprechen wollen die beiden aber nicht. Ein Grund könnte sein, dass niemand genau weiß, ob das was er da tut nun legal ist oder nicht: Während es grundsätzlich erlaubt ist, den Hund auszuführen, damit das Tier sein Geschäft erledigen kann, steht in der Verordnung des Kreises nicht, ob der Gassi-Gang nur von einem oder auch von zwei Menschen begleitet werden darf. Das Paar mit Hund ist aber nicht alleine auf dem Markt – an der Martinitreppe steht ein jüngerer Mann. Als ich näher komme, dreht er sich um und geht. Er scheint nicht besonders erpicht darauf zu sein, wahrgenommen zu werden.

Kein Publikum strömt aus den Türen des Stadttheaters. Das Leben in der Innenstadt steht still. - © Alex Lehn
Kein Publikum strömt aus den Türen des Stadttheaters. Das Leben in der Innenstadt steht still. - © Alex Lehn

In der Bäckerstraße ist gar nichts los, auch nicht an der Tränke und an der Schlagde. Das Weserufer ist wie ausgestorben, nur in der Ferne, kurz vor der Glacisbrücke, ist wieder jemand mit einem Hund unterwegs. Er biegt ins Glacis ein und ist nicht mehr zu sehen. Am Wesertor sind vereinzelt Autos unterwegs – etwa ein Fahrzeug pro Minute zähle ich, kein Vergleich zu einem normalen Abend um diese Uhrzeit. Auch hier dabei: Ein Pizza-Lieferdienst.

Über den menschenleeren Großen und den Kleinen Domhof fahre ich zurück in die Fußgängerzone, über den Scharn und die Hufschmiede in die Obere Altstadt. Auch hier ist es menschenleer. Doch am Martinikirchhof pulsiert das Leben – zumindest im Vergleich mit dem Rest der Innenstadt. Ein Mann kommt mir entgegen, er will nach hause, mehr möchte er nicht sagen. Zwei Hundebesitzer kreuzen meinen Weg, dann liegt der Platz wieder verlassen im Licht der Straßenlaternen. Drei Menschen innerhalb einer Minute – das war der belebteste Moment bis jetzt. In der Ritterstraße verzieht sich ein Mann in einen Hauseingang, als er mich bemerkt. Sonst ist hier auch nichts los.

Durch die Verbindungsstraße Trockenhof sehe ich plötzlich einen Golf, der mit recht hoher Geschwindigkeit die Obermarktstraße herunter fährt, dann ist wieder Ruhe. Am Königswall begegnen mir nacheinander gleich drei Autos von Lieferdiensten, offenbar sind auch kurz vor 22 Uhr noch viele Menschen hungrig. Das vierte Auto gehört zu einem Pflegedienst, dann war es das.

Ich versuche mein Glück in den Nebenstraßen, fahre über die Pöttcherstraße in Richtung Botanischer Garten, dann weiter bis zur Ringstraße –- und treffe niemanden. Für meine Kollegin, die meint, der Supermarkt-Parkplatz hier sei wirklich immer voll, mache ich ein Beweisfoto: Heute Abend um 22 Uhr ist er leer. Dann wende ich mich der Ringstraße zu. Erstaunlicherweise ist hier weniger los als auf dem Klausenwall. Immerhin: Zur Abwechslung fährt hier ein Lastwagen vorbei. Radfahrer oder Fußgänger? Fehlanzeige.

Auch ein kleiner Abstecher ins Simeonsglacis verschafft mir keinen Gesprächspartner, vermutlich ist inzwischen auch den Hundebesitzern die Lust am Gassigehen vergangen. Kein Wunder, denn ein beständiger Schneeregen hat eingesetzt. Über die verlassene Ulmenstraße fahre ich zur Portastraße, um noch einen Blick auf die Verkehrsbirne zu werfen. Hier ist etwas mehr Verkehr, aus Richtung Weserauentunnel kommen immer wieder zwei, drei Fahrzeuge nacheinander und verteilen sich dann auf die abzweigenden Straßen – kein Vergleich zu einem normalen Wochentag um kurz nach zehn. Nach etwa einer Stunde mache ich mich auf den Heimweg. Und stelle fest: Die Ausgangssperre hat zumindest in Minden offenbar funktioniert.

Eine Erkenntnis, die auch die Polizei teilt, die übrigens von meinem Ausflug wusste. „Bei unseren Kontrollen haben wir festgestellt, dass sich die Menschen ganz überwiegend an die Ausgangssperren gehalten haben“, sagt Pressesprecher Ralf Steinmeyer. „Ausnahmen gibt es natürlich immer, aber insgesamt hat uns das die Arbeit sehr erleichtert – und dafür sagen wir Danke.“ Dass die Ausgangssperre ab Freitag aufgehoben wurde, begrüßt er. „So bleiben wieder mehr Freiräume für unsere ureigenen Aufgaben.“

Und ich freue mich auch: Immerhin hat jetzt doch noch jemand mit mir gesprochen, wenn auch nur am Telefon.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden