„Risiken sind groß wie nie“: So steht es um die Mindener Wirtschaft Henning Wandel Minden. Die Mindener Wirtschaft präsentiert sich zum Ende des Krisenjahres 2021 überraschend stabil. Doch während die Folgen der Pandemie langsam ihren Schrecken zu verlieren scheinen, werden andere Risiken umso deutlicher. Corona habe große Probleme offenbart, sagt der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Minden-Lübbecke (AGV), Robert Falch: „Wir sehen jetzt klarer.“ Dabei sind die Ergebnisse der AGV-Konjunkturumfrage zunächst sehr ermutigend. 55 Prozent der befragten Unternehmen bewerten die aktuelle Geschäftslage als gut, weitere 43 Prozent als befriedigend. Damit sind die Werte besser als 2018 und 2019, den beiden Jahren vor der Pandemie. Für 43 Prozent waren auch die Erträge besser als erwartet, nur für 16 Prozent schlechter. Und für das noch junge Jahr 2022 erwartet fast ein Viertel noch einmal eine wirtschaftliche Verbesserung, die Hälfte geht von einem gleichbleibenden Niveau aus. Der AGV hatte in den Monaten November und Dezember seine 164 Mitgliedsunternehmen befragt, von denen mit 79 knapp die Hälfte geantwortet hat. In der Befragung sind 23.000 Arbeitsplätze abgebildet. Die positiven Einschätzungen der Unternehmen ziehen sich durch fast alle Bereiche der Befragung: So plant die große Mehrheit gleichbleibend hohe oder steigende Investitionen vor allem am Standort Minden-Lübbecke. 41 Prozent der befragten Unternehmen hat zusätzliche Stellen geschaffen, 42 Prozent will auch in diesem Jahr mehr Personal einstellen. Und schließlich würde jedes vierte Unternehmen gerne mehr Ausbildungsplätze anbieten. Nach den Fachkräften fehlen nicht selten auch die Auszubildenden Hinter diesen Zahlen allerdings verbirgt sich gleichsam eines der drängendsten Probleme: Vier von fünf der befragten Unternehmen haben Schwierigkeiten bei der Besetzung von offenen Stellen. Unter dem Stichwort Fachkräftemangel ist das zwar kein neues Phänomen, es wirkt sich inzwischen aber auch auf den Ausbildungsmarkt aus. 17 Prozent der Unternehmen melden für 2021 einen Rückgang der Ausbildungsplätze, nur 14 Prozent eine Zunahme. Da die Zahlen nicht nach der Größe der Unternehmen gewichtet sind, lässt sich daraus zwar keine absolute Zahl ableiten, wohl aber ein Trend. Dabei sei der Rückgang keine aktive Entscheidung der Unternehmen, sagt AGV-Geschäftsführer André Fechner. Wie auch bei den Fachkräften seien die Stellen oft schlicht nicht zu besetzen gewesen. Elf Prozent gehen für 2022 von einem weiteren Rückgang aus. „Das ist ein Alarmsignal“, sagt Fechner. Das gilt umso mehr, als dass etwa jedes fünfte Unternehmen Probleme damit hat, neue Mitarbeiter von der Region Minden-Lübbecke zu überzeugen. Eigenen Nachwuchs auszubilden, gewinnt vor diesem Hintergrund noch einmal an Bedeutung. Dass in der Pandemie kaum Praktika oder Ausbildungstage möglich gewesen seien, habe das Problem noch einmal verstärkt. „Das Reinschnuppern fehlt einfach“, sagt AGV-Vorstandsmitglied Dr. Henrik Follmann. Das gelte gerade für weniger bekannte Berufe wie Chemikant oder Laborant. Umso wichtiger sei Zuwanderung: „Der Fachkräftemangel wird sich verschärfen“, sagt Sven Hohorst, der ebenfalls im Vorstand des AGV sitzt. Ohne Migration würden einige Berufe einfach verschwinden. Doch es ist nicht nur die offene Frage, woher das dringend benötigte Personal kommen soll. Es geht vor allem um die politischen Rahmenbedingungen – und die sind aus Sicht der Wirtschaftsvertreter ein großes Problem. Follmann macht das am Beispiel von Investitionen und Genehmigungsdauern fest. Obwohl in der EU die gleichen Regeln gelten, dauere ein Genehmigungsverfahren in Deutschland doppelt so lang wie im EU-Durchschnitt, kritisiert Follmann: „Ich muss heute eine Investitionsentscheidung treffen, sehe das Ergebnis erst in zehn Jahren.“ Insgesamt fehle der Politik das Realitätsverständnis. Aber warum blicken die Unternehmen dann so positiv auf das vergangene und das neue Jahr? „Nach zwei Jahren Stillstand gibt es Nachholeffekte“, sagt Hohorst. Und Corona könne die Wirtschaft managen, ergänzt Falch. Umso mehr sei jetzt die Politik und speziell die neue Bundesregierung gefordert: „Es gibt eine hohe Frustration mit den politischen Rahmenbedingungen“, sagt Patrick Jacob, ebenfalls AGV-Vorstand: „Die Risiken sind so groß wie nie – wir müssen jetzt wieder Ruhe reinkriegen.“

„Risiken sind groß wie nie“: So steht es um die Mindener Wirtschaft

Symbolbild: © Unsplash

Minden. Die Mindener Wirtschaft präsentiert sich zum Ende des Krisenjahres 2021 überraschend stabil. Doch während die Folgen der Pandemie langsam ihren Schrecken zu verlieren scheinen, werden andere Risiken umso deutlicher. Corona habe große Probleme offenbart, sagt der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Minden-Lübbecke (AGV), Robert Falch: „Wir sehen jetzt klarer.“

Dabei sind die Ergebnisse der AGV-Konjunkturumfrage zunächst sehr ermutigend. 55 Prozent der befragten Unternehmen bewerten die aktuelle Geschäftslage als gut, weitere 43 Prozent als befriedigend. Damit sind die Werte besser als 2018 und 2019, den beiden Jahren vor der Pandemie. Für 43 Prozent waren auch die Erträge besser als erwartet, nur für 16 Prozent schlechter. Und für das noch junge Jahr 2022 erwartet fast ein Viertel noch einmal eine wirtschaftliche Verbesserung, die Hälfte geht von einem gleichbleibenden Niveau aus. Der AGV hatte in den Monaten November und Dezember seine 164 Mitgliedsunternehmen befragt, von denen mit 79 knapp die Hälfte geantwortet hat. In der Befragung sind 23.000 Arbeitsplätze abgebildet.

Die positiven Einschätzungen der Unternehmen ziehen sich durch fast alle Bereiche der Befragung: So plant die große Mehrheit gleichbleibend hohe oder steigende Investitionen vor allem am Standort Minden-Lübbecke. 41 Prozent der befragten Unternehmen hat zusätzliche Stellen geschaffen, 42 Prozent will auch in diesem Jahr mehr Personal einstellen. Und schließlich würde jedes vierte Unternehmen gerne mehr Ausbildungsplätze anbieten.

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Patrick Schwemmling

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Nach den Fachkräften fehlen nicht selten auch die Auszubildenden

Hinter diesen Zahlen allerdings verbirgt sich gleichsam eines der drängendsten Probleme: Vier von fünf der befragten Unternehmen haben Schwierigkeiten bei der Besetzung von offenen Stellen. Unter dem Stichwort Fachkräftemangel ist das zwar kein neues Phänomen, es wirkt sich inzwischen aber auch auf den Ausbildungsmarkt aus. 17 Prozent der Unternehmen melden für 2021 einen Rückgang der Ausbildungsplätze, nur 14 Prozent eine Zunahme. Da die Zahlen nicht nach der Größe der Unternehmen gewichtet sind, lässt sich daraus zwar keine absolute Zahl ableiten, wohl aber ein Trend. Dabei sei der Rückgang keine aktive Entscheidung der Unternehmen, sagt AGV-Geschäftsführer André Fechner. Wie auch bei den Fachkräften seien die Stellen oft schlicht nicht zu besetzen gewesen. Elf Prozent gehen für 2022 von einem weiteren Rückgang aus. „Das ist ein Alarmsignal“, sagt Fechner.

Das gilt umso mehr, als dass etwa jedes fünfte Unternehmen Probleme damit hat, neue Mitarbeiter von der Region Minden-Lübbecke zu überzeugen. Eigenen Nachwuchs auszubilden, gewinnt vor diesem Hintergrund noch einmal an Bedeutung. Dass in der Pandemie kaum Praktika oder Ausbildungstage möglich gewesen seien, habe das Problem noch einmal verstärkt. „Das Reinschnuppern fehlt einfach“, sagt AGV-Vorstandsmitglied Dr. Henrik Follmann. Das gelte gerade für weniger bekannte Berufe wie Chemikant oder Laborant. Umso wichtiger sei Zuwanderung: „Der Fachkräftemangel wird sich verschärfen“, sagt Sven Hohorst, der ebenfalls im Vorstand des AGV sitzt. Ohne Migration würden einige Berufe einfach verschwinden.

Doch es ist nicht nur die offene Frage, woher das dringend benötigte Personal kommen soll. Es geht vor allem um die politischen Rahmenbedingungen – und die sind aus Sicht der Wirtschaftsvertreter ein großes Problem. Follmann macht das am Beispiel von Investitionen und Genehmigungsdauern fest. Obwohl in der EU die gleichen Regeln gelten, dauere ein Genehmigungsverfahren in Deutschland doppelt so lang wie im EU-Durchschnitt, kritisiert Follmann: „Ich muss heute eine Investitionsentscheidung treffen, sehe das Ergebnis erst in zehn Jahren.“ Insgesamt fehle der Politik das Realitätsverständnis.

Aber warum blicken die Unternehmen dann so positiv auf das vergangene und das neue Jahr? „Nach zwei Jahren Stillstand gibt es Nachholeffekte“, sagt Hohorst. Und Corona könne die Wirtschaft managen, ergänzt Falch. Umso mehr sei jetzt die Politik und speziell die neue Bundesregierung gefordert: „Es gibt eine hohe Frustration mit den politischen Rahmenbedingungen“, sagt Patrick Jacob, ebenfalls AGV-Vorstand: „Die Risiken sind so groß wie nie – wir müssen jetzt wieder Ruhe reinkriegen.“

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