Richterin aus Trotz: Wie eine Mindenerin entgegen aller Zweifel Karriere machte Julika Bergermann Minden. „Fräulein, so wie Sie aussehen, machen Sie doch lieber etwas anderes" – es ist dieser Satz eines Jura-Professors, der Maja Kurth Ende der Sechzigerjahre ins Studium treibt. Nach dem Motto: Jetzt erst Recht. Die gebürtige Mindenerin hatte sich bei dem Dozenten an der Uni Köln nach den beruflichen Möglichkeiten eines Juristen erkundigt. „Ich sah damals ein bisschen anders aus als die durchschnittliche Jurastudentin", erinnert sich die 72-Jährige heute, an einem Frühsommertag auf ihrer Terrasse. Statt Perlenkette habe sie kurze Röcke getragen und ihren Lebensunterhalt durch Model-Jobs aufgebessert. Der Mann hatte sie gemustert und sein Urteil gefällt. Heute jedoch blickt Kurth auf eine über vierzigjährige Karriere als Richterin zurück. Im Alter von gerade einmal 27 Jahren wird sie im Jahr 1975 die einzige weibliche Richterin am Verwaltungsgericht Minden. Die Kleidungsvorschriften zwingen sie zum Kauf des ersten Kostüms ihres Lebens. Vor allem ist da aber das Gefühl, immer mehr leisten zu müssen als die männlichen Kollegen. Die Reaktionen ihres Umfelds auf ihren Beruf fallen unterschiedlich aus. „Die meisten waren verwundert", berichtet Kurth. „Und mein Bruder sagte, ich sei nur eine Quotenfrau." Auch ihre Entscheidung, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, kommt nicht überall gut an. „Es gab Leute, die mich als Rabenmutter bezeichneten", erzählt die zweifache Mutter, deren Sohn Michael unter dem Künstlernamen „Curse" als Musiker berühmt geworden ist. Inzwischen gibt es einige Richterinnen, darüber ist Maja Kurth froh. Seit den Achtzigern würden an den Gerichten mehr Frauen eingestellt. „Für die Fälle selbst spielt das Geschlecht des Richters meistens keine Rolle", erklärt die Juristin, die sich in ihrer Laufbahn mit verschiedensten Themen des Verwaltungsrechts – beispielsweise dem Lebensmittel- und Beamtenrecht – beschäftigt hat. „Ein Richter soll neutral sein. Ob er das kann, ist unabhängig seines Geschlechts natürlich eine andere Frage." Eine Ausnahme gibt es für Kurth aber doch: und zwar da, wo es um frauenspezifische Themen geht. Diese Erfahrung hat die pensionierte Juristin schon früh gemacht. In den Achtzigern, als die Gerichte mit Asylverfahren überschwemmt werden, nimmt sie – wieder als einzige Richterin – an einem Prozess um eine junge Kurdin teil. Die Frau ist nicht einmal 20 Jahre alt. Sie erzählt, dass ihr in der Türkei Sympathie für die PKK (die Arbeiterpartei Kurdistans) vorgeworfen worden sei. Daraufhin habe sie sich in einem Saal voller Männer ausziehen müssen. Sie bittet um Asyl in Deutschland. Und erhält es nicht. „Meine männlichen Kollegen verstanden nicht, was daran so schlimm gewesen sein sollte", erinnert sich Maja Kurth. „Und sie begriffen nicht, dass das Mädchen dadurch in den Augen der türkischen Gesellschaft ehrlos geworden ist, dass sie keinen Ehemann mehr finden würde." Eine andere Frau habe versucht, von einer Reihenvergewaltigung zu erzählen – doch das sei ihr schwer gefallen. „Da hieß es dann: Wenn sie es nicht erzählen kann, hat sie es auch nicht erlebt." In einem weiteren, ähnlichen Fall habe eine Antragstellerin wie ein Wasserfall geredet. Da urteilten die männlichen Kollegen, sie klinge unglaubwürdig. So, als würde sie einen Film nacherzählen. Maja Kurth wird in allen drei Fällen von den Männern überstimmt. Doch sie hat eine Vorstellung davon, was in den Frauen vor sich ging. Nicht zuletzt, weil sie als junge Frau selbst Opfer sexueller Gewalt wurde. „Ich ging durch das Glacis zur Arbeit", berichtet sie ruhig. „Auf einmal war ein Mann neben mir, griff mir unter den Rock und versuchte, mich in die Büsche zu ziehen." Durch lautes Schreien habe sie den Täter in die Flucht schlagen können. Dann sei sie zur Polizei gegangen. „Die erste Frage, die mir der Beamte dort stellte, war: Tragen Sie denn überhaupt einen Schlüpfer?" Sie sei fassungslos gewesen. Der Polizist habe ihr erklärt, dass 30 Prozent der Frauen im Sommer keinen Slip trügen. Was diese Behauptung mit dem Übergriff zu tun gehabt hat, das erschließt sich der Juristin bis heute nicht. Was den drei Asylbewerberinnen vor Gericht widerfuhr, klingt ungerecht. Aber wie gerecht sind überhaupt deutsche Gerichte? Kurth winkt ab. „Das ist ein Begriff, mit dem ich in der Juristerei nicht gern arbeite." Er sei zu unscharf, zu offen. „Gerechtigkeit – was soll das schon sein?", sagt sie und blinzelt in die Sonne. „Jeder hat doch seine eigene Vorstellung davon, was fair ist und was nicht." Aber ist denn das Gericht nicht dazu da, für Gerechtigkeit zu sorgen? Die Richterin schüttelt energisch den Kopf. „Vor Gericht bekommen Sie keine Gerechtigkeit, sondern ein Urteil, eine Entscheidung." Als Basis dafür dienten das Gesetz und das eigene Gewissen. Aus diesem Grunde gebe es auch keine richterliche Entscheidung, die sie im Nachhinein bereut. Wohl aber Urteile, die ihr leidtun. „Bereuen kann ich nur etwas, von dem ich weiß, dass es falsch war. Urteile habe ich aber immer erst gefällt, wenn ich sicher war, dass ich gar nicht anders entscheiden kann." Einmal habe sie zum Beispiel einem Mann Asyl verwehren müssen, der sich sehr um seine Integration in Deutschland bemüht hätte. „Da würden wohl viele fragen, warum ausgerechnet er zurückgeschickt wurde." Wäre es nur nach ihr gegangen, hätte der Mann wohl bleiben dürfen. „Aber die Gesetzgebung ließ das nicht zu." Das habe sie ihm erklärt und auch ihr Bedauern ausgedrückt. Absolute Gerechtigkeit, die gibt es im Leben nicht – da ist sich die Richterin ziemlich sicher. Sie bemühe sich darum, so wie es eben jeder nur tun könne. Vor allem aber kämpft sie weiter für die Gleichbehandlung von Mann und Frau – ein Begriff, mit dem sie weitaus mehr anfangen könne. In den Achtzigern, angesichts der drei abgelehnten Asylbewerberinnen, bemühte sie sich bei den zuständigen Stellen vergeblich um mehr weibliche Entscheidungsträger. Später wurde sie Gleichstellungsbeauftragte und überprüfte die Formulare des Gerichts auf gendergerechte Sprache. Heute engagiert sie sich für die internationale Kampagne „One Billion Rising" gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Sie, die Richterin auf Lebenszeit. Dem Kölner Professor, der sie nicht ernst nehmen wollte, und allen anderen Zweiflern zum Trotz.

Richterin aus Trotz: Wie eine Mindenerin entgegen aller Zweifel Karriere machte

Von wegen verschnaufen: Die pensionierte Richterin ist noch immer im Einsatz, zum Beispiel ehrenamtlich bei One Billion Rising. MT- © Foto: Julika Bergermann

Minden. „Fräulein, so wie Sie aussehen, machen Sie doch lieber etwas anderes" – es ist dieser Satz eines Jura-Professors, der Maja Kurth Ende der Sechzigerjahre ins Studium treibt. Nach dem Motto: Jetzt erst Recht. Die gebürtige Mindenerin hatte sich bei dem Dozenten an der Uni Köln nach den beruflichen Möglichkeiten eines Juristen erkundigt. „Ich sah damals ein bisschen anders aus als die durchschnittliche Jurastudentin", erinnert sich die 72-Jährige heute, an einem Frühsommertag auf ihrer Terrasse. Statt Perlenkette habe sie kurze Röcke getragen und ihren Lebensunterhalt durch Model-Jobs aufgebessert. Der Mann hatte sie gemustert und sein Urteil gefällt.

Heute jedoch blickt Kurth auf eine über vierzigjährige Karriere als Richterin zurück. Im Alter von gerade einmal 27 Jahren wird sie im Jahr 1975 die einzige weibliche Richterin am Verwaltungsgericht Minden. Die Kleidungsvorschriften zwingen sie zum Kauf des ersten Kostüms ihres Lebens. Vor allem ist da aber das Gefühl, immer mehr leisten zu müssen als die männlichen Kollegen.

Die Reaktionen ihres Umfelds auf ihren Beruf fallen unterschiedlich aus. „Die meisten waren verwundert", berichtet Kurth. „Und mein Bruder sagte, ich sei nur eine Quotenfrau." Auch ihre Entscheidung, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, kommt nicht überall gut an. „Es gab Leute, die mich als Rabenmutter bezeichneten", erzählt die zweifache Mutter, deren Sohn Michael unter dem Künstlernamen „Curse" als Musiker berühmt geworden ist.

Inzwischen gibt es einige Richterinnen, darüber ist Maja Kurth froh. Seit den Achtzigern würden an den Gerichten mehr Frauen eingestellt.

„Für die Fälle selbst spielt das Geschlecht des Richters meistens keine Rolle", erklärt die Juristin, die sich in ihrer Laufbahn mit verschiedensten Themen des Verwaltungsrechts – beispielsweise dem Lebensmittel- und Beamtenrecht – beschäftigt hat. „Ein Richter soll neutral sein. Ob er das kann, ist unabhängig seines Geschlechts natürlich eine andere Frage." Eine Ausnahme gibt es für Kurth aber doch: und zwar da, wo es um frauenspezifische Themen geht.

Diese Erfahrung hat die pensionierte Juristin schon früh gemacht. In den Achtzigern, als die Gerichte mit Asylverfahren überschwemmt werden, nimmt sie – wieder als einzige Richterin – an einem Prozess um eine junge Kurdin teil. Die Frau ist nicht einmal 20 Jahre alt. Sie erzählt, dass ihr in der Türkei Sympathie für die PKK (die Arbeiterpartei Kurdistans) vorgeworfen worden sei. Daraufhin habe sie sich in einem Saal voller Männer ausziehen müssen. Sie bittet um Asyl in Deutschland. Und erhält es nicht.

„Meine männlichen Kollegen verstanden nicht, was daran so schlimm gewesen sein sollte", erinnert sich Maja Kurth. „Und sie begriffen nicht, dass das Mädchen dadurch in den Augen der türkischen Gesellschaft ehrlos geworden ist, dass sie keinen Ehemann mehr finden würde."

Eine andere Frau habe versucht, von einer Reihenvergewaltigung zu erzählen – doch das sei ihr schwer gefallen. „Da hieß es dann: Wenn sie es nicht erzählen kann, hat sie es auch nicht erlebt." In einem weiteren, ähnlichen Fall habe eine Antragstellerin wie ein Wasserfall geredet. Da urteilten die männlichen Kollegen, sie klinge unglaubwürdig. So, als würde sie einen Film nacherzählen. Maja Kurth wird in allen drei Fällen von den Männern überstimmt.

Doch sie hat eine Vorstellung davon, was in den Frauen vor sich ging. Nicht zuletzt, weil sie als junge Frau selbst Opfer sexueller Gewalt wurde. „Ich ging durch das Glacis zur Arbeit", berichtet sie ruhig. „Auf einmal war ein Mann neben mir, griff mir unter den Rock und versuchte, mich in die Büsche zu ziehen."

Durch lautes Schreien habe sie den Täter in die Flucht schlagen können. Dann sei sie zur Polizei gegangen. „Die erste Frage, die mir der Beamte dort stellte, war: Tragen Sie denn überhaupt einen Schlüpfer?" Sie sei fassungslos gewesen.

Der Polizist habe ihr erklärt, dass 30 Prozent der Frauen im Sommer keinen Slip trügen. Was diese Behauptung mit dem Übergriff zu tun gehabt hat, das erschließt sich der Juristin bis heute nicht.

Was den drei Asylbewerberinnen vor Gericht widerfuhr, klingt ungerecht. Aber wie gerecht sind überhaupt deutsche Gerichte? Kurth winkt ab. „Das ist ein Begriff, mit dem ich in der Juristerei nicht gern arbeite." Er sei zu unscharf, zu offen. „Gerechtigkeit – was soll das schon sein?", sagt sie und blinzelt in die Sonne. „Jeder hat doch seine eigene Vorstellung davon, was fair ist und was nicht."

Aber ist denn das Gericht nicht dazu da, für Gerechtigkeit zu sorgen? Die Richterin schüttelt energisch den Kopf. „Vor Gericht bekommen Sie keine Gerechtigkeit, sondern ein Urteil, eine Entscheidung." Als Basis dafür dienten das Gesetz und das eigene Gewissen.

Aus diesem Grunde gebe es auch keine richterliche Entscheidung, die sie im Nachhinein bereut. Wohl aber Urteile, die ihr leidtun. „Bereuen kann ich nur etwas, von dem ich weiß, dass es falsch war. Urteile habe ich aber immer erst gefällt, wenn ich sicher war, dass ich gar nicht anders entscheiden kann."

Einmal habe sie zum Beispiel einem Mann Asyl verwehren müssen, der sich sehr um seine Integration in Deutschland bemüht hätte. „Da würden wohl viele fragen, warum ausgerechnet er zurückgeschickt wurde." Wäre es nur nach ihr gegangen, hätte der Mann wohl bleiben dürfen. „Aber die Gesetzgebung ließ das nicht zu." Das habe sie ihm erklärt und auch ihr Bedauern ausgedrückt.

Absolute Gerechtigkeit, die gibt es im Leben nicht – da ist sich die Richterin ziemlich sicher. Sie bemühe sich darum, so wie es eben jeder nur tun könne. Vor allem aber kämpft sie weiter für die Gleichbehandlung von Mann und Frau – ein Begriff, mit dem sie weitaus mehr anfangen könne.

In den Achtzigern, angesichts der drei abgelehnten Asylbewerberinnen, bemühte sie sich bei den zuständigen Stellen vergeblich um mehr weibliche Entscheidungsträger. Später wurde sie Gleichstellungsbeauftragte und überprüfte die Formulare des Gerichts auf gendergerechte Sprache. Heute engagiert sie sich für die internationale Kampagne „One Billion Rising" gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Sie, die Richterin auf Lebenszeit. Dem Kölner Professor, der sie nicht ernst nehmen wollte, und allen anderen Zweiflern zum Trotz.

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