Rassismus und Sexismus: Sicherheitsdienst am Corona-Testzentrum wird zur Zielscheibe Sebastian Radermacher Minden. Bekir Hezer und sein Team sind hart im Nehmen. Doch nun ist für sie eine Grenze überschritten und sie setzen sich öffentlich zur Wehr. Immer häufiger werden die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes WSO aus Osnabrück, die im Auftrag der Mühlenkreiskliniken (MKK) am Testzentrum auf Kanzlers Weide im Einsatz sind, laut eigenen Aussagen mit Pöbeleien, Drohungen und rassistischen Beleidigungen konfrontiert. In einem Fall sei ein Kollege sogar von einem aufgebrachten Autofahrer angefahren worden, berichtet Hezer. Es ist für den Security-Einsatz an verschiedenen Corona-Zentren, unter anderem auch am Mindener Klinikum, verantwortlich. Als die Drive-In-Zelte auf Kanzlers Weide an den Start gingen, sei die Stimmung allgemein noch nicht so angespannt gewesen. Die Situation habe sich in den vergangenen Wochen jedoch immer weiter zugespitzt. Mittlerweile würden seine Leute täglich wegen ihrer Herkunft oder ihres Aussehens von Besuchern, die sich dort testen lassen möchten, zum Teil aufs Übelste beschimpft, berichtet Hezer: „Das ist nicht zu akzeptieren." Wenn die Testwilligen länger in der Warteschlange stehen müssen, seien sie oft schon auf 180, wenn der Sicherheitsdienst sie vor den Zelten in Empfang nehme, berichtet Deniz Necdet. „Man kann mit ihnen dann gar nicht mehr ins Gespräch kommen. Stattdessen werden wir beschimpft", erzählt der Mitarbeiter. Dass man genervt ist wegen der Pandemie, wegen der Testpflicht oder auch wegen langer Wartezeiten, könne er durchaus verstehen, sagt Bekir Hezer. Auch Kritik an der Arbeit des Sicherheitsdienstes dürfe jeder äußern. „Wir können über alles diskutieren – aber auf eine sachliche Art." Sein Team versuche in solchen Fällen deeskalierend zu agieren. Hezer gibt zu, dass manchmal sicherlich auch auf Seiten des Sicherheitspersonals nicht alles optimal abläuft. „Wir sind auch nur Menschen." Aber rassistische Beleidigungen? Das gehe einfach zu weit. Christian Busse, Sprecher der Mühlenkreiskliniken, verurteilt so ein Verhalten. Er bittet die Besucher um Verständnis, dass es am Testzentrum zu längeren Wartezeiten kommen kann. „Alle hier arbeiten am Anschlag", versichert Busse. Im Schnitt werden dort 1.700 Abstriche pro Tag entnommen, am Montag waren es fast 2.000. Das Testzentrum hat von 6 bis 20.30 Uhr geöffnet. Die Erfahrung der Verantwortlichen zeigt, dass frühmorgens vor 9 Uhr der Andrang in der Regel noch vergleichsweise gering ist, danach wird es ziemlich voll. Normalerweise kehrt ab 18 Uhr wieder mehr Ruhe ein. Eine Garantie dafür gibt es aber nicht, denn der Besucherandrang ist nicht vorhersehbar. Zwar werden Testwillige gebeten, im Vorfeld einen Termin zu buchen, was den MKK einen besseren Überblick über die Auslastung gibt. Viele Autofahrer steuern aber auch spontan das Testzentrum an und buchen sich einen Termin, wenn sie bereits in der Warteschlange stehen. Wer einen Schnelltest benötigt und zeitlich gebunden ist, sollte genügend Puffer einplanen und nicht erst auf den letzten Drücker vorbeikommen, appelliert Florian Schaudig, Koordinator der Mühlenkreiskliniken für das Testzentrum auf Kanzlers Weide. Was im Gespräch vor Ort deutlich wird: Die Pöbeleien sind längst nicht das einzige Problem rund um die Drive-In-Zelte. Laut Schaudig wurden Mitarbeiterinnen in den vergangenen Wochen vermehrt mit sexistischen Kommentaren und anzüglichen Bemerkungen der Autofahrer während des Nasenabstriches konfrontiert. „So etwas hat hier ebenfalls nichts zu suchen." Die meisten Kolleginnen würden sich solche Worte nicht zu Herzen nehmen – „es gab zuletzt aber auch eine Mitarbeiterin, die wollte dann keine Abstriche mehr machen", berichtet Schaudig. Eine weitere Sache, die sowohl das Sicherheitspersonal als auch die Mitarbeiter im Testzentrum immer wieder beobachten, ist die Raserei einiger unbelehrbarer Autofahrer auf dem riesigen Parkplatz. „Das ist einfach sehr gefährlich und unverantwortlich, weil hier viele Fußgänger und Familien mit Kindern unterwegs sind", meint Deniz Necdet, der mit seinen Kollegen schon mehrfach Beschleunigungsrennen beobachtet hat. Ordnungsamt und Polizei seien daraufhin auch bereits tätig geworden. „Seitdem ist es ruhiger geworden, aber es hat nicht aufgehört." Abschließend möchten das Sicherheitspersonal und die Vertreter der Mühlenkreiskliniken noch eine Sache klarstellen, die ihnen am Herzen liegt: Der Großteil der Besucher des Testzentrums verhalte sich vorbildlich und bereite keine Probleme. „Wir erhalten auch viel Lob und Zuspruch für unsere Arbeit – das tut natürlich gut", sagt Florian Schaudig und erhält Zustimmung von Bekir Hezer. Für die Zukunft wünschen sich beide einen respektvolleren Umgang. Denken statt draufhauen Ein Kommentar von Lea Oetjen Es gibt Situationen, die ich wohl nie in meinem Leben verstehen werde. Warum denken gewisse Autofahrer, dass es ihnen etwas bringt, dicht aufzufahren? Manchmal sogar so dicht, dass der Wackeldackel im Vorderauto gestreichelt werden könnte. Ach, weil sich der Verkehr dann in Luft auflöst? Und warum diskutieren Fußballer nach einer Roten Karte mit dem Schiedsrichter? „Oh, da hast du dich ja jetzt so aufgeregt und mich eingeschüchtert, jetzt nehme ich die Strafe doch glatt wieder zurück", hat sicher noch nie ein Unparteiischer eingeräumt. Noch ein Beispiel gefällig? Am Corona-Testzentrum auf Kanzlers Weide ist neulich die Technik ausgefallen. Die Mitarbeiter haben versucht, das Problem in den Griff zu kriegen. Vergeblich. Sie sind dann im Regen von Auto zu Auto gegangen, um von den technischen Schwierigkeiten zu berichten. Der Großteil der Menschen in der Warteschlange hat Verständnis gezeigt. Logisch. Die Mitarbeiter können da ja nichts für. Ein Mann sah das anders. Ohne Maske stieg er aus, tippte auf seine Uhr und fing an, mit Beleidigungen um sich zu werfen. So etwas scheint für die Mitarbeiter dort trauriger Alltag geworden zu sein. Ob der Herr wohl gedacht hat, dass seine Pöbelei und Drängelei die Technik wieder zum Laufen bringt? Geduld ist ein hohes Gut mit Grenzen. Gerade bei denen, die denken statt sofort verbal draufzuhauen.

Rassismus und Sexismus: Sicherheitsdienst am Corona-Testzentrum wird zur Zielscheibe

Das Sicherheitspersonal am Corona-Schnelltestzentrum auf Kanzlers Weide wehrt sich öffentlich gegen Pöbelei, Drohungen und rassistische Beleidigungen. MT-Foto: © Alex Lehn

Minden. Bekir Hezer und sein Team sind hart im Nehmen. Doch nun ist für sie eine Grenze überschritten und sie setzen sich öffentlich zur Wehr. Immer häufiger werden die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes WSO aus Osnabrück, die im Auftrag der Mühlenkreiskliniken (MKK) am Testzentrum auf Kanzlers Weide im Einsatz sind, laut eigenen Aussagen mit Pöbeleien, Drohungen und rassistischen Beleidigungen konfrontiert. In einem Fall sei ein Kollege sogar von einem aufgebrachten Autofahrer angefahren worden, berichtet Hezer. Es ist für den Security-Einsatz an verschiedenen Corona-Zentren, unter anderem auch am Mindener Klinikum, verantwortlich.

Als die Drive-In-Zelte auf Kanzlers Weide an den Start gingen, sei die Stimmung allgemein noch nicht so angespannt gewesen. Die Situation habe sich in den vergangenen Wochen jedoch immer weiter zugespitzt. Mittlerweile würden seine Leute täglich wegen ihrer Herkunft oder ihres Aussehens von Besuchern, die sich dort testen lassen möchten, zum Teil aufs Übelste beschimpft, berichtet Hezer: „Das ist nicht zu akzeptieren."

Rund 1.700 Menschen lassen sich täglich im Drive-In-Zentrum auf Kanzlers Weide testen. Das Sicherheitspersonal nimmt die Autofahrer in Empfang und weist ihnen eine der vier Teststraßen zu. MT-Foto: - © Alex Lehn
Rund 1.700 Menschen lassen sich täglich im Drive-In-Zentrum auf Kanzlers Weide testen. Das Sicherheitspersonal nimmt die Autofahrer in Empfang und weist ihnen eine der vier Teststraßen zu. MT-Foto: - © Alex Lehn

Wenn die Testwilligen länger in der Warteschlange stehen müssen, seien sie oft schon auf 180, wenn der Sicherheitsdienst sie vor den Zelten in Empfang nehme, berichtet Deniz Necdet. „Man kann mit ihnen dann gar nicht mehr ins Gespräch kommen. Stattdessen werden wir beschimpft", erzählt der Mitarbeiter. Dass man genervt ist wegen der Pandemie, wegen der Testpflicht oder auch wegen langer Wartezeiten, könne er durchaus verstehen, sagt Bekir Hezer. Auch Kritik an der Arbeit des Sicherheitsdienstes dürfe jeder äußern. „Wir können über alles diskutieren – aber auf eine sachliche Art." Sein Team versuche in solchen Fällen deeskalierend zu agieren. Hezer gibt zu, dass manchmal sicherlich auch auf Seiten des Sicherheitspersonals nicht alles optimal abläuft. „Wir sind auch nur Menschen." Aber rassistische Beleidigungen? Das gehe einfach zu weit.

Christian Busse, Sprecher der Mühlenkreiskliniken, verurteilt so ein Verhalten. Er bittet die Besucher um Verständnis, dass es am Testzentrum zu längeren Wartezeiten kommen kann. „Alle hier arbeiten am Anschlag", versichert Busse. Im Schnitt werden dort 1.700 Abstriche pro Tag entnommen, am Montag waren es fast 2.000.

Das Testzentrum hat von 6 bis 20.30 Uhr geöffnet. Die Erfahrung der Verantwortlichen zeigt, dass frühmorgens vor 9 Uhr der Andrang in der Regel noch vergleichsweise gering ist, danach wird es ziemlich voll. Normalerweise kehrt ab 18 Uhr wieder mehr Ruhe ein. Eine Garantie dafür gibt es aber nicht, denn der Besucherandrang ist nicht vorhersehbar. Zwar werden Testwillige gebeten, im Vorfeld einen Termin zu buchen, was den MKK einen besseren Überblick über die Auslastung gibt. Viele Autofahrer steuern aber auch spontan das Testzentrum an und buchen sich einen Termin, wenn sie bereits in der Warteschlange stehen. Wer einen Schnelltest benötigt und zeitlich gebunden ist, sollte genügend Puffer einplanen und nicht erst auf den letzten Drücker vorbeikommen, appelliert Florian Schaudig, Koordinator der Mühlenkreiskliniken für das Testzentrum auf Kanzlers Weide.

Was im Gespräch vor Ort deutlich wird: Die Pöbeleien sind längst nicht das einzige Problem rund um die Drive-In-Zelte. Laut Schaudig wurden Mitarbeiterinnen in den vergangenen Wochen vermehrt mit sexistischen Kommentaren und anzüglichen Bemerkungen der Autofahrer während des Nasenabstriches konfrontiert. „So etwas hat hier ebenfalls nichts zu suchen." Die meisten Kolleginnen würden sich solche Worte nicht zu Herzen nehmen – „es gab zuletzt aber auch eine Mitarbeiterin, die wollte dann keine Abstriche mehr machen", berichtet Schaudig.

Eine weitere Sache, die sowohl das Sicherheitspersonal als auch die Mitarbeiter im Testzentrum immer wieder beobachten, ist die Raserei einiger unbelehrbarer Autofahrer auf dem riesigen Parkplatz. „Das ist einfach sehr gefährlich und unverantwortlich, weil hier viele Fußgänger und Familien mit Kindern unterwegs sind", meint Deniz Necdet, der mit seinen Kollegen schon mehrfach Beschleunigungsrennen beobachtet hat. Ordnungsamt und Polizei seien daraufhin auch bereits tätig geworden. „Seitdem ist es ruhiger geworden, aber es hat nicht aufgehört."

Abschließend möchten das Sicherheitspersonal und die Vertreter der Mühlenkreiskliniken noch eine Sache klarstellen, die ihnen am Herzen liegt: Der Großteil der Besucher des Testzentrums verhalte sich vorbildlich und bereite keine Probleme. „Wir erhalten auch viel Lob und Zuspruch für unsere Arbeit – das tut natürlich gut", sagt Florian Schaudig und erhält Zustimmung von Bekir Hezer. Für die Zukunft wünschen sich beide einen respektvolleren Umgang.

Denken statt draufhauen

Ein Kommentar von Lea Oetjen

Es gibt Situationen, die ich wohl nie in meinem Leben verstehen werde. Warum denken gewisse Autofahrer, dass es ihnen etwas bringt, dicht aufzufahren? Manchmal sogar so dicht, dass der Wackeldackel im Vorderauto gestreichelt werden könnte. Ach, weil sich der Verkehr dann in Luft auflöst?

Und warum diskutieren Fußballer nach einer Roten Karte mit dem Schiedsrichter? „Oh, da hast du dich ja jetzt so aufgeregt und mich eingeschüchtert, jetzt nehme ich die Strafe doch glatt wieder zurück", hat sicher noch nie ein Unparteiischer eingeräumt.

Noch ein Beispiel gefällig? Am Corona-Testzentrum auf Kanzlers Weide ist neulich die Technik ausgefallen. Die Mitarbeiter haben versucht, das Problem in den Griff zu kriegen. Vergeblich. Sie sind dann im Regen von Auto zu Auto gegangen, um von den technischen Schwierigkeiten zu berichten. Der Großteil der Menschen in der Warteschlange hat Verständnis gezeigt. Logisch. Die Mitarbeiter können da ja nichts für.

Ein Mann sah das anders. Ohne Maske stieg er aus, tippte auf seine Uhr und fing an, mit Beleidigungen um sich zu werfen. So etwas scheint für die Mitarbeiter dort trauriger Alltag geworden zu sein. Ob der Herr wohl gedacht hat, dass seine Pöbelei und Drängelei die Technik wieder zum Laufen bringt? Geduld ist ein hohes Gut mit Grenzen. Gerade bei denen, die denken statt sofort verbal draufzuhauen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden