Prozess gegen rechtsterroristische Gruppe S.: Details zum Treffen in Minden Jürgen Langenkämper Minden/Stuttgart. Seit drei Monaten, seit dem 13. April, sitzen elf mutmaßliche Mitglieder der rechtsterroristischen „Gruppe S.“ in Stuttgart-Stammheim auf der Anklagebank. Unter ihnen sind auch zwei Mindener, mit den anderen angeklagt, Anschläge auf Moscheen in Deutschland beabsichtigt zu haben. Doch seit Prozessbeginn dringt trotz großmäuliger Verschwörungspläne, die vor allem bei einem Treffen in Minden im Februar 2020 hinausposaunt und von Verfassungsschützern mitgehört worden waren, wenig Neues nach außen. Auch das Medieninteresse ist auffallend gering. Bereits vor gut einem Monat waren am neunten Verhandlungstag vor der 5. Kammer des Oberlandesgerichts Stuttgart Videosequenzen aus dem Verhör des ebenfalls mitangeklagten Hauptbelastungszeugen Paul U. vom April 2020 abgespielt worden. Mehrfach ging es dabei um die Vorgänge bei dem Treffen in Minden am 8. Februar 2020. Erst dort seien Vorhaben konkretisiert worden, hatte U. bei den Vernehmungen gesagt. Warum das Treffen ausgerechnet in Minden stattfinden sollte, wusste der Zeuge, der bereits im Jahr zuvor in Kontakt zu Verfassungsschützern gestanden zu haben scheint und dessen Glaubwürdigkeit die Strafverteidiger der Mitangeklagten erschüttern wollen, offenbar auch nicht. Bereits zuvor seien zwei weitere Termine für Treffen gescheitert, einer davon im Haus von Thomas N. in Minden. Dass der Anführer der nach ihm benannten Gruppe S. dann das Treffen in Minden am 8. Februar 2020 anberaumte, scheint nach U.s Beobachtungen Thomas N. verärgert zu haben, weil sogar er selbst als Gastgeber erst eine Woche vorher davon erfuhr. Der Rest der Gruppe bekam erst ein oder zwei Tage vor dem Treffen den Hinweis, wohin die Reise gehen sollte. Aber nicht alle Wunschkandidaten, die bei der konspirativen Vorbereitung angekündigt worden zu sein scheinen, kamen auch. Ein ehemaliger Fremdenlegionär, ein früherer Personenschützer und jemand aus einer Gruppe ehemaliger KSK-Soldaten seien nicht erschienen, so Paul U. Der Belastungszeuge traf schon am Vortag in Minden ein und sprach am Abend dem Alkohol zu. Am 8. Februar traf er erstmals mit dem anderen Mindener zusammen. Markus K. zeigte sich der Aussage zufolge vor allem an der Reichsbürgerszene interessiert. An dem Treffen nahmen auch zwei Neulinge teil, einer davon war der vor einem Jahr in Untersuchungshaft verstorbene Ulf R. aus Porta Westfalica. Bei einer Abstimmung, ob die beiden Neuen nach ihrer Vorstellung bleiben dürften, soll die Mehrheit dafür gestimmt haben, obwohl der „Teutonico“ genannte Anführer, U. und ein weiterer Teilnehmer dagegen waren. Thomas N. sprach laut U. aber davon, seine Hand für beide ins Feuer zu legen. Ulf R., der zum Zeitpunkt des Verhörs im April 2020 in U-Haft saß, war nach U.s Eindruck bei dem Treffen „völlig überfordert“, als sei er im falschen Film. Vermutlich aus Angst habe er später zugestimmt, 5.000 Euro zur Finanzierung zu geben. Paul U. ging sogar so weit zu sagen, dass der Mann nicht ins Gefängnis gehört habe, weil er bis zu dem Zeitpunkt nichts gewusst habe. Offenbar hatte der Portaner die Ermittler auch zu einem Versteck im Wald geführt, was er sicher nicht getan hätte, wenn er Böses im Schilde geführt hätte, so U. Nach seiner Einschätzung gehörte Ulf R., der bald darauf, vor einem Jahr, tot in seiner Zelle aufgefunden wurde, zur sogenannten Prepperszene. Er sei an dem Tag im Februar 2020 in Minden „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen. Andere in der Gruppe scheinen bereit gewesen zu sein, mit allem abzuschließen und auch auf die Familie keine Rücksicht nehmen zu wollen. Thomas N. und ein weiterer Angeklagter hätten dies ihren Partnerinnen auch mitgeteilt. Der zweite Mindener, Markus K., wollte dagegen wohl nicht so gern bis zum Letzten gehen, so U.s Einschätzung, „er hatte ja Kinder“. Ulf R. sei bei dem Gedanken „völlig fertig“ gewesen. Der Besitzer des Hauses in Minden, Thomas N., verlor bei der Vorführung der Vernehmung die Kontrolle und brach sein Schweigen. In Rage warf er U. vor, dieser habe erst die Anschläge ins Gespräch gebracht, deretwegen die Gruppe jetzt vor Gericht sitze. N. s Wortschwall war auch von seinen Anwälten nicht zu stoppen. Paul U. flog in den Tagen nach dem Treffen in Minden aus den Chats der Gruppe. Ihm wurde vorgeworfen, die Frau des Gastgebers in der Kutenhauser Straße bestohlen zu haben. Doch das erfuhr er erst später durch die Verfassungsschützer, die das gesamte konspirative Treffen beobachtet und belauscht hatten und die Gruppe S. nicht mehr aus dem Visier ließen. Der Prozess läuft noch bis zur Sommerpause am 6. August und geht ab 7. September zwei Mal in der Woche weiter. Zwischenzeitlich waren die Verhandlungen nur einmal eine Woche wegen einer Erkrankung eines Angeklagten unterbrochen, wie der Pressesprecher des OLG gegenüber dem MT sagte.

Prozess gegen rechtsterroristische Gruppe S.: Details zum Treffen in Minden

Auf der Anklagebank: Elf mutmaßliche Mitglieder der rechtsterroristischen Gruppe S. müssen sich in Stammheim verantworten. Foto: picture alliance/dpa © picture alliance / dpa

Minden/Stuttgart. Seit drei Monaten, seit dem 13. April, sitzen elf mutmaßliche Mitglieder der rechtsterroristischen „Gruppe S.“ in Stuttgart-Stammheim auf der Anklagebank. Unter ihnen sind auch zwei Mindener, mit den anderen angeklagt, Anschläge auf Moscheen in Deutschland beabsichtigt zu haben. Doch seit Prozessbeginn dringt trotz großmäuliger Verschwörungspläne, die vor allem bei einem Treffen in Minden im Februar 2020 hinausposaunt und von Verfassungsschützern mitgehört worden waren, wenig Neues nach außen. Auch das Medieninteresse ist auffallend gering.

Bereits vor gut einem Monat waren am neunten Verhandlungstag vor der 5. Kammer des Oberlandesgerichts Stuttgart Videosequenzen aus dem Verhör des ebenfalls mitangeklagten Hauptbelastungszeugen Paul U. vom April 2020 abgespielt worden. Mehrfach ging es dabei um die Vorgänge bei dem Treffen in Minden am 8. Februar 2020. Erst dort seien Vorhaben konkretisiert worden, hatte U. bei den Vernehmungen gesagt.

Warum das Treffen ausgerechnet in Minden stattfinden sollte, wusste der Zeuge, der bereits im Jahr zuvor in Kontakt zu Verfassungsschützern gestanden zu haben scheint und dessen Glaubwürdigkeit die Strafverteidiger der Mitangeklagten erschüttern wollen, offenbar auch nicht. Bereits zuvor seien zwei weitere Termine für Treffen gescheitert, einer davon im Haus von Thomas N. in Minden.


Dass der Anführer der nach ihm benannten Gruppe S. dann das Treffen in Minden am 8. Februar 2020 anberaumte, scheint nach U.s Beobachtungen Thomas N. verärgert zu haben, weil sogar er selbst als Gastgeber erst eine Woche vorher davon erfuhr. Der Rest der Gruppe bekam erst ein oder zwei Tage vor dem Treffen den Hinweis, wohin die Reise gehen sollte.

Aber nicht alle Wunschkandidaten, die bei der konspirativen Vorbereitung angekündigt worden zu sein scheinen, kamen auch. Ein ehemaliger Fremdenlegionär, ein früherer Personenschützer und jemand aus einer Gruppe ehemaliger KSK-Soldaten seien nicht erschienen, so Paul U.

Der Belastungszeuge traf schon am Vortag in Minden ein und sprach am Abend dem Alkohol zu. Am 8. Februar traf er erstmals mit dem anderen Mindener zusammen. Markus K. zeigte sich der Aussage zufolge vor allem an der Reichsbürgerszene interessiert.

An dem Treffen nahmen auch zwei Neulinge teil, einer davon war der vor einem Jahr in Untersuchungshaft verstorbene Ulf R. aus Porta Westfalica. Bei einer Abstimmung, ob die beiden Neuen nach ihrer Vorstellung bleiben dürften, soll die Mehrheit dafür gestimmt haben, obwohl der „Teutonico“ genannte Anführer, U. und ein weiterer Teilnehmer dagegen waren. Thomas N. sprach laut U. aber davon, seine Hand für beide ins Feuer zu legen.

Ulf R., der zum Zeitpunkt des Verhörs im April 2020 in U-Haft saß, war nach U.s Eindruck bei dem Treffen „völlig überfordert“, als sei er im falschen Film. Vermutlich aus Angst habe er später zugestimmt, 5.000 Euro zur Finanzierung zu geben. Paul U. ging sogar so weit zu sagen, dass der Mann nicht ins Gefängnis gehört habe, weil er bis zu dem Zeitpunkt nichts gewusst habe.

Offenbar hatte der Portaner die Ermittler auch zu einem Versteck im Wald geführt, was er sicher nicht getan hätte, wenn er Böses im Schilde geführt hätte, so U. Nach seiner Einschätzung gehörte Ulf R., der bald darauf, vor einem Jahr, tot in seiner Zelle aufgefunden wurde, zur sogenannten Prepperszene. Er sei an dem Tag im Februar 2020 in Minden „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen.

Andere in der Gruppe scheinen bereit gewesen zu sein, mit allem abzuschließen und auch auf die Familie keine Rücksicht nehmen zu wollen. Thomas N. und ein weiterer Angeklagter hätten dies ihren Partnerinnen auch mitgeteilt. Der zweite Mindener, Markus K., wollte dagegen wohl nicht so gern bis zum Letzten gehen, so U.s Einschätzung, „er hatte ja Kinder“. Ulf R. sei bei dem Gedanken „völlig fertig“ gewesen.

Der Besitzer des Hauses in Minden, Thomas N., verlor bei der Vorführung der Vernehmung die Kontrolle und brach sein Schweigen. In Rage warf er U. vor, dieser habe erst die Anschläge ins Gespräch gebracht, deretwegen die Gruppe jetzt vor Gericht sitze. N. s Wortschwall war auch von seinen Anwälten nicht zu stoppen.

Paul U. flog in den Tagen nach dem Treffen in Minden aus den Chats der Gruppe. Ihm wurde vorgeworfen, die Frau des Gastgebers in der Kutenhauser Straße bestohlen zu haben. Doch das erfuhr er erst später durch die Verfassungsschützer, die das gesamte konspirative Treffen beobachtet und belauscht hatten und die Gruppe S. nicht mehr aus dem Visier ließen.

Der Prozess läuft noch bis zur Sommerpause am 6. August und geht ab 7. September zwei Mal in der Woche weiter. Zwischenzeitlich waren die Verhandlungen nur einmal eine Woche wegen einer Erkrankung eines Angeklagten unterbrochen, wie der Pressesprecher des OLG gegenüber dem MT sagte.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden