Prof. Arno Klönne referiert über Ursachen und Folgen des Ersten Weltkriegs „Imperiale Interessen der Antrieb“ Von Reinhard Günnewig Minden (gün). Der 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges hat die Debatte über Gründe, Verlauf und Schuld der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ wiederbelebt. Dazu hielt der renommierte Soziologe und Politikwissenschaftler Arno Klönne einen Vortrag. Auf Einladung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschisten (VVN), Kreisvereinigung Minden, legte der emeritierte Paderborner Professor seine an Fritz Fischer anknüpfende Deutung der Ereignisse, der treibenden Kräfte und Interessen vor.Die Flut der Kriegsbücher, unter anderem von Herfried Münkler, Jörn Leonhard und dem britisch-australischen Historiker Christopher Clark, hat über die Wissenschaft hinaus zu einer breiten Diskussion vor allem über die Frage der Verantwortung des Geschehens und der Konsequenzen und Erkenntnisse aus dem Krieg geführt. Im Mittelpunkt steht vor allem das Werk Clarks („Die Schlafwandler“), demzufolge die europäischen Mächte quasi „beinahe bewusstlos“ (Klönne) in den Konflikt hineingeschlittert seien.„Imperiale Prägung“ aller europäischen GroßmächteDoch davon könne keine Rede sein, widerspricht Klönne. Clarks Darstellung wurde zudem als Revision der These des Hamburger Historikers Fritz Fischer verstanden, der 1961 in seinem Aufsehen erregenden Buch „Griff nach der Weltmacht“ die Allein- oder zumindest Hauptschuld Deutschlands an dem Krieg behauptet hatte.Klönne betonte in seinem Vortrag, die „imperiale Prägung“ aller europäischen Großmächte und späteren Kriegsteilnehmer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihre expansionistischen Machtinteressen hätten der Eroberung und Sicherung neuer Märkte, Territorien, Ressourcen und Kolonien gegolten und seien oftmals mit ethischen und moralischen Motiven, wie der vermeintlichen Zivilisierung „unterentwickelter“ Ethnien und Völker, kaschiert worden. Unvorhersehbar sei der Krieg nicht gewesen hob Klönne hervor und zitierte aus der Publizistik Warnungen vor dem ersten „modernen“ Krieg, dem ein gänzlich anderer Charakter zugeschrieben wurde, als früheren Schlachten.Große Unterstützung habe die imperiale Strategie und Offensive in Deutschland vor allem bei den Kapitalgruppen, den Militärprofis, der Rüstungsindustrie und selbst in der Wissenschaftsgemeinde gefunden. Für die Loyalität der Bevölkerung und die propagandistische Unterstützung hätten Kriegervereine und selbst die großen Kirchen gesorgt.„Gott mit uns“, so stand es schließlich auf dem Koppelschloss nicht nur der deutschen Soldaten. Und Otto Dibelius, späterer evangelischer Berliner Bischof, habe noch wenige Monate vor Kriegsende einen Verständigungsfrieden abgelehnt und stattdessen die „Ausnutzung unserer Macht bis zum Äußersten“ verlangt.Grundlage für Aufstieg des deutschen FaschismusGut vier Jahrzehnte nach der Reichsgründung sei Deutschland zudem ein Obrigkeitsstaat gewesen, mit einer stark aufstiegsorientierten Militärkaste, die auf einen „Platz an der Sonne“ hoffte sowie einer dynamischen Industrie mit Nachholbedarf und Wachstumskurs, allesamt mithin Nutznießer eines Krieges.Das Kriegserlebnis sei prägend für die Generation gewesen und der Aufstieg des deutschen Faschismus nicht denkbar ohne die „unverarbeitete Erfahrung“ der Jahre von 1914 bis 1918 in Staat und wilhelminischer Gesellschaft. Die Spaltung der Arbeiterbewegung, der weltpolitische Führungsanspruch der USA im europäischen Raum und die massive Weiterentwicklung der Kriegstechnik seien bis in die Gegenwart spürbare Auswirkungen des Ersten Weltkrieges, so der 83-Jährige. Und wenn derzeit in der deutschen Politik der Krieg wieder als etwas „ganz Normales“, als Ultima Ratio für die Durchsetzung politischer Ziele diskutiert werde, dürfe man mit Recht zweifeln, ob aus den Katastrophen der beiden großen Weltkriege mit Millionen Toten wirklich gelernt werde und die Geister gebannt seien, bilanzierte Prof. Klönne auf der Diskussionsveranstaltung in der Begegnungsstätte E-Werk.

Prof. Arno Klönne referiert über Ursachen und Folgen des Ersten Weltkriegs

Prof. Arno Klönne (links) und Wolfgang Rüffer, Vorsitzender der Kreisvereinigung Minden der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschisten (VVN). © Foto: Günnewig

Minden (gün). Der 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges hat die Debatte über Gründe, Verlauf und Schuld der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ wiederbelebt. Dazu hielt der renommierte Soziologe und Politikwissenschaftler Arno Klönne einen Vortrag.

Auf Einladung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschisten (VVN), Kreisvereinigung Minden, legte der emeritierte Paderborner Professor seine an Fritz Fischer anknüpfende Deutung der Ereignisse, der treibenden Kräfte und Interessen vor.

Die Flut der Kriegsbücher, unter anderem von Herfried Münkler, Jörn Leonhard und dem britisch-australischen Historiker Christopher Clark, hat über die Wissenschaft hinaus zu einer breiten Diskussion vor allem über die Frage der Verantwortung des Geschehens und der Konsequenzen und Erkenntnisse aus dem Krieg geführt. Im Mittelpunkt steht vor allem das Werk Clarks („Die Schlafwandler“), demzufolge die europäischen Mächte quasi „beinahe bewusstlos“ (Klönne) in den Konflikt hineingeschlittert seien.

„Imperiale Prägung“ aller europäischen Großmächte

Doch davon könne keine Rede sein, widerspricht Klönne. Clarks Darstellung wurde zudem als Revision der These des Hamburger Historikers Fritz Fischer verstanden, der 1961 in seinem Aufsehen erregenden Buch „Griff nach der Weltmacht“ die Allein- oder zumindest Hauptschuld Deutschlands an dem Krieg behauptet hatte.

Klönne betonte in seinem Vortrag, die „imperiale Prägung“ aller europäischen Großmächte und späteren Kriegsteilnehmer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihre expansionistischen Machtinteressen hätten der Eroberung und Sicherung neuer Märkte, Territorien, Ressourcen und Kolonien gegolten und seien oftmals mit ethischen und moralischen Motiven, wie der vermeintlichen Zivilisierung „unterentwickelter“ Ethnien und Völker, kaschiert worden. Unvorhersehbar sei der Krieg nicht gewesen hob Klönne hervor und zitierte aus der Publizistik Warnungen vor dem ersten „modernen“ Krieg, dem ein gänzlich anderer Charakter zugeschrieben wurde, als früheren Schlachten.

Große Unterstützung habe die imperiale Strategie und Offensive in Deutschland vor allem bei den Kapitalgruppen, den Militärprofis, der Rüstungsindustrie und selbst in der Wissenschaftsgemeinde gefunden. Für die Loyalität der Bevölkerung und die propagandistische Unterstützung hätten Kriegervereine und selbst die großen Kirchen gesorgt.

„Gott mit uns“, so stand es schließlich auf dem Koppelschloss nicht nur der deutschen Soldaten. Und Otto Dibelius, späterer evangelischer Berliner Bischof, habe noch wenige Monate vor Kriegsende einen Verständigungsfrieden abgelehnt und stattdessen die „Ausnutzung unserer Macht bis zum Äußersten“ verlangt.

Grundlage für Aufstieg des deutschen Faschismus

Gut vier Jahrzehnte nach der Reichsgründung sei Deutschland zudem ein Obrigkeitsstaat gewesen, mit einer stark aufstiegsorientierten Militärkaste, die auf einen „Platz an der Sonne“ hoffte sowie einer dynamischen Industrie mit Nachholbedarf und Wachstumskurs, allesamt mithin Nutznießer eines Krieges.

Das Kriegserlebnis sei prägend für die Generation gewesen und der Aufstieg des deutschen Faschismus nicht denkbar ohne die „unverarbeitete Erfahrung“ der Jahre von 1914 bis 1918 in Staat und wilhelminischer Gesellschaft. Die Spaltung der Arbeiterbewegung, der weltpolitische Führungsanspruch der USA im europäischen Raum und die massive Weiterentwicklung der Kriegstechnik seien bis in die Gegenwart spürbare Auswirkungen des Ersten Weltkrieges, so der 83-Jährige. Und wenn derzeit in der deutschen Politik der Krieg wieder als etwas „ganz Normales“, als Ultima Ratio für die Durchsetzung politischer Ziele diskutiert werde, dürfe man mit Recht zweifeln, ob aus den Katastrophen der beiden großen Weltkriege mit Millionen Toten wirklich gelernt werde und die Geister gebannt seien, bilanzierte Prof. Klönne auf der Diskussionsveranstaltung in der Begegnungsstätte E-Werk.

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