Postnatale Depression: Die große Leere nach der Geburt Lea Oetjen Minden. Maria weint. Stundenlang. Und das schon seit Tagen. Obwohl Lukas ein absolutes Wunschkind war, kann sich die junge Frau nicht über seine Geburt freuen. Ganz im Gegenteil. Das Baby nervt. Es überfordert sie regelrecht. Anstatt stolz zu sein auf den Neugeborenen, der erst wenige Wochen alt ist, spürt sie nichts als eine innere Leere. Die Geschichte von Maria ist fiktiv. Doch viele Eltern – vor allem Mütter – fühlen sich genau so. Sie leiden an einer postnatalen Depression, fühlen sich antriebslos und alleine. Aus Scham verpassen sie es aber oft, sich Hilfe zu suchen. Eine Entscheidung, die für alle Involvierten fatal enden kann. „Die Krankheit ist leider noch immer ein absolutes Tabuthema in der Gesellschaft“, weiß Silke Borchert. Sie arbeitet seit vielen Jahr in der Schwangerschaftsberatung der Diakonie Stiftung Salem und betont: „Es ist gar nicht schlimm, zu seinen Gefühlen und Ängsten zu stehen. Deshalb ist man doch noch lange keine Rabenmutter.“ Vielmehr müsse man sich heutzutage von gesellschaftlichen Zwängen lösen. „Der Druck von außen wird immer größer. Von Frauen wird sehr viel erwartet – sie sollen nach dem Wochenbett direkt fit sein, gleich wieder einen perfekten Körper haben und so schnell es geht wieder zur Arbeit gehen“, zählt Silke Borchert einige Beispiele auf. Diesem Druck könnten einige Frauen nicht standhalten und verfallen in eine Trauer, die übrigens nicht mit dem sogenannten Baby Blues, der in erster Linie hormonell bedingt ist, zu verwechseln ist. Die möglichen Ursachen für eine postnatale Depression seien aber deutlich vielschichtiger. „Mitunter trifft es Frauen, die in ihrer Kindheit irgendeine Art von Gewalt oder gar sexuelle Übergriffe erfahren haben“, erklärt Silke Borchert. Zwar hätten es diese Frauen gelernt, die Erlebnisse im Alltag zu verdrängen. Durch die Schwangerschaft und die damit verbundene Veränderung des Körpers seien die Erinnerungen aber plötzlich wieder präsent. Das Geschlecht des Kindes könnte dann zudem ein besonderer Trigger sein. „Es gibt Frauen, die auf keinen Fall ein Mädchen bekommen wollen – aus Angst, es könnte auch Opfer werden. Andererseits haben sie die Angst, dass auch ihr Sohn eines Tages ein möglicher Täter werden könnte“, erläutert Borchert die verzwickten Gedankengänge. Die Art der Geburt – ob natürlich oder Kaiserschnitt – sei unerheblich. „Bei einer postnatalen Depression lässt sich nichts verallgemeinern.“ Weder das Krankheitsbild, noch die Dauer der Depression, noch die Art der Betroffenen. „Da gibt es keinen speziellen Typ von Frau, der das bekommen kann. Es kann wirklich alle treffen“, warnt Silke Borchert. Für sie als Beraterin sei es daher in erster Linie wichtig herauszufinden, wie der Erkrankten konkret geholfen werden kann. „Es gibt Frauen, egal ob mit oder ohne Partner, die wirklich alleine mit ihren Ängsten sind und gar kein soziales Netzwerk haben. Es gibt aber auch Frauen, die einen wirklich tollen Rückhalt in Freunden und Familie haben“, berichtet sie. Es sei wichtig, das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen, um offen und ehrlich über die Krankheit zu sprechen. Nur so könne man als Beratungsstelle entsprechend reagieren. „Wir müssen uns so schnell es geht einen Überblick verschaffen: Wie geht es der Frau? Wie geht es dem Kind? Wie schwer ist die Depression? Was können wir dagegen tun? Wie könnte eine Entlastung aussehen?“, zählt Silke Borchert einige Fragen auf, die geklärt werden müssen. Hilfsmöglichkeiten gebe es genug – „gemeinsam mit der Mutter können wir dann entscheiden, welche wir auch installieren wollen“, so Borchert. Denkbar für eine Entlastung der Frau seien unter anderem eine Familienhebamme, therapeutische Hilfe oder eine Unterstützung für den Haushalt – unabhängig von der finanziellen Situation der Erkrankten. Das Krug-Netzwerk, das im Infokasten einmal genauer erläutert ist, hilft den Erkrankten dabei. So oder so: „Wenn eine Frau erst einmal den Schritt gegangen ist und sich Unterstützung mit ins Boot geholt hat, geht es meistens nur noch aufwärts“, erzählt Silke Borchert. Nicht selten seien es Mütter, die sich vor der Geburt des zweiten Kindes Hilfe suchen – auch wenn es gar nicht klar ist, dass sie nach jeder Geburt immer wieder an einer postnatalen Depression erkranken. „Sie wollen unbedingt verhindern, dass sie diese Grenzerfahrung einer postnatalen Depression noch ein zweites Mal durchleben müssen“, sagt Borchert. Es gebe jedoch auch viele Frauen, die sich eine weitere Schwangerschaft nicht mehr vorstellen können. „Wenn man neun Monate ein Kind in seinem Bauch wachsen lässt und danach keine Liebe empfindet, das macht was mit einem. Das hat dann noch mal eine andere Gewichtung, eine andere Verantwortung als andere Arten der Depression.“ Daher sei es – auch für das Neugeborene – wichtig, bei den kleinsten Anzeichen ein Beratungsangebot in Anspruch zu nehmen. Und egal, was die Zukunft für die Erkrankte bringt: „Sie sollte diese Entscheidung selbst, frei von Zwängen der Gesellschaft, treffen.“ Keine Seltenheit: Studien belegen, dass fast jede siebte Mutter und jeder zehnte Vater an einer postnatalen Depression erkranken. Der Tag, an dem Frauen zu Müttern und Männer zu Vätern werden, stellt für sie alles auf den Kopf. Kaum etwas bleibt, wie es vorher einmal war. Was für einige großes Glück und die pure Vollkommenheit bedeutet, lässt andere völlig verzweifeln. Heutzutage entwickeln pro Jahr zwischen zehn und 15 Prozent der jungen Mütter eine sogenannte postnatale Depression. Auch in Minden gibt es immer mal wieder Fälle. Aber: „Es ist nicht unser täglich Brot“, wie Silke Borchert von der Schwangerschaftsberatung der Diakonie Stiftung Salem berichtet. Die Fallzahlen für die Regionen seien ganz unterschiedlich. „Mal haben wir vier oder fünf Fälle im Jahr, mal weniger“, berichtet sie. Mehr als 100.00 Frauen erkranken jährlich in Deutschland an einer postnatalen Depression. Daher überwiege nicht die Freude, dass es „nur“ wenige Fälle in Minden sind, sondern vielmehr die Vermutung, dass die Scham, sich Hilfe zu suchen, bei vielen Eltern immer noch zu groß ist. „Das ist wirklich schade. So wird der Leidensweg für alle verlängert – für die Mutter, die Kinder, den Vater“, bedauert Borchert. Denn: Auch manche Männer können eine postnatale Depression entwickeln. Wie eine Studie der American Psychological Association ergeben hat, erkranken rund zehn Prozent der Väter daran. Die Hilfe der Beratungsstellen in Minden, die übergeordnet übrigens als Netzwerk für Krisen rund um die Geburt zusammenarbeiten, nehmen laut Silke Borchert aber vermehrt Frauen in Anspruch. Das Ziel für die Zukunft sei es, das Thema endgültig aus der Tabuzone zu holen. Das sei bereits mit einem Flyer, der an vielen Orten im Kreis ausliegt, versucht worden. Mit Erfolg? „Naja, es ist noch Luft nach oben“, so Borchert.

Postnatale Depression: Die große Leere nach der Geburt

Symbolfoto: © Pixabay

Minden. Maria weint. Stundenlang. Und das schon seit Tagen. Obwohl Lukas ein absolutes Wunschkind war, kann sich die junge Frau nicht über seine Geburt freuen. Ganz im Gegenteil. Das Baby nervt. Es überfordert sie regelrecht. Anstatt stolz zu sein auf den Neugeborenen, der erst wenige Wochen alt ist, spürt sie nichts als eine innere Leere.

Die Geschichte von Maria ist fiktiv. Doch viele Eltern – vor allem Mütter – fühlen sich genau so. Sie leiden an einer postnatalen Depression, fühlen sich antriebslos und alleine. Aus Scham verpassen sie es aber oft, sich Hilfe zu suchen. Eine Entscheidung, die für alle Involvierten fatal enden kann.

„Die Krankheit ist leider noch immer ein absolutes Tabuthema in der Gesellschaft“, weiß Silke Borchert. Sie arbeitet seit vielen Jahr in der Schwangerschaftsberatung der Diakonie Stiftung Salem und betont: „Es ist gar nicht schlimm, zu seinen Gefühlen und Ängsten zu stehen. Deshalb ist man doch noch lange keine Rabenmutter.“


Vielmehr müsse man sich heutzutage von gesellschaftlichen Zwängen lösen. „Der Druck von außen wird immer größer. Von Frauen wird sehr viel erwartet – sie sollen nach dem Wochenbett direkt fit sein, gleich wieder einen perfekten Körper haben und so schnell es geht wieder zur Arbeit gehen“, zählt Silke Borchert einige Beispiele auf. Diesem Druck könnten einige Frauen nicht standhalten und verfallen in eine Trauer, die übrigens nicht mit dem sogenannten Baby Blues, der in erster Linie hormonell bedingt ist, zu verwechseln ist.

Die möglichen Ursachen für eine postnatale Depression seien aber deutlich vielschichtiger. „Mitunter trifft es Frauen, die in ihrer Kindheit irgendeine Art von Gewalt oder gar sexuelle Übergriffe erfahren haben“, erklärt Silke Borchert. Zwar hätten es diese Frauen gelernt, die Erlebnisse im Alltag zu verdrängen. Durch die Schwangerschaft und die damit verbundene Veränderung des Körpers seien die Erinnerungen aber plötzlich wieder präsent.

Das Geschlecht des Kindes könnte dann zudem ein besonderer Trigger sein. „Es gibt Frauen, die auf keinen Fall ein Mädchen bekommen wollen – aus Angst, es könnte auch Opfer werden. Andererseits haben sie die Angst, dass auch ihr Sohn eines Tages ein möglicher Täter werden könnte“, erläutert Borchert die verzwickten Gedankengänge. Die Art der Geburt – ob natürlich oder Kaiserschnitt – sei unerheblich. „Bei einer postnatalen Depression lässt sich nichts verallgemeinern.“ Weder das Krankheitsbild, noch die Dauer der Depression, noch die Art der Betroffenen. „Da gibt es keinen speziellen Typ von Frau, der das bekommen kann. Es kann wirklich alle treffen“, warnt Silke Borchert.

Für sie als Beraterin sei es daher in erster Linie wichtig herauszufinden, wie der Erkrankten konkret geholfen werden kann. „Es gibt Frauen, egal ob mit oder ohne Partner, die wirklich alleine mit ihren Ängsten sind und gar kein soziales Netzwerk haben. Es gibt aber auch Frauen, die einen wirklich tollen Rückhalt in Freunden und Familie haben“, berichtet sie.

Es sei wichtig, das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen, um offen und ehrlich über die Krankheit zu sprechen. Nur so könne man als Beratungsstelle entsprechend reagieren. „Wir müssen uns so schnell es geht einen Überblick verschaffen: Wie geht es der Frau? Wie geht es dem Kind? Wie schwer ist die Depression? Was können wir dagegen tun? Wie könnte eine Entlastung aussehen?“, zählt Silke Borchert einige Fragen auf, die geklärt werden müssen.

Hilfsmöglichkeiten gebe es genug – „gemeinsam mit der Mutter können wir dann entscheiden, welche wir auch installieren wollen“, so Borchert. Denkbar für eine Entlastung der Frau seien unter anderem eine Familienhebamme, therapeutische Hilfe oder eine Unterstützung für den Haushalt – unabhängig von der finanziellen Situation der Erkrankten. Das Krug-Netzwerk, das im Infokasten einmal genauer erläutert ist, hilft den Erkrankten dabei.

So oder so: „Wenn eine Frau erst einmal den Schritt gegangen ist und sich Unterstützung mit ins Boot geholt hat, geht es meistens nur noch aufwärts“, erzählt Silke Borchert. Nicht selten seien es Mütter, die sich vor der Geburt des zweiten Kindes Hilfe suchen – auch wenn es gar nicht klar ist, dass sie nach jeder Geburt immer wieder an einer postnatalen Depression erkranken. „Sie wollen unbedingt verhindern, dass sie diese Grenzerfahrung einer postnatalen Depression noch ein zweites Mal durchleben müssen“, sagt Borchert.

Es gebe jedoch auch viele Frauen, die sich eine weitere Schwangerschaft nicht mehr vorstellen können. „Wenn man neun Monate ein Kind in seinem Bauch wachsen lässt und danach keine Liebe empfindet, das macht was mit einem. Das hat dann noch mal eine andere Gewichtung, eine andere Verantwortung als andere Arten der Depression.“

Daher sei es – auch für das Neugeborene – wichtig, bei den kleinsten Anzeichen ein Beratungsangebot in Anspruch zu nehmen. Und egal, was die Zukunft für die Erkrankte bringt: „Sie sollte diese Entscheidung selbst, frei von Zwängen der Gesellschaft, treffen.“

Keine Seltenheit: Studien belegen, dass fast jede siebte Mutter und jeder zehnte Vater an einer postnatalen Depression erkranken.

Der Tag, an dem Frauen zu Müttern und Männer zu Vätern werden, stellt für sie alles auf den Kopf. Kaum etwas bleibt, wie es vorher einmal war. Was für einige großes Glück und die pure Vollkommenheit bedeutet, lässt andere völlig verzweifeln. Heutzutage entwickeln pro Jahr zwischen zehn und 15 Prozent der jungen Mütter eine sogenannte postnatale Depression. Auch in Minden gibt es immer mal wieder Fälle. Aber: „Es ist nicht unser täglich Brot“, wie Silke Borchert von der Schwangerschaftsberatung der Diakonie Stiftung Salem berichtet. Die Fallzahlen für die Regionen seien ganz unterschiedlich. „Mal haben wir vier oder fünf Fälle im Jahr, mal weniger“, berichtet sie. Mehr als 100.00 Frauen erkranken jährlich in Deutschland an einer postnatalen Depression. Daher überwiege nicht die Freude, dass es „nur“ wenige Fälle in Minden sind, sondern vielmehr die Vermutung, dass die Scham, sich Hilfe zu suchen, bei vielen Eltern immer noch zu groß ist. „Das ist wirklich schade. So wird der Leidensweg für alle verlängert – für die Mutter, die Kinder, den Vater“, bedauert Borchert. Denn: Auch manche Männer können eine postnatale Depression entwickeln. Wie eine Studie der American Psychological Association ergeben hat, erkranken rund zehn Prozent der Väter daran. Die Hilfe der Beratungsstellen in Minden, die übergeordnet übrigens als Netzwerk für Krisen rund um die Geburt zusammenarbeiten, nehmen laut Silke Borchert aber vermehrt Frauen in Anspruch. Das Ziel für die Zukunft sei es, das Thema endgültig aus der Tabuzone zu holen. Das sei bereits mit einem Flyer, der an vielen Orten im Kreis ausliegt, versucht worden. Mit Erfolg? „Naja, es ist noch Luft nach oben“, so Borchert.

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