Porta 21 oder: Es rast ein Zug durchs Nirgendwo Bernd Gieseking Baustopp! Sofort! Noch bevor der erste Spatenstich gestochen ist! Eine neue Schnell-Trasse zwischen Bielefeld und Hannover soll gebaut werden. Das ist kompletter Unsinn. Niemand auf der ganzen Welt muss jemals von Hannover nach Bielefeld. Oder umgekehrt. Die einen sind Niedersachsen, die anderen Westfalen. Das sind klare Standortentscheidungen, die normalerweise schon durch Geburt geregelt sind und fast nie durch Umzug oder Heirat korrigiert werden müssen. Beide Städte gehören zu den großen Unterschätzten der Republik, zusammen mit Dortmund und Kassel, und sind gerade darum angenehmste Wohnorte. Die Künste sind verteilt, aus Hannover kommen Bands, Fury in the Slaughterhouse, Die Wohnraumhelden, Scorpions, aus Bielefeld kommt das Wort und die kritische satirische Kunst, Hans Zippert, Hannes Wader, Oliver Welke. Gunter Gabriel, den die meisten für einen Berliner hielten, stammt übrigens aus Bünde, in der Nähe von Bielefeld. Dazu gibt es einen genügenden grenzüberschreitenden Verkehr in der Region um Stadthagen, S-Bahn und Regionalexpress und Metronom verkehren zwischen Minden und Hannover, das reicht. Natürlich würde man sich in Minden freuen, wenn der ICE hier nicht nur um 23:47 und 1:51 Uhr halten würde. Aber er soll halten, nicht durchrasen!!! Bislang war eine Strecke für Tempo 230 geplant, nun sollen 300 Kilometer gefahren werden. Das Fernziel der Bahn, heißt es, sei es die Strecke zwischen Köln und Berlin in vier Stunden zu bewältigen. Wer braucht das denn? Für Köln und Berlin gilt das gleiche wie für Bielefeld und Hannover. Kein Kölner will nach Berlin, kein Berliner nach Köln. Gerade die Bewohner dieser beiden Städte genügen sich selber. Urbane Onanisten. Selbstverliebt bis zum Geht-nicht-mehr. Wer aus diesen Städten fortziehen will, kommt jeweils vor ein Tribunal. Als ich vor Jahren von Köln nach Dortmund zog, da war was los! Ich habe seitdem Einreiseverbot zwischen Leverkusen und Hürth. Die Berliner und Kölner brauchen keine andere Stadt, die wollen in keine andere. In beiden Städten schmeckt das Bier nach allem, nur nicht Bier, noch ein Grund mehr in der eigenen zu bleiben. Die Kölner haben den Karneval. Die Berliner brauchen keine Verkleidung um jemanden kennenzulernen. Beide Städte sind ausgiebig besungen worden, die eine im Karneval, triefig wie „in unserem Veedel", oder selig wie in „Mer lasse de Dom in Kölle", die andere wenigsten von Fischer Z und Ideal. Das spricht eindeutig für Berlin. Ein Trassenausbau auf dieser Strecke würde bedeuten, dass die Porta Westfalica, der Weserdurchfluss, die natürliche Engstelle zwischen Wiehen- und Wesergebirge, ein wunderbares Flusshabitat, nun von 300 Kilometer schnellen ICEs durchrast würde, wo bislang Radfahrer, Ruderer und Reiher Flaneuren gleich die Ufer abzockeln. Eine Streckenführung entlang der A2 wird nun versprochen, das wäre zwar „außen" drum rum, aber immer noch irrsinnig. 1,9 Milliarden sind veranschlagt, also werden es Kosten von 5,3 Milliarden werden. Minimum. Für 40 Minuten Zeitgewinn auf der Gesamtstrecke Hannover-Köln. Um wie viel geht es dann zwischen Hannover und Bielefeld? Sieben Minuten? Worum geht es überhaupt? Weder um Köln noch Berlin, es geht um Bonn! Und unsere Ministerien mit allen Bediensteten und den Abgeordneten. Denn hier in Bonn ist immer noch erster Dienstsitz von acht der insgesamt vierzehn Bundesministerien, z.B. des Bundesministeriums der Verteidigung, dem für Ernährung und Landwirtschaft oder dem für Gesundheit. Und die anderen sechse, die in Berlin sitzen, haben jeweils noch einen zweiten Dienstsitz in Bonn. Und da sind außerdem zweite Dienstsitze von mehreren „Verfassungsorganen". Geht’s noch? Also: alle Ministerien endgültig nach Berlin und kein Ausbau der ICE-Trasse. Nicht mal mit Halt in Minden!

Porta 21 oder: Es rast ein Zug durchs Nirgendwo

Bernd Gieseking Foto: pr © Britta Frenz

Baustopp! Sofort! Noch bevor der erste Spatenstich gestochen ist! Eine neue Schnell-Trasse zwischen Bielefeld und Hannover soll gebaut werden. Das ist kompletter Unsinn. Niemand auf der ganzen Welt muss jemals von Hannover nach Bielefeld. Oder umgekehrt. Die einen sind Niedersachsen, die anderen Westfalen. Das sind klare Standortentscheidungen, die normalerweise schon durch Geburt geregelt sind und fast nie durch Umzug oder Heirat korrigiert werden müssen.

Beide Städte gehören zu den großen Unterschätzten der Republik, zusammen mit Dortmund und Kassel, und sind gerade darum angenehmste Wohnorte.

Die Künste sind verteilt, aus Hannover kommen Bands, Fury in the Slaughterhouse, Die Wohnraumhelden, Scorpions, aus Bielefeld kommt das Wort und die kritische satirische Kunst, Hans Zippert, Hannes Wader, Oliver Welke. Gunter Gabriel, den die meisten für einen Berliner hielten, stammt übrigens aus Bünde, in der Nähe von Bielefeld. Dazu gibt es einen genügenden grenzüberschreitenden Verkehr in der Region um Stadthagen, S-Bahn und Regionalexpress und Metronom verkehren zwischen Minden und Hannover, das reicht. Natürlich würde man sich in Minden freuen, wenn der ICE hier nicht nur um 23:47 und 1:51 Uhr halten würde. Aber er soll halten, nicht durchrasen!!!

Bislang war eine Strecke für Tempo 230 geplant, nun sollen 300 Kilometer gefahren werden. Das Fernziel der Bahn, heißt es, sei es die Strecke zwischen Köln und Berlin in vier Stunden zu bewältigen.

Wer braucht das denn? Für Köln und Berlin gilt das gleiche wie für Bielefeld und Hannover. Kein Kölner will nach Berlin, kein Berliner nach Köln. Gerade die Bewohner dieser beiden Städte genügen sich selber. Urbane Onanisten. Selbstverliebt bis zum Geht-nicht-mehr. Wer aus diesen Städten fortziehen will, kommt jeweils vor ein Tribunal. Als ich vor Jahren von Köln nach Dortmund zog, da war was los! Ich habe seitdem Einreiseverbot zwischen Leverkusen und Hürth. Die Berliner und Kölner brauchen keine andere Stadt, die wollen in keine andere. In beiden Städten schmeckt das Bier nach allem, nur nicht Bier, noch ein Grund mehr in der eigenen zu bleiben. Die Kölner haben den Karneval. Die Berliner brauchen keine Verkleidung um jemanden kennenzulernen.

Beide Städte sind ausgiebig besungen worden, die eine im Karneval, triefig wie „in unserem Veedel", oder selig wie in „Mer lasse de Dom in Kölle", die andere wenigsten von Fischer Z und Ideal. Das spricht eindeutig für Berlin.

Ein Trassenausbau auf dieser Strecke würde bedeuten, dass die Porta Westfalica, der Weserdurchfluss, die natürliche Engstelle zwischen Wiehen- und Wesergebirge, ein wunderbares Flusshabitat, nun von 300 Kilometer schnellen ICEs durchrast würde, wo bislang Radfahrer, Ruderer und Reiher Flaneuren gleich die Ufer abzockeln.

Eine Streckenführung entlang der A2 wird nun versprochen, das wäre zwar „außen" drum rum, aber immer noch irrsinnig. 1,9 Milliarden sind veranschlagt, also werden es Kosten von 5,3 Milliarden werden. Minimum. Für 40 Minuten Zeitgewinn auf der Gesamtstrecke Hannover-Köln. Um wie viel geht es dann zwischen Hannover und Bielefeld? Sieben Minuten?

Worum geht es überhaupt? Weder um Köln noch Berlin, es geht um Bonn! Und unsere Ministerien mit allen Bediensteten und den Abgeordneten. Denn hier in Bonn ist immer noch erster Dienstsitz von acht der insgesamt vierzehn Bundesministerien, z.B. des Bundesministeriums der Verteidigung, dem für Ernährung und Landwirtschaft oder dem für Gesundheit. Und die anderen sechse, die in Berlin sitzen, haben jeweils noch einen zweiten Dienstsitz in Bonn. Und da sind außerdem zweite Dienstsitze von mehreren „Verfassungsorganen". Geht’s noch?

Also: alle Ministerien endgültig nach Berlin und kein Ausbau der ICE-Trasse. Nicht mal mit Halt in Minden!

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