Piks in der Apotheke? - Nicht nur Hausärzte sollen künftig gegen Grippe impfen Fabian Terwey Minden. Was bislang nur beim Hausarzt möglich war, könnten bald auch Apotheken in Minden anbieten. Der Apothekerverband Westfalen-Lippe und die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) Nordwest arbeiten an der Umsetzung eines Modellprojekts, das in 700 Apotheken im Landesteil Grippeschutzimpfungen ermöglicht. Was steckt dahinter? Und wann können sich Interessierte erstmals in einer Apotheke impfen lassen? „Die Verträge mit der AOK Nordwest sind kurz vor der Unterschrift. Das heißt: Es ist alles so gut wie in trockenen Tüchern. In dieser Wintersaison kann es losgehen“, erklärt Manuela Schier von der Kuhlenkamp-Apotheke auf MT-Anfrage. Sie sitzt im Vorstand des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe: „Geplant ist das Modellprojekt für einen Zeitraum von drei Jahren. Ziel ist, zu erforschen, ob sich die Impfquote durch das zusätzliche Angebot steigern lässt.“ Ob sie selbst in diesem Jahr mit ihrer Apotheke an dem Modellprojekt teilnimmt, stehe noch nicht fest. Klar ist, ausschließlich Apotheker dürfen den Impfstoff verabreichen. Voraussetzung für sie ist die Teilnahme an den bereits stark nachgefragten Schulungen. Diese biete die Apothekerkammer laut Schier regelmäßig an. Ärztliche Referenten leiten die Apotheker in insgesamt neun Stunden in Theorie und Praxis an. „Die Teilnahme für die Apotheken und damit der Beitritt zu dem Vertrag sind freiwillig und nicht alle werden es schaffen, Grippeschutzimpfungen bereits im ersten Jahr des Modellprojekts anzubieten“, prognostiziert Schier. Der Mindener Apotheker Günter Stange habe bereits an einem der Informationsabende zu dem Modellprojekt teilgenommen, befinde sich eigenen Angaben aber noch in der Überlegungsphase, ob er Grippeschutzimpfungen anbieten wolle: „Grundsätzlich ist es eine gute Sache. Der Bedarf ist da. Es sind jedoch einige Bedingungen zu erfüllen, bei denen nicht ganz klar ist, ob sich diese auch praktikabel erfüllen lassen. Und dabei geht es nicht um die Entlohnung.“ Laut Schier müsse die Apotheke neben dem Verkaufsraum beispielsweise einen abgeschlossenen Raum mit Liege und Sitzmöglichkeit vorweisen können. „Eine Auslagerung wie bei unserer Corona-Teststation am Scharn ist nicht möglich“, erklärt Stange: „Da muss man dann auch erstmal schauen, wie sich ein Impfangebot in den täglichen Betrieb integrieren lässt – vor allem, wenn nur ein Apotheker impfen darf. Letztlich halte ich eine solche Begrenzung nicht für zielführend.“ Ob das Grippeschutzimpfangebot, das ausschließlich Versicherten der AOK Nordwest zur Verfügung stehe, kostendeckend für Apotheken ist, wird sich laut Schier in der Dokumentation im Rahmen des Modellprojekts zeigen: „Es wurde ein fester Betrag ausgehandelt. Dem gegenüber steht, dass Apotheken die Termine abstimmen, das Personal stellen, Vorgespräche führen müssen und eine ausführliche Dokumentation zu leisten haben.“ Letztlich gehe es ihrer Meinung nach aber vor allem darum, die Hausärzte zu unterstützen. Jede Apotheke könne sich damit beweisen, wenn sie eine solche Dienstleistung anbietet. Dem Vertrag beitreten könne man laut Schier auch zu einem späteren Zeitpunkt während der Projektphase. Wann sie die erste Grippeschutzimpfung in einer Apotheke erwartet, könne sie noch nicht sagen: „Klar ist aber, dass die Hausärzte damit meist im September, Oktober beginnen.“ Genügend Impfstoff hätten die Pharmaunternehmen jedenfalls zugesagt. Sigrid Richter, Mindener Vertreterin des Hausärzteverbands Westfalen-Lippe, erklärt auf MT-Anfrage: „Nach Rücksprache mit meinen ärztlichen Kollegen in Minden, halten wir das Grippeschutzimpfangebot in der Apotheke für schwierig. Wer kümmert sich um Patienten mit auftretenden Impfreaktionen in der Apotheke?“ Die Ärztin biete jedes Jahr in ihrer Praxis in der Bismarckstraße Grippe-Impfungen an. Sie meint: „Durch Impfungen in den Apotheken ist eine Konkurrenzsituation zu den Hausarztpraxen möglich, die die Kooperation negativ beeinflussen könnte. Jede Impfung, die nicht in der Hausarztpraxis durchgeführt wird, führt natürlich zu finanziellen Einbußen, die auch die Kollegen nicht hinnehmen möchten.“ Laut Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, sollten sich bei allen Bedenken alle Akteure im Gesundheitswesen die Zielsetzung der Bundesregierung vor Augen führen: „Es geht nicht darum, den Hausarztpraxen die Patienten abspenstig zu machen, sondern darum, zusätzlichen Patienten ein Angebot zu machen und damit die Durchimpfungsrate zu erhöhen.“ Erfahrungen aus Frankreich zeigen, dass dieses Ziel mit niederschwellig zu erreichenden Heilberuflern erreicht wird. „Das Modellprojekt in Nordrhein hat gezeigt, dass vor allem Jüngere das Impfangebot von Apotheken nutzen“, berichtet Schier. Impfwillige mit Vorerkrankungen müssten aber auch künftig den Hausarzt aufsuchen. Zusätzlich zu den Modellvorhaben habe die Apothekerkammer Westfalen-Lippe mit den Spitzenorganisationen der Ärzteschaft bereits seit Ende 2019 weitere Maßnahmen zur Erhöhung der Impfrate diskutiert und Vorschläge von gemeinsamen Aufklärungskampagnen bis zu einem apothekerlichen Impfpass-Check eingebracht. Overwiening: „Leider scheitern diese Projektideen immer genau dann, wenn es in die gemeinsame praktische Umsetzung gehen soll.“ In Westfalen Lippe scheint der erste Piks für die Grippeschutzimpfung in der Apotheke indes näherzurücken. Grippeschutzimpfung - für wen ist sie ratsam? Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Influenzaimpfung auch während der Covid-19-Pandemie: für alle Personen ab 60 Jahren für alle Schwangeren ab dem 2. Trimenon für Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens wie zum Beispiel chronische Krankheiten für Bewohner von Alters- oder Pflegeheimen für Personen, die als mögliche Infektionsquelle für von ihnen betreute Risikoperson gelten Personen mit erhöhter Gefährdung zum Beispiel medizinisches Personal oder Personen in Einrichtungen mit viel Publikumsverkehr Ebenso geimpft werden sollten Personen mit direktem Kontakt zu Geflügel und Wildvögeln, die Impfung schützt zwar nicht vor der Vogelgrippe, aber es werden damit problematische Doppelinfektionen vermieden. (fat)

Piks in der Apotheke? - Nicht nur Hausärzte sollen künftig gegen Grippe impfen

Grippeschutzimpfung: Bald könnte sie auch in Apotheken möglich sein. Der Apothekerverband Westfalen-Lippe und die AOK Nordwest arbeiten an der Umsetzung eines Modellprojekts. Foto: Pixabay

Minden. Was bislang nur beim Hausarzt möglich war, könnten bald auch Apotheken in Minden anbieten. Der Apothekerverband Westfalen-Lippe und die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) Nordwest arbeiten an der Umsetzung eines Modellprojekts, das in 700 Apotheken im Landesteil Grippeschutzimpfungen ermöglicht. Was steckt dahinter? Und wann können sich Interessierte erstmals in einer Apotheke impfen lassen?

„Die Verträge mit der AOK Nordwest sind kurz vor der Unterschrift. Das heißt: Es ist alles so gut wie in trockenen Tüchern. In dieser Wintersaison kann es losgehen“, erklärt Manuela Schier von der Kuhlenkamp-Apotheke auf MT-Anfrage. Sie sitzt im Vorstand des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe: „Geplant ist das Modellprojekt für einen Zeitraum von drei Jahren. Ziel ist, zu erforschen, ob sich die Impfquote durch das zusätzliche Angebot steigern lässt.“ Ob sie selbst in diesem Jahr mit ihrer Apotheke an dem Modellprojekt teilnimmt, stehe noch nicht fest.

Klar ist, ausschließlich Apotheker dürfen den Impfstoff verabreichen. Voraussetzung für sie ist die Teilnahme an den bereits stark nachgefragten Schulungen. Diese biete die Apothekerkammer laut Schier regelmäßig an. Ärztliche Referenten leiten die Apotheker in insgesamt neun Stunden in Theorie und Praxis an. „Die Teilnahme für die Apotheken und damit der Beitritt zu dem Vertrag sind freiwillig und nicht alle werden es schaffen, Grippeschutzimpfungen bereits im ersten Jahr des Modellprojekts anzubieten“, prognostiziert Schier.

Newsletter
Patrick Schwemmling

Jetzt kostenlos „Die MT-Woche“ abonnieren!

Immer sonntags ab 18 Uhr erfahren, was wichtig ist

Der Mindener Apotheker Günter Stange habe bereits an einem der Informationsabende zu dem Modellprojekt teilgenommen, befinde sich eigenen Angaben aber noch in der Überlegungsphase, ob er Grippeschutzimpfungen anbieten wolle: „Grundsätzlich ist es eine gute Sache. Der Bedarf ist da. Es sind jedoch einige Bedingungen zu erfüllen, bei denen nicht ganz klar ist, ob sich diese auch praktikabel erfüllen lassen. Und dabei geht es nicht um die Entlohnung.“ Laut Schier müsse die Apotheke neben dem Verkaufsraum beispielsweise einen abgeschlossenen Raum mit Liege und Sitzmöglichkeit vorweisen können. „Eine Auslagerung wie bei unserer Corona-Teststation am Scharn ist nicht möglich“, erklärt Stange: „Da muss man dann auch erstmal schauen, wie sich ein Impfangebot in den täglichen Betrieb integrieren lässt – vor allem, wenn nur ein Apotheker impfen darf. Letztlich halte ich eine solche Begrenzung nicht für zielführend.“

Ob das Grippeschutzimpfangebot, das ausschließlich Versicherten der AOK Nordwest zur Verfügung stehe, kostendeckend für Apotheken ist, wird sich laut Schier in der Dokumentation im Rahmen des Modellprojekts zeigen: „Es wurde ein fester Betrag ausgehandelt. Dem gegenüber steht, dass Apotheken die Termine abstimmen, das Personal stellen, Vorgespräche führen müssen und eine ausführliche Dokumentation zu leisten haben.“ Letztlich gehe es ihrer Meinung nach aber vor allem darum, die Hausärzte zu unterstützen. Jede Apotheke könne sich damit beweisen, wenn sie eine solche Dienstleistung anbietet.

Dem Vertrag beitreten könne man laut Schier auch zu einem späteren Zeitpunkt während der Projektphase. Wann sie die erste Grippeschutzimpfung in einer Apotheke erwartet, könne sie noch nicht sagen: „Klar ist aber, dass die Hausärzte damit meist im September, Oktober beginnen.“ Genügend Impfstoff hätten die Pharmaunternehmen jedenfalls zugesagt.

Sigrid Richter, Mindener Vertreterin des Hausärzteverbands Westfalen-Lippe, erklärt auf MT-Anfrage: „Nach Rücksprache mit meinen ärztlichen Kollegen in Minden, halten wir das Grippeschutzimpfangebot in der Apotheke für schwierig. Wer kümmert sich um Patienten mit auftretenden Impfreaktionen in der Apotheke?“ Die Ärztin biete jedes Jahr in ihrer Praxis in der Bismarckstraße Grippe-Impfungen an. Sie meint: „Durch Impfungen in den Apotheken ist eine Konkurrenzsituation zu den Hausarztpraxen möglich, die die Kooperation negativ beeinflussen könnte. Jede Impfung, die nicht in der Hausarztpraxis durchgeführt wird, führt natürlich zu finanziellen Einbußen, die auch die Kollegen nicht hinnehmen möchten.“

Laut Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, sollten sich bei allen Bedenken alle Akteure im Gesundheitswesen die Zielsetzung der Bundesregierung vor Augen führen: „Es geht nicht darum, den Hausarztpraxen die Patienten abspenstig zu machen, sondern darum, zusätzlichen Patienten ein Angebot zu machen und damit die Durchimpfungsrate zu erhöhen.“ Erfahrungen aus Frankreich zeigen, dass dieses Ziel mit niederschwellig zu erreichenden Heilberuflern erreicht wird. „Das Modellprojekt in Nordrhein hat gezeigt, dass vor allem Jüngere das Impfangebot von Apotheken nutzen“, berichtet Schier. Impfwillige mit Vorerkrankungen müssten aber auch künftig den Hausarzt aufsuchen.

Zusätzlich zu den Modellvorhaben habe die Apothekerkammer Westfalen-Lippe mit den Spitzenorganisationen der Ärzteschaft bereits seit Ende 2019 weitere Maßnahmen zur Erhöhung der Impfrate diskutiert und Vorschläge von gemeinsamen Aufklärungskampagnen bis zu einem apothekerlichen Impfpass-Check eingebracht. Overwiening: „Leider scheitern diese Projektideen immer genau dann, wenn es in die gemeinsame praktische Umsetzung gehen soll.“ In Westfalen Lippe scheint der erste Piks für die Grippeschutzimpfung in der Apotheke indes näherzurücken.

Grippeschutzimpfung - für wen ist sie ratsam?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Influenzaimpfung auch während der Covid-19-Pandemie:

für alle Personen ab 60 Jahren

für alle Schwangeren ab dem 2. Trimenon

für Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens wie zum Beispiel chronische Krankheiten

für Bewohner von Alters- oder Pflegeheimen für Personen, die als mögliche Infektionsquelle für von ihnen betreute Risikoperson gelten

Personen mit erhöhter Gefährdung zum Beispiel medizinisches Personal oder Personen in Einrichtungen mit viel Publikumsverkehr

Ebenso geimpft werden sollten Personen mit direktem Kontakt zu Geflügel und Wildvögeln, die Impfung schützt zwar nicht vor der Vogelgrippe, aber es werden damit problematische Doppelinfektionen vermieden. (fat)

Copyright © Mindener Tageblatt 2022
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden