Pflegepersonal an der Belastungsgrenze: Einblick auf die Intensivstation Anja Peper Minden. Es ist ein Knochenjob. Um die Lunge zu entlasten, werden Intensivpatienten häufig auf den Bauch gedreht. Je nach Körpergewicht sind mindestens drei oder mehr Pflegekräfte notwendig. Denn die Drehung ist nicht ganz ungefährlich: Keiner der vielen lebenserhaltenden Schläuche darf sich lösen. Die größtenteils aus Plastik bestehende Schutzausrüstung ist eine zusätzliche Belastung. Nach einem langen Arbeitstag sind die Mitarbeiter klatschnass geschwitzt. Für jeden Schluck Wasser und jeden Toilettengang müssen sie sich ausschleusen und umständlich wieder einschleusen. Covid-Intensivstationen sind aus gutem Grund geschützt. Kein Virus darf die Station verlassen. Das Personal kämpft sich hinter geschlossenen Türen durch die dritte Welle. Die Mitarbeiter am Johannes-Wesling-Klinikum haben beschlossen, für Interviews nicht mehr zur Verfügung zu stehen – aus Zeitgründen. Um dennoch einen Einblick aus dem Bereich zu geben, hat die Pressestelle der Mühlenkreiskliniken (MKK) diese Fotoreportage erstellen lassen. Denn #allemalneschichtmachen sei aus Gründen des Infektions- und des Patientenschutzes „leider keine Option". Das war die – ironisch gemeinte – Reaktion auf die Schauspieler-Kampagne #allesdichtmachen von Ende April (Seite 3). Stellvertretend für seine Kollegen berichtet der Pflegedienstleiter Bernd Mühlenbruch über die aktuelle Situation am JWK. Er ist selbst gelernter Krankenpfleger. Seit 14 Monaten an der physischen und psychischen Leistungsgrenze: Viele halten aus Pflichtgefühl noch durch, sie machen den Job aus tiefster Überzeugung: „Bis das Fundament wackelt, dauert es lange", sagt Mühlenbruch. „Es sind wirklich toughe Menschen, die hier arbeiten." Aber dass auch der Ausnahmezustand schon zu lange dauert, ist hier allen klar. Deutschlandweit ist die Sorge groß, dass sich die Krise der deutschen Pflege noch einmal erheblich verschärft. Niemand weiß, wer schon alles darüber nachdenkt, sich aus der Branche zu verabschieden. Seit Beginn der Pandemie sollen das deutschlandweit schon 5.000 Menschen getan haben. Eine genaue Statistik gibt es nicht. Theoretisch stehen 81 Plätze für Covid-Intensivpatienten zur Verfügung. Aber: „Was nützen uns die ganzen Geräte, wenn das Personal nicht da ist?", fragt Mühlenbruch. Die Frage bleibt im Raum stehen. Ein „Weiter so" wird nicht mehr funktionieren. Dass die Covid-Patienten immer jünger werden, ist eine zusätzliche Belastung. Das Durchschnittsalter der Patienten sei von 65 auf 61 Jahre gesunken, sagt Mühlenbruch. Die Statistik sagt außerdem: Rund 30 Prozent der Covid-Patienten sterben auf der Intensivstation. Folglich gehört auch Sterbebegleitung dazu. Es gibt aber auch gute Tage: „Vor einer Woche konnten wir 20 Patienten auf einen Schlag entlassen." Dass sich mehr Menschen mit Migrationshintergrund mit dem Coronavirus infizieren, kann der Pflegedienstleiter für den Kreis Minden-Lübbecke übrigens nicht bestätigen. Bernd Mühlenbruch ist kein Freund von Begriffen wie „Held" oder „Heldin". Stattdessen sei es erforderlich, die Rahmenbedingungen zu verbessern: Arbeitszeitregelungen und verlässliche Schichtpläne zum Beispiel. Auch ohne Pandemie gab es schon enorme Überstunden in der Pflege JWK. Ein neues „Pflege-Tariftreue-Gesetz" könnte eine flächendeckende faire Bezahlung der Beschäftigten in den Pflegeberufen ermöglichen. Bernd Mühlenbruch gehört zu den Menschen, die gerade pausenlos – auch im privaten Umfeld – mit Coronathemen konfrontiert sind. Manchmal schaltet er ab: „Diese Brennpunkt-Sendungen oder Kommentare selbst ernannter Medizinprofis tue ich mir nicht mehr an." Um die Infektionsgefahr einzudämmen, heißt sein Appell gerade im privaten Bereich: „Haltet euch an die Regeln – und trickst nicht herum."

Pflegepersonal an der Belastungsgrenze: Einblick auf die Intensivstation

Einen Schluck trinken während der Arbeit? Das geht nicht einfach so. Die Maske darf im ISO-Bereich nicht angehoben werden. Für jeden Schluck Wasser und jeden Toilettengang müssen sich die Mitarbeitenden ausschleusen und umständlich wieder einschleusen. Die Arbeit ist schweißtreibend. Fotos: Kai Senf © MKK

Minden. Es ist ein Knochenjob. Um die Lunge zu entlasten, werden Intensivpatienten häufig auf den Bauch gedreht. Je nach Körpergewicht sind mindestens drei oder mehr Pflegekräfte notwendig. Denn die Drehung ist nicht ganz ungefährlich: Keiner der vielen lebenserhaltenden Schläuche darf sich lösen. Die größtenteils aus Plastik bestehende Schutzausrüstung ist eine zusätzliche Belastung. Nach einem langen Arbeitstag sind die Mitarbeiter klatschnass geschwitzt. Für jeden Schluck Wasser und jeden Toilettengang müssen sie sich ausschleusen und umständlich wieder einschleusen.

Covid-Intensivstationen sind aus gutem Grund geschützt. Kein Virus darf die Station verlassen. Das Personal kämpft sich hinter geschlossenen Türen durch die dritte Welle. Die Mitarbeiter am Johannes-Wesling-Klinikum haben beschlossen, für Interviews nicht mehr zur Verfügung zu stehen – aus Zeitgründen. Um dennoch einen Einblick aus dem Bereich zu geben, hat die Pressestelle der Mühlenkreiskliniken (MKK) diese Fotoreportage erstellen lassen. Denn #allemalneschichtmachen sei aus Gründen des Infektions- und des Patientenschutzes „leider keine Option". Das war die – ironisch gemeinte – Reaktion auf die Schauspieler-Kampagne #allesdichtmachen von Ende April (Seite 3). Stellvertretend für seine Kollegen berichtet der Pflegedienstleiter Bernd Mühlenbruch über die aktuelle Situation am JWK. Er ist selbst gelernter Krankenpfleger.

Seit 14 Monaten an der physischen und psychischen Leistungsgrenze: Viele halten aus Pflichtgefühl noch durch, sie machen den Job aus tiefster Überzeugung: „Bis das Fundament wackelt, dauert es lange", sagt Mühlenbruch. „Es sind wirklich toughe Menschen, die hier arbeiten." Aber dass auch der Ausnahmezustand schon zu lange dauert, ist hier allen klar. Deutschlandweit ist die Sorge groß, dass sich die Krise der deutschen Pflege noch einmal erheblich verschärft. Niemand weiß, wer schon alles darüber nachdenkt, sich aus der Branche zu verabschieden. Seit Beginn der Pandemie sollen das deutschlandweit schon 5.000 Menschen getan haben. Eine genaue Statistik gibt es nicht.


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Theoretisch stehen 81 Plätze für Covid-Intensivpatienten zur Verfügung. Aber: „Was nützen uns die ganzen Geräte, wenn das Personal nicht da ist?", fragt Mühlenbruch. Die Frage bleibt im Raum stehen. Ein „Weiter so" wird nicht mehr funktionieren.

Der Zustand einer Patientin hat sich stark verschlechtert. In diesem Fall entscheiden sich die Mediziner für den Anschluss einer künstlichen Lunge, der ECMO. - © MKK
Der Zustand einer Patientin hat sich stark verschlechtert. In diesem Fall entscheiden sich die Mediziner für den Anschluss einer künstlichen Lunge, der ECMO. - © MKK

Dass die Covid-Patienten immer jünger werden, ist eine zusätzliche Belastung. Das Durchschnittsalter der Patienten sei von 65 auf 61 Jahre gesunken, sagt Mühlenbruch. Die Statistik sagt außerdem: Rund 30 Prozent der Covid-Patienten sterben auf der Intensivstation. Folglich gehört auch Sterbebegleitung dazu. Es gibt aber auch gute Tage: „Vor einer Woche konnten wir 20 Patienten auf einen Schlag entlassen." Dass sich mehr Menschen mit Migrationshintergrund mit dem Coronavirus infizieren, kann der Pflegedienstleiter für den Kreis Minden-Lübbecke übrigens nicht bestätigen.

Bernd Mühlenbruch ist kein Freund von Begriffen wie „Held" oder „Heldin". Stattdessen sei es erforderlich, die Rahmenbedingungen zu verbessern: Arbeitszeitregelungen und verlässliche Schichtpläne zum Beispiel. Auch ohne Pandemie gab es schon enorme Überstunden in der Pflege JWK. Ein neues „Pflege-Tariftreue-Gesetz" könnte eine flächendeckende faire Bezahlung der Beschäftigten in den Pflegeberufen ermöglichen.

Bernd Mühlenbruch gehört zu den Menschen, die gerade pausenlos – auch im privaten Umfeld – mit Coronathemen konfrontiert sind. Manchmal schaltet er ab: „Diese Brennpunkt-Sendungen oder Kommentare selbst ernannter Medizinprofis tue ich mir nicht mehr an." Um die Infektionsgefahr einzudämmen, heißt sein Appell gerade im privaten Bereich: „Haltet euch an die Regeln – und trickst nicht herum."

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