Pfarrer 2.0: Johannes Röskamp ist Pastor, Podcaster und Vorreiter in digitaler Kirchenarbeit Doris Christoph Minden. Die Sache mit dem QR-Code passt zu Johannes Röskamp und dem vergangenen Jahr: Als die Absage der Weihnachtsgottesdienste kam, herrschte kurzzeitig Frust, dann disponierte der Pfarrer der St. Markus-Gemeinde um. „Wir haben Hausgottesdienste vorbereitet und einen Ablauf an die angemeldeten Haushalte verteilt.“ Abgedruckt war auch ein QR-Code. Wer den mit dem Smartphone scannte, gelangte zu den Weihnachtsliedern, die es sonst im Gottesdienst gegeben hätte. Dazu bekamen die 200 Gemeindemitglieder noch eine kleine Flasche mit Zimt-Duftöl – so kam die Essenz von Weihnachten ins Haus. Seit September 2019 ist Röskamp in der Gemeinde tätig, die Aminghausen und Leteln umfasst. Zunächst als Vertretung, im vergangenen Sommer wurde er offiziell vom Presbyterium auf die 75-Prozent-Stelle gewählt. Und noch eine Wahl fiel 2020 auf ihn: Er erhielt von der Synode des Evangelischen Kirchenkreises Minden den „Auftrag für Gemeindeleben im digitalen Raum.“ Das habe er gemeinsam mit dem ehemaligen Superintendenten Jürgen Tiemann ausgeheckt, erklärt der 39-Jährige. Mit einem Stellenumfang von 25 Prozent soll er nun anderen Gemeinden beim Schritt ins digitale Zeitalter helfen. Das umfasse mehr als „abgefilmte Gottesdienste.“ Die gibt es seit Ausbruch der Corona-Pandemie, um sie online anzuschauen. Röskamp koordiniert die Aufzeichnungstermine. Für zunächst drei Jahre soll er in die Gemeinden gehen und sie bei der Umsetzung begleiten, ihnen erklären, wie sie verschiedene Zielgruppen erreichen. Für die Markus-Gemeinde mit rund 1.500 Mitgliedern hat er Accounts für Instagram, Facebook und Whatsapp eingerichtet, über die er Neuigkeiten verbreitet. „Die Älteren erreicht man vor allem über Whatsapp, die Jüngeren über Instagram“, erklärt der vierfache Vater, dessen Kinder zwischen drei und zwölf Jahre alt sind. Nach seinem Abitur 2001 in Siegen stand Johannes Röskamp vor der Wahl: in die IT-Branche gehen oder Pfarrer werden. „Meinen ersten PC habe ich mit zwölf bekommen.“ Seitdem sei Programmieren sein Hobby. Er entschied sich nach langem Hadern dann doch für den Beruf seiner Eltern. Doch nach dem Theologiestudium und Vikariat brach Röskamp die kirchliche Laufbahn ab – vorerst. Das Angebot, das ihm die Landeskirche für den Entsendungsdienst – die erste eigene Stelle – machte, gefiel ihm nicht. Er fing bei einer Softwarefirma in Dortmund an. 2011 war das, zwei Jahre arbeitete er dort. Aber sollte es das gewesen sein? „Meine Frau wollte immer in die Entwicklungshilfe gehen“, sagt er. Die beiden nahmen Kontakt zu einer Missionsgesellschaft auf, die schickte ihn 2013 als IT-Trainer in den Südsudan, wo er Erwachsene unterrichtete – bis der Bürgerkrieg wieder ausbrach und die Familie mit zwei kleinen Kindern nach Deutschland floh. „Wir haben immer gedacht, wir könnten wieder zurück.“ Stattdessen gingen die Vier für eine ähnliche Aufgabe von 2014 bis 2016 nach Uganda. Drei Jahre Entwicklungshilfe – das war immer der Plan. Zurück in Deutschland musste Röskamp sich wieder entscheiden: IT- oder Glaubensbranche. Er machte mit dem Entsendungsdienst weiter, der führte ihn nach Hahlen und Hille, für die Studierenden der Fachhochschule Bielefeld war er zudem Campusseelsorger. In dieser Zeit begann Röskamp, seine Predigten in seinem Podcast „Son of a preacher man“ („Sohn eines Predigers“) zu veröffentlichen. „Ich hab mich gefragt, wie man in der digitalen Welt das Evangelium finden kann.“ Das müsse doch auch außerhalb der Kirche möglich sein, war der Gedanke dahinter. Um die 50 Zuhörer hören sich seine Online-Predigten an. Im September 2019 kam Johannes Röskamp nach Leteln. Bald darauf brach die Corona-Pandemie aus. Schnell kam die Frage: „Wie kommunizieren wir jetzt?“ Eine Internetseite musste her – genau das Richtige für den Hobby-Programmierer. „Froh ist keiner über Corona“, meint Röskamp. „Aber eine positive Sache gab es: Man war gezwungen, neu zu denken.“ Und es seien relevante Fragen gestellt worden. Zum Beispiel: Wofür tue man das alles? Was halte einen im Leben und im Sterben? Die Krise war ein Katalysator für Entwicklungen in der Kirche – digitale wie analoge. In der Markus-Gemeinde entstanden neue Formate wie die Pop-Up-Gottesdienste, die ab Mai für ein Vierteljahr an verschiedenen Orten unter freiem Himmel stattfanden. Teilweise kamen drei Mal mehr Besucher als in die Kirche, wo sonst 40 Leute Platz nehmen. Und es tauchten die Jungen mit Kindern auf– der sogenannte Mittelbau in Röskamps Alter, der sonst kaum vertreten ist. „Wir brauchen ein Kinderprogramm“, nahm er daraus mit. Nun will der Pfarrer einen Familiengottesdienst einführen. Auch das Format Fenster-Gottesdienst entstand in der Krise: Dafür stellte sich Johannes Röskamp mit einem akkubetriebenen Lautsprecher an Kreuzungen und hielt Zehn-Minuten-Gottesdienste. Neugierige konnten vom Fenster aus zu sehen. Diese Zeit habe viel Kreativität freigesetzt, manche der Angebote würden sicherlich Corona überleben. Johannes Röskamp hofft nun, dass in möglichst vielen anderen Gemeinden neu gedacht wird – auch digital.

Pfarrer 2.0: Johannes Röskamp ist Pastor, Podcaster und Vorreiter in digitaler Kirchenarbeit

Johannes Röskamp ist Pfarrer der St. Markus-Gemeinde, zu der Leteln und Aminghausen gehören. Im Sommer 2020 hat das Presbyterium ihn ins Amt gewählt, seit September war er dort als Vertretung. MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. Die Sache mit dem QR-Code passt zu Johannes Röskamp und dem vergangenen Jahr: Als die Absage der Weihnachtsgottesdienste kam, herrschte kurzzeitig Frust, dann disponierte der Pfarrer der St. Markus-Gemeinde um. „Wir haben Hausgottesdienste vorbereitet und einen Ablauf an die angemeldeten Haushalte verteilt.“ Abgedruckt war auch ein QR-Code. Wer den mit dem Smartphone scannte, gelangte zu den Weihnachtsliedern, die es sonst im Gottesdienst gegeben hätte. Dazu bekamen die 200 Gemeindemitglieder noch eine kleine Flasche mit Zimt-Duftöl – so kam die Essenz von Weihnachten ins Haus.

Seit September 2019 ist Röskamp in der Gemeinde tätig, die Aminghausen und Leteln umfasst. Zunächst als Vertretung, im vergangenen Sommer wurde er offiziell vom Presbyterium auf die 75-Prozent-Stelle gewählt. Und noch eine Wahl fiel 2020 auf ihn: Er erhielt von der Synode des Evangelischen Kirchenkreises Minden den „Auftrag für Gemeindeleben im digitalen Raum.“ Das habe er gemeinsam mit dem ehemaligen Superintendenten Jürgen Tiemann ausgeheckt, erklärt der 39-Jährige. Mit einem Stellenumfang von 25 Prozent soll er nun anderen Gemeinden beim Schritt ins digitale Zeitalter helfen. Das umfasse mehr als „abgefilmte Gottesdienste.“ Die gibt es seit Ausbruch der Corona-Pandemie, um sie online anzuschauen. Röskamp koordiniert die Aufzeichnungstermine.

Für zunächst drei Jahre soll er in die Gemeinden gehen und sie bei der Umsetzung begleiten, ihnen erklären, wie sie verschiedene Zielgruppen erreichen. Für die Markus-Gemeinde mit rund 1.500 Mitgliedern hat er Accounts für Instagram, Facebook und Whatsapp eingerichtet, über die er Neuigkeiten verbreitet. „Die Älteren erreicht man vor allem über Whatsapp, die Jüngeren über Instagram“, erklärt der vierfache Vater, dessen Kinder zwischen drei und zwölf Jahre alt sind.

Nach seinem Abitur 2001 in Siegen stand Johannes Röskamp vor der Wahl: in die IT-Branche gehen oder Pfarrer werden. „Meinen ersten PC habe ich mit zwölf bekommen.“ Seitdem sei Programmieren sein Hobby. Er entschied sich nach langem Hadern dann doch für den Beruf seiner Eltern. Doch nach dem Theologiestudium und Vikariat brach Röskamp die kirchliche Laufbahn ab – vorerst. Das Angebot, das ihm die Landeskirche für den Entsendungsdienst – die erste eigene Stelle – machte, gefiel ihm nicht. Er fing bei einer Softwarefirma in Dortmund an. 2011 war das, zwei Jahre arbeitete er dort. Aber sollte es das gewesen sein?

„Meine Frau wollte immer in die Entwicklungshilfe gehen“, sagt er. Die beiden nahmen Kontakt zu einer Missionsgesellschaft auf, die schickte ihn 2013 als IT-Trainer in den Südsudan, wo er Erwachsene unterrichtete – bis der Bürgerkrieg wieder ausbrach und die Familie mit zwei kleinen Kindern nach Deutschland floh. „Wir haben immer gedacht, wir könnten wieder zurück.“ Stattdessen gingen die Vier für eine ähnliche Aufgabe von 2014 bis 2016 nach Uganda.

Drei Jahre Entwicklungshilfe – das war immer der Plan. Zurück in Deutschland musste Röskamp sich wieder entscheiden: IT- oder Glaubensbranche. Er machte mit dem Entsendungsdienst weiter, der führte ihn nach Hahlen und Hille, für die Studierenden der Fachhochschule Bielefeld war er zudem Campusseelsorger. In dieser Zeit begann Röskamp, seine Predigten in seinem Podcast „Son of a preacher man“ („Sohn eines Predigers“) zu veröffentlichen. „Ich hab mich gefragt, wie man in der digitalen Welt das Evangelium finden kann.“ Das müsse doch auch außerhalb der Kirche möglich sein, war der Gedanke dahinter. Um die 50 Zuhörer hören sich seine Online-Predigten an.

Im September 2019 kam Johannes Röskamp nach Leteln. Bald darauf brach die Corona-Pandemie aus. Schnell kam die Frage: „Wie kommunizieren wir jetzt?“ Eine Internetseite musste her – genau das Richtige für den Hobby-Programmierer.

„Froh ist keiner über Corona“, meint Röskamp. „Aber eine positive Sache gab es: Man war gezwungen, neu zu denken.“ Und es seien relevante Fragen gestellt worden. Zum Beispiel: Wofür tue man das alles? Was halte einen im Leben und im Sterben?

Die Krise war ein Katalysator für Entwicklungen in der Kirche – digitale wie analoge. In der Markus-Gemeinde entstanden neue Formate wie die Pop-Up-Gottesdienste, die ab Mai für ein Vierteljahr an verschiedenen Orten unter freiem Himmel stattfanden. Teilweise kamen drei Mal mehr Besucher als in die Kirche, wo sonst 40 Leute Platz nehmen. Und es tauchten die Jungen mit Kindern auf– der sogenannte Mittelbau in Röskamps Alter, der sonst kaum vertreten ist. „Wir brauchen ein Kinderprogramm“, nahm er daraus mit. Nun will der Pfarrer einen Familiengottesdienst einführen. Auch das Format Fenster-Gottesdienst entstand in der Krise: Dafür stellte sich Johannes Röskamp mit einem akkubetriebenen Lautsprecher an Kreuzungen und hielt Zehn-Minuten-Gottesdienste. Neugierige konnten vom Fenster aus zu sehen.

Diese Zeit habe viel Kreativität freigesetzt, manche der Angebote würden sicherlich Corona überleben. Johannes Röskamp hofft nun, dass in möglichst vielen anderen Gemeinden neu gedacht wird – auch digital.

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