Pfadfinder im Netz: So helfen Medienscouts am Herder-Gymnasium im Schulalltag Jan Henning Rogge Minden. Wenn Kinder ihr erstes eigenes Handy haben, währt die Freude bei den Eltern meist nur kurz – der Stress ist in der Regel programmiert. Und leider ist er keine App, die man abschalten könnte. Die kleinen technischen Wunderwerke sind auch an Schulen ein Problem. Sie müssen es aber nicht sein. Seit zehn Jahren gibt es am Herder-Gymnasium eine Arbeitsgemeinschaft (AG), die inzwischen wie das Landesprogramm heißt, das etwas später startete. Die „Medienscout“-AG ist ein besonderes Projekt: Schülerinnen und Schüler sind füreinander da, um gemeinsam einen Umgang mit digitalen Medien zu erarbeiten und bei Problemen auf Augenhöhe zu helfen. Zwei von ihnen waren über Jahre Valerie Kaufmann und Tillmann Wilkening. Mit dem Abitur gehen beide nun in den „Ruhestand“. „Wir waren hauptsächlich in den fünften und sechsten Klassen aktiv, um die Schülerinnen und Schüler für den Umgang mit sozialen Medien zu sensibilisieren“, sagt Kaufmann. Denn auch wenn Messenger-Dienste wie zum Beispiel Whatsapp vom Anbieter erst ab 16 Jahren freigegeben sind, werden sie trotzdem auch von Jüngeren eingesetzt. „Wir erklären dann erstmal, was es für Netzwerke gibt, was mit meinen Daten dort passiert und wie ich selber sicher im Internet sein kann.“ Einen großen Raum nehmen zudem die Umgangsformen im Netz ein. „Die kommen ja früh damit in Kontakt, weshalb wir dann Regeln erstellen“, sagt Wilkening. Regeln braucht es auch für den Umgang mit den mobilen Geräten an der Schule – denn manchmal kann das auch sinnvoll eingesetzt werden. Ab der fünften Klasse besitzen fast alle Schulkinder ein solches Gerät. Und auch wenn es manchmal Kommunikation ermöglicht und ein Hilfsmittel im digitalen Unterricht ist, verhindert es diese aber oft auch – zum Beispiel dann, wenn in Pausen alle gebannt aufs Display starren. „Wir besprechen dann gemeinsam, wie das Handy genutzt wird, und ob es in der Schule vielleicht eher stört“, erklärt Kaufmann. „Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern stellen wir dann Klassenregeln auf. Ein generelles Verbot ist nicht der Weg“, sagt die Abiturientin. In manchen Klassen kommen diese Vereinbarungen, die zunächst nur für die Jahrgangsstufen fünf und sechs gelten, sogar so gut an, dass sie sich entscheiden, sie auch darüber hinaus weiter zu führen. Die selbst erarbeiteten Regeln können sich zwischen einzelnen Klassen durchaus unterscheiden. „Manche Klassen entscheiden sich auch, die Handys auf Klassenfahrten nicht zu nutzen.“ Dass die Vereinbarungen allgemein akzeptiert werden, liegt besonders daran, dass sie selbst erarbeitet wurden – gemeinsam mit den etwas älteren Medienscouts. Der geringe Alltersunterschied ist ein wichtiger Bestandteil des Projektes. So ist auch das eigene Nutzungsverhalten dem der jüngeren Schüler ähnlich, die sich ebenfalls in Netzwerke wie TikTok oder Youtube bewegen. Weil die Kinder mit den Medienscouts eher auf Augenhöhe sprechen können als mit Lehrkräften, sind sie aber auch oft leichter zugänglich und wenden sich auch mit Problemen an sie. Und die gibt es immer wieder. „Wir hatten zum Beispiel Probleme mit sogenannten Stickern, die bei Whatsapp verschickt werden können“, sagt Wilkening. Solche Sticker lassen sich mit Apps sehr einfach zum Beispiel auch aus Fotos von realen Personen herstellen. „Da ist es schon mal vorgekommen, dass rassistische oder sexuelle Inhalte geteilt wurden oder auch Sticker mit Hakenkreuzen.“ Solche und andere Probleme wie Mobbing oder der Ausschluss aus Gruppen konnten die Scouts oft selbst lösen. Als die Lehrerin Kordula Pasch auf eine Initiative von Birgit Thinnes, bei der Polizei Minden zuständig für den Bereich Prävention, vor gut zehn Jahren die Cyberscout-AG gründete, war das Projekt in NRW noch einzigartig. 2012 initiierte das Land dann das Projekt „Medienscouts NRW“, mit einem ähnlichen Schwerpunkt. Eine Besonderheit der Herder-Truppe ist es, dass sie auch außerhalb ihrer Schule aktiv wird. „Unsere Medienscouts gehen auch in Grundschulen und erklären dort den Kindern, worauf sie im Internet achten sollten.“ Natürlich hat die Coronakrise diese Arbeit durcheinandergewirbelt, viele Termine mussten ausfallen. Die Lehrerin hofft aber, dass die Besuche bald wieder starten können. Für die Arbeit der AG hat die Schule mehrfach das „Medienscouts NRW-Abzeichen“ bekommen. Aktuell sind 16 Medienscouts im Team, ab der siebten Klasse können Schülerinnen und Schüler mitmachen. „In einem Lehrgang bei Frau Thinnes bekommen sie dann das Grundlagenwissen und das Handwerkszeug – dafür gibt es dann auch ein Zertifikat“, sagt Pasch. Um ein sicheres Auftreten zu üben, gab es außerdem einen Lehrgang bei Viola Schneider, Theaterpädagogin am Mindener Stadttheater. „In die Klassen gehen die Medienscouts dann immer zu zweit: ein jüngerer und ein älterer, mit etwas mehr Erfahrung“, erklärt die Lehrerin. Kaufmann und Wilkening werden nun komplett andere Wege einschlagen: Während die Abiturientin für ein europäisches soziales Jahr in die Schweiz geht, wird ihr Kollege Maschinenbau studieren. Einig sind sie sich, dass ihnen ihre Arbeit als Medienscouts nicht nur Spaß gemacht hat, sondern auch persönlich viel gebracht hat. „Ich fand es gut, mit den Kindern und Jugendlichen zusammen etwas zu erarbeiten“, sagt Wilkening. Und Kaufmann ergänzt: „Manche Probleme waren schon eine Challenge. Und wir haben sehr viel dazu gelernt. Ich fand es aber besonders schön, zu helfen.“

Pfadfinder im Netz: So helfen Medienscouts am Herder-Gymnasium im Schulalltag

Kordula Pasch (von links) leitet die „Medienscout-AG“, Valerie Kaufmann und Tillmann Wilkening gehörten bis zu ihrem Abitur in diesem Jahr dazu. Ihre Arbeit ist eine Antwort auf die Herausforderungen, die die digitale Transformation mit sich bringt. MT-Foto: Jan Henning Rogge © jhr

Minden. Wenn Kinder ihr erstes eigenes Handy haben, währt die Freude bei den Eltern meist nur kurz – der Stress ist in der Regel programmiert. Und leider ist er keine App, die man abschalten könnte. Die kleinen technischen Wunderwerke sind auch an Schulen ein Problem. Sie müssen es aber nicht sein. Seit zehn Jahren gibt es am Herder-Gymnasium eine Arbeitsgemeinschaft (AG), die inzwischen wie das Landesprogramm heißt, das etwas später startete. Die „Medienscout“-AG ist ein besonderes Projekt: Schülerinnen und Schüler sind füreinander da, um gemeinsam einen Umgang mit digitalen Medien zu erarbeiten und bei Problemen auf Augenhöhe zu helfen. Zwei von ihnen waren über Jahre Valerie Kaufmann und Tillmann Wilkening. Mit dem Abitur gehen beide nun in den „Ruhestand“.

„Wir waren hauptsächlich in den fünften und sechsten Klassen aktiv, um die Schülerinnen und Schüler für den Umgang mit sozialen Medien zu sensibilisieren“, sagt Kaufmann. Denn auch wenn Messenger-Dienste wie zum Beispiel Whatsapp vom Anbieter erst ab 16 Jahren freigegeben sind, werden sie trotzdem auch von Jüngeren eingesetzt. „Wir erklären dann erstmal, was es für Netzwerke gibt, was mit meinen Daten dort passiert und wie ich selber sicher im Internet sein kann.“ Einen großen Raum nehmen zudem die Umgangsformen im Netz ein. „Die kommen ja früh damit in Kontakt, weshalb wir dann Regeln erstellen“, sagt Wilkening.

Regeln braucht es auch für den Umgang mit den mobilen Geräten an der Schule – denn manchmal kann das auch sinnvoll eingesetzt werden. Ab der fünften Klasse besitzen fast alle Schulkinder ein solches Gerät. Und auch wenn es manchmal Kommunikation ermöglicht und ein Hilfsmittel im digitalen Unterricht ist, verhindert es diese aber oft auch – zum Beispiel dann, wenn in Pausen alle gebannt aufs Display starren. „Wir besprechen dann gemeinsam, wie das Handy genutzt wird, und ob es in der Schule vielleicht eher stört“, erklärt Kaufmann. „Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern stellen wir dann Klassenregeln auf. Ein generelles Verbot ist nicht der Weg“, sagt die Abiturientin.


In manchen Klassen kommen diese Vereinbarungen, die zunächst nur für die Jahrgangsstufen fünf und sechs gelten, sogar so gut an, dass sie sich entscheiden, sie auch darüber hinaus weiter zu führen. Die selbst erarbeiteten Regeln können sich zwischen einzelnen Klassen durchaus unterscheiden. „Manche Klassen entscheiden sich auch, die Handys auf Klassenfahrten nicht zu nutzen.“

Dass die Vereinbarungen allgemein akzeptiert werden, liegt besonders daran, dass sie selbst erarbeitet wurden – gemeinsam mit den etwas älteren Medienscouts. Der geringe Alltersunterschied ist ein wichtiger Bestandteil des Projektes. So ist auch das eigene Nutzungsverhalten dem der jüngeren Schüler ähnlich, die sich ebenfalls in Netzwerke wie TikTok oder Youtube bewegen.

Weil die Kinder mit den Medienscouts eher auf Augenhöhe sprechen können als mit Lehrkräften, sind sie aber auch oft leichter zugänglich und wenden sich auch mit Problemen an sie. Und die gibt es immer wieder. „Wir hatten zum Beispiel Probleme mit sogenannten Stickern, die bei Whatsapp verschickt werden können“, sagt Wilkening. Solche Sticker lassen sich mit Apps sehr einfach zum Beispiel auch aus Fotos von realen Personen herstellen. „Da ist es schon mal vorgekommen, dass rassistische oder sexuelle Inhalte geteilt wurden oder auch Sticker mit Hakenkreuzen.“ Solche und andere Probleme wie Mobbing oder der Ausschluss aus Gruppen konnten die Scouts oft selbst lösen.

Als die Lehrerin Kordula Pasch auf eine Initiative von Birgit Thinnes, bei der Polizei Minden zuständig für den Bereich Prävention, vor gut zehn Jahren die Cyberscout-AG gründete, war das Projekt in NRW noch einzigartig. 2012 initiierte das Land dann das Projekt „Medienscouts NRW“, mit einem ähnlichen Schwerpunkt. Eine Besonderheit der Herder-Truppe ist es, dass sie auch außerhalb ihrer Schule aktiv wird. „Unsere Medienscouts gehen auch in Grundschulen und erklären dort den Kindern, worauf sie im Internet achten sollten.“ Natürlich hat die Coronakrise diese Arbeit durcheinandergewirbelt, viele Termine mussten ausfallen. Die Lehrerin hofft aber, dass die Besuche bald wieder starten können. Für die Arbeit der AG hat die Schule mehrfach das „Medienscouts NRW-Abzeichen“ bekommen.

Aktuell sind 16 Medienscouts im Team, ab der siebten Klasse können Schülerinnen und Schüler mitmachen. „In einem Lehrgang bei Frau Thinnes bekommen sie dann das Grundlagenwissen und das Handwerkszeug – dafür gibt es dann auch ein Zertifikat“, sagt Pasch. Um ein sicheres Auftreten zu üben, gab es außerdem einen Lehrgang bei Viola Schneider, Theaterpädagogin am Mindener Stadttheater. „In die Klassen gehen die Medienscouts dann immer zu zweit: ein jüngerer und ein älterer, mit etwas mehr Erfahrung“, erklärt die Lehrerin.

Kaufmann und Wilkening werden nun komplett andere Wege einschlagen: Während die Abiturientin für ein europäisches soziales Jahr in die Schweiz geht, wird ihr Kollege Maschinenbau studieren. Einig sind sie sich, dass ihnen ihre Arbeit als Medienscouts nicht nur Spaß gemacht hat, sondern auch persönlich viel gebracht hat. „Ich fand es gut, mit den Kindern und Jugendlichen zusammen etwas zu erarbeiten“, sagt Wilkening. Und Kaufmann ergänzt: „Manche Probleme waren schon eine Challenge. Und wir haben sehr viel dazu gelernt. Ich fand es aber besonders schön, zu helfen.“

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