Parallele Welten: Was bedeutet eine Multihalle für die Menschen im Quartier? Monika Jäger Minden. Wer hier nicht lebt, fährt hin, weil der Bahnhof da ist. Oder weil er in einem der großen Industriebetriebe im Norden arbeitet, in der Forschung bei der DB Systemtechnik, vielleicht aber auch in den Diakonischen Werkstätten. Wer hier wohnt, hat ein Einfamilienhäuschen, das genauso überall in Minden stehen könnte, mit Garten und Garage. Möglicherweise gehört er (oder sie) aber auch zu den ärmsten Mindenern, lebt hier schon seit vielen Generationen oder hat einen Migrationshintergrund. Zu sagen, auf dem Rechten Weserufer gebe es viele Gegensätze, wäre so oberflächlich, als wenn man sagte, Hunde bellen. Das Gegensätzliche ist hier das Selbstverständliche. In diese historisch gewachsene Welt sollen in den nächsten zehn, zwanzig Jahren Großprojekte kommen: ein Forschungs- und Ausbildungszentrum „Rail Campus“, das europaweit ausstrahlt, eine Multifunktionshalle als Anker für den Handball-Bundesligisten, ein neues Wohnquartier am Hafen, ein umgebauter Bahnhof als Mittelpunkt für neue Verkehrslösungen. Veränderungen in diesem Umfang passieren sonst nirgendwo in Minden. Und was ist mit denen, die hier leben? 4.872 Personen waren es Anfang 2020, davon waren 1.372 Ausländer. 989 waren jünger als 18 Jahre, 305 davon Ausländer. 468 der Kinder – also mehr als 47 Prozent – bezogen Sozialleistungen. Da beschäftigt man sich mit anderem als der Zukunft des Quartiers. „Die großen Projekte gehen mehr oder weniger an den Bürgern vorbei“, sagt Volker Niggemann, Pastor der Matthäusgemeinde. Das Gefühl sei „es gibt sie, aber wir werden davon nicht viel haben.“ Höchstens ist da die Sorge, dass Wohnen irgendwann zu teuer wird, wenn der Stadtteil zunehmend gentrifiziert wird. Darum ist aus Niggemanns Sicht Sozialarbeit wichtig, die die Menschen vor Ort anspricht. Wie beispielsweise die Mikroprojekte des Beirats für das Quartiersmanagement, der Spielgeräte-Verleih an der Breitenbachstraße, der Ausbau der Spielplätze. Oder Einrichtungen wie das Jugendzentrum Alte Schmiede. Oder das Quartiersbüro: da werde gute und wichtige Arbeit geleistet, sagt er. Aber dessen Standort sei ein Problem. Dritter Stock, in einem Ärztehaus. . . Die „Frühen Hilfen“ sind inzwischen umgezogen, im Gemeindehaus können sie besser erreicht werden. Jetzt kommen auch wieder Leute. Viele Menschen kaufen mit Lebensmittelgutscheinen ein. Nicht selten klingelt es bei Niggemann an der Tür, und jemand bittet um eine kleine Spende. Manches Problem werde nicht genug angegangen, sagt der Seelsorger. Er hält zum Beispiel die Obdachlosenunterkunft an der Bruchstraße für eine „Katastrophe“. „Das ist die Endstation für jene, die noch nicht mal mehr im Rudolf-Winzer-Haus unterkommen.“ Die seien zu sehr allein gelassen. Was anders sein könnte? Straßensozialarbeit. Mehr kleinteilige Quartiersarbeit, also mehr Mitarbeitende für das Quartiersbüro. Auch, weil seine Gemeindearbeit weggebrochen sei. „Ich bin der einzige, der mit Menschen über ihre schwierigen Verhältnisse reden kann. Ehrenamtliche haben wir kaum noch.“ Wegen Corona, „und dann wurden die Engagierten ja auch immer älter. Sie kennen das ja.“ In seiner heterogenen Gemeinde – „hier ist vom Bildungsbürgertum bis zum sozialen Brennpunkt alles, oft auch nebeneinander“, habe bisher das Programm für eine energetische Wende am meisten Resonanz bekommen, sagt Niggemann. Da könne jeder spüren, was passiert – wenn die Straßenbeleuchtung besser wird oder es eine Beratung dafür gibt, wie Strom gespart werden kann. „Da sind auch Leute eingebunden, die in bescheidenen Verhältnissen leben.“ Und, das sagt der Pfarrer auch, – all das sind seine Eindrücke aus Einzelgesprächen. Eindrücke, die aber auch andere bestätigen. Dr. Konrad Winckler ist der Ortsbürgermeister, selbst im Quartier groß geworden, wenn auch nicht gerade an der Bruchstraße. Mit vielen, die da heute noch wohnen, ist er per Du, er hilft schon mal, wenn Bewerbungen zu schreiben sind, und weiß, wie es einzelnen geht. Er spricht mit einer Mutter, deren Sohn als Panzerfahrer mit der Bundeswehr auf Übung im Ausland ist, kann aber ebenso nachvollziehen, warum ihn beim Wahl-Werbe-Rundgang zwei 15-jährige junge Frauen kühl abblitzen lassen. „Es passiert ja sowieso nichts“, und „es interessiert sich eh keiner für uns“ – das bekommt er auch zu hören, wenn er unterwegs ist. Der Staat kümmere sich mehr um Flüchtlinge als um sie, auch das dächten einige. Dass bei der letzten Kommunalwahl 2020 im Stadtteil Rechtes Weserufer die AfD 10,72 Prozent der Stimmen geholt hat und bei der Bundestagswahl 16,95 Prozent, dass 2020 von 3.186 Wahlberechtigten nur 922 überhaupt ihr Kreuz gemacht haben, sei auch ein Zeichen dafür, dass sich einige Menschen abgehängt fühlen. Seine Vorstellung für die Zukunft nennt er „Teilhabe für alle“, zu erreichen durch kleinteiligeres Quartiersmanagement, Ansprechen der Menschen, Zuhören, Handeln. Die großen Betriebe müssten erst einmal verstehen, was hier für ein Potenzial für Fachkräfte schlummert, auch das würde den Menschen im Quartier helfen. Entwicklungen dürften nicht auf Kosten der Menschen vor Ort gehen. Bevor es damals los ging mit dem Integrierten Städtebaulichen Konzept, welches all die Pläne in rund 100 Punkten zusammenfasst, da war die Verwaltung im Ort. Führungen, Radtouren, Workshops, Diskussionen, ein ganzer Tag mit vielen Menschen und noch mehr Ideen. Vieles ist eingeflossen. Dennoch fühlen sich nicht alle gesehen. Für Menschen mit besonderen Bedarfen sei das irrelevant, das sagen übereinstimmend mehrere sozial Engagierte, die beruflich oder ehrenamtlich im Quartier aktiv sind. Ein Handballspiel von GWD in der Multihalle? Eine Wohnung am Hafen? Ein Studienplatz am Rail Campus? Das ist außerhalb dessen, was sich die Ärmsten hier auch nur vorstellen könnten. Sie haben andere Problemlagen – und auch kein Geld. Viele wohnen hier seit Generationen, seit Generationen leben sie von Sozialhilfe. Früher im „Schlösschen“, der Bahnhofskaserne, heute in Bruchstraße oder Dombrede. Ein Milieu, über Generationen zusammengewachsen, durchaus selbstbewusst. Das ist ein Potenzial für aufsuchende Sozialarbeit, so hat es Quartiersmanager Erik Hasse mal im Sozialausschuss gesagt. Er möchte eine Verbindung zwischen den „Leuchttürmen“ der Zukunft und der Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort herstellen. Unter anderem wird er bei den Entwicklungen gehört und beteiligt, und sein Ziel ist klar: „Uns ist wichtig, dass wir bei allen Planungen alle sozialen Schichten berücksichtigen – auch und vor allem jene, die sonst kein Sprachrohr haben.“ Und weil diese nicht zu Infotagen oder Workshops kommen, kommen die Themen zu ihnen. So ist Hasse im Frühjahr von Haus zu Haus gezogen. Da ging es um ein energetisches Quartierskonzept mit Beteiligung der Bewohner. 25 Prozent der Befragten waren am Ende Menschen in Leistungsbezug. Deren Wünsche: Bessere Orte für Bushaltestellen, anderes ausgestattete Spielplätze, Verbesserungen bei der Straßenbeleuchtung beispielsweise. Und immer ging es um Wohnen: die Sicherheit, dass alles bezahlbar bleibt, aber auch, dass Wohnungen sozialverträglich saniert werden. Wenn die Menschen mit geringem Einkommen über die Zukunft nachdenken, dann eher, weil sie Angst haben, sie könnten hier mit der Gentrifizierung verdrängt werden. Keiner, der hier in der Sozialarbeit aktiv ist, kann darauf warten, dass die Bewohner kommen. Die wichtigste Arbeit wird vor Ort, auf der Straße gemacht. So entstanden eine Vater-Kind-Gruppe oder ein Elterncafé. Da geht es um Arbeit, Kinder, Schule, vor allem aber um Austausch und Gemeinsamkeit. In der Corona-Zeit wurde ein Einkaufsservice für Senioren eingerichtet. Und dann ist da noch all das, was für Kinder und Jugendliche getan wird – beispielsweise in der „Alten Schmiede“, mit Kinder- und Jugendtagen, Flüchtlingshilfe, Sportprogrammen – aber auch in Eigeninitiative: Zwei Frauen aus dem Quartier leihen an der Bruchstraße und der Breitenbachstraße kostenlos Spielgeräte für draußen aus; Nachbarschaftshilfe, die das Quartiersmanagement angestoßen hat und die jetzt selbstständig läuft. Das Rechte Weserufer wird sich verändern, wird wachsen, eine neue Rolle in der Stadt bekommen. „Es geht um viel mehr als um ein städtebauliches Megaprojekt“, hat einmal jemand bei einem Treffen im, Quartier gesagt. „Es geht in den nächsten Jahren darum, bei allen Veränderungen alle mitzunehmen. Und keine parallelen Welten zu schaffen.“

Parallele Welten: Was bedeutet eine Multihalle für die Menschen im Quartier?

Der "Lange Jammer": Ehemalige Arbeitersiedlung. Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. Wer hier nicht lebt, fährt hin, weil der Bahnhof da ist. Oder weil er in einem der großen Industriebetriebe im Norden arbeitet, in der Forschung bei der DB Systemtechnik, vielleicht aber auch in den Diakonischen Werkstätten. Wer hier wohnt, hat ein Einfamilienhäuschen, das genauso überall in Minden stehen könnte, mit Garten und Garage. Möglicherweise gehört er (oder sie) aber auch zu den ärmsten Mindenern, lebt hier schon seit vielen Generationen oder hat einen Migrationshintergrund. Zu sagen, auf dem Rechten Weserufer gebe es viele Gegensätze, wäre so oberflächlich, als wenn man sagte, Hunde bellen. Das Gegensätzliche ist hier das Selbstverständliche.

In diese historisch gewachsene Welt sollen in den nächsten zehn, zwanzig Jahren Großprojekte kommen: ein Forschungs- und Ausbildungszentrum „Rail Campus“, das europaweit ausstrahlt, eine Multifunktionshalle als Anker für den Handball-Bundesligisten, ein neues Wohnquartier am Hafen, ein umgebauter Bahnhof als Mittelpunkt für neue Verkehrslösungen. Veränderungen in diesem Umfang passieren sonst nirgendwo in Minden.

Und was ist mit denen, die hier leben? 4.872 Personen waren es Anfang 2020, davon waren 1.372 Ausländer. 989 waren jünger als 18 Jahre, 305 davon Ausländer. 468 der Kinder – also mehr als 47 Prozent – bezogen Sozialleistungen.


Da beschäftigt man sich mit anderem als der Zukunft des Quartiers. „Die großen Projekte gehen mehr oder weniger an den Bürgern vorbei“, sagt Volker Niggemann, Pastor der Matthäusgemeinde. Das Gefühl sei „es gibt sie, aber wir werden davon nicht viel haben.“ Höchstens ist da die Sorge, dass Wohnen irgendwann zu teuer wird, wenn der Stadtteil zunehmend gentrifiziert wird. Darum ist aus Niggemanns Sicht Sozialarbeit wichtig, die die Menschen vor Ort anspricht. Wie beispielsweise die Mikroprojekte des Beirats für das Quartiersmanagement, der Spielgeräte-Verleih an der Breitenbachstraße, der Ausbau der Spielplätze. Oder Einrichtungen wie das Jugendzentrum Alte Schmiede.

Multihalle, Rail Campus, moderne Wohnungen am Hafen auf der einen Seite, Straßenzüge, in denen Menschen in teils prekären Lebensverhältnissen Leben, auf der anderen: Wie wird es werden, wenn Großprojekte auf die Rechte Weserseite kommen? Foto: Alex Lehn - © Monika Jäger
Multihalle, Rail Campus, moderne Wohnungen am Hafen auf der einen Seite, Straßenzüge, in denen Menschen in teils prekären Lebensverhältnissen Leben, auf der anderen: Wie wird es werden, wenn Großprojekte auf die Rechte Weserseite kommen? Foto: Alex Lehn - © Monika Jäger

Oder das Quartiersbüro: da werde gute und wichtige Arbeit geleistet, sagt er. Aber dessen Standort sei ein Problem. Dritter Stock, in einem Ärztehaus. . . Die „Frühen Hilfen“ sind inzwischen umgezogen, im Gemeindehaus können sie besser erreicht werden. Jetzt kommen auch wieder Leute.

Viele Menschen kaufen mit Lebensmittelgutscheinen ein. Nicht selten klingelt es bei Niggemann an der Tür, und jemand bittet um eine kleine Spende. Manches Problem werde nicht genug angegangen, sagt der Seelsorger. Er hält zum Beispiel die Obdachlosenunterkunft an der Bruchstraße für eine „Katastrophe“. „Das ist die Endstation für jene, die noch nicht mal mehr im Rudolf-Winzer-Haus unterkommen.“ Die seien zu sehr allein gelassen.

"Das Ziel muss Teilhabe für alle sein." Ortsbürgermeister für das Rechte Weserufer, Dr. Konrad Winckler. - © Alex Lehn
"Das Ziel muss Teilhabe für alle sein." Ortsbürgermeister für das Rechte Weserufer, Dr. Konrad Winckler. - © Alex Lehn

Was anders sein könnte? Straßensozialarbeit. Mehr kleinteilige Quartiersarbeit, also mehr Mitarbeitende für das Quartiersbüro. Auch, weil seine Gemeindearbeit weggebrochen sei. „Ich bin der einzige, der mit Menschen über ihre schwierigen Verhältnisse reden kann. Ehrenamtliche haben wir kaum noch.“ Wegen Corona, „und dann wurden die Engagierten ja auch immer älter. Sie kennen das ja.“

„Die großen Projekte ?gehen mehr oder weniger an den Bürgern vorbei.“

Volker Niggemann, ?Pfarrer St. Matthäus - © pr
„Die großen Projekte ?gehen mehr oder weniger an den Bürgern vorbei.“
Volker Niggemann, ?Pfarrer St. Matthäus - © pr

In seiner heterogenen Gemeinde – „hier ist vom Bildungsbürgertum bis zum sozialen Brennpunkt alles, oft auch nebeneinander“, habe bisher das Programm für eine energetische Wende am meisten Resonanz bekommen, sagt Niggemann. Da könne jeder spüren, was passiert – wenn die Straßenbeleuchtung besser wird oder es eine Beratung dafür gibt, wie Strom gespart werden kann. „Da sind auch Leute eingebunden, die in bescheidenen Verhältnissen leben.“ Und, das sagt der Pfarrer auch, – all das sind seine Eindrücke aus Einzelgesprächen.

„Wir müssen auch all?jene hören, die kein ?Sprachrohr haben.“

Erik Hasse, Quartiersmanager Rechte Weserseite - © Alex Lehn
„Wir müssen auch all?jene hören, die kein ?Sprachrohr haben.“
Erik Hasse, Quartiersmanager Rechte Weserseite - © Alex Lehn

Eindrücke, die aber auch andere bestätigen. Dr. Konrad Winckler ist der Ortsbürgermeister, selbst im Quartier groß geworden, wenn auch nicht gerade an der Bruchstraße. Mit vielen, die da heute noch wohnen, ist er per Du, er hilft schon mal, wenn Bewerbungen zu schreiben sind, und weiß, wie es einzelnen geht. Er spricht mit einer Mutter, deren Sohn als Panzerfahrer mit der Bundeswehr auf Übung im Ausland ist, kann aber ebenso nachvollziehen, warum ihn beim Wahl-Werbe-Rundgang zwei 15-jährige junge Frauen kühl abblitzen lassen.

„Es passiert ja sowieso nichts“, und „es interessiert sich eh keiner für uns“ – das bekommt er auch zu hören, wenn er unterwegs ist. Der Staat kümmere sich mehr um Flüchtlinge als um sie, auch das dächten einige. Dass bei der letzten Kommunalwahl 2020 im Stadtteil Rechtes Weserufer die AfD 10,72 Prozent der Stimmen geholt hat und bei der Bundestagswahl 16,95 Prozent, dass 2020 von 3.186 Wahlberechtigten nur 922 überhaupt ihr Kreuz gemacht haben, sei auch ein Zeichen dafür, dass sich einige Menschen abgehängt fühlen.

Seine Vorstellung für die Zukunft nennt er „Teilhabe für alle“, zu erreichen durch kleinteiligeres Quartiersmanagement, Ansprechen der Menschen, Zuhören, Handeln. Die großen Betriebe müssten erst einmal verstehen, was hier für ein Potenzial für Fachkräfte schlummert, auch das würde den Menschen im Quartier helfen. Entwicklungen dürften nicht auf Kosten der Menschen vor Ort gehen.

Bevor es damals los ging mit dem Integrierten Städtebaulichen Konzept, welches all die Pläne in rund 100 Punkten zusammenfasst, da war die Verwaltung im Ort. Führungen, Radtouren, Workshops, Diskussionen, ein ganzer Tag mit vielen Menschen und noch mehr Ideen. Vieles ist eingeflossen. Dennoch fühlen sich nicht alle gesehen. Für Menschen mit besonderen Bedarfen sei das irrelevant, das sagen übereinstimmend mehrere sozial Engagierte, die beruflich oder ehrenamtlich im Quartier aktiv sind. Ein Handballspiel von GWD in der Multihalle? Eine Wohnung am Hafen? Ein Studienplatz am Rail Campus? Das ist außerhalb dessen, was sich die Ärmsten hier auch nur vorstellen könnten. Sie haben andere Problemlagen – und auch kein Geld.

Viele wohnen hier seit Generationen, seit Generationen leben sie von Sozialhilfe. Früher im „Schlösschen“, der Bahnhofskaserne, heute in Bruchstraße oder Dombrede. Ein Milieu, über Generationen zusammengewachsen, durchaus selbstbewusst. Das ist ein Potenzial für aufsuchende Sozialarbeit, so hat es Quartiersmanager Erik Hasse mal im Sozialausschuss gesagt. Er möchte eine Verbindung zwischen den „Leuchttürmen“ der Zukunft und der Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort herstellen. Unter anderem wird er bei den Entwicklungen gehört und beteiligt, und sein Ziel ist klar: „Uns ist wichtig, dass wir bei allen Planungen alle sozialen Schichten berücksichtigen – auch und vor allem jene, die sonst kein Sprachrohr haben.“

Und weil diese nicht zu Infotagen oder Workshops kommen, kommen die Themen zu ihnen. So ist Hasse im Frühjahr von Haus zu Haus gezogen. Da ging es um ein energetisches Quartierskonzept mit Beteiligung der Bewohner. 25 Prozent der Befragten waren am Ende Menschen in Leistungsbezug. Deren Wünsche: Bessere Orte für Bushaltestellen, anderes ausgestattete Spielplätze, Verbesserungen bei der Straßenbeleuchtung beispielsweise. Und immer ging es um Wohnen: die Sicherheit, dass alles bezahlbar bleibt, aber auch, dass Wohnungen sozialverträglich saniert werden. Wenn die Menschen mit geringem Einkommen über die Zukunft nachdenken, dann eher, weil sie Angst haben, sie könnten hier mit der Gentrifizierung verdrängt werden.

Keiner, der hier in der Sozialarbeit aktiv ist, kann darauf warten, dass die Bewohner kommen. Die wichtigste Arbeit wird vor Ort, auf der Straße gemacht. So entstanden eine Vater-Kind-Gruppe oder ein Elterncafé. Da geht es um Arbeit, Kinder, Schule, vor allem aber um Austausch und Gemeinsamkeit. In der Corona-Zeit wurde ein Einkaufsservice für Senioren eingerichtet.

Und dann ist da noch all das, was für Kinder und Jugendliche getan wird – beispielsweise in der „Alten Schmiede“, mit Kinder- und Jugendtagen, Flüchtlingshilfe, Sportprogrammen – aber auch in Eigeninitiative: Zwei Frauen aus dem Quartier leihen an der Bruchstraße und der Breitenbachstraße kostenlos Spielgeräte für draußen aus; Nachbarschaftshilfe, die das Quartiersmanagement angestoßen hat und die jetzt selbstständig läuft.

Das Rechte Weserufer wird sich verändern, wird wachsen, eine neue Rolle in der Stadt bekommen. „Es geht um viel mehr als um ein städtebauliches Megaprojekt“, hat einmal jemand bei einem Treffen im, Quartier gesagt. „Es geht in den nächsten Jahren darum, bei allen Veränderungen alle mitzunehmen. Und keine parallelen Welten zu schaffen.“

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