Obermarktpassage und Tiefgarage: Die Chronik eines Niedergangs Monika Jäger Minden (mt). Sieben Jahre nach der offiziellen Einweihung des neuen Zentralen Omnibus-Bahnhof ZOB muss die Stadt Minden nun 118.700 Euro an Fördermitteln zurückzahlen. Der Grund ist kompliziert und erklärt sich aus der Baugeschichte und der damals zeitgleich errichteten Tiefgaragen-Erweiterung unter der Obermarktpassage. Ein Rückblick. 2009 Die Erklärung, warum Minden nun nachzahlen muss, geht zurück ins Jahr 2009. Die Obermarktpassage ist da noch geöffnet. Aber sie hat ihre besten Zeiten hinter sich, leidet unter Leerständen und großer Fluktuation. Selbst der Ankermieter will gehen: Der Real-Markt im Erdgeschoss hat angekündigt, zum Jahresende zu schließen. Allerdings scheint Kaufland an einer Nachfolge interessiert. Wem gehört die Passage zu dieser Zeit? Entwickelt und gebaut hat sie die Düsseldorfer Immobilien Treuhand-Gesellschaft (ITG) von 1983 bis 1985 für 74 Millionen D-Mark. Zuvor hatte die ITG einen Vertrag mit dem Ankermieter Real geschlossen – nur darum fiel auch die Entscheidung, sich in Minden zu engagieren. Das Bauvorhaben war in Minden umstritten. Alteingesessene Geschäftsinhaber befürchteten, die vielen neuen Geschäfte würden ihnen die Kunden absaugen. Andere sahen kritisch auf die Verlängerung der Einkaufszone, die damit effektiv vom Wesertor bis zum Obermarkt reichen würde. Würde ein Mittelzentrum wie Minden diese „längste Einkaufsstraße Deutschlands", wie Kritiker spöttelten, tragen können? Das war die lokale Perspektive. Aber was in den nächsten Jahren deutschlandweit passierte, war in dieser Geschwindigkeit und Tragweite Ende der 70er Jahre kaum vorherzusehen: Der Einzelhandel brach ein. Die Digitalisierung ließ ganze Sparten wie Plattengeschäfte verschwinden, auch änderte sich das Einkaufsverhalten. Für Zentren-Betreiber in ganz Deutschland wurde das Vermieten der vielen Einzelladenlokale schwieriger. Auch die mäandernde Wegeführung der Obermarktpassage fanden Shopping-Begeisterte irgendwann nicht mehr modern, sondern umständlich. Hinzu kamen offenbar interne Faktoren im Management. Die Leerstände mehrten sich. Ebenso die Sorgenfalten und Unkenrufe. Mitte 2008 hieß es dann, Dänische Investoren hätten der ITG Objekte in verschiedenen Städten abgekauft, darunter auch die Mindener Passage. Anfang 2009 ist die 25 Jahre alte Handelsimmobilie dann jedenfalls im Besitz der Wiesbadener Secur. Wie das Mindener Tageblatt damals berichtete, gehörten zu deren Gesellschaftern große dänische und deutsche Handelsplattformen für Immobilienfonds. Die Wiesbadener Secur bringt erst einmal Hoffnung auf neues Leben. Sie wolle die Passage revitalisieren, sagen ihre Vertreter. Es gebe auch schon konkrete Umbauplanungen, investiert werden sollten 13 Millionen Euro. Eine Bedingung: mehr Parkplätze, möglichst in direkter Verbindung zum bestehenden Parkdeck. Die Lösung scheint einfach, denn schon die Vorbesitzer, die ITG, haben Pläne dafür entwickelt. 100 bis 120 Plätze könnten unter dem ZOB entstehen. Die neue Parkgarage würde keine eigene Zufahrt bekommen, sondern von nebenan erschlossen. Fußgänger könnten über Treppen vom ZOB ins Parkhaus gelangen. Einziges Problem: Um ein großes Loch unter den ZOB an der Lindenstraße zu bauen, müsste der erst abgerissen werden. Diese Überlegungen kommen der Stadt Minden ganz recht. Denn ein neuer ZOB steht bei ihr schon länger auf der Wunschliste. Der alte ist schließlich über 30 Jahre alt und bietet nicht mehr alle Funktionen, die für einen modernen ÖPNV nötig sind. Allein: Gut 2,5 Millionen Euro wären dafür nötig, und die Stadt hat kein Geld. Da sie in der Haushaltssicherung ist, darf sie nur neu bauen, wenn es sie nichts kostet. So kommt es zu einer Mischrechnung. Die Obermarktpassagen-Besitzer würden den alten ZOB zerstören, um darunter die Tiefgarage auf eigene Kosten zu erstellen. Für den dann fehlenden ZOB sollte die Stadt 545.000 Euro bekommen. Der fällt Zustimmung leicht, denn 85 Prozent der Kosten für einen Busbahnhof-Neubau würden aus öffentlichen Fördermitteln kommen. Diese würde der Zweckverband Nahverkehr Westfalen Lippe bereitstellen, zu dessen Aufgaben die Förderung der ÖPNV-Infrastruktur gehört. Beides zusammen – Entschädigung und Förderung – reicht für einen neuen ZOB. Die Stadt, damals mitten in der Haushaltssicherung, bekommt so einen neuen Busbahnhof quasi geschenkt. Allerdings: Das Loch unter dem ZOB, das eine Tiefgarage werden soll, verkauft die Stadt nicht. Sie entscheidet sich für einen Erbbaurechtsvertrag mit der Wolf GmbH, einer Tochter der Wiesbadener Secur. Erbpacht ist eine Nutzungserlaubnis für ein Grundstück, die für sehr lange Zeiträume gewährt wird. 8. Oktober 2009 Die Stadt Minden schließt mit der Wiesbadener Wolf GmbH den Erbbaurechtsvertrag. Gegenstand: Eine zirka 2.700 Quadratmeter große Teilfläche „zwischen den Straßen Klausenwall und Lindenstraße". „Der Erbbauberechtigte hat das Recht und übernimmt die Verpflichtung, unter der Oberfläche des Erbbaugrundstücks zum Betrieb einer Tiefgarage mit rund 100 Plätzen ein Bauwerk zu erstellen", heißt es in dem Vertrag. August 2010 Nun beginnen auch die lange ersehnten Umbau- und Sanierungsarbeiten in der Obermarktpassage. Am 25. August berichten die Investoren im Foyer der Stadthalle umfassend über neue Mieter wie Teddy Toys, Vögele, den Ein-Euro-Shop Tedi – und dass Kaufland Anfang September eröffnen wird. Dann werde auch die Tiefgarage unter dem ZOB fertig sein. Sollte es nun wirklich gelingen, die angestaubte Immobilie wieder mit neuem Leben zu füllen? 9. September 2010 Kaufland eröffnet. Und auch die neue Tiefgarage geht ans Netz. Deren Bau ist allerdings mit 4,3 Millionen Euro rund 30 Prozent teurer geworden als ursprünglich kalkuliert. Da in der Passage kräftig umgebaut und entkernt wird, ist der Durchgang zwischen oberem und unterem Teil geschlossen worden. Knapp zwei Monate nach der Verkündung der großen neuen Pläne platzt die Bombe. Von einem Tag auf den anderen ist es in der Obermarktpassage vorbei mit den Erneuerungsarbeiten. Die Wiesbadener Secur ist pleite. Oktober 2010 Die Secur-Gruppe stellt Insolvenzantrag beim Amtsgericht Wiesbaden für eine Verwaltungs-GmbH und acht Immobilien KGs. Darunter ist auch die Wolf GmbH als Teileigentümerin der Tiefgarage. Begründung: Eine ausländische Bank hätte ihre Kreditzahlungen eingestellt. Mit betroffen: Mehrere Einkaufspassagen aus den 80er Jahren in Rheine, Bonn, Nürnberg, Buchholz, Bielefeld und, versteht sich, Minden. Die Stadtverwaltung zählt sich dabei noch zu den Glücklichen, denn die 545.000 Euro Entschädigung für den ZOB hatte die Secur im Juli an die Stadt Minden überwiesen. So konnten die Bauarbeiten am neuen Busbahnhof weiter gehen. Wie es mit den anderen Immobilien aus der Secur-Insolvenzmasse weiterging lesen Sie hier:Fast alle Einkaufszentren leben noch Januar 2011 Handwerker sind im vergangenen Vierteljahr nur für Sicherungsarbeiten in der Passage gesehen worden. Doch jetzt muss richtig angepackt werden: Tiefe Risse, Wasserlachen, eine gesperrte Rolltreppe machen Nachbesserungen in der erst vor fünf Monaten fertiggestellten Tiefgarage nötig. 3. April 2011 Der ZOB-Umbau geht derweil in die heiße Phase. Seit heute fahren die Busse nicht mehr ab Lindenstraße, sondern vom Dreiecksplatz. Am ZOB wird gebaut. Der erste Spatenstich ist am 15. April. Am 6. Januar 2012 wird der neue ZOB feierlich eingeweiht. Die Busse fahren ab 7. Januar wieder von hier. November 2012 Und wie geht es mit der Passage weiter? Ein neuer Käufer scheint sich zu interessieren. Offenbar will der amerikanische Finanzinvestor Cerberus Capital Management neun Handelsimmobilien aus der Insolvenzmasse der Wiesbadener Secur erwerben, darunter die Obermarktpassage. Das Gesamtgebot für die neun Immobilien des „Phönix-Pakets", darunter neben der Marktpassage in Bielefeld weitere in Rheine, Radevormwald, Bonn, Nürnberg Buchholz und Konstanz, soll sich auf 65 Millionen Euro belaufen, berichtet damals die Immobilienzeitung. Der 1992 gegründete US-Investmentfonds Cerberus hat bis dahin schon 25 Milliarden Dollar für institutionelle Anleger wie Pensionskassen, Versicherungen und Hegdefonds in rund 300 Unternehmen anlegt, die er umstrukturiert und weiterverkauft. In Deutschland ist er seit 2006 tätig, investiert meist in größere Wohn- oder Geschäftsimmobilien. Mitte 2013 kommt die Bestätigung. Die Insolvenzverwalter (BBL Bernsau Brockdorff Insolvenz- und Zwangsverwalter GbR) teilen mit, sie hätten die Immobilien der Secur-Gruppe geschlossen als Paket verkauft. Käufer: Die Promontoria mit Sitz in den Niederlanden, die zu Cerberus Global Investments gehört. BBL geben sich zuversichtlich: „Wir sind überaus zufrieden mit dem Ergebnis. Der neue Investor plant, die Standorte weiterzuentwickeln und zu modernisieren", schreiben sie. Juli 2013 Die Euphorie in Minden ist von kurzer Dauer. Erst in zwölf bis 18 Monaten könne gesagt werden, wohin die Reise mit der Passage gehe, sagen die Vertreter der Firma Acrest jetzt, die die Passage im Auftrag der Cerberus entwickeln soll. Und: „Keine Mieter, kein Umbau." Juli 2014 In der Passage hat sich im vergangenen Jahr nichts weiter getan. Für den Eigentümer spricht zu dieser Zeit weiterhin die Firma Acrest, die das Objekt vermarkten soll. „Der Eigentümer verfolgt nicht den schnellen Euro, sondern setzt auf Qualität und Quantität", sagt der Acrest-Geschäftsführer auf Kritik aus Minden. Allein: Der Durchgang vom Ober- zum Untergeschoss und damit von der Obermarktstraße zum ZOB bleibt weiter zu. Neue Konzepte sind keine in Sicht. Januar 2016 Nicht der Besitzer wechselt, sehr wohl aber derjenige, der die Passage entwickeln und vermarkten soll. Jones Lang LaSalle haben den Immobilienfonds Acrest übernommen – zusammen mit rund 1.500 weiteren „Assets" und 9,1 Millionen Quadratmetern vermietbarer Fläche. Damit sind sie jetzt auch für die langsam vor sich hin sterbende Mindener Immobilie zuständig Ende 2016 Immer wieder geistern Pläne für die Passage durch Minden. Lieblingsidee: Ein Kino. Doch ernsthafte Investoren gibt es dafür am Ende nicht. Neben der unzeitgemäßen Struktur wirken auch die vielen Teileigentümer abschreckend. Es sind knapp 70 – unter anderem wegen der vielen Eigentumswohnungen, die hier geschaffen worden waren. 30. September 2017 Auch Kaufland verlässt die Obermarktpassage. Damit ist der letzte große Ankermieter verschwunden. Juni 2018 Die letzten Geschäfte im unteren Bereich gehen. Oben sind noch zwei Arztpraxen, von denen eine zum 30. April 2019 auch schließen wird. 31. Oktober 2018 Das Parkhaus mit seinen 487 Plätzen wird nun auch geschlossen. Anwohnerparken ist ebenfalls nicht mehr möglich. Das Argument: Fehlende Wirtschaftlichkeit. März 2019 Kämmerer Norbert Kresse teilt dem Rat der Stadt Minden mit, dass 118.700 Euro für den ZOB zurückzuzahlen sind. Der hatte insgesamt gut 2,5 Millionen Euro gekostet. Zuschüsse hatte es in Höhe von gut 2,1 Millionen Euro gegeben. Inzwischen hat nämlich das staatliche Rechnungsprüfungsamt Münster – das gehört zum Landesrechnungshof – den Nahverkehr Westfalen Lippe geprüft. Ergebnis: Nicht alles, was 2009 am ZOB gemacht wurde, war zuwendungsfähig. Zum Beispiel hatte die Stadt damals entschieden, die Treppenzugänge vom ZOB zum Parkhaus einzuhausen, um Vandalismus vorbeugen zu können. Das sind Kosten, die aus Sicht der Prüfer nichts mit dem eigentlichen ZOB und ÖPNV zu tun hatten. Das sei damals nicht absehbar gewesen, sagt Kresse heute. Gedeckt wird die Rückzahlung nun rechnerisch aus dem Haushalt 2018. Und nein, die Tiefgarage – auch der Teil unter dem ZOB – könne aktuell nicht geöffnet werden, sagt er. Dafür gibt es keine separaten Zufahrten. Diese zu erstellen würde bedeuten, den Straßenverlauf rund um den ZOB zu ändern – mal ganz vom Erbpachtvertrag abgesehen, der ja auch bei Promontoria/Cerberus liegt. Außerdem, so Kresse, könnten die dann der Passage fehlenden Parkplätze möglicherweise eine künftige Nutzung erschweren, weil nicht genug Parkplätze für eine Genehmigung vorhanden sind. Ein hoffnungsloser Fall Kommentar von Monika Jäger Die Obermarktpassage ist ein hoffnungsloser Fall. Viele der anderen Immobilien aus dem „Phönix"-Paket sind weiter am Netz, wurden verkauft und entwickelt. In Minden zerschlugen sich alle Vorhaben. Immer und immer wieder. Und das hat Gründe: Fast 70 Teileigentümer, Spezialräume wie die Stadthalle, mäandernde Wegeführung und die Lage am Rande einer schier unendlich langen Einkaufszone sind Minuspunkte. Kein Wunder, dass die Stadt als Teileigentümerin sagt, sie würde ihre alte Stadthalle für nen Appel und nen Ei weggeben, wenn nur endlich jemand ein gutes Konzept hätte. Kino? Archiv? Eventhalle? Es bringt nichts, bei allem, was in Minden fehlt, stets auf dieses Getüm aus dem 80ern des vorigen Jahrhunderts zu blicken und zu hoffen, dass zufällig ein Investor mit Herz für Schrottimmobilien vorbeikommt. Es ist Zeit für revolutionäre Ideen. Höchste Zeit.

Obermarktpassage und Tiefgarage: Die Chronik eines Niedergangs

Gegen Wetter und Vandalen sind die Treppen vom ZOB zur Tiefgarage geschützt. Dafür hätten jedoch keine Fördergelder verwendet werden dürfen. Die Stadt muss nun 118.000 Euro zurückzahlen. MT- © Foto: Alex Lehn

Minden (mt). Sieben Jahre nach der offiziellen Einweihung des neuen Zentralen Omnibus-Bahnhof ZOB muss die Stadt Minden nun 118.700 Euro an Fördermitteln zurückzahlen. Der Grund ist kompliziert und erklärt sich aus der Baugeschichte und der damals zeitgleich errichteten Tiefgaragen-Erweiterung unter der Obermarktpassage. Ein Rückblick.

2009

Die Erklärung, warum Minden nun nachzahlen muss, geht zurück ins Jahr 2009. Die Obermarktpassage ist da noch geöffnet. Aber sie hat ihre besten Zeiten hinter sich, leidet unter Leerständen und großer Fluktuation. Selbst der Ankermieter will gehen: Der Real-Markt im Erdgeschoss hat angekündigt, zum Jahresende zu schließen. Allerdings scheint Kaufland an einer Nachfolge interessiert.

Ein ZOB, fast geschenkt durch eine Mischrechnung aus Entschädigung und Zuschüssen. MT-Foto: Otto - © MANFRED-OTTO
Ein ZOB, fast geschenkt durch eine Mischrechnung aus Entschädigung und Zuschüssen. MT-Foto: Otto - © MANFRED-OTTO

Wem gehört die Passage zu dieser Zeit? Entwickelt und gebaut hat sie die Düsseldorfer Immobilien Treuhand-Gesellschaft (ITG) von 1983 bis 1985 für 74 Millionen D-Mark. Zuvor hatte die ITG einen Vertrag mit dem Ankermieter Real geschlossen – nur darum fiel auch die Entscheidung, sich in Minden zu engagieren.

Läden, Gastronomie, Dienstleister, Ärzte: Im Jahr 2006 war die Passage noch lebendig. MT-Foto. Otto
Läden, Gastronomie, Dienstleister, Ärzte: Im Jahr 2006 war die Passage noch lebendig. MT-Foto. Otto

Das Bauvorhaben war in Minden umstritten. Alteingesessene Geschäftsinhaber befürchteten, die vielen neuen Geschäfte würden ihnen die Kunden absaugen. Andere sahen kritisch auf die Verlängerung der Einkaufszone, die damit effektiv vom Wesertor bis zum Obermarkt reichen würde. Würde ein Mittelzentrum wie Minden diese „längste Einkaufsstraße Deutschlands", wie Kritiker spöttelten, tragen können?

Für den Abriss des alten ZOB bekam die Stadt 545.000 Euro. Darunter entstand das Parkhaus. MT- - © Foto: Otto
Für den Abriss des alten ZOB bekam die Stadt 545.000 Euro. Darunter entstand das Parkhaus. MT- - © Foto: Otto

Das war die lokale Perspektive. Aber was in den nächsten Jahren deutschlandweit passierte, war in dieser Geschwindigkeit und Tragweite Ende der 70er Jahre kaum vorherzusehen: Der Einzelhandel brach ein. Die Digitalisierung ließ ganze Sparten wie Plattengeschäfte verschwinden, auch änderte sich das Einkaufsverhalten.

Mitten in der Stadt, als Übergang zwischen Obermarktstraße und ZOB, steht die Passage. - © Foto: Hoffmeister
Mitten in der Stadt, als Übergang zwischen Obermarktstraße und ZOB, steht die Passage. - © Foto: Hoffmeister

Für Zentren-Betreiber in ganz Deutschland wurde das Vermieten der vielen Einzelladenlokale schwieriger. Auch die mäandernde Wegeführung der Obermarktpassage fanden Shopping-Begeisterte irgendwann nicht mehr modern, sondern umständlich. Hinzu kamen offenbar interne Faktoren im Management.

Die Leerstände mehrten sich. Ebenso die Sorgenfalten und Unkenrufe. Mitte 2008 hieß es dann, Dänische Investoren hätten der ITG Objekte in verschiedenen Städten abgekauft, darunter auch die Mindener Passage.

Anfang 2009

Eingang der Stadthalle im Obermarktzentrum (2001). Seit 2012 ist sie geschlossen. - © Foto: MT
Eingang der Stadthalle im Obermarktzentrum (2001). Seit 2012 ist sie geschlossen. - © Foto: MT

ist die 25 Jahre alte Handelsimmobilie dann jedenfalls im Besitz der Wiesbadener Secur. Wie das Mindener Tageblatt damals berichtete, gehörten zu deren Gesellschaftern große dänische und deutsche Handelsplattformen für Immobilienfonds. Die Wiesbadener Secur bringt erst einmal Hoffnung auf neues Leben. Sie wolle die Passage revitalisieren, sagen ihre Vertreter. Es gebe auch schon konkrete Umbauplanungen, investiert werden sollten 13 Millionen Euro.

Um der Passage neues Leben einzuhauchen, sollte sie mehr Parkraum bekommen: Unterm ZOB. MT-Foto: Lehn - © NN
Um der Passage neues Leben einzuhauchen, sollte sie mehr Parkraum bekommen: Unterm ZOB. MT-Foto: Lehn - © NN

Eine Bedingung: mehr Parkplätze, möglichst in direkter Verbindung zum bestehenden Parkdeck. Die Lösung scheint einfach, denn schon die Vorbesitzer, die ITG, haben Pläne dafür entwickelt. 100 bis 120 Plätze könnten unter dem ZOB entstehen. Die neue Parkgarage würde keine eigene Zufahrt bekommen, sondern von nebenan erschlossen. Fußgänger könnten über Treppen vom ZOB ins Parkhaus gelangen. Einziges Problem: Um ein großes Loch unter den ZOB an der Lindenstraße zu bauen, müsste der erst abgerissen werden.

Diese Überlegungen kommen der Stadt Minden ganz recht. Denn ein neuer ZOB steht bei ihr schon länger auf der Wunschliste. Der alte ist schließlich über 30 Jahre alt und bietet nicht mehr alle Funktionen, die für einen modernen ÖPNV nötig sind. Allein: Gut 2,5 Millionen Euro wären dafür nötig, und die Stadt hat kein Geld. Da sie in der Haushaltssicherung ist, darf sie nur neu bauen, wenn es sie nichts kostet.

So kommt es zu einer Mischrechnung. Die Obermarktpassagen-Besitzer würden den alten ZOB zerstören, um darunter die Tiefgarage auf eigene Kosten zu erstellen. Für den dann fehlenden ZOB sollte die Stadt 545.000 Euro bekommen.

Der fällt Zustimmung leicht, denn 85 Prozent der Kosten für einen Busbahnhof-Neubau würden aus öffentlichen Fördermitteln kommen. Diese würde der Zweckverband Nahverkehr Westfalen Lippe bereitstellen, zu dessen Aufgaben die Förderung der ÖPNV-Infrastruktur gehört. Beides zusammen – Entschädigung und Förderung – reicht für einen neuen ZOB.

Die Stadt, damals mitten in der Haushaltssicherung, bekommt so einen neuen Busbahnhof quasi geschenkt. Allerdings: Das Loch unter dem ZOB, das eine Tiefgarage werden soll, verkauft die Stadt nicht. Sie entscheidet sich für einen Erbbaurechtsvertrag mit der Wolf GmbH, einer Tochter der Wiesbadener Secur. Erbpacht ist eine Nutzungserlaubnis für ein Grundstück, die für sehr lange Zeiträume gewährt wird.

8. Oktober 2009

Die Stadt Minden schließt mit der Wiesbadener Wolf GmbH den Erbbaurechtsvertrag. Gegenstand: Eine zirka 2.700 Quadratmeter große Teilfläche „zwischen den Straßen Klausenwall und Lindenstraße". „Der Erbbauberechtigte hat das Recht und übernimmt die Verpflichtung, unter der Oberfläche des Erbbaugrundstücks zum Betrieb einer Tiefgarage mit rund 100 Plätzen ein Bauwerk zu erstellen", heißt es in dem Vertrag.

August 2010

Nun beginnen auch die lange ersehnten Umbau- und Sanierungsarbeiten in der Obermarktpassage. Am 25. August berichten die Investoren im Foyer der Stadthalle umfassend über neue Mieter wie Teddy Toys, Vögele, den Ein-Euro-Shop Tedi – und dass Kaufland Anfang September eröffnen wird. Dann werde auch die Tiefgarage unter dem ZOB fertig sein. Sollte es nun wirklich gelingen, die angestaubte Immobilie wieder mit neuem Leben zu füllen?

9. September 2010

Kaufland eröffnet. Und auch die neue Tiefgarage geht ans Netz. Deren Bau ist allerdings mit 4,3 Millionen Euro rund 30 Prozent teurer geworden als ursprünglich kalkuliert. Da in der Passage kräftig umgebaut und entkernt wird, ist der Durchgang zwischen oberem und unterem Teil geschlossen worden.

Knapp zwei Monate nach der Verkündung der großen neuen Pläne platzt die Bombe. Von einem Tag auf den anderen ist es in der Obermarktpassage vorbei mit den Erneuerungsarbeiten. Die Wiesbadener Secur ist pleite.

Oktober 2010

Die Secur-Gruppe stellt Insolvenzantrag beim Amtsgericht Wiesbaden für eine Verwaltungs-GmbH und acht Immobilien KGs. Darunter ist auch die Wolf GmbH als Teileigentümerin der Tiefgarage. Begründung: Eine ausländische Bank hätte ihre Kreditzahlungen eingestellt. Mit betroffen: Mehrere Einkaufspassagen aus den 80er Jahren in Rheine, Bonn, Nürnberg, Buchholz, Bielefeld und, versteht sich, Minden.

Die Stadtverwaltung zählt sich dabei noch zu den Glücklichen, denn die 545.000 Euro Entschädigung für den ZOB hatte die Secur im Juli an die Stadt Minden überwiesen. So konnten die Bauarbeiten am neuen Busbahnhof weiter gehen.

Wie es mit den anderen Immobilien aus der Secur-Insolvenzmasse weiterging lesen Sie hier:
Fast alle Einkaufszentren leben noch

Januar 2011

Handwerker sind im vergangenen Vierteljahr nur für Sicherungsarbeiten in der Passage gesehen worden. Doch jetzt muss richtig angepackt werden: Tiefe Risse, Wasserlachen, eine gesperrte Rolltreppe machen Nachbesserungen in der erst vor fünf Monaten fertiggestellten Tiefgarage nötig.

3. April 2011

Der ZOB-Umbau geht derweil in die heiße Phase. Seit heute fahren die Busse nicht mehr ab Lindenstraße, sondern vom Dreiecksplatz. Am ZOB wird gebaut. Der erste Spatenstich ist am 15. April.

Am 6. Januar 2012

wird der neue ZOB feierlich eingeweiht. Die Busse fahren ab 7. Januar wieder von hier.

November 2012

Und wie geht es mit der Passage weiter? Ein neuer Käufer scheint sich zu interessieren. Offenbar will der amerikanische Finanzinvestor Cerberus Capital Management neun Handelsimmobilien aus der Insolvenzmasse der Wiesbadener Secur erwerben, darunter die Obermarktpassage. Das Gesamtgebot für die neun Immobilien des „Phönix-Pakets", darunter neben der Marktpassage in Bielefeld weitere in Rheine, Radevormwald, Bonn, Nürnberg Buchholz und Konstanz, soll sich auf 65 Millionen Euro belaufen, berichtet damals die Immobilienzeitung.

Der 1992 gegründete US-Investmentfonds Cerberus hat bis dahin schon 25 Milliarden Dollar für institutionelle Anleger wie Pensionskassen, Versicherungen und Hegdefonds in rund 300 Unternehmen anlegt, die er umstrukturiert und weiterverkauft. In Deutschland ist er seit 2006 tätig, investiert meist in größere Wohn- oder Geschäftsimmobilien.

Mitte 2013

kommt die Bestätigung. Die Insolvenzverwalter (BBL Bernsau Brockdorff Insolvenz- und Zwangsverwalter GbR) teilen mit, sie hätten die Immobilien der Secur-Gruppe geschlossen als Paket verkauft. Käufer: Die Promontoria mit Sitz in den Niederlanden, die zu Cerberus Global Investments gehört. BBL geben sich zuversichtlich: „Wir sind überaus zufrieden mit dem Ergebnis. Der neue Investor plant, die Standorte weiterzuentwickeln und zu modernisieren", schreiben sie.

Juli 2013

Die Euphorie in Minden ist von kurzer Dauer. Erst in zwölf bis 18 Monaten könne gesagt werden, wohin die Reise mit der Passage gehe, sagen die Vertreter der Firma Acrest jetzt, die die Passage im Auftrag der Cerberus entwickeln soll. Und: „Keine Mieter, kein Umbau."

Juli 2014

In der Passage hat sich im vergangenen Jahr nichts weiter getan. Für den Eigentümer spricht zu dieser Zeit weiterhin die Firma Acrest, die das Objekt vermarkten soll. „Der Eigentümer verfolgt nicht den schnellen Euro, sondern setzt auf Qualität und Quantität", sagt der Acrest-Geschäftsführer auf Kritik aus Minden. Allein: Der Durchgang vom Ober- zum Untergeschoss und damit von der Obermarktstraße zum ZOB bleibt weiter zu. Neue Konzepte sind keine in Sicht.

Januar 2016

Nicht der Besitzer wechselt, sehr wohl aber derjenige, der die Passage entwickeln und vermarkten soll. Jones Lang LaSalle haben den Immobilienfonds Acrest übernommen – zusammen mit rund 1.500 weiteren „Assets" und 9,1 Millionen Quadratmetern vermietbarer Fläche. Damit sind sie jetzt auch für die langsam vor sich hin sterbende Mindener Immobilie zuständig

Ende 2016

Immer wieder geistern Pläne für die Passage durch Minden. Lieblingsidee: Ein Kino. Doch ernsthafte Investoren gibt es dafür am Ende nicht. Neben der unzeitgemäßen Struktur wirken auch die vielen Teileigentümer abschreckend. Es sind knapp 70 – unter anderem wegen der vielen Eigentumswohnungen, die hier geschaffen worden waren.

30. September 2017

Auch Kaufland verlässt die Obermarktpassage. Damit ist der letzte große Ankermieter verschwunden.

Juni 2018

Die letzten Geschäfte im unteren Bereich gehen. Oben sind noch zwei Arztpraxen, von denen eine zum 30. April 2019 auch schließen wird.

31. Oktober 2018

Das Parkhaus mit seinen 487 Plätzen wird nun auch geschlossen. Anwohnerparken ist ebenfalls nicht mehr möglich. Das Argument: Fehlende Wirtschaftlichkeit.

März 2019

Kämmerer Norbert Kresse teilt dem Rat der Stadt Minden mit, dass 118.700 Euro für den ZOB zurückzuzahlen sind. Der hatte insgesamt gut 2,5 Millionen Euro gekostet. Zuschüsse hatte es in Höhe von gut 2,1 Millionen Euro gegeben.

Inzwischen hat nämlich das staatliche Rechnungsprüfungsamt Münster – das gehört zum Landesrechnungshof – den Nahverkehr Westfalen Lippe geprüft. Ergebnis: Nicht alles, was 2009 am ZOB gemacht wurde, war zuwendungsfähig. Zum Beispiel hatte die Stadt damals entschieden, die Treppenzugänge vom ZOB zum Parkhaus einzuhausen, um Vandalismus vorbeugen zu können. Das sind Kosten, die aus Sicht der Prüfer nichts mit dem eigentlichen ZOB und ÖPNV zu tun hatten. Das sei damals nicht absehbar gewesen, sagt Kresse heute. Gedeckt wird die Rückzahlung nun rechnerisch aus dem Haushalt 2018.

Und nein, die Tiefgarage – auch der Teil unter dem ZOB – könne aktuell nicht geöffnet werden, sagt er. Dafür gibt es keine separaten Zufahrten. Diese zu erstellen würde bedeuten, den Straßenverlauf rund um den ZOB zu ändern – mal ganz vom Erbpachtvertrag abgesehen, der ja auch bei Promontoria/Cerberus liegt. Außerdem, so Kresse, könnten die dann der Passage fehlenden Parkplätze möglicherweise eine künftige Nutzung erschweren, weil nicht genug Parkplätze für eine Genehmigung vorhanden sind.

Ein hoffnungsloser Fall

Kommentar von Monika Jäger

Die Obermarktpassage ist ein hoffnungsloser Fall. Viele der anderen Immobilien aus dem „Phönix"-Paket sind weiter am Netz, wurden verkauft und entwickelt. In Minden zerschlugen sich alle Vorhaben. Immer und immer wieder.

Und das hat Gründe: Fast 70 Teileigentümer, Spezialräume wie die Stadthalle, mäandernde Wegeführung und die Lage am Rande einer schier unendlich langen Einkaufszone sind Minuspunkte. Kein Wunder, dass die Stadt als Teileigentümerin sagt, sie würde ihre alte Stadthalle für nen Appel und nen Ei weggeben, wenn nur endlich jemand ein gutes Konzept hätte.

Kino? Archiv? Eventhalle? Es bringt nichts, bei allem, was in Minden fehlt, stets auf dieses Getüm aus dem 80ern des vorigen Jahrhunderts zu blicken und zu hoffen, dass zufällig ein Investor mit Herz für Schrottimmobilien vorbeikommt.

Es ist Zeit für revolutionäre Ideen. Höchste Zeit.

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