Neues Archivgesetz: Identität nicht verscherbeln Jürgen Langenkämper Verstaubte Akten, alte Bücher – das sind nicht die Brüllerthemen, mit denen sich Massen mobilisieren lassen. Eine Petition gegen Pkw-Maut oder höhere Gebühren für was auch immer könnte in Windeseile ganz andere Zahlen an Unterschriften hervorzaubern.Doch es wäre wohl für jeden bitter, wenn er eines Tages feststellen müsste, dass er im Archiv sicher verwahrt geglaubte Dokumente – zum Beispiel Opas Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg oder Omas Tagebuch – dort nicht mehr vorfände. „Meistbietend verscherbelt, um einen finanziellen Deckungsbeitrag für den Stadtsäckel zu liefern.“Ausgeschlossen? Nein. Denn erstens gibt es eine Menge freies Kapital auf der Welt, das spekulativ nach Anlagemöglichkeiten für alles sucht, was nicht niet- und nagelfest ist und Aussicht auf späteren Gewinn verspricht – siehe Kunstspekulanten.Zweitens kaufen vorzugsweise reiche Russen und Chinesen extravagante Dinge zu Spitzenpreisen – Hauptsache: es gilt als extravagant.Drittens sind da die notorisch klammen Kämmerer, die den Archiven die Daumenschrauben gleich doppelt ansetzen könnten: Verkauf von Archivalien als Ausgleich für gekürzte Mittel und Reduzierung der benötigten Lagerkapazitäten.Und viertens gibt es da noch das Freihandelsabkommen TTIP, über das Europäer und Amerikaner verhandeln und das künftig wie ein Damokles-Schwert über öffentlichen Kultureinrichtungen hängen könnte – Archive nicht ausgenommen.Aber seine historische Identität verscherbelt man nicht – und dazu gehört auch das Tagebuch von Oma.

Neues Archivgesetz: Identität nicht verscherbeln

Verstaubte Akten, alte Bücher – das sind nicht die Brüllerthemen, mit denen sich Massen mobilisieren lassen. Eine Petition gegen Pkw-Maut oder höhere Gebühren für was auch immer könnte in Windeseile ganz andere Zahlen an Unterschriften hervorzaubern.

Doch es wäre wohl für jeden bitter, wenn er eines Tages feststellen müsste, dass er im Archiv sicher verwahrt geglaubte Dokumente – zum Beispiel Opas Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg oder Omas Tagebuch – dort nicht mehr vorfände. „Meistbietend verscherbelt, um einen finanziellen Deckungsbeitrag für den Stadtsäckel zu liefern.“

Ausgeschlossen? Nein. Denn erstens gibt es eine Menge freies Kapital auf der Welt, das spekulativ nach Anlagemöglichkeiten für alles sucht, was nicht niet- und nagelfest ist und Aussicht auf späteren Gewinn verspricht – siehe Kunstspekulanten.

Zweitens kaufen vorzugsweise reiche Russen und Chinesen extravagante Dinge zu Spitzenpreisen – Hauptsache: es gilt als extravagant.

Drittens sind da die notorisch klammen Kämmerer, die den Archiven die Daumenschrauben gleich doppelt ansetzen könnten: Verkauf von Archivalien als Ausgleich für gekürzte Mittel und Reduzierung der benötigten Lagerkapazitäten.

Und viertens gibt es da noch das Freihandelsabkommen TTIP, über das Europäer und Amerikaner verhandeln und das künftig wie ein Damokles-Schwert über öffentlichen Kultureinrichtungen hängen könnte – Archive nicht ausgenommen.

Aber seine historische Identität verscherbelt man nicht – und dazu gehört auch das Tagebuch von Oma.

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