Erst Nachrichten, dann Nacktbilder: So wurde eine 19-Jährige Opfer von Gewalt in sozialen Medien Doris Christoph Minden. Mias Leidensweg beginnt mit einem Neujahrsgruß per Whatsapp. Ihr Großcousin wünscht der damals 13-Jährigen ein frohes neues Jahr. Die beiden sind zusammen aufgewachsen, sein Vater ist ihr Patenonkel, es gibt regelmäßig Kontakt. Aus den Neujahrsgrüßen 2014 entwickelt sich ein wochenlanges Hin- und Hergeschreibe. Dass der 19-Jährige sich für seine kleine Großcousine interessiert, freut diese anfangs sehr. Meistens schreiben sie abends, wenn Mia (Name von der Redaktion geändert) eigentlich schon schlafen soll. „Bei Whatsapp konnten meine Eltern sehen, dass ich noch online war, also wechselten wir zu Hangouts." Das ist ein Nachrichtendienst von Google. „Wir schrieben oftmals bis weit nach Mitternacht. Mit der Zeit begann er die Themen auf sexuelle zu lenken", schreibt sie dem MT. Laut einer aktuellen Studie haben 70 Prozent der Mädchen und jungen Frauen in Deutschland schon Gewalt und Belästigung in sozialen Medien erlebt. Die Redaktion hatte über Instagram Leser gesucht, die ihre Erfahrungen dazu schildern und Mia hatte sich gemeldet. Die heute 19-Jährige wohnt nicht in Minden, geht hier aber zur Schule. Ihre Geschichte hat sie aufgeschrieben, weil sie auch sechs Jahre später noch nicht über das Erlebte sprechen kann. „Hast du einen Freund? Bist du noch Jungfrau? Wie groß sind deine Brüste?" Die Fragen des Großcousins werden immer zudringlicher. Auch nach der „perfekten" Penislänge fragt der 19-Jährige sie. Und ob sie mit ihm sexuelle Erfahrungen sammeln wolle. Die Nachrichten soll Mia immer direkt löschen. „Es war mir schleierhaft warum. Heute weiß ich es besser." Die 13-Jährige fühlt sich zunehmend unwohl, will den Kontakt aber nicht abbrechen. Sie hat Angst, den Großcousin zu verlieren, berichtet sie. Eine Grenze zu setzen, sei aus vielfältigen Gründen oft schwierig – besonders wenn es soziale Nähe zum Täter gebe, sagt Birgit Thinnes. Sie ist bei der Kreispolizei für Kriminalprävention und Opferschutz zuständig ist. Wichtig ist ihr: Nicht das Opfer ist schuld, sondern der Täter. Das Mädchen zieht sich immer weiter zurück. Irgendwann zeigt sie die wenigen Nachrichten, die sie aufbewahrt hat, einer Freundin. Die kann ihr aber auch nicht helfen. Erst als sie in der Schule weinend zusammenbricht, haken Mitschüler nach, drängen sie, es den Eltern und der Vertrauenslehrerin zu erzählen und stellen ihr dafür ein Ultimatum. Die Eltern gehen zur Polizei und sie stellen den Patenonkel und den Großcousin zur Rede, der verspricht, eine Therapie zu beginnen. „Ob er es wirklich tat, weiß ich nicht", schreibt Mia. Zu einer Anzeige kommt es nicht, weil sie das nicht möchte. Aber die Familie schaltet eine Anwältin ein, die Schmerzensgeld und ein Kontakt- sowie ein Annäherungsverbot erwirkt. Dass die Freundschaft zwischen den Familien zerbricht, macht dem Mädchen schwer zu schaffen. Sie sieht sich als Schuldige. „Ich gab aber auch meinen Eltern die Schuld, weil sie was gesagt haben und ich dadurch meinen Großcousin und Patenonkel verloren habe." Mia entwickelt eine Depression, macht eine Therapie. Einen Rückschlag erlebt sie zwei Jahre später: Da passiert ihr der nächste Missbrauch über die sozialen Medien, dieses Mal findet er über Whatsapp, Snapchat und Instagram statt. „Es fing damit an, dass es mir nicht gut ging", berichtet sie. Mia besucht eine neue Schule, in der sie aber keinen Anschluss findet. Den bekommt sie online, über Snapchat. Hier können Nutzer Fotos und Videos hochladen, die nach einer bestimmten Zeit automatisch verschwinden. „Ich wollte dazugehören", begründet Mia, warum sie den Dienst nutzt. Sie „snapt" mit alten Klassenkameraden und neuen. „Ich erlebte ein Hochgefühl. Endlich wurde ich wieder anerkannt." Ein paar Wochen später sei sie für die anderen aber uninteressant geworden. Die 15-Jährige fällt wieder in ein emotionales Loch. „In dieser Zeit haben mich Leute bei Snapchat geadded. Ich wusste damals noch nicht, dass man sein Profil privat stellen kann." Die Unbekannten gehen immer gleich vor: Anfangs schreiben sie Mia unverfänglich an, machen ihr Komplimente, bitten sie um normale Fotos, dann drängen sie sie, Nacktbilder von sich zu schicken. Und Mia tut, was sie schreiben. Sind die Bilder erst verschickt, ist die Angst da: Was macht der Täter mit ihnen, berichtet Birgit Thinnes. Oft werden Opfer mit ihnen erpresst und zu weiteren Fotos und Videos oder realen Treffen gezwungen. Das nennen Experten Cybergrooming. „Häufig machen die Opfer mit, weil sie hoffen, dass es irgendwann einfach aufhört." Mia wird zwar nicht erpresst. Aber sie fürchtet, nicht mehr beachtet zu werden. Die Chatpartner schicken ihr ebenfalls Nacktbilder, die sie verstören. „Ich rutschte immer tiefer in die Depression, fing an mich zu ritzen." Weil das Handy immer dabei ist, hat sie auch in der Schule keine Ruhe. „Zuhause lassen konnte ich es nicht, weil ich auch mal Absprachen mit meinen Eltern machen musste." Erst als die Mutter durch Zufall das Tagebuch ihrer Tochter liest, hört der Horror nach sechs Monaten auf: „Ich musste mein Handy abgeben, wurde eine Zeit lang aus der Schule genommen und ging zur Therapie. Beweise für das alles gab es nicht. Ich wusste nicht, dass man bei Snapchat auch Sachen speichern kann", berichtet Mia. Es gibt nur ein paar Videos und Chatverläufe bei Whatsapp. Wegen des fehlenden Beweismaterials habe sie die Täter nicht angezeigt – und weil sie es nicht wollte. „Ich wollte einfach endlich nur meine Ruhe haben." Die Folgen des Erlebten spürt Mia noch immer: „Ich kann bis heute nicht gut darüber reden. Ich habe kein Vertrauen mehr zu Jungs und bin vorsichtig geworden." An manchen Tagen könne sie nicht alleine die Wohnung verlassen. Dann kommen die schlimmen Erinnerungen hoch. In dieser Zeit gibt sie ihren Snapchat-Account ab oder deinstalliert die App. Inzwischen stehe sie kurz vor dem Abitur. Mit den Depressionen komme sie ganz gut klar. „Ich habe zurück zu meiner Familie und meinen Freunden gefunden. Ich bin wieder im Leben angekommen, auch wenn es nicht immer einfach für mich ist."

Erst Nachrichten, dann Nacktbilder: So wurde eine 19-Jährige Opfer von Gewalt in sozialen Medien

Nach einer Studie sind 70 Prozent aller Mädchen und jungen Frauen in Deutschland schon einmal Opfer von Digitaler Gewalt und Belästigung in Sozialen Medien geworden. Symbolfoto: imago stock&people © imago images / Reporters

Minden. Mias Leidensweg beginnt mit einem Neujahrsgruß per Whatsapp. Ihr Großcousin wünscht der damals 13-Jährigen ein frohes neues Jahr. Die beiden sind zusammen aufgewachsen, sein Vater ist ihr Patenonkel, es gibt regelmäßig Kontakt. Aus den Neujahrsgrüßen 2014 entwickelt sich ein wochenlanges Hin- und Hergeschreibe. Dass der 19-Jährige sich für seine kleine Großcousine interessiert, freut diese anfangs sehr. Meistens schreiben sie abends, wenn Mia (Name von der Redaktion geändert) eigentlich schon schlafen soll. „Bei Whatsapp konnten meine Eltern sehen, dass ich noch online war, also wechselten wir zu Hangouts." Das ist ein Nachrichtendienst von Google. „Wir schrieben oftmals bis weit nach Mitternacht. Mit der Zeit begann er die Themen auf sexuelle zu lenken", schreibt sie dem MT.

Laut einer aktuellen Studie haben 70 Prozent der Mädchen und jungen Frauen in Deutschland schon Gewalt und Belästigung in sozialen Medien erlebt. Die Redaktion hatte über Instagram Leser gesucht, die ihre Erfahrungen dazu schildern und Mia hatte sich gemeldet. Die heute 19-Jährige wohnt nicht in Minden, geht hier aber zur Schule. Ihre Geschichte hat sie aufgeschrieben, weil sie auch sechs Jahre später noch nicht über das Erlebte sprechen kann.

„Hast du einen Freund? Bist du noch Jungfrau? Wie groß sind deine Brüste?" Die Fragen des Großcousins werden immer zudringlicher. Auch nach der „perfekten" Penislänge fragt der 19-Jährige sie. Und ob sie mit ihm sexuelle Erfahrungen sammeln wolle. Die Nachrichten soll Mia immer direkt löschen. „Es war mir schleierhaft warum. Heute weiß ich es besser." Die 13-Jährige fühlt sich zunehmend unwohl, will den Kontakt aber nicht abbrechen. Sie hat Angst, den Großcousin zu verlieren, berichtet sie.

Eine Grenze zu setzen, sei aus vielfältigen Gründen oft schwierig – besonders wenn es soziale Nähe zum Täter gebe, sagt Birgit Thinnes. Sie ist bei der Kreispolizei für Kriminalprävention und Opferschutz zuständig ist. Wichtig ist ihr: Nicht das Opfer ist schuld, sondern der Täter.

Das Mädchen zieht sich immer weiter zurück. Irgendwann zeigt sie die wenigen Nachrichten, die sie aufbewahrt hat, einer Freundin. Die kann ihr aber auch nicht helfen. Erst als sie in der Schule weinend zusammenbricht, haken Mitschüler nach, drängen sie, es den Eltern und der Vertrauenslehrerin zu erzählen und stellen ihr dafür ein Ultimatum. Die Eltern gehen zur Polizei und sie stellen den Patenonkel und den Großcousin zur Rede, der verspricht, eine Therapie zu beginnen. „Ob er es wirklich tat, weiß ich nicht", schreibt Mia. Zu einer Anzeige kommt es nicht, weil sie das nicht möchte. Aber die Familie schaltet eine Anwältin ein, die Schmerzensgeld und ein Kontakt- sowie ein Annäherungsverbot erwirkt.

Dass die Freundschaft zwischen den Familien zerbricht, macht dem Mädchen schwer zu schaffen. Sie sieht sich als Schuldige. „Ich gab aber auch meinen Eltern die Schuld, weil sie was gesagt haben und ich dadurch meinen Großcousin und Patenonkel verloren habe." Mia entwickelt eine Depression, macht eine Therapie.

Einen Rückschlag erlebt sie zwei Jahre später: Da passiert ihr der nächste Missbrauch über die sozialen Medien, dieses Mal findet er über Whatsapp, Snapchat und Instagram statt. „Es fing damit an, dass es mir nicht gut ging", berichtet sie. Mia besucht eine neue Schule, in der sie aber keinen Anschluss findet. Den bekommt sie online, über Snapchat. Hier können Nutzer Fotos und Videos hochladen, die nach einer bestimmten Zeit automatisch verschwinden. „Ich wollte dazugehören", begründet Mia, warum sie den Dienst nutzt. Sie „snapt" mit alten Klassenkameraden und neuen. „Ich erlebte ein Hochgefühl. Endlich wurde ich wieder anerkannt." Ein paar Wochen später sei sie für die anderen aber uninteressant geworden. Die 15-Jährige fällt wieder in ein emotionales Loch. „In dieser Zeit haben mich Leute bei Snapchat geadded. Ich wusste damals noch nicht, dass man sein Profil privat stellen kann."

Die Unbekannten gehen immer gleich vor: Anfangs schreiben sie Mia unverfänglich an, machen ihr Komplimente, bitten sie um normale Fotos, dann drängen sie sie, Nacktbilder von sich zu schicken. Und Mia tut, was sie schreiben.

Sind die Bilder erst verschickt, ist die Angst da: Was macht der Täter mit ihnen, berichtet Birgit Thinnes. Oft werden Opfer mit ihnen erpresst und zu weiteren Fotos und Videos oder realen Treffen gezwungen. Das nennen Experten Cybergrooming. „Häufig machen die Opfer mit, weil sie hoffen, dass es irgendwann einfach aufhört." Mia wird zwar nicht erpresst. Aber sie fürchtet, nicht mehr beachtet zu werden. Die Chatpartner schicken ihr ebenfalls Nacktbilder, die sie verstören. „Ich rutschte immer tiefer in die Depression, fing an mich zu ritzen." Weil das Handy immer dabei ist, hat sie auch in der Schule keine Ruhe. „Zuhause lassen konnte ich es nicht, weil ich auch mal Absprachen mit meinen Eltern machen musste."

Erst als die Mutter durch Zufall das Tagebuch ihrer Tochter liest, hört der Horror nach sechs Monaten auf: „Ich musste mein Handy abgeben, wurde eine Zeit lang aus der Schule genommen und ging zur Therapie. Beweise für das alles gab es nicht. Ich wusste nicht, dass man bei Snapchat auch Sachen speichern kann", berichtet Mia. Es gibt nur ein paar Videos und Chatverläufe bei Whatsapp. Wegen des fehlenden Beweismaterials habe sie die Täter nicht angezeigt – und weil sie es nicht wollte. „Ich wollte einfach endlich nur meine Ruhe haben."

Die Folgen des Erlebten spürt Mia noch immer: „Ich kann bis heute nicht gut darüber reden. Ich habe kein Vertrauen mehr zu Jungs und bin vorsichtig geworden." An manchen Tagen könne sie nicht alleine die Wohnung verlassen. Dann kommen die schlimmen Erinnerungen hoch. In dieser Zeit gibt sie ihren Snapchat-Account ab oder deinstalliert die App.

Inzwischen stehe sie kurz vor dem Abitur. Mit den Depressionen komme sie ganz gut klar. „Ich habe zurück zu meiner Familie und meinen Freunden gefunden. Ich bin wieder im Leben angekommen, auch wenn es nicht immer einfach für mich ist."

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