Nachdem ein rechtsextremer Lehrer die Mindener Waldorfschule verlassen musste, bleiben offene Fragen Stefan Koch Minden. Der Fall erschütterte vor sechs Jahren die scheinbar heile Welt der Freien Waldorfschule Minden. Bislang hatte sie sich mit Eurythmie und dem Oberuferer Christgeburtsspiel im öffentlichen Bewusstsein bemerkbar gemacht. Doch dann geriet ein Lehrer in den Fokus, der sich Jahrzehnte lang in der rechtsextremen Szene bewegt hatte, ohne dass dies jemand an der Schule bemerkt haben wollte. Als am vergangenen Holocaust-Gedenktag – dem 27. Januar – der WDR den Film „Wenn Rechtsextremisten freie Schulen unterwandern“ ausstrahlte, war die Mindener Waldorfschule erneut Thema. Die Autorinnen Caterina Woj und Andrea Röpke stellten den Fall des umstrittenen Pädagogen dar, widmeten sich der Aufarbeitung des Skandals und mussten dabei feststellen, dass auch heute noch eine wichtige Frage offen geblieben ist: In wieweit haben Teile der Eltern- und Lehrerschaft der Waldorfschule damals hinter dem Rechtsextremisten und seiner Gesinnung gestanden? Der Umstrittene war 20 Jahre lang an der Freie Waldorfschule Minden tätig, wo er sich vom Hausmeister zum Handwerkslehrer hochgearbeitet hatte und zuletzt als inoffizieller Schullleiter fungierte, der auch bei Personalfragen Gehör gefunden haben soll. Film- und Fotoaufnahmen zeigen ihn aus seiner früheren Zeit in einer Schule der deutschen Gemeinde in der argentinischen Stadt Bariloche zusammen mit SS-Hauptsturmführer und Kriegsverbrecher Erich Priebke. Als Priebke 1995 wegen eines Prozesses nach Italien überstellt wurde – er war 1944 in Rom an einem Massaker mit 335 Opfern beteiligt und legte per Genickschuss selbst Hand an – verließ auch der Lehrer das südamerikanische Domizil. Altnazis diente es als Unterschlupf. An der Freien Waldorfschule Minden fand sich dann eine neue Perspektive für den Ernährer einer damals noch sechsköpfigen Familie. Während sich der Waldorflehrer im Schulbetrieb fleißig engagierte, setzte er sein Doppelleben im rechtsextremen Milieu fort. Im Jahr 2005 fiel er in Thüringen auf, als er zusammen mit seiner Frau und den Kindern an einem Treffen eines völkisch-identitären Vereins teilnahm – der Germanischen Glaubens-Gemeinschaft wesensmäßiger Lebensgestaltung, auch „Artgemeinschaft“ genannt. Er wurde Vorsitzender des Trägervereins der Ahnenstätte Conneforde, einem neuheidnischen Friedhof, auf dem Altnazis ihre letzte Ruhe suchen. Auf dieses außerschulische Engagement stieß dann im April 2015 eine Schülerin im Internet und informierte fassungslos ihre Eltern. So kam das zweite Leben des Lehrers ans Licht, was dann die Waldorfschule vor eine Zerreißprobe stellte. Das MT berichtete am 25. Juni 2015 von einer Versammlung mit 200 Eltern, Lehrern und Schülern, bei der ein Meinungsbild zum weiteren Verbleib des Rechtsextremisten in der Schule erhoben werden sollte. Ein klares Votum für dessen Rauswurf blieb dabei aus, obwohl zwei Experten der mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus OWL ihre Erkenntnisse zu der problematischen und gleichermaßen vielen im Plenum sympathischen Person deutlich machten. Ein Gutachten im Auftrag der Beratungsstelle erhärtete später, dass der Lehrer Aktivist und Autor in extrem rechten völkischen und auch als neonazistisch einzuordnenden Netzwerken ist. Was ist aber an dem in dem WDR-Beitrag geäußerten Verdacht dran, dass ein Teil von Eltern und Lehrern den Pädagogen deckten und seine Gesinnung teilten? „Wir waren vollkommen von dem Fall überrascht“, erklärt Peter Bücker, Vorstandsmitglied der Freien Waldorfschule Minden, die anfangs noch große Loyalität gegenüber dem Lehrer. Die Fakten hätte man erst einmal verarbeiten müssen. Zur Entlastung des Pädagogen führten dessen Unterstützer damals an, dass er niemals an der Schule durch die Verbreitung rechtsradikalen Gedankenguts in Erscheinung getreten wäre und sich auch strafrechtlich nichts hätte zu Schulden kommen lassen. Zur Seite sprang ihm damals auch ein Externsteine-Deuter mit mehreren Leserbriefen im MT, der von „Hexenverfolgung“ schrieb. Denn zuvor hatte der Dachverband der Freien Waldorfschulen die Mindener aufgefordert, sich bis zum Ende der Sommerferien von dem umstrittenen Pädagogen zu trennen, andernfalls werde der Name Waldorfschule entzogen. Als dann der Lehrer im August 2015 entlassen wurde, ruhte die Mitgliedschaft weiterhin bis zum Abschluss eines Aufarbeitungsprozesses. Susanne Eisch, die zu dem Teil der Eltern gehörte, die sich kritisch gegenüber der Rolle des Rechtsradikalen verhielten und nach Anfeindungen ihre Kinder andernorts unterrichten ließen, gegenüber dem MT: „Unser Problem war, wie mit dem Vorfall umgegangen wurde und noch wird.“ Viele Fragen seien nach dem Gespräch im Kollegium offen geblieben. Der Landesverband der Waldorfschulen habe sich zwar ein Jahr lang um Antworten bemüht, die seien aber unvollständig geblieben. „Das größte Versäumnis war, dass man es nicht für nötig gehalten hat, gegenüber der Mindener Schule auf einer sachdienlichen Kassenprüfung zu bestehen.“ Dies hätte wenigstens nachvollziehbar machen können, in welcher Höhe der entlassene Lehrer seine Abfindung erhalten habe und ob es Gehaltsfortzahlungen nach der Kündigung gegeben habe. Auf ihrer Homepage stellt sich die Freie Waldorfschule Minden heute unter dem Stichwort „Rechtsextremismus – niemals!“ als eine Einrichtung im Einklang mit den Normen einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft dar und beschreibt ihre Aufarbeitung des Falls. Nach der Ausstrahlung der WDR-Dokumentation teilte die Waldorfschule den Autorinnen mit, dass sie eine neue Schulverfassung mit mehr Mitspracherechten für Eltern und Schüler erarbeitet habe und dass sich jeder Lehrer vor seiner Einstellung schriftlich von rechtsextremem Gedankengut distanzieren müsse. Aber nicht nur das war im Abschlussbericht der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen Mitte 2017 gefordert. Auch die aktive Beteiligung am Thema „Nationalsozialismus“ wurde damals der Schule zur Bedingung für die Rückkehr in den Waldorfverband gestellt, wozu es ein entsprechendes Programm für Waldorfschulen gibt. Ein solches Angebot hatten die heimischen Waldörfler übrigens schon zwei Jahre zuvor vom Mindener Verein für Demokratie und Vielfalt erhalten. Der damalige Vorsitzende Manfred Stock regte im Rahmen des Aufarbeitungsprozesses an, dass sich die Schule an dem Netzwerk Schule ohne Rassismus beteiligen könnte. „Es kam aber hinterher niemand mehr in dieser Angelegenheit auf mich zu“, erinnert er sich. Im Kreis Minden-Lübbecke gibt es mittlerweile 24 Schulen, die bei diesem Courage-Netzwerk mitmachen. Es stellt Referenten zur Verfügung und bietet bei Projekten Mithilfe an. Das Ministerium für Schule und Bildung in NRW unterstützt es personell. Landesweit gibt es 990 derartigen Courage-Schulen in öffentlicher und freier Trägerschaft – darunter auch Waldorfschulen. Warum die Mindener angesichts ihrer Vorgeschichte nicht dabei sind? „Eine Mitgliedschaft ist nach wie vor Thema bei uns, das hängt allerdings auch von den personellen Ressourcen ab“, sagt Bücker. Gleichwohl habe die Waldorfschule an entsprechenden Veranstaltungen, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzten, in der Vergangenheit teilgenommen. Außerdem werde das Thema im Geschichtsunterricht behandelt. 2016 ging das noch schief. Damals kam die Mindener Waldorfschule erneut ins Gerede, als ein Deutsch- und Geschichtslehrer im Unterricht einen missglückten Witz über den Holocaust verbreitete. Erst nach Gesprächen mit der jüdischen Kultusgemeinde und der Aktionsgemeinschaft Friedenswoche sowie nach Bekundungen des Bedauerns glätteten sich die Wogen. Der geschasste Rechtsextremist blieb sich dagegen treu. Beobachter der Szene entdeckten ihn mit weiteren Familienangehörigen 2017 bei einer heidnischen Eheleiten-Feier in Mecklenburg-Vorpommern zusammen mit Aktivisten der NPD und der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend sowie Artamanen, Identitären, Sturmvögeln und anderen Menschen mit rechtsradikalem Hintergrund. Er ist Mitglied der AfD und nahm im vergangenen Jahr am Querdenken-Aufmarsch in Berlin teil. Daneben hält der Ex-Lehrer in der beschaulichen Uchter Region seine Existenz als Moorschmied aufrecht, wo er seit Jahren schon zu Seminaren in der Schmiedekunst einlädt und seine Produkte, vor allem edle Messer aus Damaszener-Stahl, auf seiner Homepage vorführt. Vor dem Skandal hatte sich auch der NDR in seine Werkstatt begeben, um über die uralte Handwerkskunst des Unikums einen Film zu drehen. Eine Beschilderung im Raum Darlaten weist heute dem Besucher die Richtung zur Moorschmiede. Sie wirkt wie offizielles Tourismusmarketing. Doch dieser Eindruck täuscht ebenso, wie das Bild, das der 59-Jährige jahrelang in der Waldorfschule von sich abgab. Wie die Samtgemeinde Uchte auf MT-Nachfrage mitteilt, werde die Moorschmiede weder von ihr noch einem anderen ihr zugehörigen Tourismusverband beworben. Der Moorschmied habe im Dezember 2017 zwar beantragt, zwei Schilder auf öffentlichem Grund aufzustellen. Dies sei in Abstimmung mit dem Landkreis Nienburg/Weser abgelehnt worden, da die Schilder in dieser Form nicht erlaubt gewesen seien. Über ein mögliches Entfernen müsse nun der jeweilige Grundstückseigentümer entscheiden. Warum der Ex-Lehrer überhaupt nach Minden kam, nachdem er und der Kriegsverbrecher Priebke Mitte der 90er Jahre im fernen Argentinien ihre Koffer gepackt hatten? Bücker vermutet, dass er sich schlicht auf eine Stellenanzeige beworben hatte. „Aber die genaueren Umstände der Arbeitsaufnahme sind mir nicht bekannt.“

Nachdem ein rechtsextremer Lehrer die Mindener Waldorfschule verlassen musste, bleiben offene Fragen

In wieweit haben Teile der Eltern- und Lehrerschaft der Freien Waldorfschule Minden hinter dem Rechtsextremisten gestanden? Diese Frage steht auch heute noch im Raum. MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. Der Fall erschütterte vor sechs Jahren die scheinbar heile Welt der Freien Waldorfschule Minden. Bislang hatte sie sich mit Eurythmie und dem Oberuferer Christgeburtsspiel im öffentlichen Bewusstsein bemerkbar gemacht. Doch dann geriet ein Lehrer in den Fokus, der sich Jahrzehnte lang in der rechtsextremen Szene bewegt hatte, ohne dass dies jemand an der Schule bemerkt haben wollte. Als am vergangenen Holocaust-Gedenktag – dem 27. Januar – der WDR den Film „Wenn Rechtsextremisten freie Schulen unterwandern“ ausstrahlte, war die Mindener Waldorfschule erneut Thema. Die Autorinnen Caterina Woj und Andrea Röpke stellten den Fall des umstrittenen Pädagogen dar, widmeten sich der Aufarbeitung des Skandals und mussten dabei feststellen, dass auch heute noch eine wichtige Frage offen geblieben ist: In wieweit haben Teile der Eltern- und Lehrerschaft der Waldorfschule damals hinter dem Rechtsextremisten und seiner Gesinnung gestanden?

Der Umstrittene war 20 Jahre lang an der Freie Waldorfschule Minden tätig, wo er sich vom Hausmeister zum Handwerkslehrer hochgearbeitet hatte und zuletzt als inoffizieller Schullleiter fungierte, der auch bei Personalfragen Gehör gefunden haben soll. Film- und Fotoaufnahmen zeigen ihn aus seiner früheren Zeit in einer Schule der deutschen Gemeinde in der argentinischen Stadt Bariloche zusammen mit SS-Hauptsturmführer und Kriegsverbrecher Erich Priebke. Als Priebke 1995 wegen eines Prozesses nach Italien überstellt wurde – er war 1944 in Rom an einem Massaker mit 335 Opfern beteiligt und legte per Genickschuss selbst Hand an – verließ auch der Lehrer das südamerikanische Domizil. Altnazis diente es als Unterschlupf. An der Freien Waldorfschule Minden fand sich dann eine neue Perspektive für den Ernährer einer damals noch sechsköpfigen Familie.

Der Moorschmied ist im Uchter Raum kein Unbekannter. Die Samtgemeinde verweist darauf, dass sein Anwesen kein Bestandteil des touristischen Marketings ist. Foto: privat - © privat
Der Moorschmied ist im Uchter Raum kein Unbekannter. Die Samtgemeinde verweist darauf, dass sein Anwesen kein Bestandteil des touristischen Marketings ist. Foto: privat - © privat

Während sich der Waldorflehrer im Schulbetrieb fleißig engagierte, setzte er sein Doppelleben im rechtsextremen Milieu fort. Im Jahr 2005 fiel er in Thüringen auf, als er zusammen mit seiner Frau und den Kindern an einem Treffen eines völkisch-identitären Vereins teilnahm – der Germanischen Glaubens-Gemeinschaft wesensmäßiger Lebensgestaltung, auch „Artgemeinschaft“ genannt. Er wurde Vorsitzender des Trägervereins der Ahnenstätte Conneforde, einem neuheidnischen Friedhof, auf dem Altnazis ihre letzte Ruhe suchen.

Auf dieses außerschulische Engagement stieß dann im April 2015 eine Schülerin im Internet und informierte fassungslos ihre Eltern. So kam das zweite Leben des Lehrers ans Licht, was dann die Waldorfschule vor eine Zerreißprobe stellte.

Das MT berichtete am 25. Juni 2015 von einer Versammlung mit 200 Eltern, Lehrern und Schülern, bei der ein Meinungsbild zum weiteren Verbleib des Rechtsextremisten in der Schule erhoben werden sollte. Ein klares Votum für dessen Rauswurf blieb dabei aus, obwohl zwei Experten der mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus OWL ihre Erkenntnisse zu der problematischen und gleichermaßen vielen im Plenum sympathischen Person deutlich machten. Ein Gutachten im Auftrag der Beratungsstelle erhärtete später, dass der Lehrer Aktivist und Autor in extrem rechten völkischen und auch als neonazistisch einzuordnenden Netzwerken ist.

Was ist aber an dem in dem WDR-Beitrag geäußerten Verdacht dran, dass ein Teil von Eltern und Lehrern den Pädagogen deckten und seine Gesinnung teilten? „Wir waren vollkommen von dem Fall überrascht“, erklärt Peter Bücker, Vorstandsmitglied der Freien Waldorfschule Minden, die anfangs noch große Loyalität gegenüber dem Lehrer. Die Fakten hätte man erst einmal verarbeiten müssen.

Zur Entlastung des Pädagogen führten dessen Unterstützer damals an, dass er niemals an der Schule durch die Verbreitung rechtsradikalen Gedankenguts in Erscheinung getreten wäre und sich auch strafrechtlich nichts hätte zu Schulden kommen lassen. Zur Seite sprang ihm damals auch ein Externsteine-Deuter mit mehreren Leserbriefen im MT, der von „Hexenverfolgung“ schrieb. Denn zuvor hatte der Dachverband der Freien Waldorfschulen die Mindener aufgefordert, sich bis zum Ende der Sommerferien von dem umstrittenen Pädagogen zu trennen, andernfalls werde der Name Waldorfschule entzogen. Als dann der Lehrer im August 2015 entlassen wurde, ruhte die Mitgliedschaft weiterhin bis zum Abschluss eines Aufarbeitungsprozesses.

Susanne Eisch, die zu dem Teil der Eltern gehörte, die sich kritisch gegenüber der Rolle des Rechtsradikalen verhielten und nach Anfeindungen ihre Kinder andernorts unterrichten ließen, gegenüber dem MT: „Unser Problem war, wie mit dem Vorfall umgegangen wurde und noch wird.“ Viele Fragen seien nach dem Gespräch im Kollegium offen geblieben. Der Landesverband der Waldorfschulen habe sich zwar ein Jahr lang um Antworten bemüht, die seien aber unvollständig geblieben. „Das größte Versäumnis war, dass man es nicht für nötig gehalten hat, gegenüber der Mindener Schule auf einer sachdienlichen Kassenprüfung zu bestehen.“ Dies hätte wenigstens nachvollziehbar machen können, in welcher Höhe der entlassene Lehrer seine Abfindung erhalten habe und ob es Gehaltsfortzahlungen nach der Kündigung gegeben habe.

Auf ihrer Homepage stellt sich die Freie Waldorfschule Minden heute unter dem Stichwort „Rechtsextremismus – niemals!“ als eine Einrichtung im Einklang mit den Normen einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft dar und beschreibt ihre Aufarbeitung des Falls. Nach der Ausstrahlung der WDR-Dokumentation teilte die Waldorfschule den Autorinnen mit, dass sie eine neue Schulverfassung mit mehr Mitspracherechten für Eltern und Schüler erarbeitet habe und dass sich jeder Lehrer vor seiner Einstellung schriftlich von rechtsextremem Gedankengut distanzieren müsse.

Aber nicht nur das war im Abschlussbericht der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen Mitte 2017 gefordert. Auch die aktive Beteiligung am Thema „Nationalsozialismus“ wurde damals der Schule zur Bedingung für die Rückkehr in den Waldorfverband gestellt, wozu es ein entsprechendes Programm für Waldorfschulen gibt.

Ein solches Angebot hatten die heimischen Waldörfler übrigens schon zwei Jahre zuvor vom Mindener Verein für Demokratie und Vielfalt erhalten. Der damalige Vorsitzende Manfred Stock regte im Rahmen des Aufarbeitungsprozesses an, dass sich die Schule an dem Netzwerk Schule ohne Rassismus beteiligen könnte. „Es kam aber hinterher niemand mehr in dieser Angelegenheit auf mich zu“, erinnert er sich.

Im Kreis Minden-Lübbecke gibt es mittlerweile 24 Schulen, die bei diesem Courage-Netzwerk mitmachen. Es stellt Referenten zur Verfügung und bietet bei Projekten Mithilfe an. Das Ministerium für Schule und Bildung in NRW unterstützt es personell. Landesweit gibt es 990 derartigen Courage-Schulen in öffentlicher und freier Trägerschaft – darunter auch Waldorfschulen.

Warum die Mindener angesichts ihrer Vorgeschichte nicht dabei sind? „Eine Mitgliedschaft ist nach wie vor Thema bei uns, das hängt allerdings auch von den personellen Ressourcen ab“, sagt Bücker. Gleichwohl habe die Waldorfschule an entsprechenden Veranstaltungen, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzten, in der Vergangenheit teilgenommen. Außerdem werde das Thema im Geschichtsunterricht behandelt.

2016 ging das noch schief. Damals kam die Mindener Waldorfschule erneut ins Gerede, als ein Deutsch- und Geschichtslehrer im Unterricht einen missglückten Witz über den Holocaust verbreitete. Erst nach Gesprächen mit der jüdischen Kultusgemeinde und der Aktionsgemeinschaft Friedenswoche sowie nach Bekundungen des Bedauerns glätteten sich die Wogen.

Der geschasste Rechtsextremist blieb sich dagegen treu. Beobachter der Szene entdeckten ihn mit weiteren Familienangehörigen 2017 bei einer heidnischen Eheleiten-Feier in Mecklenburg-Vorpommern zusammen mit Aktivisten der NPD und der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend sowie Artamanen, Identitären, Sturmvögeln und anderen Menschen mit rechtsradikalem Hintergrund. Er ist Mitglied der AfD und nahm im vergangenen Jahr am Querdenken-Aufmarsch in Berlin teil.

Daneben hält der Ex-Lehrer in der beschaulichen Uchter Region seine Existenz als Moorschmied aufrecht, wo er seit Jahren schon zu Seminaren in der Schmiedekunst einlädt und seine Produkte, vor allem edle Messer aus Damaszener-Stahl, auf seiner Homepage vorführt. Vor dem Skandal hatte sich auch der NDR in seine Werkstatt begeben, um über die uralte Handwerkskunst des Unikums einen Film zu drehen. Eine Beschilderung im Raum Darlaten weist heute dem Besucher die Richtung zur Moorschmiede. Sie wirkt wie offizielles Tourismusmarketing.

Doch dieser Eindruck täuscht ebenso, wie das Bild, das der 59-Jährige jahrelang in der Waldorfschule von sich abgab. Wie die Samtgemeinde Uchte auf MT-Nachfrage mitteilt, werde die Moorschmiede weder von ihr noch einem anderen ihr zugehörigen Tourismusverband beworben. Der Moorschmied habe im Dezember 2017 zwar beantragt, zwei Schilder auf öffentlichem Grund aufzustellen. Dies sei in Abstimmung mit dem Landkreis Nienburg/Weser abgelehnt worden, da die Schilder in dieser Form nicht erlaubt gewesen seien. Über ein mögliches Entfernen müsse nun der jeweilige Grundstückseigentümer entscheiden.

Warum der Ex-Lehrer überhaupt nach Minden kam, nachdem er und der Kriegsverbrecher Priebke Mitte der 90er Jahre im fernen Argentinien ihre Koffer gepackt hatten? Bücker vermutet, dass er sich schlicht auf eine Stellenanzeige beworben hatte. „Aber die genaueren Umstände der Arbeitsaufnahme sind mir nicht bekannt.“

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