Nachbarschaftshilfe: Was ist nach einem Jahr Corona aus den vielen Initiativen geworden? Kirsten Elschner Minden. „Ein bisschen helfen tut nicht weh.“ Seit zehn Monaten engagiert sich Tabea Eisermann (32) aus Minden in der Nachbarschaftshilfe. Jede Woche geht sie für eine alleinstehende Seniorin aus Leteln einkaufen, die den Supermarkt aus Angst vor Corona meiden möchte. Entstanden ist der Kontakt durch die Nachbarschaftshilfe, die Lima Fritsche als Schülerin im März 2020 gegründet hatte, um ältere und gesundheitlich angeschlagene Menschen im Alltag zu unterstützen. Parallel vernetzten sich zu dieser Zeit zahlreiche andere Helfer, koordiniert durch Kirchengemeinden, Gruppen oder Privatpersonen. Gut ein Jahr später hat die Nachfrage zwar vielerorts nachgelassen, einige Ehrenamtliche sind aber immer noch aktiv. Dass die Nachbarschaftshilfe auch ein Jahr später noch Thema sein würde, hätte Lima Fritsche nicht unbedingt gedacht. „Ich habe damals gar nicht darüber nachgedacht, wie groß die Nachbarschaftshilfe mal werden könnte oder wie lange wir aktiv sein würden“, sagt die 18-Jährige, die heute in Hannover wohnt. Kurz nachdem die Schulen im Frühjahr 2020 geschlossen wurden, hatte sie die Aktion gestartet. Die Kontakt-Nummer stellte ihr die Caritas zur Verfügung. Schon nach wenigen Wochen seien über 100 Helfer in der Whatsapp-Gruppe gewesen, darunter viele Schüler. „Das hat mich ganz schön überwältigt.“ In der Stadt verteilten sie Flyer und machten in sozialen Netzwerken auf das Angebot aufmerksam. Auch wenn die 18-Jährige sowie viele der engagierten Mitschüler heute nicht mehr in Minden wohnt, übernimmt sie weiterhin die Koordination. „Aktuell sind noch 50 Menschen in der Whatsapp-Gruppe. Es kommen aber kaum noch neue Anfragen.“ Diejenigen, die noch aktiv sind, gingen vor allem für Menschen einkaufen, zu denen sie bereits seit vielen Monaten Kontakt haben. „Als ich selbst noch in Minden gewohnt habe, war ich für eine ältere Dame einkaufen. Sie war immer total dankbar und hat mir manchmal auch eine Tafel Schokolade hingestellt. Ich finde, dass die Nachbarschaftshilfe eine wunderschöne Erfahrung für beide Seiten ist.“ Für Tabea Eisermann ist das Ehrenamt ebenfalls eine Bereicherung. „Es macht Spaß und es ist gut zu wissen, dass man jemandem helfen kann, der sonst niemanden hat“, sagte sie. Als die Pandemie begann, habe sie gesagt: „Jetzt ist es an uns, unsere Unterstützung anzubieten.“ Den wöchentlichen Einkauf verbindet sie neben Vollzeitjob und Homeschooling mit ihren eigenen Einkäufen und mittlerweile habe sich der Kontakt gut eingespielt – „mit der Zeit weiß man auch, welche Marken und Produkte die Person gerne mag“, erzählt sie. Bei der Übergabe gebe es dann noch ein bisschen Smalltalk und zu den Feiertagen auch mal kleine Geschenke – natürlich mit Abstand und Maske. Auch Antje Glöckner (52) aus Uphausen unterstützt seit einem halben Jahr dieselbe Rentnerin, die mit ihrem Mann in Bölhorst lebt und Kontakte wie im Supermarkt lieber umgeht. Für Glöckner war von Anfang an klar, in diesen schwierigen Zeit zu helfen: „Wir sitzen ja alle in einem Boot. Man sollte nicht immer so viel meckern und jammern, sondern lieber mit anpacken.“ Die Seniorin bestellt ihre Lebensmittel bereits online bei einem Mindener Supermarkt, so dass Glöckner den Wocheneinkauf nur noch in der Stadt abholen muss. Gelegentlich kommen kleine Wünsche aus der Drogerie oder vom Fleischer dazu. Bei der Übergabe achten beide sehr auf Distanz, in der Regel stellt die Kirchenmusikerin die Einkäufe vor dem Haus ab, klingelt und dann werden von Auto- zu Haustür noch ein paar Worte gewechselt. „Gut, dass wir sie haben“, sage ihr die Seniorin immer wieder. Einkaufsdienste oder andere Erledigungen werden vielerorts auch von den Kirchengemeinden koordiniert. Zum Beispiel im Pfarrbezirk Rothenuffeln-Haddenhausen, wo sich in den ersten Wochen viele Freiwillige gemeldet hätten, berichtet Gemeindeschwester Nadine Breuksch, die die Hilfe gemeinsam mit Pfarrer Thomas Ehlert organisiert. Die Nachfrage sei mittlerweile aber nur noch gering. „Hier im Ländlichen gibt es noch viele Mehrgenerationenhäuser“, sagt sie, so dass häufig die Kinder die Erledigungen für ihre Eltern übernehmen. „Aber das Angebot ist immer noch da. Wir machen alles möglich“, sagt Breuksch. Auch Fahrten zu Ärzten habe sie schon übernommen. Und was darüber hinaus weiterhin großen Zuspruch erfahre, sei die telefonische Seelsorge. Viele ältere Menschen, aber auch jüngere, bei denen es in der Familie eskaliere, hätten in diesen Zeiten großen Gesprächsbedarf. Dass in den eher dörflichen Bereichen um Minden herum weniger auf fremde Unterstützung zurückgegriffen wird, kann auch Pfarrer Horst Fißmer vom Pfarrbezirk Todtenhausen und Kutenhausen bestätigen. „Hier haben wir sowieso noch eine große intakte Nachbarschaft.“ Daher habe sich das Engagement der Kirchengemeinde darauf konzentriert, die Mindener Tafel zu unterstützen. „Die Nachbarn organisieren ihre Hilfe meist selbst.“

Nachbarschaftshilfe: Was ist nach einem Jahr Corona aus den vielen Initiativen geworden?

Gelebte Nachbarschaftshilfe: Jede Woche geht Tabea Eisermann (32) für eine alleinstehende Seniorin einkaufen, die den Supermarkt aus Angst vor Corona meiden möchte. Fotos: Kirsten Elschner © Kirsten Elschner

Minden. „Ein bisschen helfen tut nicht weh.“ Seit zehn Monaten engagiert sich Tabea Eisermann (32) aus Minden in der Nachbarschaftshilfe. Jede Woche geht sie für eine alleinstehende Seniorin aus Leteln einkaufen, die den Supermarkt aus Angst vor Corona meiden möchte. Entstanden ist der Kontakt durch die Nachbarschaftshilfe, die Lima Fritsche als Schülerin im März 2020 gegründet hatte, um ältere und gesundheitlich angeschlagene Menschen im Alltag zu unterstützen. Parallel vernetzten sich zu dieser Zeit zahlreiche andere Helfer, koordiniert durch Kirchengemeinden, Gruppen oder Privatpersonen. Gut ein Jahr später hat die Nachfrage zwar vielerorts nachgelassen, einige Ehrenamtliche sind aber immer noch aktiv.

Dass die Nachbarschaftshilfe auch ein Jahr später noch Thema sein würde, hätte Lima Fritsche nicht unbedingt gedacht. „Ich habe damals gar nicht darüber nachgedacht, wie groß die Nachbarschaftshilfe mal werden könnte oder wie lange wir aktiv sein würden“, sagt die 18-Jährige, die heute in Hannover wohnt. Kurz nachdem die Schulen im Frühjahr 2020 geschlossen wurden, hatte sie die Aktion gestartet. Die Kontakt-Nummer stellte ihr die Caritas zur Verfügung. Schon nach wenigen Wochen seien über 100 Helfer in der Whatsapp-Gruppe gewesen, darunter viele Schüler. „Das hat mich ganz schön überwältigt.“ In der Stadt verteilten sie Flyer und machten in sozialen Netzwerken auf das Angebot aufmerksam. Auch wenn die 18-Jährige sowie viele der engagierten Mitschüler heute nicht mehr in Minden wohnt, übernimmt sie weiterhin die Koordination. „Aktuell sind noch 50 Menschen in der Whatsapp-Gruppe. Es kommen aber kaum noch neue Anfragen.“ Diejenigen, die noch aktiv sind, gingen vor allem für Menschen einkaufen, zu denen sie bereits seit vielen Monaten Kontakt haben. „Als ich selbst noch in Minden gewohnt habe, war ich für eine ältere Dame einkaufen. Sie war immer total dankbar und hat mir manchmal auch eine Tafel Schokolade hingestellt. Ich finde, dass die Nachbarschaftshilfe eine wunderschöne Erfahrung für beide Seiten ist.“

Antje Glöckner (52) unterstützt seit einem halben Jahr eine Rentnerin, die Kontakte wie im Supermarkt lieber umgeht. - © Kristin Elschner
Antje Glöckner (52) unterstützt seit einem halben Jahr eine Rentnerin, die Kontakte wie im Supermarkt lieber umgeht. - © Kristin Elschner

Für Tabea Eisermann ist das Ehrenamt ebenfalls eine Bereicherung. „Es macht Spaß und es ist gut zu wissen, dass man jemandem helfen kann, der sonst niemanden hat“, sagte sie. Als die Pandemie begann, habe sie gesagt: „Jetzt ist es an uns, unsere Unterstützung anzubieten.“ Den wöchentlichen Einkauf verbindet sie neben Vollzeitjob und Homeschooling mit ihren eigenen Einkäufen und mittlerweile habe sich der Kontakt gut eingespielt – „mit der Zeit weiß man auch, welche Marken und Produkte die Person gerne mag“, erzählt sie. Bei der Übergabe gebe es dann noch ein bisschen Smalltalk und zu den Feiertagen auch mal kleine Geschenke – natürlich mit Abstand und Maske.

Auch Antje Glöckner (52) aus Uphausen unterstützt seit einem halben Jahr dieselbe Rentnerin, die mit ihrem Mann in Bölhorst lebt und Kontakte wie im Supermarkt lieber umgeht. Für Glöckner war von Anfang an klar, in diesen schwierigen Zeit zu helfen: „Wir sitzen ja alle in einem Boot. Man sollte nicht immer so viel meckern und jammern, sondern lieber mit anpacken.“ Die Seniorin bestellt ihre Lebensmittel bereits online bei einem Mindener Supermarkt, so dass Glöckner den Wocheneinkauf nur noch in der Stadt abholen muss. Gelegentlich kommen kleine Wünsche aus der Drogerie oder vom Fleischer dazu. Bei der Übergabe achten beide sehr auf Distanz, in der Regel stellt die Kirchenmusikerin die Einkäufe vor dem Haus ab, klingelt und dann werden von Auto- zu Haustür noch ein paar Worte gewechselt. „Gut, dass wir sie haben“, sage ihr die Seniorin immer wieder.

Einkaufsdienste oder andere Erledigungen werden vielerorts auch von den Kirchengemeinden koordiniert. Zum Beispiel im Pfarrbezirk Rothenuffeln-Haddenhausen, wo sich in den ersten Wochen viele Freiwillige gemeldet hätten, berichtet Gemeindeschwester Nadine Breuksch, die die Hilfe gemeinsam mit Pfarrer Thomas Ehlert organisiert. Die Nachfrage sei mittlerweile aber nur noch gering. „Hier im Ländlichen gibt es noch viele Mehrgenerationenhäuser“, sagt sie, so dass häufig die Kinder die Erledigungen für ihre Eltern übernehmen. „Aber das Angebot ist immer noch da. Wir machen alles möglich“, sagt Breuksch. Auch Fahrten zu Ärzten habe sie schon übernommen. Und was darüber hinaus weiterhin großen Zuspruch erfahre, sei die telefonische Seelsorge. Viele ältere Menschen, aber auch jüngere, bei denen es in der Familie eskaliere, hätten in diesen Zeiten großen Gesprächsbedarf.

Dass in den eher dörflichen Bereichen um Minden herum weniger auf fremde Unterstützung zurückgegriffen wird, kann auch Pfarrer Horst Fißmer vom Pfarrbezirk Todtenhausen und Kutenhausen bestätigen. „Hier haben wir sowieso noch eine große intakte Nachbarschaft.“ Daher habe sich das Engagement der Kirchengemeinde darauf konzentriert, die Mindener Tafel zu unterstützen. „Die Nachbarn organisieren ihre Hilfe meist selbst.“

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