"Mut-Tour" macht Halt in Minden: Aufklären rund um das Thema Depression Kerstin Rickert Minden. Sie haben sich nicht gerade einen zentralen Platz für ihren Zwischenstopp in Minden ausgesucht. Den wenigen Passanten, die am Weserglacis vorbeikommen, fallen die Radler aber ins Auge. „Mut-Tour“ steht auf ihren Trikots, auf Wimpeln, Gepäcktaschen und den Rahmen ihrer auffälligen Zweiräder. Sie sind für die Deutsche Depressionsliga unterwegs: drei Frauen und drei Männer, die für mehr Wissen und Mut im Umgang mit psychischen Erkrankungen werben. Zum zehnten Mal seit 2012 engagieren sich Menschen mit und ohne Depressionserfahrung für die Aktion. Dabei geht es nicht vorrangig darum, mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. In erster Linie führen die Radler Interviews mit Journalisten, um ihr Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen. Sie wollen aufklären. „Depression ist eine Erkrankung“, heißt es aus der Gruppe. Sie kann jeden treffen, hat nichts mit Faulheit oder persönlicher Schwäche zu tun und ist vor allem nichts, wofür man sich schämen muss. Genau das passiere noch allzu oft. „Viele verstecken ihre Depression. Aus Scham und aus Angst, etwa vor beruflicher Benachteiligung, Ausgrenzung und Mobbing“, sagt Dietmar Reinberger, der gelernt hat, mit seiner Depression zu leben. In Stadthagen ist seine Gruppe am Samstag mit einem Aktionstag gestartet. Er war Auftakt zur Mut-Tour, die bis Mitte September durch Deutschland führt. Zehn Teams beteiligen sich, acht radeln auf Tandems, zwei wandern in Begleitung von Pferden. Für Reinberger und sein Team ging es am Samstag von Stadthagen über Bückeburg nach Minden und weiter nach Hille als Ziel der ersten Tagesetappe. Insgesamt beträgt die Strecke der sechs Radler 410 Kilometer bis nach Itzehoe, das sie am achten Tag ihrer Tour erreichen wollen. Für die Teilnehmer ist das auch eine persönliche Mut-Tour. Dietmar Reinberger etwa geht es darum, anderen Menschen und sich selbst Mut zu machen. Der Rentner aus Duisburg erkrankte vor vielen Jahren an einer Depression. Diese als Krankheit anzunehmen und Hilfe zu suchen, sei ihm schwer gefallen. Obwohl er als Sozialarbeiter beruflich mit psychischen Erkrankungen zutun gehabt habe, sei es ihm nicht anders ergangen als den meisten Betroffenen. Heute, 17 Jahre nach seiner letzten Therapie, fühle er sich nicht mehr krank. „Es hat gut getan, mich behandeln zu lassen“, sagt er. Er habe gelernt, auf sich zu achten und könne, unabhängig von Depressionen, nur jedem dazu raten. „Wichtig ist eine Tagesstruktur.“ Er hat sich diese nach dem Ende seines Arbeitslebens erst wieder schaffen müssen. „Ich gehe jeden Morgen zum Bäcker und kaufe Brötchen. Das ist mein erster Außenkontakt jeden Tag, und ich sehe dann gleich, wie das Wetter ist.“ In den Augen seiner Mitradlerin Franziska Radczun hat das Tandem symbolischen Charakter: „Gemeinsam kommt man besser voran. Ohne Miteinander geht es nicht.“ Die Berlinerin hat Depression in ihrer Familie erfahren, sich mit der Krankheit auseinandergesetzt und engagiert sich in Selbsthilfegruppen für Angehörige: „Die Nachfrage ist in den letzten Monaten enorm gestiegen.“ Laut Radczun und Reinberger hat die Coronakrise dazu geführt, dass mehr Menschen unter schwereren Depressionen leiden. Es brauche ein Umdenken in der Gesellschaft. Wenn Depressionen als ernsthafte psychische Erkrankungen angesehen werden, falle es leichter, sich die Krankheit einzugestehen und Hilfe anzunehmen. „Das heißt auch, Hilfsangebote zu schaffen. Es kann nicht sein, dass man monatelang auf einen Therapieplatz warten muss.“ Bundesweite Adressen: Einen Überblick über Hilfsangebote gibt es auf der Internetseite der Aktion „Mut-Tour“ unter www.mut-tour.de/krisenlinks/ Ansprechpartner vor Ort: Selbsthilfe-Kontaktstelle PariSozial Minden-Lübbecke/ Herford, Simeonstraße 17, Minden, Telefon: (0571) 8280217 Sozialpsychiatrische Beratung, Kreis Minden-Lübbecke, Portastraße 13, Minden, Telefon: (0571) 80728610

"Mut-Tour" macht Halt in Minden: Aufklären rund um das Thema Depression

Auf ihrer ersten Etappe machten die Aktionsradler in Minden Station. Der Smiley steht repräsentativ für alle Betroffenen, die ihre Depression aus Angst oder Scham verstecken. Foto: Kerstin Rickert © Kerstin Rickert

Minden. Sie haben sich nicht gerade einen zentralen Platz für ihren Zwischenstopp in Minden ausgesucht. Den wenigen Passanten, die am Weserglacis vorbeikommen, fallen die Radler aber ins Auge. „Mut-Tour“ steht auf ihren Trikots, auf Wimpeln, Gepäcktaschen und den Rahmen ihrer auffälligen Zweiräder. Sie sind für die Deutsche Depressionsliga unterwegs: drei Frauen und drei Männer, die für mehr Wissen und Mut im Umgang mit psychischen Erkrankungen werben.

Zum zehnten Mal seit 2012 engagieren sich Menschen mit und ohne Depressionserfahrung für die Aktion. Dabei geht es nicht vorrangig darum, mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. In erster Linie führen die Radler Interviews mit Journalisten, um ihr Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen. Sie wollen aufklären.

„Depression ist eine Erkrankung“, heißt es aus der Gruppe. Sie kann jeden treffen, hat nichts mit Faulheit oder persönlicher Schwäche zu tun und ist vor allem nichts, wofür man sich schämen muss. Genau das passiere noch allzu oft. „Viele verstecken ihre Depression. Aus Scham und aus Angst, etwa vor beruflicher Benachteiligung, Ausgrenzung und Mobbing“, sagt Dietmar Reinberger, der gelernt hat, mit seiner Depression zu leben.


In Stadthagen ist seine Gruppe am Samstag mit einem Aktionstag gestartet. Er war Auftakt zur Mut-Tour, die bis Mitte September durch Deutschland führt. Zehn Teams beteiligen sich, acht radeln auf Tandems, zwei wandern in Begleitung von Pferden. Für Reinberger und sein Team ging es am Samstag von Stadthagen über Bückeburg nach Minden und weiter nach Hille als Ziel der ersten Tagesetappe. Insgesamt beträgt die Strecke der sechs Radler 410 Kilometer bis nach Itzehoe, das sie am achten Tag ihrer Tour erreichen wollen. Für die Teilnehmer ist das auch eine persönliche Mut-Tour. Dietmar Reinberger etwa geht es darum, anderen Menschen und sich selbst Mut zu machen. Der Rentner aus Duisburg erkrankte vor vielen Jahren an einer Depression. Diese als Krankheit anzunehmen und Hilfe zu suchen, sei ihm schwer gefallen. Obwohl er als Sozialarbeiter beruflich mit psychischen Erkrankungen zutun gehabt habe, sei es ihm nicht anders ergangen als den meisten Betroffenen. Heute, 17 Jahre nach seiner letzten Therapie, fühle er sich nicht mehr krank. „Es hat gut getan, mich behandeln zu lassen“, sagt er. Er habe gelernt, auf sich zu achten und könne, unabhängig von Depressionen, nur jedem dazu raten. „Wichtig ist eine Tagesstruktur.“ Er hat sich diese nach dem Ende seines Arbeitslebens erst wieder schaffen müssen. „Ich gehe jeden Morgen zum Bäcker und kaufe Brötchen. Das ist mein erster Außenkontakt jeden Tag, und ich sehe dann gleich, wie das Wetter ist.“

In den Augen seiner Mitradlerin Franziska Radczun hat das Tandem symbolischen Charakter: „Gemeinsam kommt man besser voran. Ohne Miteinander geht es nicht.“ Die Berlinerin hat Depression in ihrer Familie erfahren, sich mit der Krankheit auseinandergesetzt und engagiert sich in Selbsthilfegruppen für Angehörige: „Die Nachfrage ist in den letzten Monaten enorm gestiegen.“ Laut Radczun und Reinberger hat die Coronakrise dazu geführt, dass mehr Menschen unter schwereren Depressionen leiden. Es brauche ein Umdenken in der Gesellschaft. Wenn Depressionen als ernsthafte psychische Erkrankungen angesehen werden, falle es leichter, sich die Krankheit einzugestehen und Hilfe anzunehmen. „Das heißt auch, Hilfsangebote zu schaffen. Es kann nicht sein, dass man monatelang auf einen Therapieplatz warten muss.“

Bundesweite Adressen:

Einen Überblick über Hilfsangebote gibt es auf der Internetseite der Aktion „Mut-Tour“ unter www.mut-tour.de/krisenlinks/ Ansprechpartner vor Ort: Selbsthilfe-Kontaktstelle PariSozial Minden-Lübbecke/ Herford, Simeonstraße 17, Minden, Telefon: (0571) 8280217 Sozialpsychiatrische Beratung, Kreis Minden-Lübbecke, Portastraße 13, Minden, Telefon: (0571) 80728610

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