Mondlicht statt Discokugel: Musikbox-Betreiber arbeiten an zweitem Standbein Doris Christoph Minden. Die große Discokugel unter der Decke ist von einer feinen Staubschicht bedeckt. Das letzte Mal drehte sie vor acht Wochen ihre Runden über den Köpfen der Boxgänger. Nun steht die Wächterin der Partymeute still, die Lautsprecher schweigen, an der Theke wurde schon lange kein Bier mehr gezapft: Totentanz statt Feierstimmung. „Mindestens 20 Prozent des Jahresumsatzes sind verloren. Der März und April sind eigentlich starke Zeiten“, sagt Betriebsleiter Heinz Eichler. Er hat die Musikbox an der Portastraße vor 40 Jahren eröffnet. „Am 10.10.1980 um 19 Uhr. Das ist ein magisches Datum für mich.“ Vorher war hier der „Wiesenkater“ drin, ebenfalls eine Disco. 400.000 Mark zahlte der damals 25-Jährige den Vorgängern für das technische Equipment. Für ihn ging mit der Übernahme ein Traum in Erfüllung: Endlich ein Club für alternative Musik in Minden. Es lief gut. Bis spät in die Nacht hat Eichler in seinem Laden gearbeitet und dabei der Musik gelauscht. „Aber ich habe hier noch nie getanzt.“ Unter den Mitarbeitern waren viele Freunde, in der Box haben sich auch Eichler und seine Frau Gitta Nicola Vogt kennengelernt. Mittlerweile hat sich nicht nur die Musik in der Box geändert. Die Zeiten waren schon vor Corona schwierig für Clubs wie seinen, vor einigen Jahren war Eichler insolvent. 2011 kaufte seine Frau das Gebäude bei einer Zwangsversteigerung, Eichler ist seitdem Betriebsleiter, Vogt Geschäftsführerin. „Die Alternative-Szene ist verschwunden“, meint der 65-Jährige. Heute werde hier „Mainstream“-Musik gespielt. Man müsse sich halt anpassen. „Als das mit Elektro und Techno anfing, wurde es schwierig“, sagt Eichler. Die Musik-Genres wurden immer kleinteiliger, geburtenschwache Jahrgänge waren nun die Zielgruppe. Dazu kommt, dass sich das Freizeitverhalten der Jugendlichen verändert habe. „Früher war Ausgehen spontaner. Das hier war ein Treffpunkt“, sagt Eichlers Tochter Nora Vogt. Die 25-Jährige soll künftig die Leitung des Nachtbereichs von ihrem Vater übernehmen. Schon seit einigen Jahren kommen immer weniger Besucher. 900 Gäste dürfen gleichzeitig in den Club mit seinen drei Floors auf verschiedenen Ebenen: dem Sub, dem Main und dem Backstage. An guten Tagen kommen 500, manchmal sind es nicht mal 100 Gäste. Was die „Musikbox“ früher an sechs Tagen erwirtschaftete, muss nun an zweien reingeholt werden. Veranstaltungen wie die Mottowochen der Abiturienten oder Halloween seien verlässliche Größen. Die Partys der Schulabgänger sind in diesem Jahr aber bereits weggebrochen. Das tut den Betreibern natürlich auch finanziell weh, aber vor allem bedauere er die Jugendlichen, meint Heinz Eichler. „Die verlieren ein Jahr ihres Lebens.“ Und dabei standen in den vergangenen zehn Jahren oft Investitionen an. Mehr als eine Million Euro seien in die Brandschutz- und Sicherheitstechnik investiert worden. „Was bei der Kampa-Halle passiert ist, kann uns nicht passieren“, meint der Betriebsleiter mit einem Blick auf den Brandschutz. 2012 wurde die Vergrößerung der Diskothek um 250 auf mehr als 800 Quadratmeter abgeschlossen. Auch um älteres Publikum anzulocken. Die Partys liefen gut. Auch für dieses Jahr waren wieder welche geplant. „Die kamen gerade richtig in Schwung. Und die Leute haben sich echt darüber gefreut“, sagt Gitta Nicola Vogt. Jetzt ist erstmal nichts geplant. Die mögliche Rettung des Familienunternehmens liegt einige Stufen abwärts neben dem Gebäude in einem geschlossenen Innenhof. Hier entsteht ein Wein- und Biergarten mit 100 Sitzplätzen auf 300 Quadratmetern, das „Dos Lunas“ (Zwei Monde). Seit Jahren werde daran gearbeitet, so die Familie. Wie lange schon? Eichler winkt ab. „Es gab hier mal ein Schild: Eröffnung 2016 an einem schönen Frühlingstag“, meint er und lacht. Bereits in einem MT-Artikel von 2012 hatte er den Biergarten angekündigt. Jetzt könnte es bald tatsächlich soweit sein. Pizza und Pasta soll es hier geben, dazu auch Musik und Kulturprogramm. Kleinigkeiten sind noch zu erledigen, bald will Eichler die Bauabnahme beantragen. Auch ein Restaurant im Bereich unter der Tanzfläche ist geplant. Ein Bauantrag dafür ist gestellt. Das wird aber noch einige Zeit dauern, im Moment fehlt das Geld für Investitionen. Der Biergarten könnte eine weitere Einnahmequelle sein. Die Umbauarbeiten wurden mit den Einnahmen aus der Musikbox finanziert. Mindestens 250.000 Euro seien hier bereits investiert worden, so Eichler. Er will sich dann um dieses Geschäft kümmern und sich aus dem Betrieb der Musikbox zurückziehen, auch um sich nicht mehr die Nächte um die Ohren schlagen zu müssen. Die Auflagen sehen vor, dass die Gastronomie und Disco nicht parallel geöffnet sein dürfen, das „Dos Lunas“ muss also schließen, wenn die Box ab 22 Uhr aufmacht. Seit zwei Monaten ist die Box schon geschlossen, ein Ende ist nicht in Sicht. „So pessimistisch will ich nicht sein, dass die Discos zubleiben“, meint Eichler. „Das wäre ja ein Kulturwandel.“ Er hofft auf eine Öffnung mit geringerer Besucherzahl, vielleicht 300. Aber Feiern mit Abstand? Hört sich schwierig an. Und so gelten die verkündeten Lockerungen auch nicht für Diskotheken und Clubs. Sie müssen weiter geschlossen bleiben. Darum probiert die Musikbox am kommenden Samstag, 9. Mai, etwas Neues: Drei DJs legen von 20 bis 23 Uhr per Livestream auf Facebook und Instagram auf. „Wir wollen so in Erinnerung bleiben“, sagt Nora Vogt. Für die Zeit nach Corona.

Mondlicht statt Discokugel: Musikbox-Betreiber arbeiten an zweitem Standbein

Nora (von links) und Gitta Nicola Vogt sowie Heinz Eichler im Biergarten „Dos Lunas“, der neben der Musikbox liegt. Die Familie hofft, dass sie hier bald öffnen kann. MT- © Foto: Alex Lehn

Minden. Die große Discokugel unter der Decke ist von einer feinen Staubschicht bedeckt. Das letzte Mal drehte sie vor acht Wochen ihre Runden über den Köpfen der Boxgänger. Nun steht die Wächterin der Partymeute still, die Lautsprecher schweigen, an der Theke wurde schon lange kein Bier mehr gezapft: Totentanz statt Feierstimmung.

„Mindestens 20 Prozent des Jahresumsatzes sind verloren. Der März und April sind eigentlich starke Zeiten“, sagt Betriebsleiter Heinz Eichler. Er hat die Musikbox an der Portastraße vor 40 Jahren eröffnet. „Am 10.10.1980 um 19 Uhr. Das ist ein magisches Datum für mich.“ Vorher war hier der „Wiesenkater“ drin, ebenfalls eine Disco. 400.000 Mark zahlte der damals 25-Jährige den Vorgängern für das technische Equipment. Für ihn ging mit der Übernahme ein Traum in Erfüllung: Endlich ein Club für alternative Musik in Minden.

Stillstand: Die Diskokugel über der Tanzfläche dreht sich seit zwei Monaten nicht mehr. Wann sie wieder angeschmissen wird, ist unklar. MT- - © Foto: Alex Lehn
Stillstand: Die Diskokugel über der Tanzfläche dreht sich seit zwei Monaten nicht mehr. Wann sie wieder angeschmissen wird, ist unklar. MT- - © Foto: Alex Lehn

Es lief gut. Bis spät in die Nacht hat Eichler in seinem Laden gearbeitet und dabei der Musik gelauscht. „Aber ich habe hier noch nie getanzt.“ Unter den Mitarbeitern waren viele Freunde, in der Box haben sich auch Eichler und seine Frau Gitta Nicola Vogt kennengelernt.

Mittlerweile hat sich nicht nur die Musik in der Box geändert. Die Zeiten waren schon vor Corona schwierig für Clubs wie seinen, vor einigen Jahren war Eichler insolvent. 2011 kaufte seine Frau das Gebäude bei einer Zwangsversteigerung, Eichler ist seitdem Betriebsleiter, Vogt Geschäftsführerin. „Die Alternative-Szene ist verschwunden“, meint der 65-Jährige. Heute werde hier „Mainstream“-Musik gespielt. Man müsse sich halt anpassen. „Als das mit Elektro und Techno anfing, wurde es schwierig“, sagt Eichler.

Die Musik-Genres wurden immer kleinteiliger, geburtenschwache Jahrgänge waren nun die Zielgruppe. Dazu kommt, dass sich das Freizeitverhalten der Jugendlichen verändert habe. „Früher war Ausgehen spontaner. Das hier war ein Treffpunkt“, sagt Eichlers Tochter Nora Vogt. Die 25-Jährige soll künftig die Leitung des Nachtbereichs von ihrem Vater übernehmen.

Schon seit einigen Jahren kommen immer weniger Besucher. 900 Gäste dürfen gleichzeitig in den Club mit seinen drei Floors auf verschiedenen Ebenen: dem Sub, dem Main und dem Backstage. An guten Tagen kommen 500, manchmal sind es nicht mal 100 Gäste. Was die „Musikbox“ früher an sechs Tagen erwirtschaftete, muss nun an zweien reingeholt werden. Veranstaltungen wie die Mottowochen der Abiturienten oder Halloween seien verlässliche Größen. Die Partys der Schulabgänger sind in diesem Jahr aber bereits weggebrochen. Das tut den Betreibern natürlich auch finanziell weh, aber vor allem bedauere er die Jugendlichen, meint Heinz Eichler. „Die verlieren ein Jahr ihres Lebens.“

Und dabei standen in den vergangenen zehn Jahren oft Investitionen an. Mehr als eine Million Euro seien in die Brandschutz- und Sicherheitstechnik investiert worden. „Was bei der Kampa-Halle passiert ist, kann uns nicht passieren“, meint der Betriebsleiter mit einem Blick auf den Brandschutz. 2012 wurde die Vergrößerung der Diskothek um 250 auf mehr als 800 Quadratmeter abgeschlossen. Auch um älteres Publikum anzulocken. Die Partys liefen gut. Auch für dieses Jahr waren wieder welche geplant. „Die kamen gerade richtig in Schwung. Und die Leute haben sich echt darüber gefreut“, sagt Gitta Nicola Vogt. Jetzt ist erstmal nichts geplant.

Die mögliche Rettung des Familienunternehmens liegt einige Stufen abwärts neben dem Gebäude in einem geschlossenen Innenhof. Hier entsteht ein Wein- und Biergarten mit 100 Sitzplätzen auf 300 Quadratmetern, das „Dos Lunas“ (Zwei Monde).

Seit Jahren werde daran gearbeitet, so die Familie. Wie lange schon? Eichler winkt ab. „Es gab hier mal ein Schild: Eröffnung 2016 an einem schönen Frühlingstag“, meint er und lacht. Bereits in einem MT-Artikel von 2012 hatte er den Biergarten angekündigt. Jetzt könnte es bald tatsächlich soweit sein. Pizza und Pasta soll es hier geben, dazu auch Musik und Kulturprogramm. Kleinigkeiten sind noch zu erledigen, bald will Eichler die Bauabnahme beantragen. Auch ein Restaurant im Bereich unter der Tanzfläche ist geplant. Ein Bauantrag dafür ist gestellt. Das wird aber noch einige Zeit dauern, im Moment fehlt das Geld für Investitionen.

Der Biergarten könnte eine weitere Einnahmequelle sein. Die Umbauarbeiten wurden mit den Einnahmen aus der Musikbox finanziert. Mindestens 250.000 Euro seien hier bereits investiert worden, so Eichler. Er will sich dann um dieses Geschäft kümmern und sich aus dem Betrieb der Musikbox zurückziehen, auch um sich nicht mehr die Nächte um die Ohren schlagen zu müssen. Die Auflagen sehen vor, dass die Gastronomie und Disco nicht parallel geöffnet sein dürfen, das „Dos Lunas“ muss also schließen, wenn die Box ab 22 Uhr aufmacht.

Seit zwei Monaten ist die Box schon geschlossen, ein Ende ist nicht in Sicht. „So pessimistisch will ich nicht sein, dass die Discos zubleiben“, meint Eichler. „Das wäre ja ein Kulturwandel.“ Er hofft auf eine Öffnung mit geringerer Besucherzahl, vielleicht 300. Aber Feiern mit Abstand? Hört sich schwierig an. Und so gelten die verkündeten Lockerungen auch nicht für Diskotheken und Clubs. Sie müssen weiter geschlossen bleiben.

Darum probiert die Musikbox am kommenden Samstag, 9. Mai, etwas Neues: Drei DJs legen von 20 bis 23 Uhr per Livestream auf Facebook und Instagram auf. „Wir wollen so in Erinnerung bleiben“, sagt Nora Vogt. Für die Zeit nach Corona.

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