Mit dem Panzer auf die Bahn: Mindener Pioniere üben das Verladen Jan Henning Rogge Minden. Hauptfeldwebel Hagen Wandt geht lieber auf Nummer Sicher – auch wenn die Punktstützen laut Vorschrift nur an einer Seite des Bahnwaggons abgesenkt werden müssen, um ihn gegen ein plötzliches Umkippen abzusichern. Der Ausbilder besteht darauf, dass an beiden Seiten gesichert wird. „Lieber ein Handgriff mehr, das tut niemandem weh", ruft er den Soldaten zu. Schließlich soll nichts passieren, wenn gleich 43 Tonnen auf den Waggon rollen. Für die Soldaten bedeutet das: Sie müssen noch einmal unter dem Waggon hindurchkriechen. Sicherheit geht vor. Für einige der Soldaten der 3. Kompanie der Mindener Pioniere ist neu, was hier aktuell an der Verladerampe am Mindener Bahnhof geübt wird: Das rollende Material auf Bahnwaggons verladen, Radpanzer, Lastwagen mit und ohne Anhänger, Kettenfahrzeuge. Das schwerste Gerät heute ist der Pionierpanzer Dachs. Mit 43 Tonnen Gewicht und mehr als drei Metern Breite stellt er eine besondere Herausforderung dar – schließlich ist er breiter als der Waggon, auf dem er stehen soll. Das Prinzip ist ähnlich dem eines Autoreisezuges: Bei einem echten Transport würden die Fahrzeuge der Reihe nach auf die aneinander gekoppelten Waggons fahren und gesichert werden. Dann wäre der Zug abfahrbereit. Für die Übung heute hat die Bahn nur einige Waggons bereitgestellt und auch die Soldaten haben nur jeweils ein Fahrzeug je Typ dabei. Die Waggons wurden von der DB-Cargo bereitgestellt. Es gibt Tieflader für die höheren und leichteren Fahrzeuge wie die Lastwagen, die auf anderen Waggons wegen ihrer Höhe Gefahr laufen, zu dicht an die Oberleitung zu kommen, und spezielle Schwerlastwaggons für die schweren Kettenfahrzeuge. Die Waggons sind außerdem extra für Militärtransporte zugelassen – so wie auch die Wagenmeister der Bahn, die die Pioniere unterstützen. Einer von ihnen ist Jörg Wittnebel, im Januar 40 Jahre als Wagenmeister dabei und speziell für solche Transporte geschult. Er hat viele wertvolle Tipps für die Pioniere in petto. Die Übung läuft nicht ohne Grund: Im Januar muss jeder Handgriff sitzen. Dann, wenn große Teile der Kompanie nach Litauen verlegt werden, wo sie als Teil der Nato-Mission „Enhanced Forward Presence" über ein halbes Jahr stationiert sein werden. Bei der Mission handelt es sich um eine 2016 vereinbarte Beistandsinitiative, die als Abschreckung gegenüber Russland nach der Krimkrise ins Leben gerufen wurde. Doch darüber macht sich heute am Mindener Bahnhof wohl kaum jemand Gedanken. Unter den prüfenden Augen der Kompaniechefin Major Olivia Graack stehen die Soldaten bereit, um Praxiserfahrung zu sammeln. Fast alle tragen einen Mundschutz, nur diejenigen, die weit entfernt von den anderen bleiben, dürfen darauf verzichten. Trotzdem hat die Kompaniechefin bereits jetzt zusätzlich zwei Gruppen gebildet, die keinen Kontakt haben dürfen, um die Einsatzbereitschaft zu gewährleisten. Im kühlen Nieselregen geht es nun um Zentimeter. Ausbilder Wandt erklärt ruhig und sachlich, worauf es ankommt. Dann beginnen die Fahrübungen, und jedem ist klar: Fehler können hier gravierende Folgen haben. Zu beiden Seiten muss gleichviel Platz sein, die Fahrer müssen sich komplett auf die Gesten ihrer Einweiser verlassen. Probleme macht auch die Technik: Beim dreiachsigen Transportpanzer Fuchs zum Beispiel können die Fahrer nicht sehen, ob vielleicht doch eine der beiden lenkbaren Vorderachsen leicht eingeschlagen ist. Stehen die Fahrzeuge nicht richtig, könnten sie im schlimmsten Fall später beim Transport verrutschen oder abstürzen. Die Fahrzeuge müssen außerdem so gesichert sein, dass sie auch eine Notbremsung des Zuges überstehen. In festen Teams wechseln sich die Soldaten ab, fahren die Fahrzeuge auf die Waggons, sichern sie, entsichern sie und fahren wieder herunter. Die Teams bestehen immer aus dem Fahrer und dem Beifahrer, bei dem es sich um einen besonders erfahrenen Soldaten handelt. Unter den wachsamen Augen des Hauptfeldwebels gibt der Beifahrer als Einweiser dem Fahrer die nötigen Signale – denn der kann weder aus dem Transportpanzer Fuchs noch aus dem Biber sehen, ob er das Fahrzeug mittig auf dem Waggon hält. Ohne gegenseitiges Vertrauen geht nichts. „Am einfachsten geht das Verladen mit den Panzern", sagt Wandt. „Die können auf der Stelle drehen, da kann man das einfach korrigieren, wenn die nicht ganz richtig stehen." Der Lastwagen mit Anhänger muss dagegen noch eine Extrarunde drehen, der Anhänger steht nicht gerade genug. Das Gespann später wieder rückwärts vom Waggon zu bekommen, dauert dann deutlich länger, als es drauf zu fahren. Immerhin gibt es hier den Platz für solche Extrarunden. „Der Verladeplatz hier in Minden ist ein Glücksfall", sagt Major Graack. „Das Gelände ist groß genug, um die Fahrzeuge gut aufzustellen und zu manövrieren – solche Verladeplätze gibt es nicht besonders oft." Der großen Verlegung im Januar sieht die Offizierin deshalb zunächst entspannt entgegen – zumindest was den Start in Minden angeht. „Da es in Litauen eine andere Spurbreite gibt, werden die Waggons zwischendurch noch umgespurt oder das Material umgeladen." sagt sie. Doch damit werden die Pioniere nichts zu tun haben – ein Logistikkommando der Bundeswehr wird das übernehmen. Nun sind die gepanzerten Fahrzeuge an der Reihe – und die sind zumindest in den Augen des Übungsleiters trotz ihrer Masse eher unkompliziert zu verladen: Durch seine beiden lenkbaren Vorderachsen ist der Transportpanzer Fuchs ziemlich wendig und gut zu manövrieren, er darf auch auf den Tiefladern transportiert werden. Der Pionierpanzer Biber kann sich auf seinen Ketten problemlos auf der Stelle drehen. Frickelige Manöver wie mit den großen Lastwagen gibt es deshalb nicht. Doch ganz so einfach ist die Sache aber auch mit dem Kettenfahrzeug nicht: Der Dachs ist breiter als die Bahnwaggons, auf denen er transportiert wird – deshalb muss er exakt mittig platziert werden. Und auch das Sichern ist nicht ganz ohne: Metallkeile vor und hinter den Ketten sollen ein Rutschen verhindern. Dicke Stacheln halten sie auf dem Holzbelag des Waggons in Position, sie werden vom Panzer selbst in das weiche Material getrieben. Das Kettenfahrzeug fährt zunächst auf den vorderen Keil auf und drückt ihn in den Boden. Dann wird der hintere Keil positioniert und das Manöver im Rückwärtsgang wiederholt. Sind beide Keile in Position, wird die Bremse gelöst, der Panzer rollt herunter und steht fest zwischen den Keilen. Danach sichern die Pioniere ihr Arbeitsgerät mit schweren Ketten gegen ein seitliches Verrutschen. Eine weitere Herausforderung sind die Waggons. Zwar handelt es sich immer um Tieflader und Schwerlastwaggons, trotzdem unterscheiden sie sich im Detail und in der Bedienung. Mal sind die Befestigungsösen an der Seite, mal auf der Fläche verbaut, mal werden die Punktstützen heruntergeschraubt, mal mit Bolzen gehalten. Zum Glück steht den Soldaten der erfahrene Wagenmeister Jörg Wittnebel mit seinen Kollegen zur Seite. Er kennt jeden Haken und jede Öse an den Waggons und an den Fahrzeugen – und hat auch für den erfahrenen Soldaten noch viele nützliche Tipps parat. Hagen Wandt nimmt die gerne an. „Man lernt ja immer was dazu", sagt er. Major Graack ist am Ende der Übung zufrieden. Im Großen und Ganzen sitzen die Handgriffe und Abläufe. Die Verlegung nach Litauen kann kommen. Video und weitere Fotos auf MT.de

Mit dem Panzer auf die Bahn: Mindener Pioniere üben das Verladen

An beiden Seiten sind nur wenige Zentimeter Platz. Die Fahrzeuge müssen exakt mittig stehen. © lehn

Minden. Hauptfeldwebel Hagen Wandt geht lieber auf Nummer Sicher – auch wenn die Punktstützen laut Vorschrift nur an einer Seite des Bahnwaggons abgesenkt werden müssen, um ihn gegen ein plötzliches Umkippen abzusichern. Der Ausbilder besteht darauf, dass an beiden Seiten gesichert wird. „Lieber ein Handgriff mehr, das tut niemandem weh", ruft er den Soldaten zu. Schließlich soll nichts passieren, wenn gleich 43 Tonnen auf den Waggon rollen. Für die Soldaten bedeutet das: Sie müssen noch einmal unter dem Waggon hindurchkriechen. Sicherheit geht vor.

Für einige der Soldaten der 3. Kompanie der Mindener Pioniere ist neu, was hier aktuell an der Verladerampe am Mindener Bahnhof geübt wird: Das rollende Material auf Bahnwaggons verladen, Radpanzer, Lastwagen mit und ohne Anhänger, Kettenfahrzeuge. Das schwerste Gerät heute ist der Pionierpanzer Dachs. Mit 43 Tonnen Gewicht und mehr als drei Metern Breite stellt er eine besondere Herausforderung dar – schließlich ist er breiter als der Waggon, auf dem er stehen soll.

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Das Prinzip ist ähnlich dem eines Autoreisezuges: Bei einem echten Transport würden die Fahrzeuge der Reihe nach auf die aneinander gekoppelten Waggons fahren und gesichert werden. Dann wäre der Zug abfahrbereit. Für die Übung heute hat die Bahn nur einige Waggons bereitgestellt und auch die Soldaten haben nur jeweils ein Fahrzeug je Typ dabei. Die Waggons wurden von der DB-Cargo bereitgestellt. Es gibt Tieflader für die höheren und leichteren Fahrzeuge wie die Lastwagen, die auf anderen Waggons wegen ihrer Höhe Gefahr laufen, zu dicht an die Oberleitung zu kommen, und spezielle Schwerlastwaggons für die schweren Kettenfahrzeuge. Die Waggons sind außerdem extra für Militärtransporte zugelassen – so wie auch die Wagenmeister der Bahn, die die Pioniere unterstützen. Einer von ihnen ist Jörg Wittnebel, im Januar 40 Jahre als Wagenmeister dabei und speziell für solche Transporte geschult. Er hat viele wertvolle Tipps für die Pioniere in petto.

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Die Übung läuft nicht ohne Grund: Im Januar muss jeder Handgriff sitzen. Dann, wenn große Teile der Kompanie nach Litauen verlegt werden, wo sie als Teil der Nato-Mission „Enhanced Forward Presence" über ein halbes Jahr stationiert sein werden. Bei der Mission handelt es sich um eine 2016 vereinbarte Beistandsinitiative, die als Abschreckung gegenüber Russland nach der Krimkrise ins Leben gerufen wurde.

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Doch darüber macht sich heute am Mindener Bahnhof wohl kaum jemand Gedanken. Unter den prüfenden Augen der Kompaniechefin Major Olivia Graack stehen die Soldaten bereit, um Praxiserfahrung zu sammeln. Fast alle tragen einen Mundschutz, nur diejenigen, die weit entfernt von den anderen bleiben, dürfen darauf verzichten. Trotzdem hat die Kompaniechefin bereits jetzt zusätzlich zwei Gruppen gebildet, die keinen Kontakt haben dürfen, um die Einsatzbereitschaft zu gewährleisten.

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Im kühlen Nieselregen geht es nun um Zentimeter. Ausbilder Wandt erklärt ruhig und sachlich, worauf es ankommt. Dann beginnen die Fahrübungen, und jedem ist klar: Fehler können hier gravierende Folgen haben. Zu beiden Seiten muss gleichviel Platz sein, die Fahrer müssen sich komplett auf die Gesten ihrer Einweiser verlassen. Probleme macht auch die Technik: Beim dreiachsigen Transportpanzer Fuchs zum Beispiel können die Fahrer nicht sehen, ob vielleicht doch eine der beiden lenkbaren Vorderachsen leicht eingeschlagen ist. Stehen die Fahrzeuge nicht richtig, könnten sie im schlimmsten Fall später beim Transport verrutschen oder abstürzen. Die Fahrzeuge müssen außerdem so gesichert sein, dass sie auch eine Notbremsung des Zuges überstehen.

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In festen Teams wechseln sich die Soldaten ab, fahren die Fahrzeuge auf die Waggons, sichern sie, entsichern sie und fahren wieder herunter. Die Teams bestehen immer aus dem Fahrer und dem Beifahrer, bei dem es sich um einen besonders erfahrenen Soldaten handelt. Unter den wachsamen Augen des Hauptfeldwebels gibt der Beifahrer als Einweiser dem Fahrer die nötigen Signale – denn der kann weder aus dem Transportpanzer Fuchs noch aus dem Biber sehen, ob er das Fahrzeug mittig auf dem Waggon hält. Ohne gegenseitiges Vertrauen geht nichts.

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„Am einfachsten geht das Verladen mit den Panzern", sagt Wandt. „Die können auf der Stelle drehen, da kann man das einfach korrigieren, wenn die nicht ganz richtig stehen." Der Lastwagen mit Anhänger muss dagegen noch eine Extrarunde drehen, der Anhänger steht nicht gerade genug. Das Gespann später wieder rückwärts vom Waggon zu bekommen, dauert dann deutlich länger, als es drauf zu fahren.

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Immerhin gibt es hier den Platz für solche Extrarunden. „Der Verladeplatz hier in Minden ist ein Glücksfall", sagt Major Graack. „Das Gelände ist groß genug, um die Fahrzeuge gut aufzustellen und zu manövrieren – solche Verladeplätze gibt es nicht besonders oft." Der großen Verlegung im Januar sieht die Offizierin deshalb zunächst entspannt entgegen – zumindest was den Start in Minden angeht. „Da es in Litauen eine andere Spurbreite gibt, werden die Waggons zwischendurch noch umgespurt oder das Material umgeladen." sagt sie. Doch damit werden die Pioniere nichts zu tun haben – ein Logistikkommando der Bundeswehr wird das übernehmen.

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Nun sind die gepanzerten Fahrzeuge an der Reihe – und die sind zumindest in den Augen des Übungsleiters trotz ihrer Masse eher unkompliziert zu verladen: Durch seine beiden lenkbaren Vorderachsen ist der Transportpanzer Fuchs ziemlich wendig und gut zu manövrieren, er darf auch auf den Tiefladern transportiert werden. Der Pionierpanzer Biber kann sich auf seinen Ketten problemlos auf der Stelle drehen. Frickelige Manöver wie mit den großen Lastwagen gibt es deshalb nicht. Doch ganz so einfach ist die Sache aber auch mit dem Kettenfahrzeug nicht: Der Dachs ist breiter als die Bahnwaggons, auf denen er transportiert wird – deshalb muss er exakt mittig platziert werden. Und auch das Sichern ist nicht ganz ohne: Metallkeile vor und hinter den Ketten sollen ein Rutschen verhindern. Dicke Stacheln halten sie auf dem Holzbelag des Waggons in Position, sie werden vom Panzer selbst in das weiche Material getrieben. Das Kettenfahrzeug fährt zunächst auf den vorderen Keil auf und drückt ihn in den Boden. Dann wird der hintere Keil positioniert und das Manöver im Rückwärtsgang wiederholt. Sind beide Keile in Position, wird die Bremse gelöst, der Panzer rollt herunter und steht fest zwischen den Keilen. Danach sichern die Pioniere ihr Arbeitsgerät mit schweren Ketten gegen ein seitliches Verrutschen.

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Eine weitere Herausforderung sind die Waggons. Zwar handelt es sich immer um Tieflader und Schwerlastwaggons, trotzdem unterscheiden sie sich im Detail und in der Bedienung. Mal sind die Befestigungsösen an der Seite, mal auf der Fläche verbaut, mal werden die Punktstützen heruntergeschraubt, mal mit Bolzen gehalten. Zum Glück steht den Soldaten der erfahrene Wagenmeister Jörg Wittnebel mit seinen Kollegen zur Seite. Er kennt jeden Haken und jede Öse an den Waggons und an den Fahrzeugen – und hat auch für den erfahrenen Soldaten noch viele nützliche Tipps parat. Hagen Wandt nimmt die gerne an. „Man lernt ja immer was dazu", sagt er. Major Graack ist am Ende der Übung zufrieden. Im Großen und Ganzen sitzen die Handgriffe und Abläufe. Die Verlegung nach Litauen kann kommen.

Mit schweren Ketten wird der Panzer gegen seitliches Verrutschen gesichert. - © lehn
Mit schweren Ketten wird der Panzer gegen seitliches Verrutschen gesichert. - © lehn

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