Mit Finger auf "die da" zeigen? Von Nadine Conti Minden (nec). Mit der Angst vor Muslimen, den "Feinden aus dem Morgenland" (so der Titel seines Buches) beschäftigt sich Professor Dr. Wolfgang Benz schon seit geraumer Zeit. Auf Einladung der VHS und der Mindener Initiative "Minden - Für Demokratie und Vielfalt" stellte er nun rund 30 Zuhörern im Kleinen Theater am Weingarten seine Thesen vor. Wolfgang Benz kritisiert IslamkritikerBenz, bis 2011 Leiter des zur Technischen Universität Berlin gehörenden Zentrums für Antisemitismusforschung, analysiert die Argumentationsmuster bekannter Islamkritiker wie Thilo Sarrazin, Hans-Peter Raddatz, Udo Ulfkotte und Necla Kelek und findet Parallelen zum Antisemitismus des 19. Jahrhunderts. Benz geht es, so sagt er, um die Untersuchung der Feindschaft, die die Mehrheit einer Gesellschaft wechselnden Minderheiten entgegen bringt.Die Mechanismen der Ausgrenzung sind immer die Gleichen: Erst wird ein Zerrbild, ein Stereotyp konstruiert (etwa wie diese: "Der Islam ist eine gewalttätige Religion", "Muslime sind prinzipiell nicht integrationsbereit"), und dann wird dieser Gruppe, die so erst einmal nur in den Köpfen ihrer Feinde existiert, feindselige Absichten unterstellt (etwa so: "Muslime unterwandern unsere Gesellschaft "). Das ist dann der Freifahrtsschein für eine Ausgrenzung, die als Selbstverteidigung, gar Notwehr maskiert wird.Für Benz zeigen sich hierin klassische Abwehrreflexe einer verunsicherten Gesellschaft, die sich ihrer selbst zu vergewissern sucht, in dem sie mit dem Finger auf "die da" zeigt. "Feindbilder dienen dazu, gesellschaftliche und politische Frustrationen zu lindern." Genau hierin sieht er aber auch die Gefahr: Denn wenn eine Gesellschaft solche Ausgrenzungsmechanismen einmal zulässt, gefährdet sie ihre eigenen demokratischen Grundlagen, dann sind Menschen- und Bürgerrechte nicht mehr viel wert, ist auch ein vernünftiger Dialog auf Augenhöhe nicht mehr möglich. Für ihn sind hier Fremdenfeinde und Kulturrassisten am Werk, die sich nach Kräften bemühen, aus sozialen Konflikten ethnische oder religiöse Auseinandersetzungen zu machen.Vorurteile sagen viel über den, der sie hatAllerdings hat Benz für seine Position auch viel Kritik einstecken müssen: Getreu der zentralen Erkenntnis der Vorurteilsforschung, dass Vorurteile mehr mit dem zu tun haben, der sie hat, als mit dem, gegen die sie sich richten, verweigert er jede inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Islam. "Ich kann ihnen nicht den Islam erklären", sagt er. Kritiker werfen ihm deshalb vor, er blende tatsächlich existierende Konflikte einfach aus. Andere werfen ihm vor, er setze Juden und Muslime gleich - was angesichts der staatlichen Judenverfolgung des 20. Jahrhunderts und des Holocaust ein ziemlich schiefes Bild ergäbe.In Minden war solche Kritik nicht zu hören. Benz stieß mit seinem temperamentvollen, aber auch ziemlich akademischen Vortrag eher auf wohlwollendes Nicken beim überwiegend älteren Publikum. Aber vielleicht hatte ja auch der laue Sommerabend die Streitlust ausgebremst.

Mit Finger auf "die da" zeigen?

Minden (nec). Mit der Angst vor Muslimen, den "Feinden aus dem Morgenland" (so der Titel seines Buches) beschäftigt sich Professor Dr. Wolfgang Benz schon seit geraumer Zeit. Auf Einladung der VHS und der Mindener Initiative "Minden - Für Demokratie und Vielfalt" stellte er nun rund 30 Zuhörern im Kleinen Theater am Weingarten seine Thesen vor.

Kritisch mit aus seiner Sicht unbegründeten Ängsten ging Benz ins Gericht. - © Foto: Conti
Kritisch mit aus seiner Sicht unbegründeten Ängsten ging Benz ins Gericht. - © Foto: Conti

Wolfgang Benz kritisiert Islamkritiker

Benz, bis 2011 Leiter des zur Technischen Universität Berlin gehörenden Zentrums für Antisemitismusforschung, analysiert die Argumentationsmuster bekannter Islamkritiker wie Thilo Sarrazin, Hans-Peter Raddatz, Udo Ulfkotte und Necla Kelek und findet Parallelen zum Antisemitismus des 19. Jahrhunderts. Benz geht es, so sagt er, um die Untersuchung der Feindschaft, die die Mehrheit einer Gesellschaft wechselnden Minderheiten entgegen bringt.

Die Mechanismen der Ausgrenzung sind immer die Gleichen: Erst wird ein Zerrbild, ein Stereotyp konstruiert (etwa wie diese: "Der Islam ist eine gewalttätige Religion", "Muslime sind prinzipiell nicht integrationsbereit"), und dann wird dieser Gruppe, die so erst einmal nur in den Köpfen ihrer Feinde existiert, feindselige Absichten unterstellt (etwa so: "Muslime unterwandern unsere Gesellschaft "). Das ist dann der Freifahrtsschein für eine Ausgrenzung, die als Selbstverteidigung, gar Notwehr maskiert wird.

Für Benz zeigen sich hierin klassische Abwehrreflexe einer verunsicherten Gesellschaft, die sich ihrer selbst zu vergewissern sucht, in dem sie mit dem Finger auf "die da" zeigt. "Feindbilder dienen dazu, gesellschaftliche und politische Frustrationen zu lindern." Genau hierin sieht er aber auch die Gefahr: Denn wenn eine Gesellschaft solche Ausgrenzungsmechanismen einmal zulässt, gefährdet sie ihre eigenen demokratischen Grundlagen, dann sind Menschen- und Bürgerrechte nicht mehr viel wert, ist auch ein vernünftiger Dialog auf Augenhöhe nicht mehr möglich. Für ihn sind hier Fremdenfeinde und Kulturrassisten am Werk, die sich nach Kräften bemühen, aus sozialen Konflikten ethnische oder religiöse Auseinandersetzungen zu machen.

Vorurteile sagen viel über den, der sie hat

Allerdings hat Benz für seine Position auch viel Kritik einstecken müssen: Getreu der zentralen Erkenntnis der Vorurteilsforschung, dass Vorurteile mehr mit dem zu tun haben, der sie hat, als mit dem, gegen die sie sich richten, verweigert er jede inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Islam. "Ich kann ihnen nicht den Islam erklären", sagt er. Kritiker werfen ihm deshalb vor, er blende tatsächlich existierende Konflikte einfach aus. Andere werfen ihm vor, er setze Juden und Muslime gleich - was angesichts der staatlichen Judenverfolgung des 20. Jahrhunderts und des Holocaust ein ziemlich schiefes Bild ergäbe.

In Minden war solche Kritik nicht zu hören. Benz stieß mit seinem temperamentvollen, aber auch ziemlich akademischen Vortrag eher auf wohlwollendes Nicken beim überwiegend älteren Publikum. Aber vielleicht hatte ja auch der laue Sommerabend die Streitlust ausgebremst.

Copyright © Mindener Tageblatt 2022
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.