Mit 80 Tonnen durch das Mindener Industriegebiet MT-Sommerpraktikant: Redakteur Jan Henning Rogge durchlebt bei der Mindener Kreisbahn einen Kindheitstraum auf Schienen Jan Henning Rogge Minden (mt). Zugegeben, ein Rennwagen ist die Rangierlok vom Typ MAK G1203 nicht. Es dauert ein bisschen, bis die gut 1000 PS ihre 80 Tonnen auf 50 km/h beschleunigt haben. Das macht aber gar nichts – schließlich sitze ich am Gashebel. Christoph Riechmann stellt klar: „Am besten fasst du gar nichts an – erst mal zugucken!“ Der 33-jährige Lokführer zeigt mir heute bei der Mindener Kreisbahnen GmbH (MKB), wo es langgeht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn den Weg findet die Lok trotz der Schienen nicht alleine. Und Vollgas ist sowieso die Ausnahme. „Langsam“ und „vorsichtig“ scheinen in Christophs Wortschatz eine zentrale Rolle zu spielen.Einmal Lokführer sein – das ist sicherlich der Kindheitstraum vieler Männer. Meiner besonders, seit ich als Kind ein Foto gesehen habe: Es zeigt eine riesengroße Dampflok – und aus dem Fenster des Führerstands schaut mein Vater. Als junger Ingenieur bei der ehemaligen Bundesbahn (heute Deutsche Bahn AG) gehörte damals der Lokführerschein zur Grundausstattung, egal ob Elektro-Lok, Diesel oder eben Dampf. Klar, dass mich die Suche nach einem Praktikumsplatz zu einem Bahnunternehmen führt.Mit solch einem Ungetüm wie die Schnellzuglokomotive von damals kann die MKB nicht dienen. Aber 80 Tonnen Metall unter den Füßen – das fühlt sich auch nicht schlecht an. Christoph erklärt erst mal, worum es geht. Gesteuert wird die Lok im Wesentlichen über zwei Hebel. Mit der linken Hand wird die Geschwindigkeit bestimmt, mit der rechten gebremst. Gesessen wird nur selten. Allerdings muss mit dem Fuß regelmäßig ein Schalter bedient werden. Hier kann ich glänzen (danke, Papa!): „Das ist doch der Tote-Mann-Schalter, oder?“, sage ich. Christoph scheint ein ganz klein wenig beeindruckt zu sein. „Totmannschalter, ja“, sagt er. „Wenn der nicht regelmäßig gedrückt wird, bremst die Lok automatisch ab.“Aber bevor es losgeht, muss Christopher sich noch an der Lok anmelden. Mein Einsatz: „Ah, für die Indusi!“, sage ich (noch mal danke, Papa!). Indusi steht für „induktive Zugbeeinflussung“, ein weiteres Sicherheitssystem, mit dem Züge beim Überfahren von Halte-signalen automatisch gebremst werden. Jetzt ist mein Chef tatsächlich beeindruckt. Ich gestehe meine familiäre Vorbelastung – und bekomme meine Chance. „Na dann, probier’ mal.“Es ist so weit. 1000 PS reagieren auf meine Handbewegung. „Einfach hochschalten“, sagt Christoph. „Jetzt die Bremse lösen.“ Mit einem Zischen entweicht die Druckluft. Hurra, es geht los! Kaum merklich nimmt der Dieselkoloss Fahrt auf. Fünf km/h, sechs, sieben – „und jetzt brems’ mal“, sagt der Chef. Ich bremse. Rums. Die Lok steht. „Sachte!“, sagt Christoph. Leichter gesagt als getan.Ein Zug statt 50 Lkw-TransporteJetzt müssen wir einen Container-Zug abholen und zum Hafen bringen. „Fahr du mal. Und halt ganz dicht am Zug“, sagt mein Chef. Klar. Kein Problem. „Mehr als fünf km/h halten die Waggons übrigens nicht aus“, ergänzt er dann mit Blick auf den Tacho. Danke. Jetzt bin ich noch nervöser. Ich bremse. Ganz sacht. Rums. Wir stehen. Zehn Meter vor dem Zug. „Mach du mal lieber“, sage ich.Christoph übernimmt. Aber nicht aus der Lok heraus. Er schnallt sich eine Fernbedienung um, mit der er die Lok von außen bedienen kann. „Das spart den Rangierer“, erklärt er. Dann fährt er die Lok vorsichtig an den Containerzug heran und kuppelt sie an. Während er über die Lok den Zug mit Druckluft versorgt, erklärt er mir die eigentlich korrekte Berufsbezeichnung: Lok-rangierführer.Das bedeutet, dass er nicht nur die Lok fährt, sondern auch die Rangierarbeiten dank der Fernbedienung alleine übernimmt. Und Wagenmeister ist er obendrein: Die vor jeder Abfahrt vorgeschriebene Zuguntersuchung darf er auch vornehmen.Wir ziehen den Zug vor, dann lässt mich mein Chef auf der Lok zurück. Alleine geht er ans Zugende, das jetzt die Spitze wird, legt die Weiche um und stellt sich auf eine Plattform am ersten Waggon. Mit der Fernbedienung geht es nun über die Karlstraße in den Mindener Hafen. Hier werden die leeren Container gegen volle ausgetauscht. Darauf müssen wir aber nicht warten. Nur mit der Lok geht es zurück zum MKB-Gelände.Dreimal pro Woche bedient die MKB den Hafen mit jeweils zwei 350-Meter-Zügen. Die Waggons werden dort mit Fleischwaren der Rheda-Wiedenbrücker Firma Tönnies beladen und dann zu einem kompletten 700-Meter-Zug zusammengesetzt, bevor sie von der MKB weitertransportiert werden. 50 Lkw ersetzt so ein Transport. Zweimal pro Woche fährt eine Elektrolok des Mindener Bahnunternehmens dann nach Bremerhaven, ein-mal pro Woche nach Hamburg, wo die Container jeweils auf Schiffe verladen werden.Thromboseschicht im Güterzug„Tromboseschichten“ nennt Christoph solche Touren. „Da sitzt man die ganze Zeit nur rum.“ Er fährt lieber in der Region. „Ich mache den Rangierdienst ganz gerne.“ Sagt’s und verlässt die Lok. Wir sind auf dem Weg nach Aminghausen, um einen Güterwaggon „zuzustellen“, wie wir Bahner sagen. An der Hans-Böckler-Straße müssen wir auf die rechte Straßenseite. Die Signalanlage muss mein Chef von Hand bedienen, die Ampel für den Autoverkehr schaltet auf Rot. Wir müssen warten, bis es für uns freie Fahrt heißt. „Die Signale sind so geschaltet, dass jeder Verkehrsteilnehmer ausreichend Zeit hat, den Bahnübergang zu räumen“, sagt Christoph.Kurz bevor wir losfahren, hält es ein Autofahrer nicht mehr aus, überholt die Autos vor ihm und fährt über die rote Ampel. Dann rollen wir los. Bei voller Fahrt wäre die Lok nicht rechtzeitig zum Stehen gekommen. Christoph zuckt mit der Schulter. Alltag.Wir fahren unfallfrei zurück, Christophs Schicht endet. Ein bisschen wehmütig klettere ich von der Lok. Was das Beste an seiner Arbeit ist, frage ich. Christoph schaut auf die große MKB-E-Lok und sagt: „Wer kann schon von sich behaupten, mit 5700 PS unterwegs zu sein?“ Ich folge seinem Blick. Groß, rot und silber, kraftvoll sieht sie aus. Ich gerate ins Grübeln. Ob wir nächstes Jahr vielleicht noch mal eine Praktikumsserie machen...?

Mit 80 Tonnen durch das Mindener Industriegebiet

Minden (mt). Zugegeben, ein Rennwagen ist die Rangierlok vom Typ MAK G1203 nicht. Es dauert ein bisschen, bis die gut 1000 PS ihre 80 Tonnen auf 50 km/h beschleunigt haben. Das macht aber gar nichts – schließlich sitze ich am Gashebel.

Christoph Riechmann stellt klar: „Am besten fasst du gar nichts an – erst mal zugucken!“ Der 33-jährige Lokführer zeigt mir heute bei der Mindener Kreisbahnen GmbH (MKB), wo es langgeht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn den Weg findet die Lok trotz der Schienen nicht alleine. Und Vollgas ist sowieso die Ausnahme. „Langsam“ und „vorsichtig“ scheinen in Christophs Wortschatz eine zentrale Rolle zu spielen.

- © MT-Foto: Manfred Otto
© MT-Foto: Manfred Otto

Einmal Lokführer sein – das ist sicherlich der Kindheitstraum vieler Männer. Meiner besonders, seit ich als Kind ein Foto gesehen habe: Es zeigt eine riesengroße Dampflok – und aus dem Fenster des Führerstands schaut mein Vater. Als junger Ingenieur bei der ehemaligen Bundesbahn (heute Deutsche Bahn AG) gehörte damals der Lokführerschein zur Grundausstattung, egal ob Elektro-Lok, Diesel oder eben Dampf. Klar, dass mich die Suche nach einem Praktikumsplatz zu einem Bahnunternehmen führt.

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Mit solch einem Ungetüm wie die Schnellzuglokomotive von damals kann die MKB nicht dienen. Aber 80 Tonnen Metall unter den Füßen – das fühlt sich auch nicht schlecht an. Christoph erklärt erst mal, worum es geht. Gesteuert wird die Lok im Wesentlichen über zwei Hebel. Mit der linken Hand wird die Geschwindigkeit bestimmt, mit der rechten gebremst. Gesessen wird nur selten. Allerdings muss mit dem Fuß regelmäßig ein Schalter bedient werden. Hier kann ich glänzen (danke, Papa!): „Das ist doch der Tote-Mann-Schalter, oder?“, sage ich. Christoph scheint ein ganz klein wenig beeindruckt zu sein. „Totmannschalter, ja“, sagt er. „Wenn der nicht regelmäßig gedrückt wird, bremst die Lok automatisch ab.“

Alltag: Für den Opelfahrer scheint das Rotlicht nicht zu gelten. Zum Glück wartet die Lok.
Alltag: Für den Opelfahrer scheint das Rotlicht nicht zu gelten. Zum Glück wartet die Lok.

Aber bevor es losgeht, muss Christopher sich noch an der Lok anmelden. Mein Einsatz: „Ah, für die Indusi!“, sage ich (noch mal danke, Papa!). Indusi steht für „induktive Zugbeeinflussung“, ein weiteres Sicherheitssystem, mit dem Züge beim Überfahren von Halte-signalen automatisch gebremst werden. Jetzt ist mein Chef tatsächlich beeindruckt. Ich gestehe meine familiäre Vorbelastung – und bekomme meine Chance. „Na dann, probier’ mal.“

Es ist so weit. 1000 PS reagieren auf meine Handbewegung. „Einfach hochschalten“, sagt Christoph. „Jetzt die Bremse lösen.“ Mit einem Zischen entweicht die Druckluft. Hurra, es geht los! Kaum merklich nimmt der Dieselkoloss Fahrt auf. Fünf km/h, sechs, sieben – „und jetzt brems’ mal“, sagt der Chef. Ich bremse. Rums. Die Lok steht. „Sachte!“, sagt Christoph. Leichter gesagt als getan.

Ein Zug statt 50 Lkw-Transporte

Jetzt müssen wir einen Container-Zug abholen und zum Hafen bringen. „Fahr du mal. Und halt ganz dicht am Zug“, sagt mein Chef. Klar. Kein Problem. „Mehr als fünf km/h halten die Waggons übrigens nicht aus“, ergänzt er dann mit Blick auf den Tacho. Danke. Jetzt bin ich noch nervöser. Ich bremse. Ganz sacht. Rums. Wir stehen. Zehn Meter vor dem Zug. „Mach du mal lieber“, sage ich.

Christoph übernimmt. Aber nicht aus der Lok heraus. Er schnallt sich eine Fernbedienung um, mit der er die Lok von außen bedienen kann. „Das spart den Rangierer“, erklärt er. Dann fährt er die Lok vorsichtig an den Containerzug heran und kuppelt sie an. Während er über die Lok den Zug mit Druckluft versorgt, erklärt er mir die eigentlich korrekte Berufsbezeichnung: Lok-rangierführer.

Das bedeutet, dass er nicht nur die Lok fährt, sondern auch die Rangierarbeiten dank der Fernbedienung alleine übernimmt. Und Wagenmeister ist er obendrein: Die vor jeder Abfahrt vorgeschriebene Zuguntersuchung darf er auch vornehmen.

Wir ziehen den Zug vor, dann lässt mich mein Chef auf der Lok zurück. Alleine geht er ans Zugende, das jetzt die Spitze wird, legt die Weiche um und stellt sich auf eine Plattform am ersten Waggon. Mit der Fernbedienung geht es nun über die Karlstraße in den Mindener Hafen. Hier werden die leeren Container gegen volle ausgetauscht. Darauf müssen wir aber nicht warten. Nur mit der Lok geht es zurück zum MKB-Gelände.

Dreimal pro Woche bedient die MKB den Hafen mit jeweils zwei 350-Meter-Zügen. Die Waggons werden dort mit Fleischwaren der Rheda-Wiedenbrücker Firma Tönnies beladen und dann zu einem kompletten 700-Meter-Zug zusammengesetzt, bevor sie von der MKB weitertransportiert werden. 50 Lkw ersetzt so ein Transport. Zweimal pro Woche fährt eine Elektrolok des Mindener Bahnunternehmens dann nach Bremerhaven, ein-mal pro Woche nach Hamburg, wo die Container jeweils auf Schiffe verladen werden.

Thromboseschicht im Güterzug

„Tromboseschichten“ nennt Christoph solche Touren. „Da sitzt man die ganze Zeit nur rum.“ Er fährt lieber in der Region. „Ich mache den Rangierdienst ganz gerne.“ Sagt’s und verlässt die Lok. Wir sind auf dem Weg nach Aminghausen, um einen Güterwaggon „zuzustellen“, wie wir Bahner sagen. An der Hans-Böckler-Straße müssen wir auf die rechte Straßenseite. Die Signalanlage muss mein Chef von Hand bedienen, die Ampel für den Autoverkehr schaltet auf Rot. Wir müssen warten, bis es für uns freie Fahrt heißt. „Die Signale sind so geschaltet, dass jeder Verkehrsteilnehmer ausreichend Zeit hat, den Bahnübergang zu räumen“, sagt Christoph.

Kurz bevor wir losfahren, hält es ein Autofahrer nicht mehr aus, überholt die Autos vor ihm und fährt über die rote Ampel. Dann rollen wir los. Bei voller Fahrt wäre die Lok nicht rechtzeitig zum Stehen gekommen. Christoph zuckt mit der Schulter. Alltag.

Wir fahren unfallfrei zurück, Christophs Schicht endet. Ein bisschen wehmütig klettere ich von der Lok. Was das Beste an seiner Arbeit ist, frage ich. Christoph schaut auf die große MKB-E-Lok und sagt: „Wer kann schon von sich behaupten, mit 5700 PS unterwegs zu sein?“ Ich folge seinem Blick. Groß, rot und silber, kraftvoll sieht sie aus. Ich gerate ins Grübeln. Ob wir nächstes Jahr vielleicht noch mal eine Praktikumsserie machen...?

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