Mindens Ortsvorsteher haben für die Kommunalwahl ein neues gemeinsames Ziel Monika Jäger Minden (mt). Manchmal, da klingelt das Telefon auch nachts. Wenn gegenüber die Straßenlaterne nicht brennt oder gerade bei Starkregen der Graben voll läuft, zum Beispiel. Dann rufen die Bürger bei ihrem Ortsvorsteher an. „Wir sind Helfer, Ansprechpartner, manchmal sogar Kummerkasten oder Sozialarbeiter", sagt Klaus von der Ahe (Bölhorst), „je nachdem, was gerade nötig ist." Vor allem aber sind sie Generalisten. Denn die 19 Männer und Frauen, die dieses Ehrenamt in Minden ausüben, müssen sich nicht nur in dem auskennen, was in ihrem Ortsteil passiert, sondern auch in dem, was in größerem Rahmen geplant wird und ihren Bereich betrifft. Wenn beispielsweise Straßenanliegergebühren am Bierpohlweg plötzlich ein Thema werden, muss der Ortsvorsteher sich auskennen. Wenn die alte Schule in Dützen verkauft und entwickelt werden soll, ist es auch der Ortsvorsteher, der sich verständig dazu äußern muss. Wenn die Bürger auf die Barrikaden gehen, weil die Stadt ein neues Industriegebiet plant, auch dann ist es der Ortsvorsteher, der als erster angerufen wird und der oft auch Vermittler sein soll. „Anders als die Stadtverwaltung sind wir rund um die Uhr da – egal wo, egal wann. Auch, wenn wir gerade einkaufen oder spazieren gehen." Wegen der Aufwandsentschädigung von 195,30 Euro im Monat mache das keiner, „man muss schon Lust dazu haben und den Ort und die Menschen mögen", so Thomas Jozefiak (Haddenhausen). Willi Weiß (Nordstadt) nennt Ortsvorsteher eine „Brücke zwischen Stadt und Bürgern". Und diese Brücke soll tragfähiger werden. Darum haben sich die 19 nun zusammengetan und Renate Riechmann-Gäbler zur Sprecherin gewählt. Regelmäßige Treffen, Informationsaustausch, einander raten, helfen und zuhören: So wollen die Ehrenbeamten der Stadt ihre Arbeit künftig noch besser machen. Denn die Themen, mit denen sie es zu tun haben, sind breit gefächert und werden immer komplexer. „Wir sind diejenigen, die draußen vor Ort sind", sagt Heinz-Günther Kelle (Häverstädt). „Wir kennen die Menschen und wissen, was sie denken." Der Awo-Singkreis steht bei ihm ebenso auf der Liste wie der Neubau der B 65 neu. „Wie sehr unsere Orte an der Bergkante durch den stark zugenommenen Verkehr nach dem Klinikums-Neubau gelitten haben, das haben doch vor allem wir im Blick – und nicht die Verwaltung." Verkehr sei eines der Themen, wo alle künftig ortsteilübergreifend an einem Strang ziehen sollten. Auch Klaus von der Ahe versucht in Bölhorst gerade, zwischen seinen Bürgern und der Verwaltung zu vermitteln, weil die Bewohner zunehmend Parkprobleme haben. „Hier werden gerade viele Baulücken geschlossen, überall sind dicke LKW – da möchten die älteren Bürger, dass die Stadt die Bauordnung ändert." Während die Männer von der Bergkante – Haddenhausen bis Dützen – viele gemeinsame Interessen sehen und formulieren (Jozefiak/Haddenhausen: "Für die Stadt hört Minden bei Heitkamp und Hacker auf"), sind auch andere nicht voll zufrieden. Richmann-Gäbler (Meißen) findet: „Hinterm Bahnhof passiert doch auch nicht mehr viel.", und Udo Braun-Niermann (Stemmer) sagt: „Bei uns brennt es beim öffentlichen Nahverkehr." Jeder will das Beste für seinen Ort - und hat dazu vor allem erst einmal die Brille für sein Dorf auf. Um so wichtiger sei doch ein Erfahrungsaustausch wie dieser Treff, so Bernd Müller (Rodenbeck): „Wir haben viele Unterschiede – das fängt schon dabei an, dass die Bürger uns anders sehen, je nachdem, ob wir aus einem der alten gewachsenen Dörfer oder einem der neuen Ortsteile kommen." In Rodenbeck wisse beispielsweise längst nicht jeder, dass es einen Ortsvorsteher gibt. Um so besser, dass nun die Quartierstreffpunkte und die Quartiersmanager in den bevölkerungsreichen Bezirken geschaffen wurden und werden. Davon müsste es mehr geben, finden viele. Denn nötig sind solche Vernetzer und solche Treffpunkte eigentlich überall. „Im Grunde sind wir doch auch Quartiersmanager. Wir bekommen das Geld nur nicht", so Jozefiak. Und weil jeder so viel mit seinem eigenen Bereich zu tun hat, wird nicht immer auf die anderen geschaut. Dabei könnten sie viel voneinander lernen und einander auch unterstützen. Und sie werden lernen, einander besser zu verstehen: Was bedeutetn ein Regioport, eine neue Verkehrsader, neue Umweltschutzgesetze für den Ortsteil? Was müssen die Bürger akzeptieren, wo und wie können sie ihren Protest los werden? Manche Ortsvorsteher setzen gute Ideen um, von denen alle profitieren könnten. „Warum kein Bürgerbus für Stemmer?", überlegt Braun-Niermann, „Gut ist, dass ich hier einfach mal die anderen fragen kann. 'Wie macht Ihr das mit Ehrungen?", zum Beispiel. So was ganz Praktisches." Vor allem die, die noch nicht so lange dabei sind, fänden das wichtig. Ehrungen übrigens sind im Alltag der 19 ein Highlight. „Das sind die positivsten Momente" – da nicken viele. Denn Lob und Zuspruch bekommen sie alle nach eigenem Eindruck viel zu selten. Und auch bei der Stadtverwaltung, deren Ehrenbeamte sie doch seien, träfen sie nicht immer auf offene Ohren für ihre Anliegen. „Im Regelfall ist die Zusammenarbeit mit der Verwaltung gut", sagt Müller, der Vermittelnde. Riechmann-Gäbler ist da direkter: „Die Lust an der Arbeit als Ortsvorsteherin vergeht, wenn die Verwaltung ihre Spielräume nicht zugunsten der Bürger auslegt." Auch Jozefiak fordert mehr pragmatische Lösungen. Einig sind sich alle: Es komme immer darauf an, mit wem man es zu tun habe. Denn nicht alle Mitarbeiter wüssten, was ein „Ortsvorsteher" eigentlich ist. „Ich glaube, die denken manchmal „da kommt so ein alter Typ, der hält sich für wichtig", sagt Braun-Niermann. Walter Piepenbrink (Todtenhausen) teilt diesen Eindruck. Die moderne Verwaltung könne eben nicht immer auf die Ideen für schnelle, pragmatische Lösungen, eingehen, auch weil die Vorschriften anders geworden seien. Eine Brücke, Kümmerer, Ehrenamtler, die manchmal selbst etwas hilflos zwischen Baum und Borke stecken, „Ortsversteher" (Braun-Niermann), Rund-um-die-Uhr-Ansprechbare: für all das wünschen sich die 19 nun einen besseren Titel als das kühle „Ortsvorsteher". „Wir wollen ja nicht auf der Sänfte getragen werden. Aber eine andere Bezeichnung wäre für viele Bürger deutlicher." Ab Herbst 2020 wären sie darum gerne „Ortsbürgermeister."

Mindens Ortsvorsteher haben für die Kommunalwahl ein neues gemeinsames Ziel

MT-Illustration: Alex Lehn

Minden (mt). Manchmal, da klingelt das Telefon auch nachts. Wenn gegenüber die Straßenlaterne nicht brennt oder gerade bei Starkregen der Graben voll läuft, zum Beispiel. Dann rufen die Bürger bei ihrem Ortsvorsteher an. „Wir sind Helfer, Ansprechpartner, manchmal sogar Kummerkasten oder Sozialarbeiter", sagt Klaus von der Ahe (Bölhorst), „je nachdem, was gerade nötig ist." Vor allem aber sind sie Generalisten. Denn die 19 Männer und Frauen, die dieses Ehrenamt in Minden ausüben, müssen sich nicht nur in dem auskennen, was in ihrem Ortsteil passiert, sondern auch in dem, was in größerem Rahmen geplant wird und ihren Bereich betrifft.

Wenn beispielsweise Straßenanliegergebühren am Bierpohlweg plötzlich ein Thema werden, muss der Ortsvorsteher sich auskennen. Wenn die alte Schule in Dützen verkauft und entwickelt werden soll, ist es auch der Ortsvorsteher, der sich verständig dazu äußern muss. Wenn die Bürger auf die Barrikaden gehen, weil die Stadt ein neues Industriegebiet plant, auch dann ist es der Ortsvorsteher, der als erster angerufen wird und der oft auch Vermittler sein soll. „Anders als die Stadtverwaltung sind wir rund um die Uhr da – egal wo, egal wann. Auch, wenn wir gerade einkaufen oder spazieren gehen."

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Wegen der Aufwandsentschädigung von 195,30 Euro im Monat mache das keiner, „man muss schon Lust dazu haben und den Ort und die Menschen mögen", so Thomas Jozefiak (Haddenhausen). Willi Weiß (Nordstadt) nennt Ortsvorsteher eine „Brücke zwischen Stadt und Bürgern".

Und diese Brücke soll tragfähiger werden. Darum haben sich die 19 nun zusammengetan und Renate Riechmann-Gäbler zur Sprecherin gewählt. Regelmäßige Treffen, Informationsaustausch, einander raten, helfen und zuhören: So wollen die Ehrenbeamten der Stadt ihre Arbeit künftig noch besser machen. Denn die Themen, mit denen sie es zu tun haben, sind breit gefächert und werden immer komplexer.

Gruppenbild beim Treffen und zum MT-Gespräch:
Gruppenbild beim Treffen und zum MT-Gespräch:

„Wir sind diejenigen, die draußen vor Ort sind", sagt Heinz-Günther Kelle (Häverstädt). „Wir kennen die Menschen und wissen, was sie denken." Der Awo-Singkreis steht bei ihm ebenso auf der Liste wie der Neubau der B 65 neu. „Wie sehr unsere Orte an der Bergkante durch den stark zugenommenen Verkehr nach dem Klinikums-Neubau gelitten haben, das haben doch vor allem wir im Blick – und nicht die Verwaltung." Verkehr sei eines der Themen, wo alle künftig ortsteilübergreifend an einem Strang ziehen sollten. Auch Klaus von der Ahe versucht in Bölhorst gerade, zwischen seinen Bürgern und der Verwaltung zu vermitteln, weil die Bewohner zunehmend Parkprobleme haben. „Hier werden gerade viele Baulücken geschlossen, überall sind dicke LKW – da möchten die älteren Bürger, dass die Stadt die Bauordnung ändert."

Während die Männer von der Bergkante – Haddenhausen bis Dützen – viele gemeinsame Interessen sehen und formulieren (Jozefiak/Haddenhausen: "Für die Stadt hört Minden bei Heitkamp und Hacker auf"), sind auch andere nicht voll zufrieden. Richmann-Gäbler (Meißen) findet: „Hinterm Bahnhof passiert doch auch nicht mehr viel.", und Udo Braun-Niermann (Stemmer) sagt: „Bei uns brennt es beim öffentlichen Nahverkehr."

Jeder will das Beste für seinen Ort - und hat dazu vor allem erst einmal die Brille für sein Dorf auf. Um so wichtiger sei doch ein Erfahrungsaustausch wie dieser Treff, so Bernd Müller (Rodenbeck): „Wir haben viele Unterschiede – das fängt schon dabei an, dass die Bürger uns anders sehen, je nachdem, ob wir aus einem der alten gewachsenen Dörfer oder einem der neuen Ortsteile kommen." In Rodenbeck wisse beispielsweise längst nicht jeder, dass es einen Ortsvorsteher gibt. Um so besser, dass nun die Quartierstreffpunkte und die Quartiersmanager in den bevölkerungsreichen Bezirken geschaffen wurden und werden. Davon müsste es mehr geben, finden viele. Denn nötig sind solche Vernetzer und solche Treffpunkte eigentlich überall. „Im Grunde sind wir doch auch Quartiersmanager. Wir bekommen das Geld nur nicht", so Jozefiak.

Und weil jeder so viel mit seinem eigenen Bereich zu tun hat, wird nicht immer auf die anderen geschaut. Dabei könnten sie viel voneinander lernen und einander auch unterstützen. Und sie werden lernen, einander besser zu verstehen: Was bedeutetn ein Regioport, eine neue Verkehrsader, neue Umweltschutzgesetze für den Ortsteil? Was müssen die Bürger akzeptieren, wo und wie können sie ihren Protest los werden? Manche Ortsvorsteher setzen gute Ideen um, von denen alle profitieren könnten. „Warum kein Bürgerbus für Stemmer?", überlegt Braun-Niermann, „Gut ist, dass ich hier einfach mal die anderen fragen kann. 'Wie macht Ihr das mit Ehrungen?", zum Beispiel. So was ganz Praktisches." Vor allem die, die noch nicht so lange dabei sind, fänden das wichtig.

Ehrungen übrigens sind im Alltag der 19 ein Highlight. „Das sind die positivsten Momente" – da nicken viele. Denn Lob und Zuspruch bekommen sie alle nach eigenem Eindruck viel zu selten. Und auch bei der Stadtverwaltung, deren Ehrenbeamte sie doch seien, träfen sie nicht immer auf offene Ohren für ihre Anliegen. „Im Regelfall ist die Zusammenarbeit mit der Verwaltung gut", sagt Müller, der Vermittelnde. Riechmann-Gäbler ist da direkter: „Die Lust an der Arbeit als Ortsvorsteherin vergeht, wenn die Verwaltung ihre Spielräume nicht zugunsten der Bürger auslegt." Auch Jozefiak fordert mehr pragmatische Lösungen.

Einig sind sich alle: Es komme immer darauf an, mit wem man es zu tun habe. Denn nicht alle Mitarbeiter wüssten, was ein „Ortsvorsteher" eigentlich ist. „Ich glaube, die denken manchmal „da kommt so ein alter Typ, der hält sich für wichtig", sagt Braun-Niermann. Walter Piepenbrink (Todtenhausen) teilt diesen Eindruck. Die moderne Verwaltung könne eben nicht immer auf die Ideen für schnelle, pragmatische Lösungen, eingehen, auch weil die Vorschriften anders geworden seien.

Eine Brücke, Kümmerer, Ehrenamtler, die manchmal selbst etwas hilflos zwischen Baum und Borke stecken, „Ortsversteher" (Braun-Niermann), Rund-um-die-Uhr-Ansprechbare: für all das wünschen sich die 19 nun einen besseren Titel als das kühle „Ortsvorsteher". „Wir wollen ja nicht auf der Sänfte getragen werden. Aber eine andere Bezeichnung wäre für viele Bürger deutlicher." Ab Herbst 2020 wären sie darum gerne „Ortsbürgermeister."

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