Mindenerin wird auf ihrer Südafrika-Reise plötzlich Teil eines Kriminalfalls Benjamin Piel Minden (mt). Claudia Nolte ist ganz zufrieden mit sich. Das Leben hat ihr eine Aufgabe gestellt und sie hat die Aufgabe gelöst. So interpretiert sie, was sie innerhalb der zurückliegenden Monate in Afrika erlebt hat. So richtig glauben kann sie noch immer nicht, dass ihr das alles tatsächlich passiert ist. Es begann mit einem harmlosen Kennenlernen in Südafrika. Dorthin ist die 61-jährige Mindenerin erstmals 1976 gereist und hat sich damals so sehr in das Land verguckt, dass es ihr bis heute eine zweite Heimat ist, erzählt sie. Damals spürte sie eine Energie wie von einer „Seelentankstelle“. Vor allem der afrikanische Busch sei ein Ort, wo sie völlig zur Ruhe komme. Und so reiste die Unternehmensberaterin immer wieder in das Land, lebte für sieben Jahre sogar ganz dort und behielt auch nach ihrer Rückkehr das kleine Mietshaus in Johannesburg. Dorthin ging es auch Ende vergangenen Jahres. In der Nähe einer Freundin war ein neuer Nachbar eingezogen, berichtet Nolte. Als die beiden sich begegneten, habe sie dem Mann eine „unendliche Einsamkeit“ abgespürt, die sie „sehr berührt“ habe. Außerdem sei der Mann – ein weißer Südafrikaner – krank, leide an Morbus Crohn, einer chronischen Darmentzündung. Als sie ein paar Wochen später wieder nach dem Mann schauen wollte, habe sie ihn „völlig zusammengebrochen“ aufgefunden. Sie brachte den ihr noch immer recht unbekannten Mann ins Krankenhaus und besuchte ihn jeden Tag, erinnert sie sich. Am zehnten Tag des Krankenhaus-Aufenthalts sei die Tür aufgeflogen, der Krankenhaus-Direktor und zwei Polizisten seien ins Zimmer gekommen und der Mann sei im Schlafanzug verhaftet worden. Claudia Nolte erfuhr erstmal gar nichts und blieb verdutzt zurück. Doch so wollte sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Sie suchte und fand die Polizeistation, in die der Mann gebracht worden war. Der war inzwischen ins gegenüberliegende Gefängnis überstellt worden. Und das sei so ziemlich das Gruseligste gewesen, was sie je im Leben gesehen habe: „Hunderte feiste Ratten und ein verdreckter Betonboden.“ Die Mindenerin wundert sich noch heute über sich selbst. Warum hat sie eigentlich geholfen? Warum hat sie nicht gesagt: „Nun ja, was soll’s, dieser Mann hat offenbar Dreck am Stecken, was kümmert mich das?“ Sie habe „nie einen Zweifel“ gehabt, dass sie helfen müsse: „Mir war klar, dass dieser einsame, kranke, mittellose Mann niemanden hat, wenn ich ihn im Stich lasse und so habe ich in bedingungsloser Nächstenliebe gehandelt.“ In Südafrika gebe es keine sozialen Auffangstrukturen. Und so ist Nolte überzeugt, dass der Mann die Geschichte ohne ihr instinktives Handeln nicht überlebt hätte. Claudia Nolte bemühte sich herauszufinden, worum es denn eigentlich geht. Es stellte sich heraus, dass der Haftbefehl aus Kapstadt kam und der Vorwurf auf Betrug lautete. Als sie einen Anwalt anheuerte, habe sie durchaus diese Stimme in sich gehört: „Du bist verrückt, was machst du denn da? Willst du dich ins Unglück stürzen?“ Aber Nolte ignorierte die zweifelnde Stimme. Nicht blauäugig sei das gewesen, sondern „in dem Moment meine Aufgabe“. Beim ersten Gerichtstermin sei ein „schmerzgekrümmter Mann“ erschienen, die Staatsanwältin habe trotzdem darauf bestanden, dass er im Gefängnis bleiben müsse. Schließlich zahlte die Mindenerin eine Kaution und ihr Schützling kam frei: „Ich konnte nicht anders, weil ich Angst hatte, dass er sonst stirbt.“ In der Woche darauf begann der Prozess in Kapstadt, wieder habe sie einen Anwalt bezahlt. Der Mann selbst habe gesagt, er wisse nicht, worum es gehe. Nolte hatte Sorge, sie könne es am Ende mit einem Schwerverbrecher zu tun haben. Der Vorwurf sei schließlich aber „völlig lapidar“ im Verhältnis zur Inhaftierung gewesen: Er sei im Besitz eines Laptops, der ihm nicht gehöre, und habe ein Honorar erhalten, ohne die volle Gegenleistung geboten zu haben. „Einerseits irritiert mich dieses Rechtsverständnis, auf der anderen Seite war ich erleichtert.“ Der Mann habe inzwischen neuen Lebensmut gewonnen und das sei ohne Noltes „Dasein und Tun“ womöglich ganz anders gekommen: „Das macht mich zufrieden und ein bisschen stolz.“ Umso mehr wundert sie sich über die Reaktion der meisten Menschen: „Die wenigsten sagen, sie hätten genauso gehandelt.“ Und daraus ergibt sich für sie eine Grundsatzfrage: „Wie wollen wir als Menschen miteinander umgehen?“ #200in365 Benjamin Piel hat in seinem ersten Jahr als neuer MT-Chefredakteur 200 Menschen getroffen. Im zweiten Jahr möchte er sich mit weiteren Menschen treffen. Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@mt.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259.

Mindenerin wird auf ihrer Südafrika-Reise plötzlich Teil eines Kriminalfalls

Claudia Nolte aus Minden ist regelmäßig in Südafrika. In Johannesburg hat die Unternehmensberaterin ein Haus gemietet und dort steht auch ihr Pferd Gypsy. Foto: Delia Mason/pr © Deali Mason/pr

Minden (mt). Claudia Nolte ist ganz zufrieden mit sich. Das Leben hat ihr eine Aufgabe gestellt und sie hat die Aufgabe gelöst. So interpretiert sie, was sie innerhalb der zurückliegenden Monate in Afrika erlebt hat. So richtig glauben kann sie noch immer nicht, dass ihr das alles tatsächlich passiert ist.

Es begann mit einem harmlosen Kennenlernen in Südafrika. Dorthin ist die 61-jährige Mindenerin erstmals 1976 gereist und hat sich damals so sehr in das Land verguckt, dass es ihr bis heute eine zweite Heimat ist, erzählt sie. Damals spürte sie eine Energie wie von einer „Seelentankstelle“. Vor allem der afrikanische Busch sei ein Ort, wo sie völlig zur Ruhe komme. Und so reiste die Unternehmensberaterin immer wieder in das Land, lebte für sieben Jahre sogar ganz dort und behielt auch nach ihrer Rückkehr das kleine Mietshaus in Johannesburg.

Dorthin ging es auch Ende vergangenen Jahres. In der Nähe einer Freundin war ein neuer Nachbar eingezogen, berichtet Nolte. Als die beiden sich begegneten, habe sie dem Mann eine „unendliche Einsamkeit“ abgespürt, die sie „sehr berührt“ habe. Außerdem sei der Mann – ein weißer Südafrikaner – krank, leide an Morbus Crohn, einer chronischen Darmentzündung. Als sie ein paar Wochen später wieder nach dem Mann schauen wollte, habe sie ihn „völlig zusammengebrochen“ aufgefunden. Sie brachte den ihr noch immer recht unbekannten Mann ins Krankenhaus und besuchte ihn jeden Tag, erinnert sie sich. Am zehnten Tag des Krankenhaus-Aufenthalts sei die Tür aufgeflogen, der Krankenhaus-Direktor und zwei Polizisten seien ins Zimmer gekommen und der Mann sei im Schlafanzug verhaftet worden. Claudia Nolte erfuhr erstmal gar nichts und blieb verdutzt zurück.

Doch so wollte sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Sie suchte und fand die Polizeistation, in die der Mann gebracht worden war. Der war inzwischen ins gegenüberliegende Gefängnis überstellt worden. Und das sei so ziemlich das Gruseligste gewesen, was sie je im Leben gesehen habe: „Hunderte feiste Ratten und ein verdreckter Betonboden.“

Die Mindenerin wundert sich noch heute über sich selbst. Warum hat sie eigentlich geholfen? Warum hat sie nicht gesagt: „Nun ja, was soll’s, dieser Mann hat offenbar Dreck am Stecken, was kümmert mich das?“ Sie habe „nie einen Zweifel“ gehabt, dass sie helfen müsse: „Mir war klar, dass dieser einsame, kranke, mittellose Mann niemanden hat, wenn ich ihn im Stich lasse und so habe ich in bedingungsloser Nächstenliebe gehandelt.“ In Südafrika gebe es keine sozialen Auffangstrukturen. Und so ist Nolte überzeugt, dass der Mann die Geschichte ohne ihr instinktives Handeln nicht überlebt hätte.

Claudia Nolte bemühte sich herauszufinden, worum es denn eigentlich geht. Es stellte sich heraus, dass der Haftbefehl aus Kapstadt kam und der Vorwurf auf Betrug lautete. Als sie einen Anwalt anheuerte, habe sie durchaus diese Stimme in sich gehört: „Du bist verrückt, was machst du denn da? Willst du dich ins Unglück stürzen?“ Aber Nolte ignorierte die zweifelnde Stimme. Nicht blauäugig sei das gewesen, sondern „in dem Moment meine Aufgabe“.

Beim ersten Gerichtstermin sei ein „schmerzgekrümmter Mann“ erschienen, die Staatsanwältin habe trotzdem darauf bestanden, dass er im Gefängnis bleiben müsse. Schließlich zahlte die Mindenerin eine Kaution und ihr Schützling kam frei: „Ich konnte nicht anders, weil ich Angst hatte, dass er sonst stirbt.“ In der Woche darauf begann der Prozess in Kapstadt, wieder habe sie einen Anwalt bezahlt. Der Mann selbst habe gesagt, er wisse nicht, worum es gehe. Nolte hatte Sorge, sie könne es am Ende mit einem Schwerverbrecher zu tun haben. Der Vorwurf sei schließlich aber „völlig lapidar“ im Verhältnis zur Inhaftierung gewesen: Er sei im Besitz eines Laptops, der ihm nicht gehöre, und habe ein Honorar erhalten, ohne die volle Gegenleistung geboten zu haben. „Einerseits irritiert mich dieses Rechtsverständnis, auf der anderen Seite war ich erleichtert.“

Der Mann habe inzwischen neuen Lebensmut gewonnen und das sei ohne Noltes „Dasein und Tun“ womöglich ganz anders gekommen: „Das macht mich zufrieden und ein bisschen stolz.“ Umso mehr wundert sie sich über die Reaktion der meisten Menschen: „Die wenigsten sagen, sie hätten genauso gehandelt.“ Und daraus ergibt sich für sie eine Grundsatzfrage: „Wie wollen wir als Menschen miteinander umgehen?“

#200in365

Benjamin Piel hat in seinem ersten Jahr als neuer MT-Chefredakteur 200 Menschen getroffen. Im zweiten Jahr möchte er sich mit weiteren Menschen treffen. Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@mt.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259.

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