Mindener Mediengespräche: Ist Gewichtung schon eine Form von Zensur? Benjamin Piel Minden. Zweifel an der eigenen Arbeit zu haben oder gar auszusprechen, das ist nicht immer eine Stärke des Journalismus gewesen. Nein, der Journalist alter Schule kam oft breitbeinig daher, wie es Matthias Kalle nannte. Der Medien-Ombudsmann des Mindener Tageblatts zitierte zu Beginn des ersten „Mindener Mediengesprächs“ am Dienstagabend im Kleinen Theater am Weingarten den Schriftsteller George Saunders. Der hatte eine Reportage mit dem Satz begonnen „Donald Trump trägt eine rote Mütze oder auch nicht.“ Auf diese Weise zeige der Text, dass sich auch ein Reporter seiner Wahrnehmung nicht immer sicher sein dürfe. Das aber passiere im Journalismus zwar zunehmend, aber noch zu selten, ist Kalle überzeugt. Wirklichkeit abzubilden, die ja ohnehin jeder anders wahrnehme, sei „gar nicht so leicht“. Deshalb sollte es aus Sicht des früheren Zeit-Journalisten dazu gehören, die Grenzen dessen, was Journalismus kann, transparent zu benennen. Damit war ein handfester Konflikt beschrieben, der die Zuhörer zum Mitwirken und Mitdenken einlud. Und es brachten sich auf Einladung von Volkshochschule und Mindener Tageblatt dann auch tatsächlich viele der rund 60 Besucher ein. Einer merkte an, dass es so etwas wie Neutralität ja ohnehin nicht geben könne. Jemand anderes warf später ein, dass es aber schon wichtig sein, einen nüchternen Informationsstand und nicht nur die Weltsicht des Schreibenden geliefert zu bekommen.Dieses Konfliktfeld kennt MT-Lokalleiter Henning Wandel aus seiner täglichen Arbeit gut. Das drücke sich auch dadurch aus, dass Leser versuchen, auf Basis von Texten die politische Präferenz des Autors zu ergründen. „Ich soll quasi schon in jeder Partei gewesen sein“, berichtete Wandel mit einem Augenzwinkern. Tatsächlich sei er natürlich in keiner, denn das würde sich mit dem überparteilichen Anspruch nicht decken. Er wolle und dürfe keine eigene Agenda haben. Das zeigte: Einerseits bemühen sich Journalisten vielleicht nicht immer ausreichend um eine möglichst nüchterne Beschreibung. Andererseits lesen Menschen in Texte aber auch Dinge hinein, die dort gar nicht stehen. Es waren Spannungsfelder wie diese, um die der Abend des Tages der Pressefreiheit kreiste. Letztere bildete das Oberthema. Kalle wies in seinem Vortrag darauf hin, dass es um die Pressefreiheit weltweit aber auch hierzulande nicht zum Besten bestellt sei. Deutschland ist einer aktuellen Aufstellung von „Reporter ohne Grenzen“ von Rang 13 auf 16 der Welt abgerutscht. Als Gründe nennt die Organisation unter anderem 80 dokumentierte Angriffe auf Journalisten während Corona-Demonstrationen – so viele Übergriffe wie nie seit Beginn der Erhebung. „Mit dem Geist ,Die Presse ist der Feind’ kommen wir nicht weiter“, sagte Kalle. Außerdem führte er ins Feld, dass der wirtschaftliche Druck auf Medienunternehmen zunehme und im schlimmsten Fall Lokalredaktionen geschlossen würden.Allerdings sei es nicht nur der Druck von außen, der zunehme, sondern auch ein Problem, dass „wir nicht kritisch genug uns selbst gegenüber sind“. Das gelte etwa für die Zusammensetzung von Redaktionen, in denen häufig aus einem eher linksliberalen Bürgertum stammende Akademiker das Bild dominieren würden. Das produziere dann tendenziell eine einseitige Weltsicht. Mehr Arbeiter- und Kinder von Migranten würden dem Journalismus mehr Vielfalt verschaffen. Aber wie Redaktionen umgestalten? Diese Frage blieb an dem Abend, den VHS-Direktor Marco Düsterwald moderierte, unbeantwortet. Die Zuhörer waren mehr als nur solche – sie brachten sich aktiv ein, indem sie Fragen zur Praxis des Journalismus stellten. Ist eine thematische Gewichtung, dieses Thema zu bringen und jenes nicht, dieses vorne in der Zeitung, jenes hinten, nicht schon eine Form von Zensur? Nein, meinte Wandel, Aufgabe des Journalismus sei ja gerade das prüfen, gewichten und filtern. Was nicht überprüfbar sei, könne nicht veröffentlicht werden – das sei ein Qualitätsmerkmal.Ein anderes Thema war die Frage, ob Journalisten zu stark auf das Schlechte fokussiert seien. Das ist einerseits so, schließlich kommt das abgestürzte Flugzeug in den Nachrichten, die hundert sicher gelandeten aber nicht. Andererseits betonte Wandel, dass im Lokalen gerade nicht das Negative dominiere, sondern auch viele gute Nachrichten zu finden seien. Er betonte allerdings, wie herausfordernd die Arbeit im eigenen Nahbereich sei. „Wenn der Spiegel über ein Thema schreibt, ist er anschließend schnell wieder weg – wir aber berichten über Menschen, die wir schon unser ganzes Leben kennen.“ Das könne private Beziehungen belasten und bedeute eine besondere Verantwortung. Einig war sich die Mehrheit der Anwesenden in einem Punkt: Journalismus ist mehr als das Denken in den Rollen Sender und Empfänger. Es gehe zentral auch um den Austausch und die Diskussion miteinander. So, wie an diesem Abend.
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Mindener Mediengespräche: Ist Gewichtung schon eine Form von Zensur?

Diskutierten gemeinsam und mit dem Publikum im Kleinen Theater am Weingarten: MT-Lokalleiter Henning Wandel (von links), MT-Ombudsmann Matthias Kalle und VHS-Direktor Marco Düsterwald. MT-Foto: Alex Lehn

Minden. Zweifel an der eigenen Arbeit zu haben oder gar auszusprechen, das ist nicht immer eine Stärke des Journalismus gewesen. Nein, der Journalist alter Schule kam oft breitbeinig daher, wie es Matthias Kalle nannte. Der Medien-Ombudsmann des Mindener Tageblatts zitierte zu Beginn des ersten „Mindener Mediengesprächs“ am Dienstagabend im Kleinen Theater am Weingarten den Schriftsteller George Saunders. Der hatte eine Reportage mit dem Satz begonnen „Donald Trump trägt eine rote Mütze oder auch nicht.“ Auf diese Weise zeige der Text, dass sich auch ein Reporter seiner Wahrnehmung nicht immer sicher sein dürfe. Das aber passiere im Journalismus zwar zunehmend, aber noch zu selten, ist Kalle überzeugt. Wirklichkeit abzubilden, die ja ohnehin jeder anders wahrnehme, sei „gar nicht so leicht“. Deshalb sollte es aus Sicht des früheren Zeit-Journalisten dazu gehören, die Grenzen dessen, was Journalismus kann, transparent zu benennen.

Damit war ein handfester Konflikt beschrieben, der die Zuhörer zum Mitwirken und Mitdenken einlud. Und es brachten sich auf Einladung von Volkshochschule und Mindener Tageblatt dann auch tatsächlich viele der rund 60 Besucher ein. Einer merkte an, dass es so etwas wie Neutralität ja ohnehin nicht geben könne. Jemand anderes warf später ein, dass es aber schon wichtig sein, einen nüchternen Informationsstand und nicht nur die Weltsicht des Schreibenden geliefert zu bekommen.

Dieses Konfliktfeld kennt MT-Lokalleiter Henning Wandel aus seiner täglichen Arbeit gut. Das drücke sich auch dadurch aus, dass Leser versuchen, auf Basis von Texten die politische Präferenz des Autors zu ergründen. „Ich soll quasi schon in jeder Partei gewesen sein“, berichtete Wandel mit einem Augenzwinkern. Tatsächlich sei er natürlich in keiner, denn das würde sich mit dem überparteilichen Anspruch nicht decken. Er wolle und dürfe keine eigene Agenda haben. Das zeigte: Einerseits bemühen sich Journalisten vielleicht nicht immer ausreichend um eine möglichst nüchterne Beschreibung. Andererseits lesen Menschen in Texte aber auch Dinge hinein, die dort gar nicht stehen.

Es waren Spannungsfelder wie diese, um die der Abend des Tages der Pressefreiheit kreiste. Letztere bildete das Oberthema. Kalle wies in seinem Vortrag darauf hin, dass es um die Pressefreiheit weltweit aber auch hierzulande nicht zum Besten bestellt sei. Deutschland ist einer aktuellen Aufstellung von „Reporter ohne Grenzen“ von Rang 13 auf 16 der Welt abgerutscht. Als Gründe nennt die Organisation unter anderem 80 dokumentierte Angriffe auf Journalisten während Corona-Demonstrationen – so viele Übergriffe wie nie seit Beginn der Erhebung. „Mit dem Geist ,Die Presse ist der Feind’ kommen wir nicht weiter“, sagte Kalle. Außerdem führte er ins Feld, dass der wirtschaftliche Druck auf Medienunternehmen zunehme und im schlimmsten Fall Lokalredaktionen geschlossen würden.

Allerdings sei es nicht nur der Druck von außen, der zunehme, sondern auch ein Problem, dass „wir nicht kritisch genug uns selbst gegenüber sind“. Das gelte etwa für die Zusammensetzung von Redaktionen, in denen häufig aus einem eher linksliberalen Bürgertum stammende Akademiker das Bild dominieren würden. Das produziere dann tendenziell eine einseitige Weltsicht. Mehr Arbeiter- und Kinder von Migranten würden dem Journalismus mehr Vielfalt verschaffen. Aber wie Redaktionen umgestalten? Diese Frage blieb an dem Abend, den VHS-Direktor Marco Düsterwald moderierte, unbeantwortet.

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Adventskalender

Die Zuhörer waren mehr als nur solche – sie brachten sich aktiv ein, indem sie Fragen zur Praxis des Journalismus stellten. Ist eine thematische Gewichtung, dieses Thema zu bringen und jenes nicht, dieses vorne in der Zeitung, jenes hinten, nicht schon eine Form von Zensur? Nein, meinte Wandel, Aufgabe des Journalismus sei ja gerade das prüfen, gewichten und filtern. Was nicht überprüfbar sei, könne nicht veröffentlicht werden – das sei ein Qualitätsmerkmal.

Ein anderes Thema war die Frage, ob Journalisten zu stark auf das Schlechte fokussiert seien. Das ist einerseits so, schließlich kommt das abgestürzte Flugzeug in den Nachrichten, die hundert sicher gelandeten aber nicht. Andererseits betonte Wandel, dass im Lokalen gerade nicht das Negative dominiere, sondern auch viele gute Nachrichten zu finden seien. Er betonte allerdings, wie herausfordernd die Arbeit im eigenen Nahbereich sei. „Wenn der Spiegel über ein Thema schreibt, ist er anschließend schnell wieder weg – wir aber berichten über Menschen, die wir schon unser ganzes Leben kennen.“ Das könne private Beziehungen belasten und bedeute eine besondere Verantwortung.

Einig war sich die Mehrheit der Anwesenden in einem Punkt: Journalismus ist mehr als das Denken in den Rollen Sender und Empfänger. Es gehe zentral auch um den Austausch und die Diskussion miteinander. So, wie an diesem Abend.

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