Mindener Geheimnisse: Spuren untergegangener Zeiten am Königswall Kerstin Rickert Minden. Es gibt Orte, auf die sich ein zweiter Blick zu werfen lohnt. In Minden am Königswall zwischen Königstraße und Rodenbecker Straße lässt sich am Haus Nr. 20 ein Überbleibsel aus der Vergangenheit entdecken. Was zuerst auffällt, ist das schmiedeeiserne Eingangstor, das Grundstück und Gehweg trennt: ein Prachtwerk. Fast lenkt es davon ab, dass sich etwas Schwarzes im Weg befindet, der vom Tor zum Haus führt: Schienen. Sie beginnen kurz hinter dem Tor und laufen nach wenigen Metern ins Leere. Nichts deutet darauf hin, welchen Sinn sie haben könnten. Vermutlich handelt es sich bei ihnen aber nicht um Eisenbahnschienen und auch nicht um Reste aus der Zeit, als durch Minden noch eine Straßenbahn fuhr. Die Erklärung: Auf dem rückwärtigen Teil des Grundstücks wurde 1900/01 ein Lagerhaus für den Papiergroßhändler Heinrich Ferdinand Lange errichtet. Papier in großer Menge hat ein ordentliches Gewicht, und als Großhändler bekam Lange regelmäßig schwere Papierrollen angeliefert. Nachdem 1902 auf dem vorderen Teil des Grundstücks das große Wohnhaus errichtet worden war, das dort heute noch steht, blieb nur noch ein schmaler Durchgang, den Pferdefuhrwerke nicht passieren konnten. Die Lieferungen mussten nun also von der Straße nach hinten ins Lagerhaus geschafft werden. Sie zu tragen, dürfte selbst für kräftige Arbeiter kaum zu bewältigen gewesen sein. Und so verlegte man Schienen und brachte die Ware auf schmalen Wagen in den Hof. Vielleicht übernahmen auch Pferde die Arbeit. Wie lange der Betrieb existierte, ist nicht bekannt. Aus den Jahren 1913 und 1915 finden sich im Archiv des Mindener Tageblatts, das bis 1919 als Minden-Lübbecker Kreisblatt erschien, Stellenanzeigen der Firma Heinr. Friedr. Lange, Papier-Großhandlung, die „zuverlässige Packer“ und „Arbeiter als Packer“ suchte. 1919 wurde das Lagerhaus erweitert und zu einer Druckerei umgebaut. Dann verliert sich die Spur – genauso wie die der Schienen hinter dem Tor. So geht’s zu den Schienen: Sie sind auf dem Grundstück Königswall 20 verlegt und vom Gehweg aus gut zu erkennen.

Mindener Geheimnisse: Spuren untergegangener Zeiten am Königswall

Minden. Es gibt Orte, auf die sich ein zweiter Blick zu werfen lohnt. In Minden am Königswall zwischen Königstraße und Rodenbecker Straße lässt sich am Haus Nr. 20 ein Überbleibsel aus der Vergangenheit entdecken. Was zuerst auffällt, ist das schmiedeeiserne Eingangstor, das Grundstück und Gehweg trennt: ein Prachtwerk. Fast lenkt es davon ab, dass sich etwas Schwarzes im Weg befindet, der vom Tor zum Haus führt: Schienen. Sie beginnen kurz hinter dem Tor und laufen nach wenigen Metern ins Leere. Nichts deutet darauf hin, welchen Sinn sie haben könnten.

Diese Schienen führen ins Leere – und in die Vergangenheit. Foto: Rickert - © Kerstin Rickert
Diese Schienen führen ins Leere – und in die Vergangenheit. Foto: Rickert - © Kerstin Rickert

Vermutlich handelt es sich bei ihnen aber nicht um Eisenbahnschienen und auch nicht um Reste aus der Zeit, als durch Minden noch eine Straßenbahn fuhr. Die Erklärung: Auf dem rückwärtigen Teil des Grundstücks wurde 1900/01 ein Lagerhaus für den Papiergroßhändler Heinrich Ferdinand Lange errichtet. Papier in großer Menge hat ein ordentliches Gewicht, und als Großhändler bekam Lange regelmäßig schwere Papierrollen angeliefert. Nachdem 1902 auf dem vorderen Teil des Grundstücks das große Wohnhaus errichtet worden war, das dort heute noch steht, blieb nur noch ein schmaler Durchgang, den Pferdefuhrwerke nicht passieren konnten. Die Lieferungen mussten nun also von der Straße nach hinten ins Lagerhaus geschafft werden. Sie zu tragen, dürfte selbst für kräftige Arbeiter kaum zu bewältigen gewesen sein. Und so verlegte man Schienen und brachte die Ware auf schmalen Wagen in den Hof. Vielleicht übernahmen auch Pferde die Arbeit.

Wie lange der Betrieb existierte, ist nicht bekannt. Aus den Jahren 1913 und 1915 finden sich im Archiv des Mindener Tageblatts, das bis 1919 als Minden-Lübbecker Kreisblatt erschien, Stellenanzeigen der Firma Heinr. Friedr. Lange, Papier-Großhandlung, die „zuverlässige Packer“ und „Arbeiter als Packer“ suchte. 1919 wurde das Lagerhaus erweitert und zu einer Druckerei umgebaut. Dann verliert sich die Spur – genauso wie die der Schienen hinter dem Tor.

So geht’s zu den Schienen: Sie sind auf dem Grundstück Königswall 20 verlegt und vom Gehweg aus gut zu erkennen.

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