Mindener Amok-Alarm wirft Fragen auf Stefan Koch Minden (mt). Sie sind nicht größer als Bierdeckel, haben die Aufschrift „Hausalarm" und die Farbe blau. Ähnlich den Feuermeldern hängen die Kästen in allen Mindener Schulen. Nur Lehrer oder andere erwachsene Mitarbeiter der Schule dürfen damit umgehen. Am 20. Mai drückte aber ein Schüler in der Eine-Welt-Schule den schwarzen Knopf und löste dadurch eine Alarmkette aus, an deren Ende mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten schusssichere Westen tragend in sieben Einsatzfahrzeugen zur Innenstadt ausrückten und die Schule umstellten. Sie waren auf einen Amokschützen im Inneren des Gebäudes vorbereitet. Das MT berichtete, dass es sich um einen Amok-Alarm gehandelt hatte. Doch die Mindener Stadtverwaltung teilte nun mit, dass die städtischen Schulen überhaupt keinen Amok-Alarm haben. Wie das? „Schulen müssen Alarmierungsanlagen haben, durch die im Gefahrenfall die vollständige oder teilweise Räumung des Gebäudes eingeleitet werden kann", so die Pressestelle der Mindener Stadtverwaltung auf MT-Anfrage. Dies sehe die Richtlinie über bauaufsichtliche Anforderungen an Schulen vor. Dazu gebe es die als „Hausalarm" gekennzeichnete blaue Auslöseeinrichtung. Das Alarmsignal unterscheidet sich vom Pausenton und ist in jedem Raum der Schule zu hören. Telefone müssen in der Nähe sein, um den Alarm jederzeit an Feuerwehr oder Rettungsdienst zu übermitteln. Allerdings: Im Fall des Polizeieinsatzes an der Eine-Welt-Schule ging es nicht darum, die Schule wegen einer Gefahr zu räumen, sondern Schüler und Lehrer vor einem möglichen Massenmörder zu schützen. Dazu setzte der blaue Kasten eine elektroakustische Anlage mit einer automatischen Sprachansage in Gang. Der eingespeicherten Mitteilung zufolge handelte es sich um eine Amok-Situation. Die Lehrkräfte machten daraufhin die Klassenzimmer dicht und warteten zusammen mit den Kindern auf Hilfe. Gleichzeitig informierte die Schule die Polizei telefonisch über den Alarmgrund, so dass der schwer bewaffnete Einsatz erfolgte. „Die Ausprägung der Alarmierungskette wird durch die Schulleitung festgelegt", teilt die Pressestelle dazu mit. Neben den roten Anlagen für Feuermelder und den blauen für den Hausalarm gibt es in vielen deutschen Schulen gelbe für spezielle Amok-Alarmierungen. Derzeit sei keine Mindener Schule mit einem solchen System ausgestattet, so die Stadtverwaltung. Es lägen auch keine Anfragen vor, dass eine solche beschafft werden soll. Die Anschaffung der gelben Gefahrenmelder kann ins Geld gehen. Im Fall von Potsdam lagen die Beschaffungskosten zwischen 30.000 bis 70.000 Euro pro Schule. Bereits vor neun Jahren hatte Potsdam nach Massakern in den USA Sicherheitseinrichtungen installieren lassen, die darauf abzielen, Lehrer und Schüler im Fall eines Anschlags dazu anzuhalten, sich in ihren Klassenräumen einzuschließen, um bewaffneten Tätern den Zugang zu verwehren. Wie die Stadt Minden mitteilt, sind in den Mindener Schulen die Handlungsempfehlungen des blauen Hausalarms unterschiedlich. Im Fall von Giftgas ist die Flucht aus dem Gebäude vorgesehen – bei Amok-Situationen das Einschließen in den Räumen. Die Anleitungen gibt das Schulministerium von Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit der Unfallkasse heraus. Jede Schulleitung in Minden ist mit den Vorgaben ausgestattet und teilt sie dem Kollegium sowie dem übrigen Personal wie Hausmeister, Sekretariat, Schulsozialmitarbeitern, Sonderpädagogen oder Ganztagsmitarbeitern mit. In jeder Schule gibt es einen Notfallordner von der Bezirksregierung, den das Schulbüro mit lokalen Notfallnummern ergänzt hat – dies ist allerdings nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern aus Sicherheitsgründen ausschließlich für den internen Gebrauch gedacht. Wie die Bildungsbeigeordnete Regina-Dolores Stieler-Hinz erklärt, biete der schulpsychologische Dienst Arbeitsgruppen für Schulleitungen zum Umgang mit Notfallsituationen an. Zudem stehe die Polizei mit dem Kommissariat Vorbeugung den Schulen beratend zur Verfügung. Während zweimal jährlich Brandschutzübungen an Schulen obligatorisch sind, gibt es für Amok-Alarmierungen keine solche Verpflichtung. Nach dem Vorfall an der Eine-Welt-Schule soll es Gespräche zwischen Schulen und der Polizei über eine freiwillige Verpflichtung für solche Fälle geben. Das Kommissariat Vorbeugung hat sich bereits mit der Leitung der Eine-Welt-Schule über einen solchen fachlichen Austausch verständigt. Für den Fehlalarm vom 20. Mai sind keine Kosten entstanden. Was die genauen Ermittlungen zur Ursache dieses Fehlalarms ergeben haben? „Die Ermittlungen wurden von der Polizei nach halbstündiger gründlicher Begehung des Gebäudes sowie emphatischer Rücksprache mit dem verursachenden Schüler, seiner Familie und der Schulleitung eingestellt", teilt dazu die Pressestelle der Stadt mit. Kommentar: Dran bleiben Bisher hat sich weder der Bildungsausschuss noch der Ausschuss für Bürgerdienste, Sicherheit und Feuerschutz für den Amok-Alarm an den Mindener Schulen besonders interessiert. Angesichts der Sicherheitsdiskussion nach einer Serie religiös motivierter Anschläge – der einprägsamste vom Dezember 2016 in Berlin mit zwölf Todesopfern – und einem massiven Barrikadenbau an Weihnachtsmärkten in der Folge, ist da offenbar der Fokus am islamistischen Terror hängen geblieben. Und dass, obwohl noch vor zehn Jahren die Bundesrepublik durch die Schulmassaker in Erfurt und Winnenden mit jeweils größeren Opferzahlen erschüttert wurde und dies weitere Nachahmer im Gefolge hatte. Natürlich haben die bis in den Massenmord erweiterten Suizide psychisch labiler Jugendlicher mit Zugang zu Waffen zu weitreichenden Konsequenzen geführt. Eine davon ist die Ausstattung von Schulen mit entsprechenden Alarmierungssystemen und Handlungsempfehlungen für den Fall, dass ein bewaffneter Täter ein Schulgebäude mit dem Ziel betritt, möglichst viele Menschen in den Tod zu reißen. Auch in Minden war das geschehen. Und gerade diese Umsicht erfordert es, sich weiter mit dem Problem auseinanderzusetzen. Denn immer wieder kommt es vor, dass Schüler versehentlich die Melder anrempeln, die dann die Amok-Ansagen auslösen. Wenn sich dann herausstellt, dass die Technik nicht robust genug ist und ausgetauscht werden muss, kann das teuer werden. Zudem gibt es unterschiedliche Systeme mit roten Alarmmeldern fürs Feuer, blauen für Notfälle aller Art und gelben für den Amoklauf. Dicke Ordner mit Richtlinien stehen dazu im Rektorenzimmern. Bislang ist es aber auch in Minden nicht vorgesehen, das Verhalten im Amok-Fall analog zu einer Brandübung zu proben, um den Beteiligten bessere Chancen zu geben, sich richtig zu verhalten. Wenn der Fehl-Alarm an der Eine-Welt-Schule vom 20. Mai mit seinem massiven Polizeieinsatz in der Folge einen Sinn hatte, dann den, dass sich die Stadt in Zukunft um das Thema verstärkt kümmern will. Auf jeden Fall sollte die Zusammenarbeit zwischen der polizeilichen Prävention und den Schulen zum Umgang mit den Amok-Alarmierungen intensiviert werden.

Mindener Amok-Alarm wirft Fragen auf

In jedem Stockwerk der Eine-Welt-Schule befindet sich der Hausalarm-Kasten. Was alles passieren kann, wenn jemand den Knopf drückt, erlebten die Schüler am 20. Mai. MT- © Foto: Alex Lehn

Minden (mt). Sie sind nicht größer als Bierdeckel, haben die Aufschrift „Hausalarm" und die Farbe blau. Ähnlich den Feuermeldern hängen die Kästen in allen Mindener Schulen. Nur Lehrer oder andere erwachsene Mitarbeiter der Schule dürfen damit umgehen. Am 20. Mai drückte aber ein Schüler in der Eine-Welt-Schule den schwarzen Knopf und löste dadurch eine Alarmkette aus, an deren Ende mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten schusssichere Westen tragend in sieben Einsatzfahrzeugen zur Innenstadt ausrückten und die Schule umstellten. Sie waren auf einen Amokschützen im Inneren des Gebäudes vorbereitet. Das MT berichtete, dass es sich um einen Amok-Alarm gehandelt hatte. Doch die Mindener Stadtverwaltung teilte nun mit, dass die städtischen Schulen überhaupt keinen Amok-Alarm haben. Wie das?

„Schulen müssen Alarmierungsanlagen haben, durch die im Gefahrenfall die vollständige oder teilweise Räumung des Gebäudes eingeleitet werden kann", so die Pressestelle der Mindener Stadtverwaltung auf MT-Anfrage. Dies sehe die Richtlinie über bauaufsichtliche Anforderungen an Schulen vor. Dazu gebe es die als „Hausalarm" gekennzeichnete blaue Auslöseeinrichtung. Das Alarmsignal unterscheidet sich vom Pausenton und ist in jedem Raum der Schule zu hören. Telefone müssen in der Nähe sein, um den Alarm jederzeit an Feuerwehr oder Rettungsdienst zu übermitteln.

Allerdings: Im Fall des Polizeieinsatzes an der Eine-Welt-Schule ging es nicht darum, die Schule wegen einer Gefahr zu räumen, sondern Schüler und Lehrer vor einem möglichen Massenmörder zu schützen. Dazu setzte der blaue Kasten eine elektroakustische Anlage mit einer automatischen Sprachansage in Gang. Der eingespeicherten Mitteilung zufolge handelte es sich um eine Amok-Situation. Die Lehrkräfte machten daraufhin die Klassenzimmer dicht und warteten zusammen mit den Kindern auf Hilfe. Gleichzeitig informierte die Schule die Polizei telefonisch über den Alarmgrund, so dass der schwer bewaffnete Einsatz erfolgte. „Die Ausprägung der Alarmierungskette wird durch die Schulleitung festgelegt", teilt die Pressestelle dazu mit.

Neben den roten Anlagen für Feuermelder und den blauen für den Hausalarm gibt es in vielen deutschen Schulen gelbe für spezielle Amok-Alarmierungen. Derzeit sei keine Mindener Schule mit einem solchen System ausgestattet, so die Stadtverwaltung. Es lägen auch keine Anfragen vor, dass eine solche beschafft werden soll.

Die Anschaffung der gelben Gefahrenmelder kann ins Geld gehen. Im Fall von Potsdam lagen die Beschaffungskosten zwischen 30.000 bis 70.000 Euro pro Schule. Bereits vor neun Jahren hatte Potsdam nach Massakern in den USA Sicherheitseinrichtungen installieren lassen, die darauf abzielen, Lehrer und Schüler im Fall eines Anschlags dazu anzuhalten, sich in ihren Klassenräumen einzuschließen, um bewaffneten Tätern den Zugang zu verwehren.

Wie die Stadt Minden mitteilt, sind in den Mindener Schulen die Handlungsempfehlungen des blauen Hausalarms unterschiedlich. Im Fall von Giftgas ist die Flucht aus dem Gebäude vorgesehen – bei Amok-Situationen das Einschließen in den Räumen. Die Anleitungen gibt das Schulministerium von Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit der Unfallkasse heraus. Jede Schulleitung in Minden ist mit den Vorgaben ausgestattet und teilt sie dem Kollegium sowie dem übrigen Personal wie Hausmeister, Sekretariat, Schulsozialmitarbeitern, Sonderpädagogen oder Ganztagsmitarbeitern mit. In jeder Schule gibt es einen Notfallordner von der Bezirksregierung, den das Schulbüro mit lokalen Notfallnummern ergänzt hat – dies ist allerdings nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern aus Sicherheitsgründen ausschließlich für den internen Gebrauch gedacht.

Wie die Bildungsbeigeordnete Regina-Dolores Stieler-Hinz erklärt, biete der schulpsychologische Dienst Arbeitsgruppen für Schulleitungen zum Umgang mit Notfallsituationen an. Zudem stehe die Polizei mit dem Kommissariat Vorbeugung den Schulen beratend zur Verfügung.

Während zweimal jährlich Brandschutzübungen an Schulen obligatorisch sind, gibt es für Amok-Alarmierungen keine solche Verpflichtung. Nach dem Vorfall an der Eine-Welt-Schule soll es Gespräche zwischen Schulen und der Polizei über eine freiwillige Verpflichtung für solche Fälle geben. Das Kommissariat Vorbeugung hat sich bereits mit der Leitung der Eine-Welt-Schule über einen solchen fachlichen Austausch verständigt. Für den Fehlalarm vom 20. Mai sind keine Kosten entstanden.

Was die genauen Ermittlungen zur Ursache dieses Fehlalarms ergeben haben? „Die Ermittlungen wurden von der Polizei nach halbstündiger gründlicher Begehung des Gebäudes sowie emphatischer Rücksprache mit dem verursachenden Schüler, seiner Familie und der Schulleitung eingestellt", teilt dazu die Pressestelle der Stadt mit.

Kommentar: Dran bleiben


Bisher hat sich weder der Bildungsausschuss noch der Ausschuss für Bürgerdienste, Sicherheit und Feuerschutz für den Amok-Alarm an den Mindener Schulen besonders interessiert. Angesichts der Sicherheitsdiskussion nach einer Serie religiös motivierter Anschläge – der einprägsamste vom Dezember 2016 in Berlin mit zwölf Todesopfern – und einem massiven Barrikadenbau an Weihnachtsmärkten in der Folge, ist da offenbar der Fokus am islamistischen Terror hängen geblieben. Und dass, obwohl noch vor zehn Jahren die Bundesrepublik durch die Schulmassaker in Erfurt und Winnenden mit jeweils größeren Opferzahlen erschüttert wurde und dies weitere Nachahmer im Gefolge hatte.

Natürlich haben die bis in den Massenmord erweiterten Suizide psychisch labiler Jugendlicher mit Zugang zu Waffen zu weitreichenden Konsequenzen geführt. Eine davon ist die Ausstattung von Schulen mit entsprechenden Alarmierungssystemen und Handlungsempfehlungen für den Fall, dass ein bewaffneter Täter ein Schulgebäude mit dem Ziel betritt, möglichst viele Menschen in den Tod zu reißen. Auch in Minden war das geschehen. Und gerade diese Umsicht erfordert es, sich weiter mit dem Problem auseinanderzusetzen.

Denn immer wieder kommt es vor, dass Schüler versehentlich die Melder anrempeln, die dann die Amok-Ansagen auslösen. Wenn sich dann herausstellt, dass die Technik nicht robust genug ist und ausgetauscht werden muss, kann das teuer werden. Zudem gibt es unterschiedliche Systeme mit roten Alarmmeldern fürs Feuer, blauen für Notfälle aller Art und gelben für den Amoklauf. Dicke Ordner mit Richtlinien stehen dazu im Rektorenzimmern. Bislang ist es aber auch in Minden nicht vorgesehen, das Verhalten im Amok-Fall analog zu einer Brandübung zu proben, um den Beteiligten bessere Chancen zu geben, sich richtig zu verhalten.

Wenn der Fehl-Alarm an der Eine-Welt-Schule vom 20. Mai mit seinem massiven Polizeieinsatz in der Folge einen Sinn hatte, dann den, dass sich die Stadt in Zukunft um das Thema verstärkt kümmern will. Auf jeden Fall sollte die Zusammenarbeit zwischen der polizeilichen Prävention und den Schulen zum Umgang mit den Amok-Alarmierungen intensiviert werden.

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