Mangelware Hausarzt: Deswegen sind Ärztehäuser so schwer umzusetzen Monika Jäger Minden. Niedergelassener Mediziner: Das ist eine knapper werdende Ressource –- und eine, die nicht beliebig vermehrbar ist. Auch Arztpraxen werden eher weniger als mehr. Diesen speziellen Markt beobachtet Monika Kramer seit Jahren. Sie ist nicht nur Geschäftsführerin des Gesundheitszentrums Minden-Porta GmbH, also des großen Ärztehauses in direkter Nachbarschaft des Klinikums. Sie bemüht sich auch lange schon um die Hausarztversorgung im nahen Diepenau. Sie haben vor zwölf Jahren das Ärztehaus in Porta Westfalica eröffnet. Würden Sie das wieder tun? In der heutigen Situation? Mit dem heutigen Wissen um Ärztemangel? Eher nicht. Ich hätte Sorge, das Haus voll zu bekommen. Wir haben mit den Planungen 2006 begonnen und gesagt: Wir starten nur, wenn wir mindestens zur Hälfte Verträge haben. Und das hat funktioniert? Ja, was wohl auch mit der Lage zu tun hat. In unmittelbarer Nähe zum Klinikum zu sein ist ein Vorteil. Zudem sind wir über die Autobahn auch von Patienten, die von etwas weiter her kommen, gut zu erreichen. Hier im Haus sind aktuell neben medizinischen Dienstleistern 13 ärztliche Fachrichtungen, und es gibt bei den Praxen kaum Fluktuation. Außerdem taten sich zum damaligen Zeitpunkt viele Ärzte zu Gemeinschaftspraxen zusammen und daraus ergab sich der Bedarf an größeren Praxisräumen, was uns natürlich sehr entgegen kam. Nun heißt es in öffentlichen Diskussionen immer wieder, dass ein neues Ärztehaus oder Gesundheitszentrum entstehen könnte. Auch für die Obermarktpassage ist das beispielsweise im Gespräch. Wie hart ist der Konkurrenzkampf? Abwerbe-Versuche gibt es natürlich immer wieder. Aber die Diskussion verstehe ich nicht. Hier in Minden sind doch schon drei Ärztehäuser: das an der Königstraße, unser Medizinisches Zentrum und das Ärztehaus am Simeonscarré. Alle drei wurden in engmaschiger Abfolge gebaut, sind also alle zirka elf oder zwölf Jahre alt. Sie entsprechen baulich dem neuesten Standard und dem Raumanspruch der meisten Praxisbetreiber. Also hätten die Mediziner keinen Grund umzuziehen? Es kann schon sein, dass mal ein einzelner Arzt umzieht. Allerdings halte ich es für kaum möglich, ein neues Ärztehaus mit mehreren ärztlichen Fachrichtungen zu füllen. Das würde dann nur dazu führen, dass anderswo wieder Praxen leerstehen. Warum ist das so? Weil die Kassenärztliche Vereinigung in einem Bereich nur jeweils eine bestimmte Zahl von niedergelassenen Ärzten einer Fachrichtung zulässt. Umzüge bedürfen der Genehmigung der KV, sind in der Regel innerhalb einer Stadt aber möglich. Doch davon wird die Zahl der Praxen insgesamt nicht mehr. Wer also ein neues Gesundheitszentrum plant, wird die Mediziner dafür anderswo in der Stadt abwerben müssen. Einfach zusätzliche Facharztpraxen einrichten, das geht nicht. Aber es werden doch allerorten Hausärzte gesucht. Ja, weil zum Beispiel auch in Minden viele inzwischen das Rentenalter erreichen. Wer Hausarzt werden will, findet aber genug Gelegenheit, in bestehende Praxen einzusteigen. So jemand wartet nicht auf Immobilienangebote, der ruft direkt bei dem Arzt an, der einen Nachfolger sucht. Und die Zeiten, dass Nachfolger den Patientenstamm abkaufen mussten, sind ja auch weitgehend vorbei. Wie groß ist das Risiko, als junger Hausarzt zu starten? Der Ärztemangel resultiert meiner Meinung nach auch aus den Auflagen, die immer mehr werden. Ein Arzt muss heute betriebswirtschaftlich denken und in der Lage sein, mit den Vorgaben zur Abrechnung und mit den auch knappen Zeitkontingenten umzugehen. Wer sich niederlässt, hat ein langes Studium absolviert, benötigt fünf Jahre Weiterbildung bis zum Facharzt, und eine Selbstständigkeit ist, wie in jedem anderen Beruf auch, natürlich immer mit einem Risiko behaftet. Auch das ist der Grund dafür, dass es mehr Gemeinschaftspraxen gibt. Diese sind doch auch eine Chance für Teilzeitarbeit in Familienphase. Genau. Es gibt ja insgesamt viel mehr junge Frauen in der Medizinerausbildung, Die sind mit 28, 30 fertig und dann beginnt die Familienphase. Zu einer Niederlassung gehört aber nicht nur das finanzielle Risiko, da muss auch viel Zeit investiert werden. Darum steigen diese oft gern in eine Praxis ein oder wählen das Angestelltenverhältnis. Was hilft? Wenn – wie in Hille – die Gemeinde einsteigt? In Diepenau, wo ich zurzeit versuche, einen neuen Hausarzt zu finden, der sich da niederlassen will, sind die Bedingungen wirklich gut – und bisher findet sich trotzdem niemand. Da es sich um ein unterversorgtes Gebiet handelt, wird es ein Startgeld von 50.000 Euro von der Kassenärztlichen Vereinigung geben, die Räume sind fertig und im Besitz der Gemeinde, und im selben Haus sind ein Zahnarzt, ein Stützpunkt der Diakonie, verschiedene medizinische Dienstleister. Die Gemeinde ist sogar bereit, die Räume mietfrei zur Verfügung zu stellen, und dennoch steht die Praxis seit geraumer Zeit leer. Das Problem ergibt sich maßgeblich aus dem sehr ländlichen Bereich, die meisten Ärzte wollen in Großstädte, wie Münster, Köln, Berlin usw. Was tun? Ich glaube, das funktioniert am Ende nur, wenn jemand aus der Region kommt und auch einen Partner findet, der oder die hier leben wollen. Wer im Ländlichen aufgewachsen ist, weiß die Vorzüge zu schätzen. Die Bundesärztekammer-Präsident dachte schon laut über „kreative Lösungen“ nach, etwa die, Studienplätze an Personen zu geben, die aus der jeweiligen Region kommen. Dieser Ansatz funktioniert doch nur bedingt. Was ist, wenn sich die Studentin oder der Student in der Unistadt verliebt und dort bleiben will? Was ist die kurzfristige Lösung? Telemedizin? Eher nicht. Es gibt Dinge, die muss ein Arzt einfach selbst sehen. Und für ältere Menschen ist der Arztbesuch doch auch ein wichtiger Weg, Kontakt zur Welt zu halten. Mangelware Immer weniger Mediziner wollen sich in ländlichen Gebieten niederlassen. Hausärzte finden oft nur schwer Nachfolger. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) nennt als Gründe dafür auch die Budgetierung von Leistungen und zunehmende Bürokratisierung. Laut KBV steigt das Durchschnittsalter der Ärzte: 2008 waren es 51,6 Jahre, 2018 dann schon 54,2 Jahre. Das Nachfolger-Problem wird damit drängender. Insbesondere bei den Hausärzten ist der Anteil der mehr als 60-Jährigen mit 34,7 Prozent besonders hoch. Medizinische Versorgungszentren sollen helfen – hier können mehrere Ärzte unter einem Dach zusammenarbeiten. Gemeinschaftspraxen nehmen insgesamt zu. In Hille hat die Gemeinde auf ein Ärztehaus gesetzt und auf diesem Weg die Hausarztpraxis besetzt. Diepenau versucht das seit Längerem ebenfalls.

Mangelware Hausarzt: Deswegen sind Ärztehäuser so schwer umzusetzen

Viele Hausärzte gehen auf das Rentenalter zu oder haben es bereits erreicht. Die Versorgung von Patienten gestaltet sich deshalb immer schwieriger. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa © Verwendung weltweit

Minden. Niedergelassener Mediziner: Das ist eine knapper werdende Ressource –- und eine, die nicht beliebig vermehrbar ist. Auch Arztpraxen werden eher weniger als mehr. Diesen speziellen Markt beobachtet Monika Kramer seit Jahren. Sie ist nicht nur Geschäftsführerin des Gesundheitszentrums Minden-Porta GmbH, also des großen Ärztehauses in direkter Nachbarschaft des Klinikums. Sie bemüht sich auch lange schon um die Hausarztversorgung im nahen Diepenau.

Sie haben vor zwölf Jahren das Ärztehaus in Porta Westfalica eröffnet. Würden Sie das wieder tun?

In der heutigen Situation? Mit dem heutigen Wissen um Ärztemangel? Eher nicht. Ich hätte Sorge, das Haus voll zu bekommen. Wir haben mit den Planungen 2006 begonnen und gesagt: Wir starten nur, wenn wir mindestens zur Hälfte Verträge haben.

Das Ärztehaus in Diepenau. Die Gemeinde hat zurzeit keinen Hausarzt mehr und wirbt mit viel Unterstützung. - © Foto: pr
Das Ärztehaus in Diepenau. Die Gemeinde hat zurzeit keinen Hausarzt mehr und wirbt mit viel Unterstützung. - © Foto: pr

Und das hat funktioniert?

Ja, was wohl auch mit der Lage zu tun hat. In unmittelbarer Nähe zum Klinikum zu sein ist ein Vorteil. Zudem sind wir über die Autobahn auch von Patienten, die von etwas weiter her kommen, gut zu erreichen. Hier im Haus sind aktuell neben medizinischen Dienstleistern 13 ärztliche Fachrichtungen, und es gibt bei den Praxen kaum Fluktuation. Außerdem taten sich zum damaligen Zeitpunkt viele Ärzte zu Gemeinschaftspraxen zusammen und daraus ergab sich der Bedarf an größeren Praxisräumen, was uns natürlich sehr entgegen kam.

Nun heißt es in öffentlichen Diskussionen immer wieder, dass ein neues Ärztehaus oder Gesundheitszentrum entstehen könnte. Auch für die Obermarktpassage ist das beispielsweise im Gespräch. Wie hart ist der Konkurrenzkampf?

Abwerbe-Versuche gibt es natürlich immer wieder. Aber die Diskussion verstehe ich nicht. Hier in Minden sind doch schon drei Ärztehäuser: das an der Königstraße, unser Medizinisches Zentrum und das Ärztehaus am Simeonscarré. Alle drei wurden in engmaschiger Abfolge gebaut, sind also alle zirka elf oder zwölf Jahre alt. Sie entsprechen baulich dem neuesten Standard und dem Raumanspruch der meisten Praxisbetreiber.

Also hätten die Mediziner keinen Grund umzuziehen?

Es kann schon sein, dass mal ein einzelner Arzt umzieht. Allerdings halte ich es für kaum möglich, ein neues Ärztehaus mit mehreren ärztlichen Fachrichtungen zu füllen. Das würde dann nur dazu führen, dass anderswo wieder Praxen leerstehen.

Warum ist das so?

Weil die Kassenärztliche Vereinigung in einem Bereich nur jeweils eine bestimmte Zahl von niedergelassenen Ärzten einer Fachrichtung zulässt. Umzüge bedürfen der Genehmigung der KV, sind in der Regel innerhalb einer Stadt aber möglich. Doch davon wird die Zahl der Praxen insgesamt nicht mehr. Wer also ein neues Gesundheitszentrum plant, wird die Mediziner dafür anderswo in der Stadt abwerben müssen. Einfach zusätzliche Facharztpraxen einrichten, das geht nicht.

Aber es werden doch allerorten Hausärzte gesucht.

Ja, weil zum Beispiel auch in Minden viele inzwischen das Rentenalter erreichen. Wer Hausarzt werden will, findet aber genug Gelegenheit, in bestehende Praxen einzusteigen. So jemand wartet nicht auf Immobilienangebote, der ruft direkt bei dem Arzt an, der einen Nachfolger sucht. Und die Zeiten, dass Nachfolger den Patientenstamm abkaufen mussten, sind ja auch weitgehend vorbei.

Wie groß ist das Risiko, als junger Hausarzt zu starten?

Der Ärztemangel resultiert meiner Meinung nach auch aus den Auflagen, die immer mehr werden. Ein Arzt muss heute betriebswirtschaftlich denken und in der Lage sein, mit den Vorgaben zur Abrechnung und mit den auch knappen Zeitkontingenten umzugehen. Wer sich niederlässt, hat ein langes Studium absolviert, benötigt fünf Jahre Weiterbildung bis zum Facharzt, und eine Selbstständigkeit ist, wie in jedem anderen Beruf auch, natürlich immer mit einem Risiko behaftet. Auch das ist der Grund dafür, dass es mehr Gemeinschaftspraxen gibt.

Diese sind doch auch eine Chance für Teilzeitarbeit in Familienphase.

Genau. Es gibt ja insgesamt viel mehr junge Frauen in der Medizinerausbildung, Die sind mit 28, 30 fertig und dann beginnt die Familienphase. Zu einer Niederlassung gehört aber nicht nur das finanzielle Risiko, da muss auch viel Zeit investiert werden. Darum steigen diese oft gern in eine Praxis ein oder wählen das Angestelltenverhältnis.

Was hilft? Wenn – wie in Hille – die Gemeinde einsteigt?

In Diepenau, wo ich zurzeit versuche, einen neuen Hausarzt zu finden, der sich da niederlassen will, sind die Bedingungen wirklich gut – und bisher findet sich trotzdem niemand. Da es sich um ein unterversorgtes Gebiet handelt, wird es ein Startgeld von 50.000 Euro von der Kassenärztlichen Vereinigung geben, die Räume sind fertig und im Besitz der Gemeinde, und im selben Haus sind ein Zahnarzt, ein Stützpunkt der Diakonie, verschiedene medizinische Dienstleister. Die Gemeinde ist sogar bereit, die Räume mietfrei zur Verfügung zu stellen, und dennoch steht die Praxis seit geraumer Zeit leer. Das Problem ergibt sich maßgeblich aus dem sehr ländlichen Bereich, die meisten Ärzte wollen in Großstädte, wie Münster, Köln, Berlin usw.

Was tun?

Ich glaube, das funktioniert am Ende nur, wenn jemand aus der Region kommt und auch einen Partner findet, der oder die hier leben wollen. Wer im Ländlichen aufgewachsen ist, weiß die Vorzüge zu schätzen.

Die Bundesärztekammer-Präsident dachte schon laut über „kreative Lösungen“ nach, etwa die, Studienplätze an Personen zu geben, die aus der jeweiligen Region kommen.

Dieser Ansatz funktioniert doch nur bedingt. Was ist, wenn sich die Studentin oder der Student in der Unistadt verliebt und dort bleiben will?

Was ist die kurzfristige Lösung? Telemedizin?

Eher nicht. Es gibt Dinge, die muss ein Arzt einfach selbst sehen. Und für ältere Menschen ist der Arztbesuch doch auch ein wichtiger Weg, Kontakt zur Welt zu halten.

Mangelware

Immer weniger Mediziner wollen sich in ländlichen Gebieten niederlassen. Hausärzte finden oft nur schwer Nachfolger. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) nennt als Gründe dafür auch die Budgetierung von Leistungen und zunehmende Bürokratisierung.

Laut KBV steigt das Durchschnittsalter der Ärzte: 2008 waren es 51,6 Jahre, 2018 dann schon 54,2 Jahre. Das Nachfolger-Problem wird damit drängender.

Insbesondere bei den Hausärzten ist der Anteil der mehr als 60-Jährigen mit 34,7 Prozent besonders hoch.

Medizinische Versorgungszentren sollen helfen – hier können mehrere Ärzte unter einem Dach zusammenarbeiten. Gemeinschaftspraxen nehmen insgesamt zu.

In Hille hat die Gemeinde auf ein Ärztehaus gesetzt und auf diesem Weg die Hausarztpraxis besetzt. Diepenau versucht das seit Längerem ebenfalls.

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