Männernetzwerke und Sexismus: Zu wenig Frauen in der Kommunalpolitik? Monika Jäger Minden. In keinem Stadtrat in NRW stellen Frauen auch nur die Hälfte der Abgeordneten, zeigt eine Analyse von Correctiv Lokal. In Minden und im Kreistag sind jeweils etwa ein Drittel der Stadtverordneten weiblich. Warum fehlen die Frauen in der Kommunalpolitik? Knapp 600 Politikerinnen und Politiker haben sich vor der anstehenden Kommunalwahl bei Correctiv dazu geäußert – und berichten von Sexismus, Klüngelei und Männernetzwerken. Mindener Politikerinnen sahen das im MT-Gespräch, das Teil der Kooperation mit Correctiv ist, jedoch differenzierter und gleichzeitig allgemeiner. Sie sprachen miteinander auch über die Energie, die für gute Arbeit benötigt wird (viel, wenn die Arbeit gut sein soll), über die Zeiten, an denen üblicherweise politische Gremien tagen (für Familienpersonen und Berufstätige oft sehr ungünstig) und wie schwer Familienphasen, Karriere und kontinuierliches politisches ehrenamtliches Arbeiten unter einen Hut zu bringen sind. Das war auch Gegenstand der Befragung von Correctiv gewesen. Dort hatten 41 Prozent der Frauen, die mitgemacht hatten, auf die Frage, was sich ändern müsste, geantwortet: „Bessere Vereinbarkeit von Politik/Beruf/Familie und familienfreundlichere Sitzungszeiten". Die MT-Zoom-Runde soll die lokale Diskussion über das Thema anstoßen. Sie ist nicht politisch paritätisch besetzt, soll kein repräsentativer Querschnitt aller Frauen in der Lokalpolitik sein, und die beiden Kandidatinnen für Spitzenämter (Bürgermeeisterin, Landrätin) waren auch nicht eingeladen. Dafür sind Frauen dabei, die sich mit „Frauenthemen" oder ihrer eigenen Rolle in der Politik befassen. Dabei: Brigitte Kampeter (CDU), Vorsitzende des Ausschusses für Frauen- und Gleichstellungsangelegenheiten, Monika Häseker-Meier (CDU), Fatma Daldal (Wir für Minden), Ulrieke Schulze (SPD), Renate Riechmann-Gäbler (SPD) und Ria Urban (MI). Einige von ihnen sind lange in der Politik, andere relativ neu dabei. Es wird ein spannendes Gespräch mit Ideen für Veränderungen und konstruktiven Vorschlägen. Die Ist-Situation für die Frauen ist schnell zusammengefasst: Die meisten sagen, sie hätten keine unangemessenen Berührungen, Umarmungen oder Anzüglichkeiten erlebt. (Ein schwieriges Thema: Hierzu haben bei Correctiv viele Frauen nur anonym Auskunft gegeben). Alle fühlen sich in ihren Fraktionen und politischen Gemeinschaften unabhängig von ihrem Geschlecht akzeptiert. Ihre Ideen würden aufgegriffen, ihre Wortbeiträge angehört. Es ist Ulrieke Schulze, die hier die anderen zum Innehalten bringt. Manchmal, sagt sie, würden aber Wortbeiträge doch schon mit „hochgezogener Augenbraue" quittiert. Zum Beispiel, als über eine Klinik für Frauen geredet wurde und immer nur von „Patienten" die Rede war. Da hat sie „-innen!" ins Rund gerufen. Und ja, stimmen da auch andere zu: Geschlechtergerechte Sprache, das sei in der Tat ein Thema für hochgezogene Augenbrauen oder Abwiegeln. „Aber nicht nur von Männern", wirft Renate Riechmann-Gäbler ein. Ist Gleichstellung also ein Thema, bei dem man diplomatisch sein muss? Nein, aber einander helfen und unterstützen müsse man: Gerade im Bereich Gleichstellung seien es doch überparteiliche Allianzen von Frauen gewesen, die für Änderungen und ´Verbesserungen gesorgt hätten. Faktisch sind aber auch meist Männer in Ausschüssen wie Bau (1 Frau, 16 Männer), Sicherheit (1 Frau, 16 Männer), Finanzen (2 Frauen, 13 Männer), Städtische Betriebe (1 Frau, 16 Männer). Frauen sind eher in den Bereichen Jugendhilfe, Kultur, Bildung, Soziales. Wie kommt das? Liegt das an männlichen „Postenhockern", wie eine meint? Eher sei es Zurückhaltung, weil sich Frauen in bestimmten Bereichen weniger kompetent fühlen: „Ich möchte mich auskennen in dem, was ich tue", sagt Fatma Daldal. Doch Renate Riechmann-Gäbler widerspricht: „Man kann sich doch überall reinarbeiten." Ja, entgegnet Daldal, „aber habe ich die Zeit und die Kraft dafür? Oder mache ich lieber das, wo ich mich auskenne?" Gemeinsam entwickeln die Gesprächsteilnehmerinnen dann eine Idee: Eigentlich müsste es nach der Wahl erst einmal für alle Newcomer eine Möglichkeit geben, die Ausschüsse kennen zu lernen. Ausschusssitze innerhalb der Wahlperiode zu wechseln, finden nur einige gut. Denn auch da müsste man sich wieder in einem Moment neu orientieren, wo man vielleicht erst gerade inhaltlich Fuß gefasst hat. Überhaupt Newcomer: Politische Weiterbildung, Mentoring, all das sollte durchaus mehr beachtet werden, finden die sechs. Und entwickeln den Gedanken, politische Arbeit als Bildungsweg zu betrachten, mit Fortbildungen, Parteischulen, Feedback, Lehrgängen. Davon würden dann nicht nur die Frauen, sondern im Grunde alle profitieren. Andersherum provozierend gefragt: Kann man Männern überhaupt die weichen Themen anvertrauen? Diese Unterscheidung, finden die Gesprächspartnerinnen dann, sei sowieso falsch. Denn zum Beispiel im vermeintlich „weichen" Bildungsbereich würden große Summen verteilt, und es ginge doch hier gerade um die Zukunft. Warum dann nicht mehr Frauen vorne in der Politik stehen? An der Atmosphäre in ihren Fraktionen liege das nicht, sagen alle. Aber für Frauen sei es schwieriger, Karriere, Familie und politische Arbeit unter einen Hut zu bringen; viele kämen tatsächlich erst nach der Familienphase. Wenn aber doch alles so gut läuft, braucht man dann überhaupt noch den Ausschuss für Frauen- und Gleichstellung (3 Männer, 14 Frauen? „Die Frauenfrage ist überwunden? Das finde ich überhaupt nicht", sagt Ulrieke Schulze deutlich. „Da ist immer noch ordentlich was nachzuholen." Wie ist beispielsweise der Verwaltungsvorstand besetzt? Wo sind Chancen für jüngere Frauen? Kampeter findet, sie könne aber dem Gedanken etwas abgewinnen, aus dem Ausschuss einen übergreifenderen zu machen, etwa als Familienausschuss. Daraus entwickelt sich die Frage: Wo sind Jüngere im Polit-Betrieb? Das sei doch ein generelles Thema beim Ehrenamt, findet Häseler-Meier; Daldal hingegen schildert, wie viele jüngere, die schon immer mal was tun wollten, zur neuen Wählervereinigung gekommen seien und dass es wichtig sei, diese ernst zu nehmen. Welche Ausschüsse wüschen sich die Frauen für den Fall, dass sie Sonntag in den neuen Rat gewählt werden? Zumindest Schulze und Kampeter könnten sich gut vorstellen, im strategisch orientierten Hauptausschuss zu sein. Man(n) wird sehen.

Männernetzwerke und Sexismus: Zu wenig Frauen in der Kommunalpolitik?

Minden. In keinem Stadtrat in NRW stellen Frauen auch nur die Hälfte der Abgeordneten, zeigt eine Analyse von Correctiv Lokal. In Minden und im Kreistag sind jeweils etwa ein Drittel der Stadtverordneten weiblich. Warum fehlen die Frauen in der Kommunalpolitik? Knapp 600 Politikerinnen und Politiker haben sich vor der anstehenden Kommunalwahl bei Correctiv dazu geäußert – und berichten von Sexismus, Klüngelei und Männernetzwerken.

Mindener Politikerinnen sahen das im MT-Gespräch, das Teil der Kooperation mit Correctiv ist, jedoch differenzierter und gleichzeitig allgemeiner. Sie sprachen miteinander auch über die Energie, die für gute Arbeit benötigt wird (viel, wenn die Arbeit gut sein soll), über die Zeiten, an denen üblicherweise politische Gremien tagen (für Familienpersonen und Berufstätige oft sehr ungünstig) und wie schwer Familienphasen, Karriere und kontinuierliches politisches ehrenamtliches Arbeiten unter einen Hut zu bringen sind.

Das war auch Gegenstand der Befragung von Correctiv gewesen. Dort hatten 41 Prozent der Frauen, die mitgemacht hatten, auf die Frage, was sich ändern müsste, geantwortet: „Bessere Vereinbarkeit von Politik/Beruf/Familie und familienfreundlichere Sitzungszeiten".

Die MT-Zoom-Runde soll die lokale Diskussion über das Thema anstoßen. Sie ist nicht politisch paritätisch besetzt, soll kein repräsentativer Querschnitt aller Frauen in der Lokalpolitik sein, und die beiden Kandidatinnen für Spitzenämter (Bürgermeeisterin, Landrätin) waren auch nicht eingeladen. Dafür sind Frauen dabei, die sich mit „Frauenthemen" oder ihrer eigenen Rolle in der Politik befassen. Dabei: Brigitte Kampeter (CDU), Vorsitzende des Ausschusses für Frauen- und Gleichstellungsangelegenheiten, Monika Häseker-Meier (CDU), Fatma Daldal (Wir für Minden), Ulrieke Schulze (SPD), Renate Riechmann-Gäbler (SPD) und Ria Urban (MI). Einige von ihnen sind lange in der Politik, andere relativ neu dabei. Es wird ein spannendes Gespräch mit Ideen für Veränderungen und konstruktiven Vorschlägen.

Die Ist-Situation für die Frauen ist schnell zusammengefasst: Die meisten sagen, sie hätten keine unangemessenen Berührungen, Umarmungen oder Anzüglichkeiten erlebt. (Ein schwieriges Thema: Hierzu haben bei Correctiv viele Frauen nur anonym Auskunft gegeben). Alle fühlen sich in ihren Fraktionen und politischen Gemeinschaften unabhängig von ihrem Geschlecht akzeptiert. Ihre Ideen würden aufgegriffen, ihre Wortbeiträge angehört.

Es ist Ulrieke Schulze, die hier die anderen zum Innehalten bringt. Manchmal, sagt sie, würden aber Wortbeiträge doch schon mit „hochgezogener Augenbraue" quittiert. Zum Beispiel, als über eine Klinik für Frauen geredet wurde und immer nur von „Patienten" die Rede war. Da hat sie „-innen!" ins Rund gerufen. Und ja, stimmen da auch andere zu: Geschlechtergerechte Sprache, das sei in der Tat ein Thema für hochgezogene Augenbrauen oder Abwiegeln. „Aber nicht nur von Männern", wirft Renate Riechmann-Gäbler ein.

Ist Gleichstellung also ein Thema, bei dem man diplomatisch sein muss? Nein, aber einander helfen und unterstützen müsse man: Gerade im Bereich Gleichstellung seien es doch überparteiliche Allianzen von Frauen gewesen, die für Änderungen und ´Verbesserungen gesorgt hätten.

Faktisch sind aber auch meist Männer in Ausschüssen wie Bau (1 Frau, 16 Männer), Sicherheit (1 Frau, 16 Männer), Finanzen (2 Frauen, 13 Männer), Städtische Betriebe (1 Frau, 16 Männer). Frauen sind eher in den Bereichen Jugendhilfe, Kultur, Bildung, Soziales. Wie kommt das? Liegt das an männlichen „Postenhockern", wie eine meint? Eher sei es Zurückhaltung, weil sich Frauen in bestimmten Bereichen weniger kompetent fühlen: „Ich möchte mich auskennen in dem, was ich tue", sagt Fatma Daldal. Doch Renate Riechmann-Gäbler widerspricht: „Man kann sich doch überall reinarbeiten." Ja, entgegnet Daldal, „aber habe ich die Zeit und die Kraft dafür? Oder mache ich lieber das, wo ich mich auskenne?" Gemeinsam entwickeln die Gesprächsteilnehmerinnen dann eine Idee: Eigentlich müsste es nach der Wahl erst einmal für alle Newcomer eine Möglichkeit geben, die Ausschüsse kennen zu lernen. Ausschusssitze innerhalb der Wahlperiode zu wechseln, finden nur einige gut. Denn auch da müsste man sich wieder in einem Moment neu orientieren, wo man vielleicht erst gerade inhaltlich Fuß gefasst hat. Überhaupt Newcomer: Politische Weiterbildung, Mentoring, all das sollte durchaus mehr beachtet werden, finden die sechs. Und entwickeln den Gedanken, politische Arbeit als Bildungsweg zu betrachten, mit Fortbildungen, Parteischulen, Feedback, Lehrgängen. Davon würden dann nicht nur die Frauen, sondern im Grunde alle profitieren.

Andersherum provozierend gefragt: Kann man Männern überhaupt die weichen Themen anvertrauen? Diese Unterscheidung, finden die Gesprächspartnerinnen dann, sei sowieso falsch. Denn zum Beispiel im vermeintlich „weichen" Bildungsbereich würden große Summen verteilt, und es ginge doch hier gerade um die Zukunft. Warum dann nicht mehr Frauen vorne in der Politik stehen? An der Atmosphäre in ihren Fraktionen liege das nicht, sagen alle. Aber für Frauen sei es schwieriger, Karriere, Familie und politische Arbeit unter einen Hut zu bringen; viele kämen tatsächlich erst nach der Familienphase.

Wenn aber doch alles so gut läuft, braucht man dann überhaupt noch den Ausschuss für Frauen- und Gleichstellung (3 Männer, 14 Frauen? „Die Frauenfrage ist überwunden? Das finde ich überhaupt nicht", sagt Ulrieke Schulze deutlich. „Da ist immer noch ordentlich was nachzuholen." Wie ist beispielsweise der Verwaltungsvorstand besetzt? Wo sind Chancen für jüngere Frauen? Kampeter findet, sie könne aber dem Gedanken etwas abgewinnen, aus dem Ausschuss einen übergreifenderen zu machen, etwa als Familienausschuss.

Daraus entwickelt sich die Frage: Wo sind Jüngere im Polit-Betrieb? Das sei doch ein generelles Thema beim Ehrenamt, findet Häseler-Meier; Daldal hingegen schildert, wie viele jüngere, die schon immer mal was tun wollten, zur neuen Wählervereinigung gekommen seien und dass es wichtig sei, diese ernst zu nehmen.

Welche Ausschüsse wüschen sich die Frauen für den Fall, dass sie Sonntag in den neuen Rat gewählt werden? Zumindest Schulze und Kampeter könnten sich gut vorstellen, im strategisch orientierten Hauptausschuss zu sein. Man(n) wird sehen.

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